Taufgedächtnis

Liebe Gemeinde,

haben Sie schon mal etwas vergessen? Natürlich – das ist eine dumme Frage – ich gehe davon aus, dass jeder von uns hier schon mal etwas vergessen hat. In der Regel ist es nicht so schlimm bei Dingen, denn es zeigt vielleicht an, dass man sie gar nicht mehr braucht. "Ach ja: ich hatte völlig vergessen, dass ich dies oder jenes noch habe." Schlimmer ist es, wenn man etwas vergisst im Sinne von verliert, also z.B. irgendwo liegen lässt und es nicht wieder finden kann. Der Regenschirm ist ein häufiges Beispiel, unangenehmer aber wird es z.B. beim Personalausweis oder der Geldbörse. Am Unangenehmsten aber bleibt es, wenn man nicht etwas sondern jemanden vergisst, z.B. den Hochzeitstag: da vergesse ich ja nicht das Datum, das als solches keinen Wert hat, sondern ich vergesse dem Partner, der Partnerin im gemeinsamen Gedenken an einen für beiden wichtigen Schritt, die Aufmerksamkeit zu schenken, die er eigentlich verdient hätte. Das bügeln dann auch die im Nachhinein besorgten materiellen Geschenke nicht aus. Warum ist das so? Eigentlich müssten u.a. die Christen die beste Antwort darauf geben können! Eben, weil das Wesentliche in unserem Leben durch die Beziehung geschieht. Aus uns selbst heraus oder für uns alleine haben wir keine nennenswerte Bedeutung. Wir werden zu dem, was wir sind, weil wir in Beziehung leben: natürlich unter den Menschen, mit Freunden, Partnern, mit Familie, aber auch durch die Beziehung zu Gott: erst in seinem Gegenüber können wir zum wahren Menschen werden. Die Betonung unserer eigenen Leistung genauso wie z.B. die Ideologie des Satanismus wollen uns vorgaukeln: nur du alleine bist wichtig – du bist das Zentrum der Welt.

Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, haben Sie hier eines der wesentlichen Geheimnisse des Christentums: das Wissen darum, die Gewissheit darüber, dass wir in Beziehungen leben. Alles andere: die Nächstenliebe, die Feindesliebe, den Schwachen zu schützen, für die Natur einzutreten usw. – das alles folgt daraus.
Wenn nun jemand diese Beziehung vergisst, dann schmerzt das nicht nur sehr, sondern es hat meist noch andere Folgen: der- oder diejenige wird sich z.B. in seinem Verhalten ändern, vergisst vielleicht noch mehr als nur diese Beziehung, sondern auch die Grenzen, die den anderen schützen und ihn in der Gemeinschaft bewahren. Auch das sehen wir sehr gut an den extremen Beispielen: aggressive Expansionspolitik bei einem Unternehmen etwa: wohin will es wachsen? Es kann auf Dauer nur wachsen auf Kosten der anderen! Genauso bei der vielfältigen Lehre vom Übermenschen, die so manch ein Heilsbringer auf den religiösen Markt wirft: meist wird der Schlüssel zur sofortigen Erleuchtung so verkauft, dass sie zu allererst lernen, wie sie sich gegen die anderen durchsetzen können.

Warum das alles heute – am sechsten Sonntag nach Trinitatis? Weil es, liebe Gemeinde, heute ein Gedächtnis zu feiern gilt, etwas, was wir selber leider allzu häufig vergessen. Wir feiern heute das Gedächtnis unserer Taufe. Wir hören dazu das Predigtwort aus dem Brief des Paulus an die Römer im sechsten Kapitel, die Verse drei bis elf:

