Seid klar und eindeutig in Reden und Handeln

Am 1. August 1914 erklärte das Deutsche Reich Rußland den Krieg. Fünf Jahre später wurde in Versailles ein Friedensvertrag nach dem 1. Weltkrieg geschlossen. Etwa zehn Millionen Kriegstote, mehr als 20 Millionen Verwundete und ungefähr acht Millionen Kriegsgefangene und Vermisste – in nüchternen Zahlen ist das die Bilanz eines Krieges, in den deutsche Soldaten für "Gott und Vaterland" gezogen waren. Viele von ihnen waren Christen – und für viele von ihnen war dieser Krieg Wendepunkt in ihrem Leben. Die Pfarrer und Theologen, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus in der Bekennenden Kirche zusammenfanden, taten dies auch maßgeblich aus der furchtbaren Erfahrung dieses ersten Weltkrieges heraus, der sie hatte nachdenken lassen über Wahrheit und Scheinwahrheit im menschlichen Leben. Vor solchen Entscheidungen stehen wir immer wieder. Der Predigttext, der uns zu diesem Sonntag mitgegeben ist, ist dabei ausgesprochen erhellend. Hören wir aus dem Brief an die Epheser 5,8b-14:

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"Lebt als Kinder des Lichtes", heute würde man wohl sagen: "Seid klar und eindeutig in Reden und Handeln". Und das scheint eine sehr grundlegende, unkomplizierte Gebrauchsanweisung fürs Leben zu sein. Ähnlich wie die von Jesus: "Dein Ja sei ein wirkliches Ja und dein Nein ein wirkliches Nein." Mir fällt dazu ein, was ich von meinen Freunden aus der Wittenberger Friedensbewegung gelernt habe. Sie sind in Zeiten extremer Anfechtung durch die Staatssicherheit immer nach dem Motto vorgegangen: Durch Klarheit verblüffen. Immer wieder wurde versucht, einen aus dem Kreis um Friedrich Schorlemmer als IM anzuwerben, übrigens bezeichnenderweise meistens "im Schutz der Dunkelheit". "Das finde ich ja toll, dass Sie so viel Vertrauen zu mir haben, das muss ich unbedingt meiner Frau erzählen", nach einer solchen Antwort erfolgte kein Versuch mehr, den Betreffenden für die "Werke der Finsternis" zu gewinnen. Heute gibt es keine Stasi mehr. Dennoch war mir diese Lektion hilfreich.

Auch für die Arbeit in der Gemeinde. Ich habe es mehr als einmal erlebt: Da kommt jemand auf mich zu, direkt nach dem Gottesdienst in einem Ort, wo ich einen Pfarrer vertrete. Und derjenige oder diejenige muss mir unbedingt etwas erzählen, etwas, was nicht in Ordnung ist mit dem Pfarrer oder irgendwem anderen in der Gemeinde: "Aber reden Sie mit keinem drüber". "Also, ich finde, darüber sollten Sie mit Herrn Z. selbst sprechen", ist meine Standard-Antwort. Bei einem seelsorgerlichen Gespräch ist Schweigen gegenüber Dritten eine Selbstverständlichkeit. Bei Klatsch und Tratsch sieht das anders aus. Um sich davor zu schützen, wirkt es oft Wunder, zu sagen: "Wissen Sie, dann wollen wir doch gleich zusazusammen Herrn M. selbst dazu hören, um Missverständnisse auszuräumen". "Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist", dieser Satz des Apostels würde sich auch gut als Aufkleber an manchem Telefon ausnehmen. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Nicht nur das Tun, sondern auch das Weitergeben ist von Übel. Weitertratschen ist ein langsam wirkendes Gift, das eine Gemeinde, eine Familie, eine Gesellschaft töten kann. Aus "Scheinwahrheiten" und Gerüchten entstehen Missverständnisse, aus Missverständnissen entwickelt sich Hass, aus Hass entstehen Kriege. Das erste und wesentliche, was Gott tat war, das Licht von der Finsternis zu trennen.

