Starker Tobak

Liebe Gemeinde,

in jedem Gottesdienst singen wir. Wir singen, weil es uns Spaß macht. Wir singen, weil es uns gut tut. Singen, das ist etwas, das hält Leib und Seele zusammen. Und im Singen, in der Musik, da können wir auch erleben, wie harmonisch Dinge zueinander passen können. Vor allem, wenn wir professionelle Musiker hören, können wir das erleben. Da sitzt jeder Ton, da passt jede Nuance, da stimmt jeder Einsatz. Aber um diese annähernd perfekte Harmonie in der Musik herstellen zu können, braucht es sehr viel Arbeit. Gute Musik ist ein Genuss, wenn man sie anhört, aber sie ist harte Arbeit, wenn man sie macht. Aber der perfekte Klang, der ist es den Musikern wert. Sie sind bereit, sich ganz genau an bestimmte Regeln zu halten, damit sich dieser Einklang, diese Harmonie einstellt. Es ist beeindruckend, wenn man das erlebt, wie etwa ein Sinfonieorchester mit seinen 60, 70, 80 Musikern extra einen Dirigenten braucht, der dafür sorgt, dass die Streicher nicht zu früh einsetzen und die Bläser allmählich lauter werden, damit alles perfekt zusammen passt. Da hat der Komponist, vielleicht Johann Sebastian Bach vor knapp 300 Jahren, eine bestimmte Vorstellung davon gehabt, wie die einzelnen Stimmen zusammenklingen sollen – und die Musiker lassen durch ihr perfektes Zusammenspiel seine Vorstellung Realität werden. Und wenn es Musiker sind, die wirklich gut sind, dann ist es perfekt. Eine solche Harmonie, so einen Einklang mit anderen, es wäre doch schön, wenn es das nicht nur in der Musik gäbe, sondern auch sonst im Leben. Ein Leben zu führen, das im Einklang mit anderen steht, in Harmonie mit anderen, ein Leben, das Harmonie, Frieden und Gerechtigkeit ausstrahlt. Ein Leben, das gut ist. Aber gibt es denn eine Anleitung zum guten Leben? So wie die Partitur, nach der sich die Musiker richten? Eine Anleitung, durch die ich weiß, wann ich was tun soll, damit mein Leben gelingt, damit ich in Harmonie mit anderen lebe. Ja, es gibt eine solche Anleitung. Wir kennen sie alle. Es sind die Gebote Gottes. Seit Tausenden von Jahren gibt es diese Partitur des guten Lebens, und immer wieder gibt es Menschen, die ihr Leben an dieser Partitur ausrichten. Die Gebote Gottes sagen uns, wie wir ein gutes Leben führen können, ein Leben in Harmonie nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern auch mit Gott. Ein Leben im Einklang mit Gott. Wer ein solches Leben führen will, der muss die Gebote halten. Und es gibt Menschen, die diese Herausforderung annehmen. Der reiche Jüngling, der zu Jesus gekommen ist, war so jemand. Er hat nach den Geboten Gottes gelebt. Ein gutes Leben. Er hat Jesus gefragt: »Was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?« Das ewige Leben, das heißt, ewige Gemeinschaft mit Gott. Wie kann ich zur Gemeinschaft mit Gott gelangen? Was muss ich tun, damit ich Gemeinschaft mit Gott haben kann? Jesus sagt: »Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.« Halte dich an die Partitur, die Gott uns gegeben hat, damit unser Leben im Einklang ist. Die Gebote Gottes, sie sind der Schlüssel, um zur Gemeinschaft mit Gott zu gelangen. Auch Paulus hat das vor seiner Bekehrung so gesehen. Er hat es als Jude ernst gemeint mit Gott. Er hat die Gebote gehalten. Er kannte die Gebote, wie sie der reiche Jüngling kannte. Und er hat sie gehalten, wie sie der reiche Jüngling gehalten hat. Paulus sagt über sein früheres Leben als Jude, genau in dem Vers vor dem heutigen Predigttext: Ich bin nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen. Auf gut deutsch: Mein Leben war perfekt. Um ein solches Leben im Einklang mit Gottes Geboten führen zu können, das ist klar, muss man sich allerdings genauso anstrengen, wie die Musiker sich anstrengen müssen, um im Einklang mit der Partitur zu stehen. Die Gebote Gottes fordern ein diszipliniertes Leben, ein geregeltes Leben, ein Leben, das der Ordnung Gottes entspricht. Das ist anspruchsvoll. Das ist schwierig. Aber wer es schafft, der kann stolz auf sich sein. Denn er hat es geschafft, in Einklang mit Gott zu kommen. Und das ist ein Schatz, auf den man wahrlich stolz sein kann. Und es ist beeindruckend, solche Menschen kennen zu lernen, die sich ganz genau an die Gebote Gottes halten. Die wirklich die Gesetze Gottes für Gesetze halten. Gesetze, die nicht übertreten werden dürfen. Weil sonst die Harmonie, der Einklang mit Gott verloren geht.
Solche Menschen, die so beeindruckend nach den Geboten Gottes leben, gibt es immer wieder, auch unter den Christen. Und immer wieder gibt es unter ihnen Menschen, die zu uns sagen: Wenn ihr im Einklang mit Gott leben wollt, dann haltet die Gebote. Auch Paulus ist in seinen Gemeinden solchen Menschen begegnet. Ja, Paulus selbst hat so gelebt. Vor seiner Bekehrung, vor seiner Bekehrung hat er so gelebt. Ein Leben, das perfekt an den Geboten Gottes ausgerichtet war.

