Schau den Riesen ins Gesicht

Liebe Gemeinde,

in katholischen Kirchen findet sich zumeist an den Wänden der Kirche ein Kreuzweg, in dem in 14 Stationen das Leben und Leiden Jesu nachgezeichnet wird. Auch unser heutiger Text ist ein solcher Kreuzweg, durch dem wir auf den Weg Jesu mitgenommen werden. Der Weg Jesu war ein Weg der Not und der Schwierigkeiten. Diese Not und Schwierigkeiten standen wie Riesen vor Jesu und drohten ihn unter zu kriegen. Drei Riesen werden hier angesprochen und ich lade dich ein, mit mir diesen Weg zu gehen, indem wir zur ersten Station gehen:

„5,7 Als Jesus unter uns Menschen lebte, hat er Gott, der ihn allein vom Tod retten konnte, unter Tränen und voller Verzweiflung angefleht. Und Gott erhörte sein Gebet und befreite ihn aus seiner Angst, weil Jesus den Vater ehrte und ihm gehorsam war.“

Hier lesen wir von einem Riesen, der uns jeden Tag begegnet: es ist der Riese Angst.

Viele Entscheidungen, die du triffst, sind von der Angst beeinflusst, der Angst jemanden zu verletzen oder zu verärgern, der Angst etwas falsch zu machen. Und oft merkst du diese Angst nicht einmal direkt, denn wer gibt denn schon zu, dass er Angst hat. Nicht einmal vor sich selbst geben wir das zu. So wirkt die Angst im Verborgenen und verletzt im Verborgenen. Es ist keine Schande die Angst auszusprechen und beim Namen zu nennen. Dazu musst du dir einmal klar machen: Jesus der Sohn Gottes hatte Angst. Er weinte Tränen und war voller Verzweiflung. Jesus hat seine Tränen nicht zurückgehalten und hat seine Verzweiflung nicht überspielt. Er hat dem Riesen Angst offen in die Augen geschaut und dabei kannst du zwei Dinge hier von Jesus lernen:

1) Jesus wandte sich in seiner Angst an Gott. Er betete und legte alle Tränen und alle Verzweiflung vor ihm. Das machen manche Menschen, das Sprichwort heißt ja auch: „Die Not lehrt beten.“ Aber das allein reicht nicht, wie folgende Geschichte zeigt: „Ein Mann erzählte seinen Freunden von den Urlaubsabenteuern. Er hatte sich auf einer Wüstentour verlaufen und war tagelang in der Einöde von Sand und Sonne umhergeirrt. Eindrucksvoll schilderte er seine Ängste und Verzweiflung. Schließlich sei er in seiner Todesnot niedergekniet und habe Gott um seine Hilfe angefleht. Stunden habe er gebetet und zu Gott gerufen. Aber ehe Gott eingreifen und helfen konnte, meinte er, sei ein Forschungsteam vorbeigekommen und habe ihn glücklich in sein Quartier gebracht.“ Dieser Mann hat seine Chance verpasst. In seiner Angst war das Gebet wie ein Feuermelder, bei dem er die Scheibe eingeschlagen hat. Als die Feuerwehr Gottes dann kam, hat er sie nicht einmal erkannt. Wende dich in deinem ganzen Leben, nicht nur in deiner Angst an Gott. Dann bist du es gewohnt mit ihm zu reden und zu leben und erkennst auch seine Antwort. Die Antwort ist nicht immer so wie wir gerne hätten. Damit kommen wir zu dem zweiten Punkt.

2) Wie befreite Gott Jesus von seiner Angst? Gott nahm ihm die Angst nicht weg, sondern half ihm mit der Angst zu leben. Er nahm Jesus den Kreuzweg nicht ab, aber er half ihn bis zum siegreichen Ende zu gehen. Als er von Judas verraten wurde, als die Soldaten ihn mit der Peitsche schlugen, als er den Kreuzesbalken zu Hinrichtungsstätte schleppte, als er die Nägel in seinen Händen und Füßen fühlte, als er am Kreuz qualvoll litt, wusste er noch nicht wie es ausgehen würde. Das einzige was er wusste, dass er in seiner Angst, in seinen Tränen, in seiner Verzweiflung in der Liebe Gottes geborgen war. Gehen wir zur zweiten Station.

„5,8 Auch Jesus, der Sohn Gottes, musste durch sein Leiden lernen, was Gehorsam heißt.“

Hier lesen wir von einem Riesen, der uns jeden Tag begegnet: der Riese Ungehorsam. Wir wissen soviel über Gottes Wort und tun es nicht. Der Anfang wurde gelegt mit dem Satz der Schlage: „Sollte Gott gesagt haben“ Das Vertrauen zwischen den Menschen und Gott ist zerstört. Das hatte auch seine Auswirkungen auf Jesus. Das musst du dir klar machen: „Jesus der Sohn Gottes, musste Gehorsam lernen.“

Wenn selbst er Gehorsam lernen muss, um wie viel mehr müssen wir Gehorsam lernen.

