So ist Versöhnung

Liebe Gemeinde,

an jedem Karfreitag werden wir daran erinnert, dass die Wurzeln unseres christlichen Glaubens im Alten Testament gründen. Wir können viel von den jüdischen Festen und aus dem Alten Testamentes für unseren eigenen Glauben lernen. Welches jüdische Fest entspricht am ehesten unserem Karfreitag. Ein Fest, dass die Juden bis heute jedes Jahr feiern, ist Jom Kippur, der große Versöhnungstag. An diesem Tag ruht die Arbeit, das ganze öffentliche Leben und alle Juden fasten. Den Ursprung dieses Festes finden wir im dritten Buch Mose. Dort wird es beschrieben: Am großen Versöhnungstag zieht der Hohepriester weiße Kleider an und reinigt sich durch Opfer von seinen eigenen Sünden. Dann nimmt er zwei Ziegenböcke und wirft über sie das Los. Der Bock, auf den das Los fällt, wird vom Hohepriester für die Schuld des Volkes geopfert. Mit seinem Blut reinigt er das Allerheiligste, das durch die Sünde der Israeliten befleckt worden ist.

Auf den Kopf des anderen Bock legt der Hohepriester seine beiden Hände und spricht über ihm alle Verfehlungen aus, durch die die Israeliten sich schuldig gemacht haben. So legt er alle Sünden des Volkes dem Bock auf den Kopf und lässt das Tier dann in die Wüste jagen. Der Bock trägt alle diese Sünden weg und bringt sie in eine unbewohnte Gegend.
Solange es in Jerusalem einen Tempel gab, haben die Juden das Fest in dieser Weise gefeiert. Als jedoch der Tempel zerstört wurde, konnten sie keine Opfer mehr darbringen. Doch Versöhnung brauchen die Menschen noch immer. So wird der Versöhnungstag weiter gefeiert und wird bis heute begangen; denn die Juden wissen es: wir Menschen brauchen die Versöhnung mit Gott.

Noch heute hören die Juden schon am Vortag in der Mittagszeit auf zu arbeiten. Der frühe Nachmittag ist der Reinigung, dem Anlegen der Festkleidung und dem Herrichten der geflochtenen Kerze gewidmet, die während der 25 Stunden des Fastens brennt. Nach der letzten Mahlzeit am Nachmittag segnet der Vater die Kinder und die Familie begibt sich in die Synagoge. Den folgenden Versöhnungstag verbringt die Gemeinde fastend und betend im Gotteshaus. Gegen Abend markiert das Schlussgebet die letzte Möglichkeit für Einkehr und Reue.

Dieser Tag wiederholt sich jedes Jahr. Die Juden bringen Opfer, sie fasten und beten zu Gott für ihre Schuld. Sie haben etwas Grundlegendes erkannt: "Ich brauche Versöhnung mit Gott".

Da können auch wir uns nicht ausnehmen. Wie die Juden, so brauchen auch wir Christen einen Versöhnungstag. Wir brauchen einen Sündenbock. Und so ist Jesus für uns zum Sündenbock geworden. So wie der Sündenbock mit der Schuld des Volkes in die Wüste hinaus getrieben wurde, so ging Jesus mit unserer Schuld hinaus ans Kreuz. Karfreitag ist der große Versöhnungstag der Christen.

Die Juden wissen, dass der Versöhnungstag Versöhnung mit Gott bringt, aber noch lange keine Versöhnung mit den Menschen. Rabbi Meier richtete beim Gottesdienst zum Beginn von Jom Kippur in der Synagoge folgende Worte an die Gemeinde: „Ihr wartet darauf, dass ich den Gottesdienst beginne, aber ich muss euch mitteilen, dass selbst wenn ihr bis morgen wartet, ich es nicht tun werde. Wir wissen, dass der Große Versöhnungstag Vergebung für die Sünden vor Gott bringt aber nicht für Sünden gegenüber meinem Nächsten, wenn ich mich nicht mit ihm versöhnt habe. Deswegen fordere ich euch auf, einander zu vergeben.“

Sofort schrien die Gottesdienstbesucher auf, dass sie einander vergeben würden. Rabbi Meier war aber nicht zufrieden.

„Bin ich richtig verstanden worden? Nun vergebt ihr einander, aber nach dem Versöhnungstag, besteht jeder, dem ein anderer etwas schuldig ist, die Schuld einzulösen, auch wenn ihn der Schuldiger um Vergebung bittet.“ Nach einer längeren Diskussion, sagte ein Teilnehmer: „Rabbi, wir werden deine Worte beachten.“ Der Rabbi legte dieses Versprechen vor Gott und begann mit dem Gottesdienst.

Hier wird deutlich, dass wir zur Versöhnung zwei Schritte gehen müssen, den Weg zu Gott und den Weg zu meinem oder meiner Nächsten. Darauf hat Jesus nachdrücklich hingewiesen, im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ oder in der Bergpredigt: „Wenn du während des Gottesdienstes ein Opfer bringen willst und dir fällt plötzlich ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass dein Opfer liegen, gehe zu deinem Bruder und versöhne dich mit ihm. Erst danach bringe Gott dein Opfer.“ (Die Bibel. Evangelium nach Matthäus Kapitel 5 Verse 23 + 24).