Aber liebe Gemeinde, hören Sie, was Paulus über dieses, sein früheres perfektes Leben schreibt. Ich lese aus Philipper 3 aus den Versen 6 bis 11. Paulus schreibt:

[TEXT]

Starker Tobak, den Paulus da bietet. Paulus ist alles andere als begeistert von jenen Menschen, die in seinen Gemeinden predigen, man müsse die Gebote Gottes halten, wenn man mit Gott in Harmonie leben will. Er hat ein solches Leben selbst geführt, hat sich den Geboten Gottes untergeordnet und nach ihnen gelebt, um im Einklang mit Gott zu stehen, um Gemeinschaft mit Gott zu haben, um mit Gott zu leben. Und jetzt kommen Menschen, die genauso leben wie er früher, und er beschimpft nicht diese anderen Menschen, sondern er sagt über sein eigenes Leben, das er nach den Geboten Gottes gelebt hat: Das war [Mist, kacke]. Was heißt das für uns? Sollen wir nicht nach den Geboten Gottes leben? Wenn ein Leben nach den Geboten, wie Paulus sagt, ein Häufchen Dreck ist, sollen wir dann die Gebote auf die Müllkippe werfen und das Klo runterspülen? So ist Paulus oft verstanden worden. Menschen haben angefangen, wild drauflos zu leben, ohne Maß und ohne Ziel, und haben sich auf Paulus berufen und gesagt: Das macht nichts. Das ist OK. Zwischen mir und Gott ist trotzdem alles klar. Ich muss die Gebote nicht halten, um mit Gott im reinen zu sein. Ich muss die Gebote nicht halten, denn ich bin schon mit Gott im reinen. Dieser letzte Satz ist grundrichtig. Genau deshalb bringt es Paulus so auf die Palme, wenn jemand glaubt, die Gebote halten zu müssen, um mit Gott im reinen zu sein. Dieser Jemand hat nichts verstanden. Der tappt im Dunkeln. Wer die Gebote hält, um dadurch im Einklang mit Gott zu leben, um vor Gott ein gerechtes Leben zu führen, der macht Mist. Der macht Mist, denn wer glaubt, dass das nötig ist, der kennt Gott nicht, und: der kennt Christus nicht. Er ist ein Feind des Kreuzes Christi. Wer Christus kennt, der kann nicht mehr auf den Gedanken kommen, dass er selbst etwas tun muss, um in Einklang mit Gott zu kommen. Wer Christus kennt, der weiß, dass wir durch Christus bereits im Einklang mit Gott sind. Christus, und er allein, nichts und niemand sonst, hat bereits dafür gesorgt, dass wir im Einklang mit Gott sind. Wir leben in Harmonie mit Gott – durch Christus. Wenn wir Christus erkennen und die Kraft seiner Auferstehung, das heißt: wenn wir an Christus glauben, dann leben wir durch diesen Glauben im Einklang mit Gott.
Und genau das ist es, was Paulus sagt: Als ich Christus kennen gelernt habe, da habe ich auf einmal gemerkt, das mein bisheriges Leben ein Haufen Dreck war. Nicht, weil ich so viel gesündigt hätte, so viel gestohlen und gehurt, gelogen und über meine Eltern gelästert habe – nein! Sondern, weil ich nach den Geboten Gottes gelebt und geglaubt habe, das sei der richtige Weg, um zur Gemeinschaft mit Gott zu gelangen. Weil ich geglaubt habe, ich müsste etwas tun, um zur Gemeinschaft mit Gott zu kommen. Dabei hat Gott durch Christus schon längst Gemeinschaft mit mir. Ich bin Gottes geliebtes Kind, egal, was ich tue. Ja, haben dann etwa doch die recht, die glauben, Christen dürften alles tun? Paulus sagt an einer Stelle einmal etwas, das so klingt. Er sagt: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.« »Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.« Das ist das Motto, nach dem wir Christen leben sollen: »Alles ist mir erlaubt,« denn durch Christus sind wir von allem befreit worden, uns ist alles erlaubt. Aber, aber, » es soll mich nichts gefangen nehmen.