Licht steht schon im alten Testament für den göttlichen Bereich, der "Leben" bedeutet, "Finsternis" für das, was sich todbringend zwischen Gott und seine Schöpfung stellt. In der Finsternis kann nichts gedeihen, weder Pflanzen noch Tiere. Dass jedes Lebewesen Licht braucht, das wissen auch diejenigen, die sich als Atheisten bezeichnen. Im Dunkel geht alles Leben zugrunde, das kann man schon bei Zimmerpflanzen beobachten, und Zwielicht ist nicht nur für die Augen schädlich.

"Alles, was offenbar wird, das ist Licht" – ist das aber wirklich wahr? Gibt es nicht Dinge, die besser niemals aufgedeckt und ans Licht gebracht werden, weil sie so scheußlich und unappetitlich sind, dass sie besser auf immer verborgen bleiben würden? Ehrlich betrachtet würde das bedeuten, sich auf ein Leben in einer Grauzone einzulassen. Zumindest dann, wenn es sich um eigene Untiefen handelt. Es geht ja nicht nur darum, mit den Fingern auf "schändliche" Werke anderer zu weisen, sondern auch um einen Blick nach innen. Es ist nicht immer erfreulich oder gar erleuchtend, in sich selbst hineinzuschauen, deshalb vermeiden wir das oft, so lange es geht. Wie viele faule Kompromisse gehen wir letztlich aus Angst vor Konflikten ein oder aus der Sehnsucht heraus, von allen geliebt zu werden?

Auch bei Kirche gibt es das: Ein Mitarbeiter sorgt sich um seine berufliche Zukunft im kirchlichen Dienst. Diejenigen, die in den entsprechenden Kommissionen sitzen, haben seine Stelle längst weggespart, aber keiner wagt es, ihm rechtzeitig reinen Wein einzuschenken. Dabei wäre das barmherziger, dann hätte er zeitig genug Gelegenheit, sich anders zu orientieren. Stattdessen wird so lange wie nur möglich in der typisch kirchlichen "wir-werden-nicht-zu-deutlich,-damit-wir- uns- auch-gar-nicht- festlegen- und- auch-niemandem-wehtun-Sprache" herumgeeiert – und am Ende ist der Schmerz viel größer als er bei einem klaren Wort gewesen wäre. "Alles, was offenbar wird, das ist Licht", aber erst dann, wenn es aus dem Dunkel hervorgeholt wird. Dieser Prozess kann schmerzlich sein, aber er verwandelt die Situation. Vergleichbar ist das vielleichvielleicht mit einer Operation. Der Eingriff tut weh, aber für die Genesung ist er nötig. Er geschieht mit dem Blick auf die Heilung.

Die Alternative zu diesem schmerzlichen Prozess ist der Tod. Das klingt radikal, aber vielleicht haben Sie in Ihrem Bekanntenkreis auch Beispiele dafür. Jemand, der etwas in sich vergraben hat, eine Erinnerung an etwas, worüber er aus Scham, aus Entsetzen oder Schuldgefühl nicht zu reden wagt, der ist verändert, unfrei, manchmal wirklich wie tot. Erst wenn er endlich daran geht, auszupacken, wird er frei und kann gesund werden. Und so wie es beim einzelnen Menschen ist, so ist es auch in einer Gemeinschaft. Wo faule, falsche Dinge verschwiegen werden, ist die ganze Gemein-schaft krank.

Leider lässt Kirche auch in großen Dingen oft die Klarheit vermissen. "Kirche sollte sich aus der Politik heraushalten", höre ich oft, "ich mag diese politischen Predigten nicht". Dabei ist "Heraushalten" auch eine Haltung, und zwar eine hochpolitische. Sie wirkt stabilisierend, auch dann, wenn ein Unrechtsregime am Ruder ist. "Dir ist gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert", heißt es, und das Doppelgebot kennen wir alle: "Du sollst Gott den Herrn über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst."

