Sollen unsere Lieder verstummen?

Wenn Gott sein Wort in unser Dasein fallen lässt, dann fällt es uns manchmal schwer, ihn zu hören. Wenn er in unser Leben eingreift, und mit starker Hand uns auf einen Weg weist, den wir so nicht gehen wollten, wenn er uns damit sagt: ‚Das und nichts anderes ist heute deine Aufgabe!‘, dann verstehen wir ihn manchmal nur schwer. Fremd erscheint er uns dann und unnahbar heilig. Dann wollen wir es nicht so recht wahr haben, dass er das von uns will. Wenn sein Gebot uns trifft in einem falschen Tun, wir fühlen uns erwischt, ertappt und unangenehm berührt. So geht es mir mit dem heutigen Predigttext. In Amos 5,21-24 lesen wir:

[TEXT]

Das ist schon ein starkes Stück! Die Aussage ist klar, da gibt es nichts zu rütteln. Gott will den Gottesdienst nicht. Er will keine Feiertage, keine Versammlungen, keine Opfer, keine Lieder. Er will das Recht und die Gerechtigkeit lebendig unter seinen Menschen sehen. Schwer zu hören – mitten im Gottesdienst, schwer zu predigen. Wir kommen hier zusammen, als Gemeinde, um ihn anzubeten, um Andacht und Ruhe vor Gott zu finden. Da klingt das hier wie eine harsche Zurückweisung. Ich selbst bin verantwortlich für den Gottesdienst, soll dafür sorgen, dass sein Wort laut wird, dass recht gebetet wird in diesem Raum. Und laut wird hier eine Absage und die Forderung nach dem gerechten Tun. Was soll ich also tun, liebe Gemeinde, soll ich den Text so stehen lassen und schweigen? Soll ich den Gottesdienst abbrechen, sollen unsere Lieder verstummen und unsere Gebete ungesprochen bleiben? Das kann es ja auch nicht sein.

Damals, als der Prophet Amos diese gewaltige Absage dem Gottesdienst in Israel entgegenschleuderte, damals bestand eine große Kluft in dem Gottesvolk Israel. Diese Kluft stand offen zwischen wenigen Reichen, die sich fette Speis- und Dankopfer, schöne Gottesdienste leisten konnten, und vielen Armen, die mehr oder weniger ausgeschlossen waren. Man feierte schöne Gottesdienste am Feiertag, und im Alltag zählte der Glaube nichts mehr, da zählte nur noch das Geld. Ein großes Problem dieser Zeit war die sogenannte Schuldsklaverei. Wenn ein armer Bauer die Schulden nicht zahlen konnte, die er bei einem Reichen hatte, dann konnte der Reiche den Armen und seine Familie zum Sklaven nehmen, bis die Schuld abgearbeitet war. Wie damals in Ägypten, als der Pharao die Hebräer unterdrückte, sie als Sklaven für seine großen Bauten ausbeutete, so benahmen sich nun die Großen in Israel zu ihren eigenen Leuten. Viel Hass und Elend entstand in dem Gottesvolk, und so trat der Prophet Amos auf und sagte: So nicht. Um Gottes willen: Ihr könnt nicht Gottesdienst feiern und das Recht beugen, das passt nicht zusammen. Das können wir vielleicht schon etwas besser verstehen: Ein Feiertag, der ohne Folgen für den Alltag ist, der ist verkehrt. Die Versammlung darf keine exklusive Veranstaltung sein, zum Volk Gottes gehören armer Bauer wie reicher Grundbesitzer gleichermaßen. Das Opfer muß auch im täglichen Miteinander gebracht werden. Den Armen soll etwas vom Reichtum der Großen zugute kommen. Das Danklied eines Gottesdienstes, das soll auch auf dem Feld und bei der Arbeit gesungen werden.

"Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."

Dass wir uns in der Gerechtigkeit üben, dass wir das Recht in unseren Alltag strömen lassen, wie einen Fluß, das ist die Forderung des heutigen Predigttextes an uns.

Ich glaube, dass schon viel für uns erreicht wäre, könnten wir anerkennen, dass die Quelle des Rechtes bei Gott liegt. Dass er in Wahrheit und allein gerecht ist, und dass wir auf sein Recht trauen können. Wie ich am Anfang schon sagte: Wir verstehen oft seine Wege nicht. Es fällt uns manchmal schwer, anzunehmen, dass er gerade diesen Weg für uns vorgesehen hat. Die Durststrecke einer Krankheit, die Wüstenzeit der Einsamkeit die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch äußere Umstände. Würden wir anerkennen können, dass Gott recht hat. Dass seine Gedanken mit uns richtig sind, auch wenn wir diese Gedanken nicht begreifen können, vielleicht fiele es uns leichter, die Durststrecke einer Krankheit durchzustehen, und die Wüstenzeit der Einsamkeit. Vielleicht könnten wir neue Erfahrungen der Freiheit machen, mitten in den vielen Einschränkungen, die uns von außen aufgezwungen werden. Immer wieder erlebe ich, wie hart und unbarmherzig der Alltag in einem Altenheim sein kann, auch wie manche Bewohner miteinander umgehen, das kann auch manchmal hart und unbarmherzig sein. Aber immer wieder erlebe ich auch anderes. Ich denke an eine Frau, die kann nichts in ihrem Kopf behalten. Vieles vergisst sie. Über Früher weiß sie gut bescheid, was lange zurückliegt, daran erinnert sie sich, aber sie weiß nicht mehr, ob sie vor einer halben Stunde Kaffee oder Tee zum Frühstück hatte. Manchen geht das auf die Nerven, wenn man alles fünf mal sagen muss. Da gibt es aber auch Leute, die haben die Geduld, es der Frau fünf mal zu sagen, und wenn es sein muß auch das sechste oder siebte mal. Wenn ich das erlebe, dann freue ich mich. Da strömt Gerechtigkeit, wo der mit dem guten Gedächtnis sich nicht erhebt über den, der Vieles vergisst. Da fließt das Recht wie eine Quelle in der Wüste, wo der, der gehen kann, nicht herabschaut auf den, der im Rollstuhl sitzt, sondern den gemeinsamen Weg schiebt, das habe ich schon oft nach dem Gottesdienst mitbekommen.

Wir haben vorhin die harte Absage gegen den Gottesdienst gehört. Für mich sind solche Erlebnisse schon ein Grund Gottesdienst zu feiern. Gott danke zu sagen und ihm ein Lied zu singen für die Menschen um mich herum.

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