Staunen lernen

Liebe Gemeinde,

gestatten Sie mir eine persönliche Frage: Wann haben Sie das letzte Mal richtig gestaunt? So gestaunt, dass Sie nicht anders konnten, als mit einem lang gezogenen Oooooo zu reagieren. Gestaunt, dass Sie mit weit aufgerissenen Augen dastanden und sprachlos waren. Oooooo. Und aus dem Staunen nicht mehr herauskamen. Die seltenen Situationen, in denen man einfach überwältigt ist, weil das, was man erlebt, so unfassbar ist. Denn das gehört wohl dazu beim Staunen, dass uns etwas Großartiges begegnet. Und es kommt noch etwas dazu: Staunen ist auf eigentümliche Weise immer auch beglückend.

Wir sollten die Fähigkeit zu Staunen besser nicht den Kindern überlassen. Wissen Sie wie das ein Clown im Zirkus macht? Ein Clown staunt dem Publikum etwas vor. Da ist die Seifenblase oh wie bunt. Da ist ein Ton oh wo kommt er her. Der Clown staunt über Kleinigkeiten. Er macht das Staunen vor und sein Publikum, die Zuschauer können nicht anders sie machen es ihm nach, sie staunen auch und das macht sie glücklich. Der Clown schenkt ihnen Momente der Selbstvergessenheit und Hingabe. Und irgendwann platz die Seifenblase und der Clown schluchzt herzzerreißend. Und wenn der Clown schluchzt, dann lachen wir über ihn und sind froh, dass wir so erwachsen sind und doch schon wissen, dass wir über zerplatze Seifenblasen nicht zu weinen brauchen. Aber das Staunen, die seltene Unbefangenheit, die nehmen wir mit nach Hause, der Clown macht sie uns zum Geschenk, unser Herz hat es aufgenommen und ist froh geworden. Auf seine Weise hat der Clown ein Stückchen Glück in die Herzen der Zuschauer gezaubert. Das Glück des Staunens. Und es ist nicht böse oder undankbar, wenn wir über seinen Kummer Lachen. Das ist nötig. Damit wir selbst das Glück bewahren, das Glück, das es bedeutet, wenn wir staunend Oooooh sagen.

Es soll Menschen geben, aber es sind wohl ganz wenige auf der Welt, die mögen keine Clowns mit ihren Oooos und Aaas und ihrem Schluchzen. Mit diesen Menschen ist etwas Schlimmes geschehen: Sie kennen ihr Herz nicht mehr, sie haben ihre Sehnsüchte verstummen lassen und wollen nichts mehr wissen von ihren Träumen, weil Träume auch zerbrechen können und Sehnsüchte mit Schmerzen verbunden sind. Der Clown würde sie daran erinnern und das wollen sie auf keinen Fall. Nur wer Sehnsüchte hat, kann auch staunen und überwältigt sein und nur wer träumen kann, ist in der Lage zu selbstvergessener Hingabe.

„Oh, oooh welch eine Tiefe des Reichtums, beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ Kein Zweifel: hier ist jemand am Staunen. Da hat jemand etwas gefunden worüber man staunen kann. Es kann sein, dass der Grund für dieses Staunen nicht für jeden gleich nachvollziehbar ist. Schließlich ist das häufiger so, wenn einer staunt, dass die Umstehenden oder Herbeigelaufenen fragen: Was gibt es denn? Worüber staunst du denn da? Und die anderen staunen dann entweder mit, lassen sich anstecken, von diesem Staunen oder gehen kopfschüttelnd weiter. Was wiederum den der staunt in keiner Weise berührt oder kümmert. Manches mal ist das auch verteilt zwischen Erwachsenen und Kindern: Guck mal der schöne Käfer, wie der glänzt! Guck mal, so ein schönes Stück Glas ich sehe den Regenbogen!

Manches mal kniet sich der Erwachsene hin zu dem Kind und staunt mit. Aber es gibt auch andere Reaktionen: Pfui das ist doch ein Mistkäfer. Den hast du doch hoffentlich nicht angefasst. Nun komm aber mit. Oder Schneid dich bloß nicht an der Glasscherbe, wirf das weg, das ist doch nur Müll. Das Staunen muss sich also behaupten. Es gibt reichlich Gründe, die gegen das Staunen ins Feld geführt werden können. Das Staunen selbst hat keine Argumente. Das Staunen ist eine Haltung, die ich einnehme oder die ich bleiben lasse.

Paulus staunt. Aber worüber? Können wir mit ihm Staunen oder gehen wir kopfschüttelnd weiter?

