Siegeskranz und Lebenskrone

Mit Worten sollte man vorsichtig umgehen, liebe Gemeinde. Gerade dann, wenn es um Beziehungen von Menschen zu Menschen geht. Wir haben ja schließlich in den vergangenen Wochen beobachten müssen, wozu es führen kann, wenn die notwendige Sensibilität dafür fehlt, wann man was in welchem Zusammenhang sagen sollte.

Da geistert zum einen der Begriff der "deutschen Leitkultur" durch unser Land. Vielleicht hat der Generalsekretär der CDU, Friedrich Merz, der diesen Ausdruck öffentlichkeitswirksam in die Einwanderungsdebatte einbrachte, ja tatsächlich nicht geahnt, welche Reaktionen er damit auslösen würde. Doch hätte er schon kurze Zeit später merken müssen, dass dieser Begriff zumindest missverständlich interpretiert werden kann und bei nicht wenigen ungute Erinnerungen weckt. Gerade in einer Zeit, in der es Menschen wieder wagen, Synagogen anzuzünden und Ausländer durch Straßen zu jagen. Und aus diesem Grund sollte man den Mut haben, Konsequenzen zu ziehen. Egal wie man "deutsche Leitkultur" verstanden wissen will: dieser Begriff sollte so schnell wie möglich wieder aus unserem Sprachgebrauch verschwinden.

Es gibt da noch eine zweite Diskussion um Worte und ihre Bedeutung. Vor wenigen Wochen hat der Chef der römischen Glaubenskongregation, Josef Kardinal Ratzinger, ein Papier mit dem Titel "Dominus Iesus" – übersetzt: "Herr Jesus" – herausgegeben und damit nicht nur uns Evangelischen kräftig auf die Füße getreten. Darin heißt es, ich zitiere: "Es gibt eine einzige Kirche Christi, die in der katholischen Kirche subsistiert [d.b. sich verwirklicht, AR] und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. […] Die kirchlichen Gemeinschaften hingegen, die den endgültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn". Will heißen: In den Augen Roms können wir Evangelischen gar keine Kirche bilden: 1. weil wir das Papstamt nicht anerkennen und 2. weil die Pfarrerinnen und Pfarrer keine gültige priesterliche Weihe empfangen haben und wir damit das Abendmahl nicht richtig feiern können. Auch das sind Worte, die verletzen, zumindest diejenigen, die sich als Christinnen und Christen – egal welcher Konfession sie angehören – um eine ehrliche ökumenische Gemeinschaft bemühen. Und da fragt man sich schon: Musste das denn sein …?

Sie merken, liebe Gemeinde, und haben es bestimmt schon selbst erlebt: Worte mutieren nicht selten zu scharfen und oft zweischneidigen Schwertern, die Angst machen können und verletzen und sogar zu töten vermögen – dann, wenn sie zu einer Unzeit ausgesprochen und entsprechend gedeutet werden. Besonders gefährlich werden sie aber, wenn sie sich verselbstständigen, ihr unmittelbarer Bezug nicht mehr hergestellt werden kann, weil sich die Situation geändert hat. Und da bin ich bei unserem Predigttext für heute.

Denn wir haben es an diesem Morgen mit einem Text zu tun, der gerade in unserem Land, gerade in unserer Zeit und gerade an diesem Volkstrauertag sehr sensibel gelesen und gehört werden muss. Im Grunde genommen, sollte man ihn in andere, unmissverständlichere Worte, die unseren Lebenserfahrungen entsprechen, übersetzen. Aber hören sie selbst …

[TEXT]

Würde Johannes, dem die Visionen der Offenbarung zugeschrieben werden, heute und in diesem Land leben, so müsste er sicher andere Worte wählen, um uns seine Botschaft mitzuteilen. Denn das jüdische Volk ist schon einmal in die Nähe des Teufels gerückt worden und hat dadurch unendlich viel Leid erdulden müssen.

Und auch der Satz: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." ist missbraucht worden und musste für Volk und Vaterland herhalten. "Heil dir im Siegerkranz …", so begann die Kaiserhymne, die von 1871 bis 1918 Hymne des Deutschen Reichs war:
Heilige Flamme, glüh‘,
glüh‘ und erlösche nie
für’s Vaterland!
Wir alle stehen dann mutig für einen Mann,
kämpfen und bluten gern
für Thron und Reich!