[TEXT]"Wisst ihr nicht …?" – so beginnt Paulus seine Zeilen über die Taufe. "Ja, habt ihrs denn vergessen?", so könnte man auch fragen. Habt ihr denn nicht begriffen, was die Taufe ist, wozu sie dient, warum wir sie feiern? Sie wissen, liebe Gemeinde, in der lutherischen Kirche gibt es nur diese zwei Sakramente: die Taufe und das Abendmahl – in beiden steht zentral das Wort, deswegen hat die Predigt einen so hohen Stellenwert bei uns. Denn – und das ist ja das Entscheidende – die Taufe ist ja kein magischer Akt, genauso wenig wie das Abendmahl übrigens. Wir taufen ja die Kinder und Erwachsenen nicht, wie manch einer sich ein Amulett umhängt, damit er vor dem bösen Blick bewahrt werde. Und die Taufe ist auch kein mechanischer Akt, wie etwa die Umlackierung eines Autos: schwarz kommt er in die Werkstatt, weiß verlässt er sie wieder. Nein: das alles kann und will es nicht sein. Was aber ist dann wichtig? Das gleiche, was ich schon vorher erwähnt hatte: es ist die Beziehung, die in der Taufe gestiftet wird: wir sterben mit Christus und auferstehen mit Christus – so könnte man es in der Kurzfassung ausdrücken. Unser Name wird mit dem Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes verbunden. Die grundlegende Beziehung wird gestiftet oder anders herum: das, was grundlegend diese Beziehung bisher gestört hat, nämlich die Sünde, wird dort fortgewaschen. Was wir in der Taufe von Gott geschenkt bekommen ist keine magische Aura, unser Körper wird nicht aufgeladen mit positiver Energie – mit anderen Worten: halten sie das Kind Eric unter die Taufe, es wird der gleiche Eric auch nach der Taufe sein: er ist weder schöner, noch ruhiger, noch gesünder, noch irgendwie erkennbar besser oder heiliger als vorher. Aber: er hat eine neue Beziehung geschenkt bekommen – etwas, das ihn verbindet und ihn somit zu dem Menschen machen kann, als der er eigentlich gewollt und geplant war. Diese Beziehung ist natürlich die Beziehung zu Gott, diese Beziehung will ihn begleiten sein Leben lang: "ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein – so hat es unsere alttestamentliche Lesung formuliert". Vielleicht ist das eines der schwierigsten Missverständnisse, mit denen die Christen heutzutage zu kämpfen haben: unser Gott ist ein lebendiger Gott, einer der mit-geht, mit-leidet, sich mit-freut – eben kein toter Götze, kein Bild, einmal gemalt, für immer verbannt an der Wand zu hängen. Nein, er verändert sich, er geht mit durch unsere Leben, er spricht in unsere veränderten Situationen, weiß um unsere Höhen und Tiefen, weiß, wie wir uns verändert haben und ist in dieser Veränderung bei uns. Wenn Sie gute Freunde haben, dann lässt es sich vielleicht damit vergleichen: wenn immer Sie diese Freunde anrufen, dann werden diese fähig sein, auf ihre Situation, in der sie gerade stehen im Leben, einzugehen. Wäre es nicht so, könnten Sie auch einen Anrufbeantworter anrufen, auf dem immer derselbe Spruch gespeichert ist – und selbst, wenn der Spruch lauten sollte: "ich habe dich gern, es wird alles gut werden" – niemals wird er ihnen einen lebendigen Freund ersetzen. So ist Gott für denjenigen, der ihm vertraut – das heißt ja: "an ihn glauben". Ein lebendiger Gott, weil er eine Beziehung zu uns hat, die in der Taufe ihren Anfang nimmt. Unsere Lebensgeschichten können verschmelzen mit den Geschichten Gottes, diese können zu unseren Geschichten werden: wir sind im Austausch mit Gott. Wann geschieht dieses? Im Gottesdienst etwa, in dem wir Gottes Wort hören in Predigt und Textlesung und in dem wir ihm antworten in Gebet und Lied. Oder: beim Lesen der Heiligen Schrift, die für uns persönlich geschrieben wurde und uns einlädt, unsere eigene Geschichte in den vielen Geschichten, die dort versammelt sind, zu entdecken.

