Traumtänzer

In diesen Tagen, liebe Gemeinde, wünsche ich mir in Israel solch einen Propheten, der seinem Volk deutlich und mit Überzeugungskraft immer wieder diesen einen Satz zuruft: "Ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde!"

In diesen Wochen, liebe Gemeinde, wünsche ich mir aber ebenso in Deutschland solch einen Propheten, der uns eindringlich und mit Nachdruck immer wieder auch diesen anderen Satz einbläut: "Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will."

Aber was wir derzeit täglich zu hören bekommen, das ist an beiden Orten leider und erschreckenderweise etwas ganz anderes: "Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz."

Was ist nur los in Israel? Was geht nur in den Herzen und Köpfen der Menschen, ob Palästinenser oder Israelis, ob Muslime oder Juden, vor? Sie stehen sich gegenüber, die einen mit Steinen und Kalaschnikows bewaffnet, die anderen mit modernster Militärtechnologie ausgerüstet, und schlagen aufeinander ein, als hätte es nie einen Friedensprozess gegeben. Blut wird vergossen, Menschen sterben auf beiden Seiten, sogar Kinder geraten zwischen die Fronten und werden niedergeschossen, als befände man sich in einem grausamen Krieg.

Egal, wie die Entwicklung in den kommenden Wochen aussehen wird – und wir können nur hoffen, dass sich die Lage wieder beruhigt – das, was in den vergangenen Tagen in diesem Land geschehen ist, bedeutet einen weiteren großen Rückschritt für einen Traum, den Israelis und Palästinenser und mit ihnen viele Menschen in dieser Welt eine Zeit lang träumen durften: den Traum von einer friedlichen Koexistenz zweier Völker und Religionen. Izchak Rabin und mit ihm Jassir Arafat scheinen vergeblich gearbeitet und ihre Kräfte verzehrt zu haben. Der eine hat für diesen Traum sogar sein Leben lassen müssen – umsonst und unnütz! Wo ist da das Licht, das aus Israel auch andersgläubigen Menschen scheinen soll? Warum endet das Heil, das ja für die ganze Welt gelten soll, schon in Jerusalem vor der Haustür des Nachbarn?

Und hier in Deutschland – aber nicht nur hier! – brennen wieder die Synagogen und Ausländer werden überfallen. Über Wandschmierereien mit Hakenkreuzen und fremdenfeindlichen Sprüchen regt man sich da kaum noch auf! Die politisch Verantwortlichen diskutieren ein Parteiverbot der NPD, was meines Erachtens mehr ihre peinliche Hilflosigkeit offenbart als einen Beweis für konsequenten Handlungswillen darstellt. Denn es bedeutet doch wohl, dass Ihnen überzeugende Argumente ausgegangen sind und sie in einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel keine großen Hoffnungen mehr setzen.

Es mag ja sein, dass es nur eine Minderheit ist, die gewalttätig wird, Steine wirft und den rechten Arm zum Hitlergruß hebt, ihre Bedeutung herunterspielen zu wollen finde ich allerdings gefährlich. Denn fremdenfeindliches Gedankengut, oder sagen wir mal vorsichtiger: eine gewisse Antipathie gegenüber Ausländern und allem, was nichtdeutsch erscheint – was immer das auch sei -, das ist wohl weit mehr verbreitet, als uns lieb sein darf. Und schließlich scheint unsere Gesellschaft, zu der wir ja alle gehören, ein Klima erzeugt zu haben und ihm zurzeit zumindest nicht genug entgegenzuwirken, in dem solche neonazistischen Übergriffe möglich sind!

Waren denn all die Besuche in den Konzentrationslagern unnütz? Sind Hunderte von Kilometern Filmmaterial, das den Holocaust dokumentiert und das man sich fast täglich im Fernsehen anschauen kann, unnütz? Haben Sozialarbeiter, Friedensgruppen, Eltern und Großeltern, Lehrerinnen und so viele andere Organisation und Menschen, die sich um eine Völkerverständigung bemühen, vergeblich gearbeitet? Haben wir in den Kirchen umsonst gepredigt?