Im zweiten Weltkrieg standen bei weitem nicht alle, die in der Kirche aktiv waren, auf der bekennenden Seite. Viele haben Schuld auf sich geladen, haben lange nicht klar genug erkannt, was "der Stadt bestes" wäre oder sich auch davor gedrückt, genau hinzuschauen.

"wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben", das Stuttgarter Schuldbekenntnis nach dem Zweiten Weltkrieg macht auf Versäumnisse aufmerksam, die durchaus nicht nur einmal im Lauf der Geschichte kirchentypisch waren. Im Wegschauen sind wir ziemlich gut. "Die Zehn Gebote" heißt eine Kunstausstellung des Deutschen Hygiene-Museums, die vom 19. Juni – 5. Dezember 2004 dauert.

Der Ankündigungstext macht auf manches aufmerksam: Im Jahr 2004 geben die Bewohner der USA und Westeuropas nahezu so viel Geld für Haustiernahrung aus wie zur Beseitigung der Weltunterernährung nötig wäre – grenzt das an unterlassene Hilfeleistung oder Diebstahl? Auf jeden Fall lässt sich das Leben der Privilegierten nicht ohne Weiteres als Forderung und Lebensmaßstab für alle durchsetzen.
Wie viele Freiheiten kann sich eine Gesellschaft nehmen, ohne Konflikte mit anderen Gemeinschaften zu provozieren? Wie viel Solidarität ist notwendig, um eine soziale Ordnung nach innen aufrecht zu erhalten? Wie viel Toleranz braucht der Mensch in einer kulturell, religiös und ethnisch vielfältigen Welt?

Eine Pfarrerin aus meinem Bekanntenkreis hat versucht, andere Christen für die Ausstellung zu interessieren und eine Diskussionsrunde über die 10 Gebote heute zu beginnen. "Was hat das mit mir zu tun?", fragten einige der Angesprochenen. "Ich kann doch hier von meinem kleinen Platz aus nichts verändern." Mutiger bekennen, Einspruch erheben, wenn wir Ungerechtigkeit wahrnehmen aber, das könnten wir alle. Schließlich haben wir nichts zu verlieren, sondern alles zu gewinnen. Und brenneder lieben, dazu hat uns Jesus Christus alle Voraussetzungen mitgegeben. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf gegen den Tod. Nicht gegen den natürlichen Tod, sondern gegen das Ersticken an der Lieblosigkeit, der Teilnahmslosigkeit, der Gleichgültigkeit.
Manchmal tut es mir weh, wenn ich im Supermarkt, auf der Post oder an der Bushaltestelle die Gesichter der Menschen betrachte: Sie atmen, sie funktionieren, sie erledigen, aber sie sehen aus, als leben sie nicht wirklich.
Sie machen den Eindruck, als leben sie nicht, sondern werden gelebt. Ich versuche es mit einem Lächeln und einem freundlichen Blick und spüre, sie halten das für eine Belästigung. Sie tun so, als wollten sie keinen Aufstand und brauchten keine Auferstehung. Dann frage ich mich, ob es nicht der eigentliche Gottesdienst wäre, ihnen dort, an solchem Platz, eine Ahnung davon zu geben, wie Gott ist. "Christus ist wie Feuer. Von ferne betrachtet, leuchtet es, kommt man näher, so wärmt es und tröstet, geht man noch näher, so wird man selbst das Feuer", hat die kürzlich verstorbene Theologin Dorothee Sölle geschrieben. Der Sehnsucht ein Ziel geben, das können wir, wenn wir über unsere Hoffnung sprechen lernen. Wir können mit den Leidenden leiden, sie nicht allein lassen, ihren Schrei lauter machen. Wir können so sprechen, dass Christus vermisst wird, auch von denen, in deren Leben er noch gar nicht aufgetaucht ist oder aus deren Blickfeld er verschwunden ist.

Auch das ist gemeint, wenn der Apostel schreibt: "Wach auf, der du schläfst und steh auf von den Toten, dann wird Christus dich erleuchten".

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