Schein-, Möchtegern- und Vorzeige-Heilige

"Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!" – Mal ehrlich, liebe Gemeinde, möchte jemand von Ihnen ein Heiliger oder eine Heilige sein? Können Sie sich vorstellen, was das für Ihr Leben bedeuten würde? Was, meinen Sie, müsste sich wohl bei Ihnen verändern? Und dann denken Sie noch einmal gut nach, ob Sie das wirklich ändern möchten …?

Heilige gibt es ja in der Tat eine ganze Menge! Da sind zunächst einmal die Schein-Heiligen, diejenigen also, die nur so tun als ob. Man trifft sie heutzutage besonders häufig in der Politik, wobei hier das Wort Schein noch eine ganz andere Bedeutung bekommt, frei nach dem bekannten Sprichwort: der Geldschein trügt!

Aber es gibt Sie auch woanders, die Schein-Heiligen, nicht nur in der Politik und Industrie: nein, Sie begegnen uns mehr als uns lieb ist auch in der Nachbarschaft. Und das ein oder andere Mal sehen wir sie sogar dann, wenn wir in den Spiegel schauen. Denn niemand kann sich wohl ganz davon frei machen, doch mehr scheinen zu wollen, als man in Wirklichkeit ist. Manche Menschen bauen darauf sogar Ihre ganze Existenz auf: bloß die anderen nicht erkennen lassen, wie man wirklich denkt, fühlt, leidet; niemandem offenbaren, wo die eigenen Schwächen liegen, wo man verletzbar ist, kurz: keinem zeigen, wer man in Wirklichkeit ist; dann doch lieber viel Kraft und Geschick aufwenden, um mir selbst und meinen Mitmenschen etwas vorzugaukeln; ein Heiliger kennt schließlich keinen Schmerz, egal wie lange man ihn kasteit!

Und wird die Fassade einmal brüchig, dann steht halt eine Renovierung an: Image-Wechsel nennt man das auf Neudeutsch und wird in unserer Gesellschaft immer beliebter. Manche leben damit, bis sie sterben. Traurig: es gibt Menschen, die verlassen diese Welt, ohne dass sie jemand wirklich gekannt hat. Heilige – auch Schein-Heilige – sind halt so: unnahbar, fremd, irgendwie weit weg.

Und dann gibt es da noch eine zweite Gruppe, ich will Sie die Möchtegern-Heiligen nennen. Das sind Menschen, die sich für etwas Besseres halten, auf andere herabschauen oder meinen ihnen sagen zu müssen, wo es langgeht. Und – machen wir uns nichts vor – auch davon steckt ein Teil in jedem und jeder von uns. Solange das sich in Grenzen hält, richtet man damit ja auch keinen allzu großen Schaden an.

Aber wehe, es verliert jemand die Bodenhaftung und hebt ab. Was daraus werden kann, haben nicht nur wir Deutschen in unserer eigenen Geschichte schmerzlich erfahren müssen. Welche Macht, welchen Einfluss Möchtegern-Heilige ausüben können, das zeigt sich ja in den letzten Tagen auf grausame Weise in Uganda. Ein selbsternannter Untergangs-Prophet schickt Menschen jeden Alters ins Verderben – die einen folgen ihm freiwillig, die anderen werden dazu gezwungen. Derjenige, der die zehn Gebote Gottes wieder in Kraft setzen wollte, hat auf erschreckende Weise das sechste Gebot, "du sollst nicht töten", hundertfach übertreten. Auf der Suche nach Vorbildern und Idolen, nach Orientierung und Sinn gaben sich Menschen auf, ganz und gar – mit ihrem Leib und mit ihrer Seele.

Und schließlich gibt es ja noch diejenigen, an die man für gewöhnlich zuerst denkt, wenn man von Heiligen hört. Man könnte sie die Vorzeige-Heiligen nennen. Sie spielen ja in unserer römisch-katholischen Schwesterkirche eine große Rolle. Nachdem ein Mensch aufgrund seiner hervorragenden Taten zunächst selig gesprochen ist, darf er bei entsprechend ausreichender Lobby noch ein Karrieretreppchen höher steigen und sogar angebetet werden.

Auch wenn wir Evangelischen dieser Tradition gegenüber etwas skeptisch sind: auch von ihnen steckt ein wenig in jedem und jeder von uns drin. Denn manchmal gelingt es uns ja tatsächlich, etwas wirklich Gutes zu tun. Dann sind wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sagen dem richtigen Menschen die richtigen Worte und tun mit den richtigen Mitteln gerade das Richtige.

Solche Augenblicke sind sehr kostbar, heilige Momente, ohne die wir nicht die kleinen und großen Wunder erleben könnten, die es, auch wenn viele sie nicht mehr sehen wollen, immer noch gibt und die das Leben lebens- und liebenswerter machen.

Welch unterschiedliche Wirkung Heilige doch haben können. Die Scheinheiligen schaden sich meist selbst, weil sie ihr Leben lang gegen ihr eigenes, wirkliches Ich ankämpfen und es zu unterdrücken versuchen. Die Möchtegern-Heiligen schaden darüber hinaus auch anderen, weil sie Menschen nur unter sich gelten lassen und nicht gleichberechtigt neben sich. Die Vorzeige-Heiligen heben sich dagegen von den ersten beiden Gruppen deutlich ab. Denn sie wirken ja lebensspendend, haben Gutes getan und andere auf die unterschiedlichste und oft wunderbarste Art und Weise zu ihrem Recht kommen lassen.