Paulus versucht im Kapitel 11 seines Briefes an die Römer eine für ihn selber, der aus dem Judentum kommt und für den die Juden das Volk Gottes sind und bleiben ein Antwort zu finden, wie sich das dann zueinander verhalten kann. Er will wissen, wie Gott es wohl macht, um den Christen – denen die aus den Heidenvölkern kommen, wie es seit langem verheißen ist, – und den Juden dem angestammten Gottesvolk in gleicher Weise gerecht zu werden. Wie Paulus es dreht und wendet, er kommt mit dem Problem nicht zurande. Immer bleibt ein nicht erklärbarer Rest, die Rechnung geht nicht auf. Das ist hart. Es ist bitter, wenn man sich ratlos fühlt. Noch dazu, wenn das Thema für einen selbst wichtig und bedeutsam ist. Wenn man es sozusagen wissen muss. Das mühevoll zusammengesetzte Puzzle passt am Ende nicht, es will sich nicht fügen.

Mir ist einmal eine Frau begegnet. Sie hatte ein waches Herz und Unrecht war ihr ein Gräuel. Sie hatte als junge Frau bewusst die Hitlerzeit erlebt. Das Leid in den Familien, deren Söhne als Kanonenfutter herhalten mussten. Sie hat später das beschämende Ausmaß des Unrechts und der Gewalt an den Juden, den Sinti und Roma, den politisch missliebigen und den Homosexuellen in den KZ begriffen. Fortan hat sie sich mit einer Frage verzehrt: Was wird Gott mit einem Adolf Hitler, einem Heinrich Himmler oder einem Stalin im Himmel anfangen? Kann da Gnade noch greifen, oder ist sie auf das Ausmaß der Schuld bezogen, das allergrößte denkbare Unrecht? Ihr Puzzle ging nicht auf. Sie war drauf und dran über dieser Frage Gott und Glauben zu verlieren. Für Paulus ist es nicht weniger tragisch. Wenn die einen durch den Glauben an Christus zum Heil kommen und die anderen das Heil per Abstammung sozusagen mit der Muttermilch bekommen, dann ist die Welt aus den Fugen, dann stimmt gar nichts mehr.

Manches Mal sagt jemand – entrüstet oder traurig: Ich verstehe Gott nicht. Allerhand. So ein Gott aber auch. Was der sich einbildet. Es gibt die Geschichte, als Einstein in den Himmel kommt. Natürlich ist er ganz begierig und fragt nach der Weltformel und er bittet Gott, dass er die Weltformel sehen darf. Gott nimmt ihn mit und führt in einen abgelegenen Raum. Dort zieht er einen Vorhang beiseite und Einstein sieht auf einer großen Tafel die Weltformel. Und Einstein liest die Weltformel. Je länger er liest, desto unwilliger wird er und dann platzt es aus ihm heraus: Die ist ja voller Fehler! Und Gott antwortet ganz gelassen, wie es nun mal sein Art ist: Ich weiß.

Wir sind nahe bei Paulus, wenn er sagt: „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen“. Und das hat er nicht einmal selber formuliert. Es ist ein Zitat des Profeten Jesaja. Immer wieder begegnen uns Gestalten in der Bibel, die sich ernsthaft um das Verstehen der Zusammenhänge dieser Welt bemühen, und die an den Punkt kommen, an dem sie feststellen: Ich verstehe Gott nicht. Das Nicht-Verstehen wird für sie zur Kehrseite dessen, dass sie Staunen können. Nicht anders als bei den ernsthaften Vertretern der modernen Naturwissenschaft, die an die Grenzen ihrer wissenschaftlichen Möglichkeiten kommen und denen dann nichts anderes bleibt als das Staunen.
Wir hätten es gerne anders: handhabbarer, durchschaubarer, eindeutiger. Möchten auch Gott handhabbar haben, sozusagen Herrgottswinkelgerecht, dass er sich einfügt in unserer Welt, einfügt in unser Bild. Als ob man in den Laden gehen könnte und die Verkäuferin einen fragt: Wie wollen Sie Ihren Herrgott denn haben? Groß oder klein, wie soll er denn aussehen? Und darfs auch etwas mehr sein? Wenn uns das gelingen würde, Gott passgenau und wunschgerecht zu haben, hätten wir ihn auf ewig verloren.

Lernen wir lieber das Staunen. Wir wissen doch, dass man um die zerplatzen Seifenblasen unserer Wünsche nicht weinen muss. Das muss man wohl aushalten, den Schmerz der unerfüllten Sehnsüchte und die Trauer über manchen zerbrochenen Traum. Aber es wäre gerade das Falsche, keine Sehnsüchte mehr zu haben und nicht mehr zu träumen. Wir brauchen das, als Schlüssel, um dahin zu gelangen, wo man Staunen kann in Selbstvergessenheit und Hingabe. Die Alten nannten dieses Staunen Anbetung. Das Staunen ist für mich der passende Platz bezogen auf Gott. Es ist der Platz an dem wir in rechter Weise zu seinen Kindern werden: staunend und hingebungsvoll. Es ist die angemessene Form meiner Beziehung zu Gott. Üben wir uns darin. Dann sind wir vorbereitet für den Tag, an dem uns in seiner Gegenwart Hören und Sehen vergeht.

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