Sehnsucht kann man zum Glück nicht verlernen

Liebe Gemeinde,

schon beim Hören dieses Textes wird es deutlich, selbst in dieser modernen Fassung der Guten Nachricht Bibel: Entweder wir lieben diese Aussagen und wollen dann auch verstehen, was Paulus meint, oder der Text sagt uns gar nichts. Vordergründig scheint hier unsere Erfahrung kaum vorzukommen, mit einer Ausnahme natürlich: Durchs Leiden lernen wir Geduld. Aber sind wir deswegen hier in der Kirche versammelt, um uns zur Geduld rufen zu lassen? Mündet das nicht im alten Vertröstungslied, das keiner mehr hören will, und zwar zu Recht?

Ich möchte doch vorschlagen, dass wir einen anderen Zugang versuchen. Indem wir nämlich bewusst eher das verstehen wollen, was hier nicht ausgesprochen ist, was dazwischen steht und an Erfahrung mitgedacht wird.

Jeder Text, jede Aussage des Paulus in diesem Brief muss doch mit bestimmten Erfahrungen und Gefühlen zu tun haben, auch wenn Paulus hier davon nichts sagt.

Wir haben im zweiten Satz das Wort Vertrauen gehört. Ich finde dieses Wort einfach um so vieles deutlicher als das Wort Glauben. Vertrauen und der Gegenbegriff dazu Misstrauen spielen auf die alltägliche Lebenserfahrung an. Jede Beziehung benötigt Vertrauen, das gilt in der Bibel für den briefschreibenden Apostel und hier bei uns für die menschlichen Beziehungen. Paulus setzt Vertrauen voraus und bekräftigt es wiederum. Jedes Reden miteinander, Zuhören und Mitgehen, jede Minute Zeit die Menschen füreinander haben, schafft Vertrauen. Unser Miteinander ist begrenzt. Wir können nicht unbegrenzt Zeit füreinander haben. Trotzdem: Jede Minute, die wir uns einander menschlich geben, bewirkt Vertrauen.

Wie klingen die Worte des Texte, wenn man sie einbettet in Gedanken über das Vertrauen?

Ich möchte die Worte des Paulus mit ihnen noch einmal lesen:

Meditation

Ich habe immer Angst,
die anderen würden mir böse sein.
Angenommen von Gott,
im Glauben
Habe ich Frieden und lerne zu vertrauen.
Gott, ja gewiss, und den anderen auch?
Hat nicht das Misstrauen die Oberhand,
und schlägt es nicht immer wieder durch?
Christus eröffnet mir den Weg des Vertrauens.
Gottes Gnade gibt festen Stand.
Es gibt also ein gewisses Gleichgewicht
Zwischen Misstrauen und Vertrauen.
Glaube schafft zuerst Selbstvertrauen.
Ich darf den Mund aufmachen
Und auch von Hoffnung reden.
Die Sonne scheint morgen wieder neu.
Von Gott ernstgenommen,
an seiner Herrlichkeit teilhaben dürfen.
Geliebte sein dürfen und lieben können,
trotz des eigenen Misstrauens.
Und die Leiden, die hinter uns liegen?
Sie machen uns zu Persönlichkeiten.
Die Übermacht der Verzweiflung ist vorbei,
denn es gibt einen Weg, der sich benennen lässt:
Leiden braucht Geduld,
Geduld gibt Bewährung,
Bewährung schafft Hoffnung.
Dass dieser Weg nicht ohne Dornen ist,
wird nicht verschwiegen.
Aber aus den Dornen kommt die Blüte der Rose.
Dass Gott uns liebt wird zur Gewissheit,
ist die tragende Säule in uns selbst.
Die Liebe haben wir im Herzen.
Wir empfangen ihren Geist.
Er fließt hinein und hinaus.
Aus Glauben kommt Liebe und
Aus Liebe kommt Hoffnung.
Das erfahre ich, wenn ich ein Gesicht ansehe,
des Menschen, der mich liebt.

Normalerweise hörten wir die Sätze des Paulus so, als stünden sie nebeneinander wie Felsblöcke. Doch das ist jetzt hoffentlich anders geworden.

Der Satz von der Liebe, die im Herzen lebt, ist kein nachklappender Schlusssatz, sondern will schon im Anfang mitgedacht sein.
Warum sollten wir denn auch bitte Frieden mit Gott haben? Warum sollten wir durch den Glauben Gerechte genannt werden?

Inhaltlich ist das Pferd von hinten aufgezäumt, weil Paulus mit diesen Sätzen die ersten Kapitel des Briefes zusammenfasst. Es geht darum, die Liebe Gottes im Herzen zu spüren und um den Empfang dieses Geistes auch zu wissen.

Die Liebe bewirkt nur das Vertrauen, dass mir ein anderer Mensch entgegenbringt. Im ersten Satz heißt Glaube nun Selbstvertrauen. Das Leben hat eine feste Basis, hier genannt: Der Frieden mit Gott.

Das könnte man Gottvertrauen nennen, was vielleicht noch zu einfach klingt. Ich kenne Menschen, die haben keinen Frieden mit sich selbst. Sie sind von einer ständigen Unruhe getrieben. Sie müssen immer und ständig zu anderen freundlich sein. Sie sind immer engagiert und haben selten wirklich Zeit. Ich frage mich: Kann man wirklich davon reden, dass ein Mensch Frieden mit Gott hat, wenn er keinen Frieden mit sich selbst hat? Wer weiß, dass die Liebe Gottes im eigenen Herzen ist und wer die Liebe Gottes vom Herzen eines anderen Menschen empfängt, der fühlt sich sicher und kann selbst auch vertrauen.