Wenn es in unserem Leben wirklich Versöhnungstag, wirklich Karfreitag werden soll, müssen wir beide Schritte gehen: die Versöhnung mit Gott und die Versöhnung mit unseren Mitmenschen.
Am Karfreitag dagegen geht in Jesus Gott selbst für die Schuld der Menschen ans Kreuz. Gott selber sorgt dafür, dass die Menschen mit ihm ins Reine kommen können. Er ist es, der hier handelt. Gott hat die Versöhnung am Karfreitag vor 2000 Jahren ein für alle mal fest gemacht: "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." Gott selbst hat das Verhältnis zwischen sich und dir grundlegend gewandelt. Gott hat das Wort der Versöhnung aufgerichtet indem vor 2000 Jahren auf einem Felsen vor den Toren Jerusalems, der in der Sprache des Landes Golgatha, d.h. Schädelstätte heißt, sich an Kreuz nageln ließ. Indem das Kreuz aufgerichtet wird, wird das Wort von der Versöhnung aufgerichtet. Und indem Jesus hinausgeht ans Kreuz, will er alle deine Sünden, alle deine Schuld dort mit hinaus nehmen. Wie brutal das war hat der Film von Mel Gibson „Die Passion“ eindrücklich dargestellt. Gott hat den ersten Schritt für deine Versöhnung gemacht. Der zweite Schritt liegt bei dir: Du musst die Versöhnung annehmen.

Der Hohepriester hat am großen Versöhnungstag seine Hände auf den Kopf des Bockes gelegt und ihn so mit der Schuld des Volkes beladen. Nur so konnte der Bock die Schuld weit weg, in die Wüste tragen.

Und so musst du deine Schuld zu Jesus bringen und auf ihn legen. Denn nur so kann Jesus die Schuld nehmen, und sie aus deinem Leben wegtragen.

Damit du Jesus die Schuld aus deinem Leben geben und er sie wegnehmen kann, musst du dir zuerst einmal klar werden, dass du die Versöhnung brauchst.

Hast du überhaupt Versöhnung nötig? Manche wissen es, dass sie vor Gott Vergebung brauchen. Andere fragen sich, brauche ich überhaupt die Vergebung? Eigentlich lebe ich doch ganz gut.

Und doch ist dieser erste Schritt noch der leichtere. Ich erinnere noch einmal an den Satz im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Der erste Schritt ist, Gott unseren Vater zu bitten: „vergib mir meine Schuld“. Der zweite Schritt ist: „vergib dem- oder derjenigen, die an dir schuldig geworden ist.“ Da steht nichts dabei, ob die Person ihre Schuld einsieht, hier steht nur: „vergib ihr“. Da steht nicht, ob sie zum ersten oder hundertsten Mal an dir schuldig geworden ist, hier steht nur: „vergib ihr.“ Hier steht nichts, dass du ihr um den Hals fallen sollst, hier steht nur: „vergib ihr.“

Vergebung ist ein willentlicher Akt, bei dem die Gefühle manchmal meilenweit hinterher hinken. Wenn es dir schwer fällt, bitte Gott um Kraft dafür. Denn Vergebung und Versöhnung hat für dich drei handfeste Vorteile:

1) Wer anderen die Schuld nachträgt, trägt selber schwer daran. Sein Leben wird von einer bitteren Wurzel gespeist und der Hass zernagt mich. Die Last des Nachtragens von Schuld fällt von dir. Versöhnung macht dein Leben leichter, reißt die bittere Wurzel heraus und besiegt den Hass.
2) Schuld steht wie eine Wand zwischen dir und der anderen Person. Versöhnung heilt die Beziehung wieder.
3) Gott gewährt dir Vergebung für deine Schuld.

Immer wieder stelle ich in Gesprächen fest, dass Versöhnung unter Christen noch viel schwerer sein kann, wie wenn wir Menschen vergeben sollen, denen Jesus nicht wichtig ist. An Christen legen wir besonders hohe moralische Maßstäbe und wenn wir von ihnen enttäuscht werden, dann fällt es uns umso schwerer. Diese Erfahrung kann unseren eigenen christlichen Glauben in Frage stellen und uns in Krisen stürzen. Wenn dies geschieht, setzen wir Christen mit Christus gleich. Jesus kann auch die Verletzungen, die andere Christen beigebracht haben. Dein Bruder und deine Schwester in Christus haben mit dir eines gemeinsam: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Wir alle leben von der Versöhnung. Jesus vergibt uns die Schuld. Jesus macht es möglich, dass wir mit Gott Frieden schließen, dass wir neu anfangen können. Aber Gott zwingt uns nicht dazu, er fordert nicht. Sondern das ist eine Bitte. Gott bittet uns zu unserem eigenen Vorteil. Und so kann auch ich mit Paulus zusammen dich nur bitten: "Lass dich versöhnen mit Gott!" und deinem Mitmenschen.

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