Es wäre verständlich, wenn viele angesichts solcher Ereignisse resignieren würden. Doch wäre es das schlimmste, was passieren könnte, würde diese Resignation Oberhand gewinnen. Denn wo Resignation herrscht, da ist keine Hoffnung mehr, und wo keine Hoffnung ist, regt sich auch kein Widerstand mehr, da fehlt jedes Aufbäumen. Nichts kann fataler, trost- und aussichtsloser sein als das Gefühl von Resignation: sie bedeutet nämlich nichts anderes als Schicksalsergebenheit und das heißt mit anderen Worten: schon im Leben tot zu sein …

Stellen sie sich vor, liebe Gemeinde, die kanaanäische Frau, von der wir eben in der Evangeliumslesung gehört haben, hätte, nachdem sie von Jesus zunächst abgewiesen wurde, resigniert. Ihrer Tochter wäre nicht geholfen worden, ja sie wäre vielleicht sogar an ihrer Krankheit gestorben! Sie aber hat Widerspruch eingelegt, sich durch schroffe Antworten nicht klein kriegen lassen und ist hartnäckig geblieben. Und gerade auch ihr Verhalten, liebe Gemeinde, veranlasst Jesus dann zum Handeln. "Dein Glaube ist groß", sagt er zu ihr. Glaube ist das genaue Gegenteil von Resignation!

Und deshalb will der heutige Predigttext gegen dieses Gefühl immun machen. Auch hier kommt ja ein Mensch zu Wort, der schon resigniert hatte, dem seine ganze Arbeit, sein ganzes Wirken sinnlos und unnütz erschien, der am liebsten alles hingeschmissen hätte. Obwohl er wusste, dass er sich für die gute, die richtige Sache eingesetzt hatte, konnte er sein Ziel nicht erreichen, er schien an seiner Aufgabe gescheitert zu sein. Doch es wird ihm nicht gestattet, sich zurückzuziehen und sich zu verstecken, im Gegenteil! Er erhält einen neuen, einen viel anspruchsvolleren Auftrag: Nicht nur Prophet für Israel soll er sein, sondern auch zum Zeichen des Lichts und des Heils für die ganze Welt werden! Hier herrscht alles andere als Resignation und Niedergeschlagenheit, hier wird jemand aufgefordert aufzustehen, weiterzumachen und eine Vision zu leben, die über das weit hinausgeht, was er bisher zu sagen wagte.

Ein Traum wurde zerschlagen? Nun denn, lasst uns einen größeren träumen! Zwischen Israelis und Palästinensern soll es nicht nur einen Waffenstillstand geben, sondern ein Abkommen, das beiden Völkern mit ihrem jeweiligen Glauben gerecht wird und das Jerusalem, der Stadt in der sich Juden, Christen und Muslime so nah wie nirgendwo sonst sind, endlich den verdienten Frieden und den Menschen ein sicheres Leben beschert.

Und in Deutschland wie woanders auch sollen nicht nur dummes Stammtischgerede aufhören und Aufmärsche rechtsradikaler Gruppierungen ein Ende haben, sondern die NPD wird vor Parteiaustritten nicht mehr zu retten sein und niemand wird wegen seiner Religionszugehörigkeit oder Hautfarbe mehr Angst haben müssen, nachts durch die Straßen Berlins oder Düsseldorfs spazieren zu gehen. Die Menschen werden endlich ein Einsehen haben, dass wir alle Bürgerinnen und Bürger dieser einen von Gott geschenkten Welt sind und alle die gleiche Würde und Daseinsberechtigung besitzen.

Sie meinen, das sei Traumtänzerei? Ja, sie haben recht! Wir sind Traumtänzer, ja das ist sogar unsere vornehmste Aufgabe: für alle Menschen dieser Erde den Traum von einer besseren, einer gerechteren, einer friedvolleren Welt wach zu halten. Das tun wir hier in der Kirche während des Gottesdienstes mit unseren Gebeten. Das sollen wir aber auch da draußen in den Straßen unserer Dörfer und Städte tun, indem wir das leben, was wir hier hören und mit Worten bekennen.

"Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will." Nichts anderes meint unser Predigttext als das, was in den Grundartikeln der Kirchenordnung unserer Landeskirche steht und was wir überall dort, wo Hakenkreuze hingepinselt werden, mit großen Buchstaben hinmalen sollten: "Die Evangelische Kirche im Rheinland bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält."

"Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde." – Und ich ergänze: Und für alle Menschen arbeiten beide dafür und geben diesen Traum nicht auf, dass diese alte Erde der neuen immer ähnlicher wird – auch und gerade in Israel. Denn Gott hat dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist sein Heil bis an die Enden der Erde!

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