Ich sage bewusst: Diese Liebe kann mir, kann uns jeder Mensch geben.

Gott gibt unserem Herzen Frieden, Recht und Sicherheit durch die Liebe eines Menschen. Die Botschaft, die Paulus der Gemeinde in Rom und nun auch uns verkündigt sagt: Kein Mensch liebt uns so vollkommen, wie es Jesus getan hat. Der Glaube an Jesus ist eine menschliche Begegnung. Der Glaube an Jesus ist das Gefühl, von Gott geliebt zu sein. Der Glaube an Jesus ist das Hören auf die Worte, mit denen Jesus die Menschen gut und selig genannt hat, die auf die menschliche Begegnung angewiesen sind und warten. Die Sicherheit und das Selbstvertrauen, das der Glaube uns Menschen geben kann werden ein Weg genannt. Es ist gut, diesen Weg nicht allein zu gehen. Es ist gut, dass Gott ihn mit Jesus geht und dass Jesus diesen Weg mit uns geht. Menschen gehen miteinander, Menschen leben miteinander. Der Weg führt in die Zukunft. Der Weg geht auch dort weiter, wohin wir nicht sehen, sondern allenfalls ahnen können. Auch wenn wir einmal sterben müssen, sind wir in der Liebe Gottes geborgen, die in unsere Herzen gegeben ist.

Für Paulus ist die Zukunftsperspektive sehr wichtig. Jeder Mensch möchte eine Zukunftsperspektive haben. Das sieht man ja bei der Jugend, dass die Gefühle des Unglaubens, des Misstrauens und der Gewalt dort wachsen, wo die Zukunftsperspektive am geringsten ist. Jesus gibt uns eine Perspektive, die des Weges, der durch das Vertrauen geführt wird. Die zukünftige Herrlichkeit besteht darin, dass dieses Vertrauen alle Angst und alles Misstrauen beiseite gebracht hat. Da gibt es ja das schöne Wort aus der Offenbarung des Johannes: (Offenbarung 21,4) Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Fürs Erste wird das Leiden aber noch bleiben.

Das Kreuz Jesu soll uns nicht bedrücken. Aber es gibt uns eben die Gewissheit, dass auch unser Kreuz und Leid nicht durch unsere Traurigkeit noch größer werden soll.

Vertrauen schafft Hoffnung. Und das Leiden erhält dann einen Sinn.

Ich weiß, das ist ein schwieriger Gedanke. Soll nicht besser die Sinnlosigkeit des Leidens zuerst auch zugestanden werden? Wir können und sollen nicht überall dort einen Sinn hineinsprechen, wo von der Situation her der Sinn nicht auszusprechen ist. Diese Art von Sinninflation nimmt den Religiösen hinterher doch sowieso niemand mehr ab. Sie wird zur Fassade, hinter der auch sie vor Angst bibbern.

Paulus sagt es anders: Er zeigt einen Weg der Leidenserfahrung auf, einen Weg der zum Sinn führen kann. Und auch hier ist mal wieder der Weg das Ziel. Leiden – Geduld – Bewährung – Hoffnung. Ich finde diese Wortkette tröstlich. Platt wäre jede Antwort auf das Leiden zu nennen, die die Zeit der Geduld und der Bewährung überspringen würde und auf das Leiden einfach mit der Zusage der Hoffnung antwortete. Hier wird jedoch gezeigt, dass die Sinnfindung des Glaubens ein Erkenntnisweg ist. Doch selbst dieser Weg zur Hoffnung darf nicht losgelöst gesehen werden, von der Liebe. Gottes Liebe ist in unsere Herzen gelegt. Sie schafft den Glauben, sie spricht uns gerecht, sie gibt uns letztlich auch die Hoffnung durch das Tal der Bewährung.

Es gibt ein Lied von Herbert Grönemeyer aus der CD Mensch, das ich lange Zeit für völlig depressiv hielt, bis ich nun auf einmal darin las, wie der Sänger aus den Bildern der Sinnlosigkeit langsam zu Zeichen und Symbolen des Sinns und der Zuversicht findet. Die Zeichen der Zuversicht sind Zeichen der Liebe. Ich zitiere einige Verse des Anfangs und dann den Schluss:

tausend haare in der suppe
und dein löffel hat ein loch
es fällt keine sternschnuppe
deine kerze hat keinen docht

dich quält ein unendlicher schluckauf
dein spielfeld ist ständig verschneit
und deine schaltung klemmt im leerlauf
selbst deine kriechspur ist vereist

im bus der zeit
hast du nur einen stehplatz,
einen stehplatz im
einen stehplatz im schleudertraum

du tust jedem jeden gefallen
bist bescheiden und bemüht
du wirst benutzt von allen,
erntest kein danke, nur einen tritt …

und gleicht ein tag noch so sehr dem andern
und ist das leben unerträglich seicht
und bist du innerlich längst ausgewandert
lache, wenn’s nicht zum weinen reicht

und nennen sie dich auch eine mimose
und schlurfst du ständig neben der zeit
es gibt für jedes herz eine eigene rose,
lache, wenn’s nicht zum weinen reicht

und gleicht ein tag noch so sehr dem andern
und ist das leben unerträglich seicht
und bist du innerlich längst ausgewandert
lache, wenn’s nicht zum weinen reicht

und greife endlich nach den sternen
kein planet ist für dich zu weit
sehnsucht kann man zum glück nicht verlernen
zum weinen bleibt noch so viel zeit

sehnsucht kann man zum glück nicht verlernen, oder:
zum weinen bleibt noch so viel zeit

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