Sonntag der Investitionen

Liebe Gemeinde!

Sonntag der Investitionen – so könnte man etwas salopp diesen 9. Sonntag nach Trinitatis überschreiben. Es ist eigentlich ein Wunder, das das Bankgewerbe diesen Tag noch nicht für sich entdeckt hat; denn das eben gehörte Evangelium von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14-30) spricht doch die Sprache der Banker und Börsianer, bringt die Erkenntnis auf den Punkt:

Wer wenig investiert
macht kaum Profit.
Nur dem, der ranklotzt,
gelingt der große Schnitt.

Erst im Blick auf den Erzähler, auf Jesus, erhellt sich ein anderer tiefer liegender Sinn: Das Reich Gottes – so will das Gleichnis sagen – gewinnt nur der, der bereit ist, das ganze ihm von Gott gegebene Leben einzusetzen. Dabei ist Mut zum Risiko gefragt und kein ängstliches Verharren im Status quo. Dabei wird nicht der Erfolg, vielmehr die Bereitschaft zum Investieren in die Zukunft belohnt. Folgerichtig wird der Kleinglaube, ja der Unglaube bestraft Der Glaube hat eine Verheißung oder in der Sprache der Bankenwelt: der Glaube macht Gewinn.
Also bleibt die Frage. Lohnt es sich in den Glauben an Jesus Christus zu investieren? Einer, der darin investiert hat, ist der Apostel Paulus. In seinem Brief an die Gemeinde Philippi erzählt er von den Investitionen seines Lebens. Doch hören wir ihn selbst zu uns reden:

[TEXT]

Seine erste Investition war eine viel versprechende Karriere. Beste Ausbildung als jüdischer Gelehrter. Schneller Aufstieg in Jerusalem durch seinen persönlichen Einsatz für den reinen Glauben. Jedes Mittel war ihm recht, um die Anhänger des Jesus von Nazareth zu verfolgen, anzuklagen und dann verurteilt zu sehen. Doch inmitten dieses Alltags geschah jenes nicht vorhersehbare Ereignis vor Damaskus: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg.9,4) Jesus Christus selbst machte ihm deutlich, dass er es war, der auf dem falschen Wege war, der in die falsche Richtung investierte. Doch es blieb nicht bei der anklagenden Frage. Vielmehr lernte Paulus, dass der Lebenssinn nicht darin liegt, woher ich komme, was ich mitbringe, was ich vorzeige, welche Leistungen ich nachweise. Das alles erachtet er auf einmal für Schaden, ja für Dreck. Das alles lässt er hinter sich, denn er erkennt, dass der Lebenssinn in der Güte Gottes liegt. Der Liederdichter Philipp Friedrich Hiller hat es in die schönen Worte gefasst.

Mir ist Erbarmung widerfahren,
Erbarmung, deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren,
mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit. (EG 355,1)

Paulus entdeckt: Nicht ich bin der Investor meines Lebens, sondern Gott investiert seine Güte, seine Liebe in mir ohne Bedingung. In seinem Leben bedeutete es. Nicht die Erfüllung des Gesetzes, die Einhaltung seiner Vorschriften, bringt mir Heil und Leben, lässt die Investition meines Lebens erfolgreich sein. Erfolg versprechend ist und bleibt die Erkenntnis, die der Heidelberger Katechismus in der Antwort zu der ersten Frage. Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? gibt: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“ (EG 856)

Aus Gottes Investition, seiner unverdienten Güte, lebt also der Apostel und erfährt auf dem neuen Wege, dass er mit solcher Investition nicht nur Freunde hat. Jetzt hat er Gegner an allen Ecken – und diesen Gegnern versucht er zu begegnen – in neuer Weise: Er erzählt ihnen von der Liebe und Gnade dieses Gottes. Er erzählt ihnen, was Menschen füreinander sein können, die die Botschaft hören und leben: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor,5,19f) Aus dem Glauben an Jesus Christus gewinnt er die Kraft, nicht nachzulassen, immer wieder in die Versöhnung zu investieren, Und er tut es mit der gleichen Leidenschaft wie früher, aber nicht mehr mit der gleichen Wut. Er ist nicht mehr der wutschnaubende Verfolger, sondern der betende Missionar. Es ist – denke ich – bei einer guten Ehe ja auch so. Aus der Liebe und der Gemeinschaft heraus, kann ich vieles ertragen, sogar Nackenschläge, Beleidigungen und Niederlagen. Ich weiß, da ist jemand an meiner Seite, der zu mir hält. Darum werde ich das nicht aufs Spiel setzen, sondern alles, was an mir liegt tun, dieses Miteinander zu erhalten. Genauso kann ich als Christenmensch Vergebung empfangen und aus Dankbarkeit Vergebung gewähren.

Aus dem Glauben an Jesus Christus gewinnt der Apostel die Kraft, sich immer wieder nach dem Ziel der Lebensinvestition auszustrecken. Dieses „Nachjagen“, diese Dynamik, hat Martin Luther treffend so beschrieben:

„Das christliche Leben ist nicht fromm sein,
sondern fromm werden,
nicht gesund sein, sondern gesund werden,
nicht sein, sondern werden, nicht Ruhe, sondern Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist noch nicht getan und geschehen,
es ist aber im Gang und Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Es glüht und glänzt noch nicht alles,
es bessert sich aber alles.“

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