Tat des Gehorsams

Liebe Gemeinde,

/ „so hat er an dem, was er litt, Gehorsam gelernt“ /

Das Kind spurt nicht, – tausendmal haben wir gesagt, es darf beim Essen nicht schaukeln, was ist?, es schaukelt wieder – ja da braucht es dann einfach zack! eine Ohrfeige, dann wird’s das schon lernen. Und wenn es wieder schaukelt, dann gibt’s das nächste Mal rechts und links eine und dann wird’s zwei Stunden in sein Zimmer gesperrt. Jaha, es muss schon weh tun, sonst lernt das Kind gar nichts!

/ „so hat er an dem, was er litt, Gehorsam gelernt“ /

Auf der Galeere gibt die Trommel den Takt an: eins und zwei und eins und zwei. Mit bissiger Miene schreiten Peitschenknechte die langen Reihen der Ruderer ab. Wer nicht verbissen das Ruder stemmt und zieht, kriegt eins mit der Peitsche übergezogen. Blutstriemen am Rücken. Na warte, du Taugenichts, du hörst wohl die Trommel nicht. – Ah, schon hat er einen Hieb im Gesicht, duckt sich, beisst sich auf die Lippen, rudert weiter. – Na, geht doch! sagt der Sklaventreiber und holt schon zum Schlag für einen anderen aus.

/ „so hat er an dem, was er litt, Gehorsam gelernt“ /

Liebe Gemeinde, ganz klar: Leid macht gefügig. Ich kann ein Kind, einen Untergebenen, auch einen Partner leiden lassen, damit er tut, was ich will, damit er gehorsam ist.

Wenn ich der Stärkere bin, dann funktioniert das auch. Mein schwaches Gegenüber will ja nicht leiden, also tut es lieber, was ich sage. Warum? Aus Angst. Das Leid, das ich zufüge, schafft Angst und die Angst schafft den Gehorsam.

Weil das so einfach ist und so gut funktioniert, gab es das immer und es wird das immer geben, solange es Menschen gibt. Leid, Angst und Gehorsam bilden ein fatales Dreiergespann; – und deshalb fühlen wir uns nicht nur bei den Worten Leid und Angst unwohl, sondern auch beim Wort Gehorsam. Gehorsam ist, wenn ich etwas nicht von mir aus tue, sondern weil es einer verlangt, gegen den ich mich nicht wehren kann. Gehorsam ist unbeliebt und das ist nur zu verständlich.
Andererseits ist der Gehorsam aus der Erziehung einfach nicht wegzudenken. Seit anderthalb Jahren bin ich Vater, seit einem halben Jahr Lehrer, ich weiss, wovon ich spreche. Und auch wenn ich nicht den Stärkeren markieren will, auch wenn mein Erziehen Liebe und Zuneigung spüren lassen soll, so geht es doch nicht, ohne Leid zuzufügen. In Maßen selbstverständlich, aber Leid ist Leid. Gehorsam scheint einfach ohne Leid nicht möglich zu sein.

Liebe Gemeinde, im Hebräerbrief und überhaupt im NT ist Gehorsam etwas Gutes. Nichts anderes wird ja in unserem Predigtabschnitt heute gesagt als das: Gehorsam schafft Heil. Zuerst der Gehorsam Christi und dann unser Gehorsam, der dem seinen nachfolgt. Gehorsam ist in der Bibel gut, weil er nicht in das Dreiergespann Leid, Angst, Gehorsam eingespannt ist. – Leid und Gehorsam haben auch in der Bibel miteinander zu tun, das sagt unser Predigttext ja überdeutlich, aber die Angst dazwischen, die wird ersetzt.
Also sehen wir zu, wie Christus gehorsam war, oder besser: wie er Gehorsam gelernt hat. Jetzt wäre es vielleicht naheliegend zu denken: Na Gott Vater hat ihn auf die Erde geschickt und gesagt: Also mein lieber Sohn Jesus, pass gut auf, du gehst jetzt da runter, hilfst und rettest die Menschen. Aber ich warne dich: Wenn du das nicht zielstrebig genug machst, werde ich dich leiden lassen.

Liebe Gemeinde, nicht nur an meinem ironischen Unterton merken Sie: So war es nicht, denn was Jesus litt – auch schon vor seiner Kreuzigung – das waren nicht die erzieherischen Strafen seines Vaters, sondern es war die Ablehnung der Menschen, es war die Sünde, es war das Leben, wie wir es auch erleben: Mit denen, die einem mal die engsten waren, mit den Eltern und Geschwistern, kommt es zum Bruch. Man versteht sich nicht mehr, ist gereizt, geht eigene Wege, verliert sich aus den Augen.
Menschen, die man lange kennt, mit denen man aufgewachsen ist, die einfach immer da waren, die sind auf einmal so spiessig, so altbacken, interessieren sich für nichts Neues mehr und bedrohen jeden, der ihre Ordnung stört: Verschwinde oder wir beseitigen dich!