Von da bis zum Treueid bis in den Tod gegenüber dem Führer des Dritten Reiches war es dann nicht mehr weit. Und mit wie viel Blut ist dieser Schwur bezahlt worden …

Der Visionär von Patmos hat das alles noch nicht ahnen können. Umso mehr liegt es in unserer Verantwortung, eine deutliche und angemessene Sprache zu finden – an manchen Stellen auch in der Bibel. Ich glaube, Johannes wäre damit einverstanden. Denn was er mit seinen Worten vermitteln wollte, steht im krassen Widerspruch zu sturen Durchhalteparolen. "Tröstet, tröstet mein Volk …" – diese Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja sind das eigentliche Leitmotiv der Offenbarung. Und dieser Trost gilt – gerade am Volkstrauertag – allen, die unter Verfolgung und Krieg gelitten haben und auch heute noch darunter leiden.

"Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut", so schreibt Johannes auf. Wer die Not eines anderen kennt, der hat nicht weggeschaut, ganz im Gegenteil: er hat sehr genau hingesehen. Etwas, was viele Menschen in Deutschland – so hat es jedenfalls den Anschein – erst wieder lernen müssen. Ich habe dabei nicht nur das Wegschauen vor Augen, wenn Ausländer auf der Straße verprügelt werden. Ich meine damit nicht nur das Weghören, wenn am Stammtisch wieder ein Witz über Inder erzählt wird. Mit geht dabei nicht nur Pfarrer Bokumabi durch den Kopf, der uns vor kurzer Zeit ein wenig über sein eigenes und das Schicksal seines Landes erzählt hat – dem Kongo, von dem wir so gut wie nichts wissen. Ich meine auch das Wegschauen, Weghören und Nichtwissenwollen, wenn es um das Leid und die Not um uns herum, in unserer Nachbarschaft geht. Es gibt viele Menschen, denen es nicht gut geht – und denen man deswegen am liebsten aus dem Weg geht. Sie haben sie bestimmt auch schon gespürt, diese Angst vor dem Leid anderer, das uns daran erinnert, dass es nicht nur fröhliche Tage in unserem Leben gibt, das uns hilflos dastehen und keine Worte finden lässt.

Und doch ist es so unendlich wichtig, vor dieser Angst nicht zu kapitulieren. Denn wo kann es Trost geben, wenn es kein Mitleid gibt? Und wer kann Mitleid empfinden, wenn er nicht bereit ist, sich das Leid des anderen mitteilen zu lassen? Und wie soll man sich mitteilen, wenn niemand da ist, der zuhört oder hinschaut?

Es gibt jemanden – so schreibt Johannes -, der unsere Not kennt und darin mit jedem Einzelnen unter uns mitleidet. Und der uns anbietet, auch noch den letzten und tiefsten Schmerz, den wir alle zu ertragen haben, nämlich das Sterben, ihm mitzuteilen und so mit ihm zu teilen. Sich ihm bis zuletzt anvertrauen können, genau das heißt für mich, ihm bis zum Tode treu zu bleiben.

Johannes verspricht demjenigen, der soweit gehen kann, eine wunderbare Erfahrung: letztendlich geht es selbst im Tod um das Leben. Wer versucht, der Wahrheit dieser Erfahrung schon im Leben nachzuspüren, der wird nicht mehr hilflos und nicht mehr sprachlos vor den Leidensgeschichten der Menschheit dastehen; der wird den Mut finden, sich ihnen zu stellen. So, wie wir es nicht nur am Volkstrauertag tun sollten: indem wir an die Gräber der Soldaten gehen und uns daran erinnern lassen, dass sie ihr Leben in einem sinnlosen Krieg vergeudet haben, der anderen Ländern und unserem eigenen Volk so viel Leid brachte; indem wir auf die Traurigen zugehen und uns von ihrer Einsamkeit erzählen lassen; indem wir den Verfolgten begegnen und ihnen den Raum gewähren, der ein würdevolles Leben möglich macht.

Im Übrigen glaube ich, dass wir damit auch zu einer behutsameren Sprache zurückfinden würden, nicht nur in Kirche und Politik, sondern gerade auch im alltäglichen Miteinander; mit Worten, die nicht ausschließen und verletzen, sondern mitnehmen und heilen wollen.

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