« Nicht alles tut gut. Und das wissen wir auch genau. Wir wissen, wie leicht wir der häufig ganz unspektakulären Macht der Sünde erliegen und unser Leben von unserem Stolz oder unserem Geiz oder unserer Trägheit mehr und mehr bestimmen und schließlich gefangen nehmen lassen. Und Paulus ist keineswegs der Meinung, man könne das alles tun, so wie man gerade lustig ist. Nein, ganz gewiss nicht. Paulus will aus dem Glauben an Christus leben. Und der Glaube an Christus flieht die Sünde. Er lässt sich von ihr gerade nicht gefangen nehmen, sondern er kämpft gegen sie. Er vernichtet ihre Macht. Aber es gibt auch noch etwas anderes als Sünde, das uns gefangen nehmen kann. Es gibt die Faszination, die von Menschen ausgeht, die ihr Leben konsequent an den Geboten ausrichten. Das Faszinierende an solchen Menschen, die sich genau an die Gebote halten, ist, dass sie sich ganz an eine detailliert vorgegebene Ordnung halten. Das Faszinierende ist die Eindeutigkeit: Wenn man ein Gebot hält, dann ist das gut. Wenn man es nicht hält, dann ist es schlecht. Wenn man alle Gebote hält, dann führt man ein gutes Leben. Diese faszinierende Eindeutigkeit der Gebote ist eine Verführung. Denn Christus lehrt uns, dass wir uns nicht auf die Gebote verlassen dürfen. Wir sollen an Gott glauben und nicht an die Macht seiner Gebote. Es kann sein, dass man ein Gebot übertritt und trotzdem in Gemeinschaft mit Gott bleibt. So wie Christus das Sabbatgebot mehrfach übertreten hat. Es kann aber auch sein, dass jemand wie der reiche Jüngling oder wie Paulus vor seiner Bekehrung alle Gebote hält, und trotzdem kein gutes Leben führt. Aber wie kann das sein, dass die Gebote Gottes nicht hinreichen, um ein gutes Leben zu führen? Es liegt daran, dass ein gutes Leben als Christ ein Leben ist, das ganz auf Gott ausgerichtet ist, wie wir ihn durch Christus erleben. Und da kann es eben sein, dass Christus zu dem reichen Jüngling, der alle Gebote hält, nicht »OK!« sagt, sondern von ihm etwas fordert, das in keinem Gebot Gottes verlangt wird: Er soll seinen Reichtum verkaufen und den Armen geben und Christus nachfolgen. Christus sieht, dass dieser Mensch, obwohl es ihm ernst ist mit Gott, nicht mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Sein Herz ist nicht nur bei Gott, sondern auch bei seinem Reichtum. Er glaubt nicht nur an die Macht Gottes, er glaubt auch ein bisschen an die Macht seines Reichtums. Kurz vor dem Wochenspruch heißt es im Lukasevangelium: »Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.« Christus sieht, dass dieser Mensch sich von seinem Reichtum hat gefangen nehmen lassen und er will ihn davon befreien. Er will ihn ganz frei machen, frei für Gott. Und deshalb sagt er zu ihm: »Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!« Dasselbe sagt auch Paulus: Ihr sollt frei sein, frei für Gott! Und Christus hat euch frei gemacht. Und deshalb sollt ihr euer Herz von nichts gefangen nehmen lassen. Nicht von eurem Reichtum, nicht von eurer Gesundheit, nicht von eurer Familie. Um nichts sollt ihr euch sorgen. Denn woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Und wir haben unser Herz an Christus gehängt. Deshalb sollt ihr euer Herz auch nicht von den Geboten Gottes gefangen nehmen lassen, von der verführerischen Eindeutigkeit eines detailliert geordneten Lebens, in dem man nicht mehr selber denken, sondern nur noch gehorchen muss. Denn euer Herz gehört Christus. Und bei Christus gilt nur eine Ordnung: Die Ordnung der Liebe. Aber was uns die Liebe zu tun vorschreibt, das kann kein Buch der Welt fassen. Das müssen wir immer wieder von neuem selbst durch die Kraft des Heiligen Geistes erkennen. Jeder von uns. Immer wieder. Wie wir vorhin im Psalm gebetet haben:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Eine Möglichkeit, vom bösen auf den ewigen Weg zu gelangen, und damit kehre ich zum Anfang der Predigt zurück, ist die Musik. In ihr können wir etwas von unserer Liebe zu Gott und zu Jesus Christus ausdrücken. Im gemeinsamen Singen können wir etwas von der Harmonie erleben, zu der uns Gott, unser Vater, bestimmt hat und zu der uns Jesus Christus befreit hat. Dieser Gesang muss nicht perfekt sein. Aber das muss er auch nicht. Es ist genug, dass wir uns mit Leib und Seele darüber freuen, dass Christus vollkommen ist.

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