Menschen, denen man etwas erklären will, pochen nur auf das, was sie eh kennen. Menschen, denen man geholfen hat, verschwinden undankbar auf Nimmerwiedersehen.

Sie kennen das alles, da bin ich sicher, liebe Gemeinde, und all das hat Jesus auch erlebt und daran hat er gelitten und daran hat er Gehorsam gelernt. Ja wie jetzt? Gehorchen kommt ja von horchen; er hat gehorcht auf das Leben. Und was hat er gehört? Sünde! Nicht nur – Jesus kannte auch die guten, die schönen Seiten unseres Menschenlebens und hat sie genossen – aber er hat genau gehorcht auf das Leben und viel zu viel Sünde gehört und seine Frage war: Wie kann ich Gott treu bleiben bei all der Sünde um mich herum? – Ich könnte ja dreinschlagen mit dem Knüppel; ich könnte ja Legionen Engel auffahren, um die Bösewichter wegzufegen. – Aber Jesus will genauso der Liebe Gottes gehorsam bleiben. Er will dem Leben gehorchen und Gott gehorchen. Er will dahin gehen, wohin das Leben in ruft, das Leben mit Not und Leid und Hass und Lüge. Und genau da, da will er Gottes Liebe bringen. Das bringt Leiden. Denn die Liebe ist schwach unter uns Menschen.

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Dafür machen wir etwas ganz Unanständiges: Wir lauschen an einem Beichtstuhl. Darin kniet eine Frau, die darunter leidet, dass ihr Ehemann sich ihr nicht wirklich öffnet. Er behält ein Geheimnis, das sie nicht kennt. Das macht sie rasend, rasend im Leid, denn sie will ihn ganz und er gibt sich nicht.

Nun hat sie beschlossen, ihn mit allen Waffen der Frau zu erobern und diesen Plan bespricht sie mit dem Priester. Der ist ein alter, erfahrener Mann von einer abgeklärten, ganz unaufgeregten Frömmigkeit. Gerade sagt er: „Es ist immer eine Sünde, wenn wir mit gieriger Hand nach dem Geheimnis eines anderen Menschen greifen. Warum können Sie nicht bescheidener leben?“ – „Ich leide viel, Hochwürden“, sagt die Frau und ist den Tränen nahe. „Dann leiden Sie eben“, sagt der Priester stumpf und beinahe gleichgültig. „Warum haben Sie vor dem Leiden Angst?“ fragt er kurz darauf. „Das Leid ist eine Flamme, die aus Ihnen die Selbstsucht und die Eitelkeit herausbrennt. – Wer ist schon glücklich? … Mit welchem Recht wollen gerade Sie glücklich sein? Sind Sie denn so sicher, dass Ihre Sehnsucht und Ihre Liebe selbstlos sind, dass Sie das Glück auch verdienen? Ich meine eher: Wenn Sie wirklich selbstlos lieben würden, dann würden Sie jetzt nicht hier knien, sondern Sie wären dort, wohin das Leben Sie gestellt hat; dort würden Sie die Befehle des Lebens abwarten“, sagt er streng und sieht der Frau kurz blitzend in die Augen.

Liebe Gemeinde, was der Priester hier verlangt, ist das, was Jesus tut. Christliche Liebe besteht nicht darin, dass sie mehr Regeln befolgt als andere. Christliche Liebe zeichnet sich dadurch aus, dass sie selbstlos die Stellung hält, wo das Leben ruft; dass sie gehorcht, wo das Leben befiehlt. Denn Gott spricht darin. Das Vertrauen auf ihn gibt der Liebe Kraft. So verzichtet die Liebe auf das eigene Glück und leidet lieber, damit sie gehorsam bleibt. Diese Lebens-Weisheit hat Christus durch seinen Tod zur Lebens-Wahrheit gemacht.

Christus war also gehorsam, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Denn seine Liebe wich dem Leben nicht aus. Sie wich dem Hass seiner Gegner nicht aus und sie wich der Liebe zu den Menschen nicht aus. Beides hat sein Leben ausgemacht und zwischen beidem liess er sich zerreiben, das ist sein Gehorsam. Leicht gefallen, liebe Gemeinde, ist aber selbst dem Gottessohn dieser Gehorsam nicht.

Auch er hat sich anderes vorstellen können, als für die Liebe zu leiden. Ich weiss nicht, ob Sie den faszinierenden Film „Die letzte Versuchung Christi“ kennen? Da wird genau das gezeigt: Christus hängt schon am Kreuz und da stellt er sich vor, wie es gewesen wäre, Familienvater zu sein. Aber dann erkennt er – alles am Kreuz hängend -: Als Familienvater wäre ich genau ungehorsam gewesen. Der Befehl meines Lebens lautete anders: Nämlich: Du sollst den von-vorn-herein-verlorenen Kampf der Liebe aufnehmen und dem Leid nicht ausweichen! – Jesus erkennt das, schickt sich darein und wenige Momente später ist er tot. – Es ist nicht verständlich, warum dieser Film soviel Empörung auslöste: Von unserem Predigttext wird diese Phantasie durchaus gedeckt. Jesus war nicht einfach immer und von vornherein schon gehorsam, sondern er musste Gehorsam lernen. Und zwar mit Bitten und Flehen und lautem Schreien und mit Tränen!

