Sich bewegen lassen …

Ich kenne das Gefühl, dass es mich vor lauter Zielen, die ich habe fast zerreißt. Hin- und her gerissen von lauter Ideen, wie alles noch ein wenig besser und schöner werden könnte. Und manchmal merke ich, dass das alles nur Vorstellungen von Machbarkeit von Erfolg und Organisation sind – aber Wille Gottes? Getrieben von seinem Geist?

Paulus erlebt Ähnliches: er zieht mit seinen Mitarbeitern durch das Gebiet Kleinasiens (Türkei), predigt mal hier mal dort, aber dann heißt es auch: ?Der Heilige Geist erlaubte ihnen nicht hier das Evangelium zu verkünden.‘ Eine gewisse Hilflosigkeit wird ihn erst einmal befallen. Die Frage nach dem Sinn stellt sich. Vielleicht auch der Versuch sich zu wehren, trotzdem so weiter zu machen, als sei alles im Lot. Woran er es wohl gemerkt hat, dieses ?Der Heilige Geist erlaubte ihnen nicht hier das Evangelium zu verkünden.‘? In dieser Situation setzt unser heutiger Predigttext ein:

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Nun weiß er, wie es weitergeht. Hier hat einer um Hilfe geschrien. Ganz offensichtlich – wenn auch nur im Traum. Aber Träume sind eben keine Schäume. Mit ihnen verbinden sich Hoffnungen, Aufbrüche und neue Wege. Hin zu neuen Ufern. Er folgt dem Ruf, denn ? Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!‘ signalisiert: Es ist höchste Eisenbahn! Hier schreit jemand in höchster Not. Und hilft damit Paulus, der auf einmal seinen Weg wieder kennt. Dieses wichtige und für seine Mission ertragreiche Feld in Kleinasien muss verlassen werden, weil sich neue Felder auftun: Europa. Also der Geburtstag unserer Kirchengeschichte – wenn wir so wollen.

Hier schreit wirklich einer um Hilfe – und zwar positiv um Hilfe. Es sind nicht die Hilferufe, wie bei dem Urteil, ob Schächtung erlaubt sei, jene Hilferufe, die Angst haben vor dem Fremden, sondern Hilferufe nach dem Heil, nach Hilfe, nach einem Sinn im Leben, der alle Sinngebungen, die mich bedrohen, überwinden kann, weil es um wirklichen Sinn geht.

Paulus folgt dem Ruf und kommt nach Philippi. Dort lässt er sich erst einmal Zeit. Er überfällt die Menschen nicht. Er lernt den Ort kennen und geht am Sabbat in den Gottesdienst. Der findet, da es keine Synagoge gibt, vor den Toren der Stadt am Ufer eines Flusses statt. Nur Frauen sind, es, die diesen jüdischen Gottesdienst feiern. Mit ihnen sprechen die Männer aus Asien von ihrem Glauben. Sie erzählen, auch wenn das Feld der ?KirchgängerInnen‘ auf dem neuen Feld (außer der Außenseiterin Lydia) signalisiert: Wir wollen das gar nicht wissen.

Kurios: Ein Mann ruft (im Traum) – und Paulus und seine Begleiter finden lauter Frauen – und eine, die gar nicht einmal von hier ist (aus Thyatira) findet zum Glauben.

Lydia ist eine wohlhabende Inhaberin eines Modesalons und sie ist Jüdin nicht von Geburt, nichts anderes meint der Begriff ?gottesfürchtig‘. Sie ist also doppelte Außenseiterin – und sie ist Frau, als sowieso nicht so sehr ?wertvoll‘ wie es ein Mann in der damaligen Zeit gewesen wäre. Aber hier geht es nicht um Fragen des gesellschaftlichen Status. Das Evangelium fragt nach dem einzelnen Menschen, der sich von dem Wort Gottes anrühren lässt, und dieser Mensch heißt in unserer Geschichte Lydia. Sie wird zum Brückenkopf des Glaubens in Europa. Ihre Taufe kann nicht ausbleiben. Sie erkennt auch, dass Glauben nicht nur nehmen ist, sondern auch Geben. Sie stellt ihr Haus dem wachsenden Glaubensleben zur Verfügung.

Aus diesen winzigen Anfängen konnte nach den Prinzipien des Marketing eigentlich nichts Vernünftiges werden: Ein paar Frauen am Fluss, nur eine lässt sich überzeugen, mit ihr wird eine kleine Hausgemeinde begründet. Mehr nicht – und doch so viel. Es ist wie eine kleine Quelle, die irgendwo zwischen ein paar Steinen entspringt, zwischen Bäumen dahin plätschert und – vielleicht – zu einem großen Strom anschwillt. Paulus kann nichts dafür, dass es sich so entwickelt. Er lässt sich senden, tut das, was wohl nötig ist, er erzählt von dem Glauben, der ihn bewegt und den Rest überlässt er Gott. Diese Geschichte kann mir weiterhelfen: Nicht immer sind die großen Entwürfe notwendig, dass aus unserer kleinen Schar etwas wird. Wichtiger ist wohl Gottes Wort, mit dem Paulus sich begnügt, wichtig ist die eine Frau, die sich anrühren lässt und wichtig ist der Herr, der daraus Großes wachsen lassen kann.

Aber trotzdem sind Paulus und seine Mitarbeiter und Lydia auch wichtig. Sie sind Menschen, die sich bewegen lassen. Und darin so weit von unserer Kirche entfernt. Heute sind ja die Menschen mobil geworden – und die Kirche sitzt fest. Sie traut sich nicht mehr, Grenzen zu überspringen und an die Flüsse zu gehen, um mit den Menschen zu reden und zu beten. Vielleicht kann ich von Paulus noch lernen zu vertrauen dem, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist.

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