Symbolische Auferstehung

Liebe Gemeinde,

ein Journalist oder ein Verlagslektor hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen,
wenn ihm Paulus diesen Text zur Veröffentlichung geschickt hätte. „Wie kann man ein so sensationelles Ereignis wie eine Auferstehung von den Toten so
schlecht verkaufen?“, wäre die Frage gewesen, „ich erinnere euch an das Evangelium, das ich verkündigt habe“, das klingt wie die Zeitung von vorgestern. „Wichtig ist doch nicht, dass
dieser Paulus das alles schon mal erzählt hat, wichtig ist auch weniger der Tod und die Beerdigung als der Umstand, dass dieser Jesus von 500 Leuten gesehen worden ist.“ Ich war
selbst lange bei einer Zeitung angestellt und höre förmlich meinen ehemaligen
Chefredakteur, wie er die Titelseite plant: „500 sehen den Auferstandenen – was ging bei der Kreuzigung schief?“- so stelle ich mir seinen Schlagzeilen-Vorschlag vor. „Haben wir ein Foto von diesem Paulus? Und war der denn bei den 500?“ Was, nicht einmal das? Dumm
gelaufen. Naja, dann müssen wir die Story anders drehen: „Wanderprediger berichtet über Auferstehungswunder. Paulus von Tarsus: „Ich kannte noch Augenzeugen“ – aber bitte nur auf
Seite 7. Zugegeben, auch ich war nicht gerade fasziniert, dass in diesem Jahr zu Ostern der Korintherbreif Predigttext ist und nicht diese eindeutige Schilderung des Ostermorgens, die
wir eben aus dem Markus-Evangelium gehört haben. Von dem Entsetzen, das die Frauen packt, als sie das leere Grab sehen, ist hier nichts mehr zu spüren, ja, bei Paulus sind die Frauen, die als erste den Mut hatten, an das Grab zu gehen, ersatzlos gestrichen. „Er ist
gesehen worden von Kephas und danach von den Zwölfen“, keine Maria, keine Maria Magdalena, nur noch „Brüder, von denen die meisten heute noch leben“. Auch, wenn ich keine Feministin bin, das hat mich etwas geärgert. Denn damals wie heute sind es doch immer wieder die Frauen, die wir am Ostermorgen (und jeder Sonntag ist ein kleines Ostern) in der Nähe des
Auferstandenen finden. Aber gerade für Paulus waren eben Frauen keine glaubwürdigen Zeugen, sie hatten in der Gemeinde zu schweigen – ein Satz, der bis heute dazu führt, dass in manchen evagelischen Freikirchen und der römisch-katholischen Kirche Frauen nicht predigen bzw. Priester sein dürfen,
Stattdessen macht nun dieser Paulus Schlagzeilen, der da von sich behauptet: „Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil
ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Und er beeilt er sich doch, hinzuzufügen ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle. Geheuchelte Bescheidenheit, so klingt es vordergründig. Aber worum geht es Paulus überhaupt? Warum beharrt er hier so nachdrücklich auf diesem „Glaubensbekenntnis“ , dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift, dass er dafür eine ganze Zeugenmasse aufzählen muss? Es geht in der „Story“, die Paulus am Herzen liegt, nicht um die Auferweckung von Toten im Allgemeinen. Es geht um die Auferstehung dieses einen historischen gekreuzigten Menschen Jesus aus Nazareth, um die Erscheinungen dieses auferweckten Menschen und darum, dass dies die frohe Botschaft ist, die Rettung für die Menschen bedeutet, wenn sie sie denn annehmen. Das Frohe dieser Botschaft besteht also nicht in der Auferweckung alleine, sondern darin,
wer auferweckt worden ist. Es war derjenige, der von der Nähe des Reiches Gottes sprach, der zum einen diese heilende Nähe weitergab, der zum anderen von der Versöhnung Gottes mit
den Menschen predigte, und der außerdem zum Beispiel in der Bergpredigt darlegte, welches Verhalten dem Reich Gottes angemessen und welches sich damit nicht verträgt.