Das alles darf sein, ja es muss vielleicht sogar sein, wenn sich Gehorsam bewährt. Denn wenn das Leben leicht ist, ist auch der Gehorsam leicht. – Aber wenn das Leben Leiden bringt, dann wird der Gehorsam schwer und dann will er gelernt sein – in tränenreichem Ringen! Liebe Gemeinde, das kann Ihnen Mut machen, wenn Sie sich Sorgen um Ihren Glauben machen und denken: Ach mein Leid ist gross, ich muss viel klagen und weinen; zeigt das nicht, wie klein mein Gottvertrauen ist? Müsste ich als gläubiger Mensch nicht gelassener und fröhlicher sein? Dann fassen Sie Mut, denn Sie dürfen klagen und weinen und flehen wie Christus. Gott will Gehorsam, dass der uns leicht fallen soll, hat er nicht gesagt.

Aber noch etwas: Christus jammert nicht einfach vor sich hin, sondern er wendet sich in seiner Lebensnot an Gott, der selbst aus dem Tod erretten kann. Und dazu will er uns auch ermuntern. Bei Gott sind Bitten und Flehen und Schreien und Tränen gut aufgehoben. Bei ihm werden sie erhört, wie sie bei Christus erhört wurden. Und dann können auch wir errettet werden – sogar vom Tod, wie Christus selbst.

Liebe Gemeinde, vielleicht haben Sie es schon herausgehört, herausgespürt: Christus ist nicht nur ein Vorbild im Leiden und im Gehorchen. Ein Vorbild macht etwas vor, sagt dann einfach: Mach’s nach! und lässt einen dann allein. Ich denke da an meine Turnstunden zurück. Der sportlich-dynamische Lehrer schwingt sich elegant über den Bock und ich sollt’s dann nachmachen. Natürlich wusste ich dann, was verlangt war, aber weder hat mir das Vorbild geholfen, das zu können, noch hat es mir Mut gemacht, mich zu trauen. So ist es bei Christus gerade nicht. Deshalb sagt der Hebräerbrief auch nichts von Vorbild, sondern er sagt: Christus ist der Urheber des Heils geworden. D.h. Christus geht zwar wie ein Vorbild voran, aber er hilft dann auch, dass die anderen nachkommen. Also er hat als erster den vollen Gehorsam geleistet und das Heil bei Gott erlangt, aber jetzt ruht er nicht aus, sondern hilft uns, dass wir uns genauso selbstlos dem Leben stellen können wie er. „Für alle, die ihm gehorsam sind, ist er der Urheber des ewigen Heils geworden.“ Dass wir ihm gehorsam sein sollen, heisst nun nicht, dass wir weniger auf das Leben und vielmehr nur auf Christus schauen bräuchten, sondern dass wir gehorsam sind wie er: Das Vertrauen auf Gott lässt uns das Leben aushalten, aushalten in Liebe.

Leid und Gehorsam bleiben leider ein Gespann auch für uns, aber das Dritte, das Bindeglied, das wird neu. Vorher war das die Angst; wir haben uns das Dreiergespann Leid, Angst, Gehorsam zu Anfang klargemacht. Das neue Dreiergespann heisst: Leid, Liebe, Gehorsam. Die Angst ist jetzt überwunden. Deshalb ist der Gehorsam kein erniedrigender Zwangs-Gehorsam mehr, sondern ein freier Liebesgehorsam, ein vorauseilender Gehorsam, ein Gehorsam, der frei voraus eilt und horcht und tut, was das Leben von ihm will.

Es ist der Gehorsam, der Bonhoeffer an den Galgen brachte. Es ist der Gehorsam, der mir Vergebung abverlangt für meinen Partner, der mich so schwer verletzt hat.

Es ist der Gehorsam, der mich dazu bringt, das Leben meines behinderten Kindes lebenswert zu machen.

Dieser vorauseilende Gehorsam eilt in den Fussstapfen Christi zum Ziel der Vollendung; und er hat einen alten, einen vertrauten, auch schon etwas abgenutzten Namen, dieser vorauseilende Liebesgehorsam: Er heisst ganz einfach: Glaube. Der Glaube ist und will nichts anderes. So hat ein grosser Theologe des letzten Jahrhunderts gesagt:

„Der Glaube ist kein Optimismus, keine Gefühligkeit und Stimmung, sondern Tat des Gehorsams.“ (Bultmann)

drucken