So, liebe Gemeinde, sind wir verbunden worden mit Gott in der Taufe – uns wurde eine lebendige Beziehung geschenkt. Dort sterben wir mit Christus: alles, was uns von Gott trennen will und das kann ganz viel sein, wie jeder von uns weiß: die Sorgen im Alltag, die uns übermannen wollen und uns einreden wollen, sie seien das einzig Entscheidende in unserem Leben. Die Gier und die Sucht, etwas zu besitzen – sich also definieren zu wollen über etwas, über das man verfügen kann: Geld, Autos, Wissen, Stellung, Ruhm – setzen Sie ein, was Sie am besten nachvollziehen können. Das alles stirbt in der Taufe nicht deswegen, weil Wasser über unseren Kopf geschüttet wurde – das ist das äußerliche Zeichen dazu, weil Wasser so gut wie nichts anderes dies symbolisieren kann: das Leben und den Tod zugleich. Nein, es stirbt, weil an die Stelle dieser genannten Sorgen und Süchte, also an die erste Stelle in unserem Leben nun etwas anderes zu stehen kommt: der Blick auf und die Beziehung mit Christus – im Blick auf ihn kommen die anderen Dinge erst als zweites oder drittes in unserem Leben zu stehen und wir werden frei für das Wesentliche. Mit Christus verbunden sein, heißt aber nicht nur das Sterben all dieser Dinge, sondern es heißt v.a. auch die Auferstehung für uns nach diesem Leben – hinein in ein neues Leben in einer gewandelten Welt: diese ist frei von all dem, was hier bei uns in der Taufe sterben muss: Tod, Gewalt, Hass, Gier, Not, Leid und Schmerzen. Mit dieser Hoffnung leben wir und diese Hoffnung hat in der Geschichte der Christenheit schon vielen Menschen Mut gemacht, ihr anderes Leben, ihr Leben in Christus zu bezeugen und so für andere einzustehen: im KZ, gegen Unrechtsregime, für die Schwachen und Anwaltslosen usw. usf. – sie alle kennen die großen Namen, die als Beispiele herhalten mögen: Albert Schweizer, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King usw.

Es ist die große Verheißung der Taufe, das sie fähig ist, ihr Leben zu verändern, weil Sie in der Beziehung mit Christus verändert werden. Unser Reformator Martin Luther hat dieses Wesentliche erkannt, als er als Empfehlung an die Christen weitergab, doch "täglich den alten Adam zu ersäufen" – mit anderen Worten: doch täglich dieses Taufgedächtnis zu begehen. Vergessen Sie nicht, liebe Gemeinde, diese Beziehung zu pflegen – Sie würden sich selbst der Lebendigkeit ihres Glaubens berauben! Fliehen Sie zurück zum Gedächtnis Ihrer Taufe: machen Sie sich gewiss, dass Christus in Ihnen auferstanden ist, dass der alte Adam ersäuft wurde und halten Sie sich die Hoffnung der Christenheit vor Augen!

Freilich werden wir immer beides bleiben im diesem Leben: der alte Sünder – in unserem Bild von vorhin: der alte Eric, aber wir haben gleichzeitig etwas Neues geschenkt bekommen: die Beziehung zu Gott, zu Christus. Mit seinem Namen verbunden wird unser Name über sich hinauswachsen, völlig unmagisch, völlig unspektakulär, aber umso wirkmächtiger und eindrucksvoller in den Taten: das ist der neue Eric, der er sein kann in seinem Leben. Nutzen Sie Tage wie diese – die Feier des Taufgedächtnis. Aber nutzen Sie auch die Erinnerung an ihre eigene Taufe und die Taufe ihrer Kinder. Geburtstag kann jeder haben, auch jedes Tier hat einen Tag, an dem es geboren wurde. Getauft aber sind die Kinder Gottes.

Und der Friede Gottes, der uns tiefgreifend verwandeln will, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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