Und doch haben, bei all ihren Unterschieden, die Drei etwas gemeinsam: sie müssen sich ihr Heilig-Sein erst verdienen. Die Schein-Heiligen mit Schauspielerei, die Möchtegern-Heiligen mit Hochmut und die Vorzeige-Heiligen eben mit ihren guten Werken. Vielleicht liegt es an dieser Gemeinsamkeit, dass es manchmal schwer ist und oft erst im Nachhinein zu entscheiden, zu welcher Gruppe dieser oder jene denn nun gehört.

Ganz anders spricht dagegen der Erste Petrusbrief vom Heiligsein, radikaler und provozierender. "Ihr sollt heilig, denn Gott ist heilig. Wer sich von euch ihm anschließt und auf ihn vertraut, der braucht sich nicht erst seine Heiligkeit zu verdienen, weder auf die eine noch auf die andere Weise. Denn das hat schon jemand anderes für euch getan, und zwar ein für alle Mal und nicht mehr überbietbar. Mir ist es egal, wie ihr euch euer An-sehen bei den Menschen erkauft und euch selbst und andere dabei verbiegen müsst, bei mir zählt das nicht mehr. Im Gegensatz zu dieser Welt könnt ihr euch bei mir nichts mehr verdienen." Jede und jeder einzelne unter uns ist heilig! Ob wir wollen oder nicht, danach werden wir nicht gefragt: wir sind es. Nicht, weil wir es verdient hätten, sondern weil Gott das Kostbarste, was er besaß, in die Wagschale geworfen und für uns eingesetzt hat, nur deshalb. Wer sich zu unserer Kirche bekennt, der muss sich einfach damit abfinden.

Oh, ich kann sehr gut verstehen, dass sich da etwas in ihnen sträubt, mir geht es da nicht anders. Denn ich kann mich in dem, was ich tue und sage, jetzt nicht mehr damit herausreden, ich sei ja kein Heiliger! Doch, ich bin es. Und es liegt an mir, ob ich diesem Zuspruch durch mein Handeln und Reden Ausdruck verleihe und ihn lebendig werden lasse.

Um es ganz deutlich zu machen: wir sind als Christinnen und Christen einem besonderen ethischen Handeln verpflichtet, da lässt sich nichts dran rütteln. Aber es macht einen Unterschied, ob ich etwas tue, um mir damit etwas zu verdienen oder ob ich mich engagiere, gerade weil ich mir nichts mehr zu verdienen brauche, da mir schon alles geschenkt wurde. Mein Handeln, mein Reden erhält dann einen ganz anderen Charakter, einen sehr viel ungezwungeneren Ton: befreit von dem Druck, irgendeinem Idealbild entsprechen zu müssen; befreit von dem Zwang, mich gegenüber anderen profilieren zu müssen; befreit von der Vorstellung, im Vergleich zu anderen weniger wert zu sein; kurz: ich bin befreit von einem ‚Ich muss‘ und werde frei zu einem ‚Ich darf‘! Das Leistungsprinzip weicht einem Lustprinzip.

Ich bin tatsächlich fest davon überzeugt, dass diese Art von Heiligsein uns vor der Scheinheiligkeit und der Möchtegernheiligkeit bewahren kann und darüber hinaus ehrlicher ist als die Vorzeige-Heiligkeit, weil sie ohne Hintergedanken auskommt. Ich brauche mich nicht mehr zu verstellen, weil ich mich selbst annehmen kann und von den anderen so akzeptiert werde, wie ich bin. Ich muss mich nicht mehr über jemand anderen erheben, weil es keinen Vorteil mehr für mich bringt. Ich bin nicht besonders nett, um bei Gott gut dazustehen.

Man stelle sich das in unserer heutigen Gesellschaft, in der es ja nur noch um Leistung geht, einmal vor: einer christlichen Gemeinschaft gelänge es, ihre Heiligkeit in ihrer Gemeinde wirklich zu leben. Der Fremde braucht sich seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr zu verdienen, indem er sich unserer Kultur und unserem Lebensstil anpasst; der 50jährige Arbeitslose bekommt zu spüren, dass er noch gebraucht wird und genauso viel Wert ist, wie die anderen; das Mädchen, das auf die Sonderschule geht, erhält ebensoviel Anerkennung wie die Gymnasiastin. Es gibt kein ‚über mir‘ mehr und auch kein ‚unter mir‘, sondern nur noch ein ’neben mir‘!

Ich glaube, diese Gemeinde würde sehr auffallen. Auf einmal wäre sie nämlich glaubwürdig, auf einmal würde etwas durchscheinen von dem Reich Gottes mitten unter uns. Nein, wir wären keine besseren Menschen und könnten uns Gott nicht ein Haaresbreit näher bringen. Aber wir würden unserem inneren Wesen gerecht werden und das nach Außen tragen, was wir schon sind.

Diese Gemeinde würde einerseits faszinieren und für viele Menschen attraktiv werden, sie würde bestimmt wachsen. Andererseits hätten viele Menschen kein Verständnis dafür und würden einen großen Bogen darum machen. Denn eine solche Gemeinde passt nicht in diese Welt, sie stellt sie und ihre Regeln sogar in Frage.

Aber so ist das nun einmal mit den wahren Heiligen: an ihnen scheiden sich die Geister: weil sie die Welt nicht so lassen, wie sie ist.

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