Die Glaubwürdigkeit der Rede von der Auferweckung des Jesus aus Nazareth war offenbar damals schon nicht unumstritten. Dieser Jesus stand mit dem, was er selber gesagt und getan
hatte, und mit dem, was über ihn gesagt wurde, zu seiner Zeit in Konkurrenz. Die Botschaft von dem Reich Gottes, das vor allem für die Armen, die Kranken und die gesellschaftlichen Randsiedler die Rettung bedeutete und somit eine frohe Botschaft war, hatte etwas so Unbequemes an sich, dass es für viele, sowohl für die Besatzungsmacht als auch für die Kirchenoberen, vermutlich das Angenehmste gewesen wäre, der Verkünder dieser Botschaft wäre
dort geblieben, wo man ihn nach seiner Kreuzigung hingebracht hatte. Auch heute noch hat sie doch etwas zutiefst Beunruhigend für alle leidenschaftlichen Besitzstandswahrer dieser Welt. Und andererseits muss sie alle diejenigen, die mit Gewalt ein Gottesreich herbeiführen wollen, unbefriedigt lassen, weil sie besagt, dass letztlich derjenige siegt, der gewaltlos den aufrechten Gang geht. Diese Auferstehung ist etwas, woran sich heute noch viele reiben: Ein Religionslehrer sprach neulich davon, er habe ein Buch gelesen, das eine andere Variante der Geschichte vorstellt: Jesus habe „nur“ ein Koma gehabt, sei von Josef von Arimathia und anderen ihm
wohlgesonnenen Verschwörern heimlich in Sicherheit gebracht und gepflegt worden. Ihm persönlich komme diese Deutung wahrscheinlicher vor und falle ihm auch leichter, sie seinen Schülern anzubieten. Die in der Tat hörten interessiert zu. Das sei spannend und das könnten sie schon eher glauben, war ihre Meinung. Unter diesem Aspekt bekommt die Rede des Paulus ganz aktuelle Bedeutung: Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet
in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Wer nicht glauben kann, dass bei Gott Auferstehung möglich ist, der ist umsonst gläubig geworden. Christus ist auferstanden, er ist „wahrhaftig auferstanden“, das können wir gar nicht oft genug rufen. Und mit Paulus: so predigen wir und so habt ihr geglaubt. Oft höre ich Menschen von einer „symbolischen“ Auferstehung sprechen. Ja, die kann es auch geben, die kann es für uns, für jeden von uns geben, mitten am Tag. Dann, wenn uns auf einmal klar wird, was wirklich wichtig ist in diesem Leben: Eben nicht
„Besitzstandswahrung“, nicht die Anpassung an den jeweiligen Trend der Zeit, nicht das krampfhafte Bemühen, mit irgend etwas, was wir geschaffen haben, „unsterblich“ zu werden, sei es im Guiness-Buch der Rekorde, auf dem Siegertreppchen im Sport oder in der
Firmengeschichte des Unternehmens, für das wir uns vielleicht abrackern – oder vielleicht sogar in den Kirchenbüchern als jemand, der sich restlos für einen Kirchenbau aufgeopfert
hat. Wer immer nur krampfhaft versucht, „seine Pflicht zu tun“ oder im Trend zu schwimmen und damit eine innere Leere zu füllen, der ist schon gestorben, mitten im Leben. Und der hat
Auferstehung dringend nötig. Es ist ein sehr befreiendes Erlebnis, Festgefahrenes loszulassen, auch, wenn das zunächst wahrscheinlich mit Schmerz oder Furcht verbunden sein
mag. In dem Wort „Leidenschaft“ steckt auch Leid darin – und „auferstehen“ bedeutet, leidenschaftlicher leben. Leidenschaftlich leben kann aber nur der, der brennt. Der in sich eine Mitte entdeckt hat, die nicht aus ihm selbst kommt: die Christuskraft. Die Dichterin Marie-Luise Kaschnitz hat ein Gedicht geschrieben, das dieses Erfahren der
Christuskraft ganz gut wiedergibt:

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

„Symbolische Auferstehung“ ist nur möglich, weil Jesus Christus wirklich auferstanden
ist. „Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen“, diese Erkenntnis allein ist es, die die Kraft gibt zur Auferstehung. „Jesus lebt – mit ihm auch ich“, heißt es in einem alten Osterlied. Und das ist der Kernpunkt der Evangelien, die frohe Botschaft, mit der jeder einzelne von uns direkt gemeint ist. Seit dem ersten Ostermorgen haben wir die Gewissheit, dass die Liebe stärker
ist als der Tod und dass die Ostersonne in unsere dunkelsten Winkel strahlt und uns die Kraft gibt, gerade zu stehen, ja, zu tanzen und einander gegenseitig aufzurichten und das weiterzugeben, was wir empfangen haben: Die Gewissheit, dass es noch Halt und Zukunft gibt auch über unser Denken hinaus.

drucken