Gehorsam wurde vielfach missverstanden und missbraucht. Mit einer falschen Vorstellung von Gehorsam wurde schon viel Unheil angerichtet und bis heute oft Schindluder getrieben. Hier ist aber nicht die Rede von einem falschen, sklavischen und gedankenlosen Gehorsam, sondern vom verantwortlichen, mündigen Gehorsam.
Im Deutschen wie im Griechischen fällt die Verwandtschaft zwischen horchen und gehorchen auf. Weiter besteht eine Nähe zu dem Wortpaar hören und gehören. Gehorsam heißt, Gott so zu gehören, dass man auf sein Wort hört.

Gehorsam heißt hören in der Form des auf Gott Hörens. Das gilt für alle Menschen, für die Predigthörer, wie den Prediger, wie diese Geschichte zeigt: „An einem Montagmorgen besteigt ein Pfarrer den Bus, um in die Stadt zu fahren. Er reicht dem Busfahrer einen größeren Geldschein und wartet auf das Wechselgeld. Auf dem Sitzplatz angekommen, zählt er das Geld nach und stellt fest, dass ihm der Busfahrer zu viel herausgegeben hat. Er bleibt sitzen, und seine Gedanken machen sich an die Arbeit. Glücklicher Zufall, unwichtige Kleinigkeit oder ein Grund, ehrlich zu sein und dem Busfahrer das Geld zurückzugeben? Der Pastor findet manchen Grund, das Geld einfach zu behalten, aber schließlich siegt seine Gewissenhaftigkeit. Er steht auf, geht zum Busfahrer nach vorn und sagt: "Entschuldigen Sie, aber Sie haben mir zu viel Geld herausgegeben, als ich vorhin meine Fahrkarte bezahlt habe. Der Fahrer erwidert locker: "Ich weiß, ich war gestern in Ihrer Kirche und hörte Sie über die Gebote Gottes sprechen. Da wollte ich nur mal ausprobieren, ob Sie selber auch tun, was Sie anderen predigen!"“

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Glauben und Gehorsam: „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt … Nur der Gehorsame glaubt,. Es muss Gehorsam geleistet werden gegen einen konkreten Befehl, damit geglaubt werden kann. Es muss ein erster Schritt des Gehorsams gegangen werden, damit glaube nicht frommer Selbstbetrug, nicht billige Gnade werde.“

Christen müssen wie Jesus Gehorsam lernen. Das setzt voraus, dass wir auf Gott hören, in Predigt und Bibellesen. Das setzt voraus, dass wir zu Gott ja sagen und zu ihm gehören. Dann siehst du dem Riesen Ungehorsam ins Auge und merkst ich brauche keine Angst mehr vor ihm zu haben, weil ich Gott gehorchen will. Hören wir auf die dritte Station:

„5,9 Nachdem er aber sein Opfer am Kreuz vollbracht hatte, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, zum Retter und Erlöser geworden.“

Hier lesen wir von einem Riesen, der uns jeden Tag begegnet: der Riese Ich–Sucht. Ich–Sucht oder Egoismus bedeutet, dass ich immer zuerst an mich denke. Wenn ich z.B. im Religionsunterricht jemand für eine Aufgabe suche, dann kommt offen oder verdeckt die Frage: „Was springt für mich dabei raus?“ Die Ich–Sucht hindert uns, den anderen in den Blick zu bekommen. Das musst du dir einmal klar machen: Jesus tat das nicht für sich, sondern für dich. Wenn du Jesus gehorchst, wird er dir zum Retter und Erlöser. Du besiegst damit den Riesen Ich–Sucht.

Wenn heute das Wort Opfer gebraucht wird, dann meinen wir zumeist das Opfer, das die anderen für uns bringen müssen. Das Lieblingsmotto der heutigen Zeit ist: „Keiner denkt an mich, nur ich denke an mich.“ Gott denkt an dich, darum kannst du an andere denken. Gott sorgt für dich, darum kannst du für andere sorgen. Gott hat dich gerettet und erlöst, darum kannst du die gute Nachricht der Errettung und Erlösung an Gott anderen weitersagen.

Mit Jesus den Kreuzweg gehen heißt den Riesen deines Lebens ins Gesicht zu schauen.

Du kannst dem Riesen Angst in die Augen sehen, weil Gott dir die Kraft gibt, mit deiner Angst zu leben und sie in Schach zu halten.

Du kannst dem Riesen Ungehorsam ins Auge sehen, weil wenn du Gott gehörst und auf Gott hörst, er dir auch die Kraft zum Gehorchen gibt.

Du kannst dem Riesen Egoismus ins Auge sehen, weil der Blick auf Jesus Kreuz den Blick für andere frei macht und du aus drehen um dich selbst heraus kommst.

Jesus ist für alle, die ihm gehorsam sind, zum Retter und Erlöser auch vor den Riesen des Lebens geworden.

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