Sage nicht: Ich bin zu jung!

Berufung, liebe Gemeinde, ist ein weites Thema. Die wenigen Zeilen, die uns von Jeremias Berufung zum Propheten überliefert sind, deuten das an. An einem Sonntag über sie zu predigen ist ihrem Gehalt eigentlich nicht angemessen. Jeder Satz hat hier seine eigene Bedeutung und würde genügen, um ihm eine ganze Predigt zu widmen. Darum will ich heute nur einen Aspekt herauspicken und ansprechen. Ich beginne mit einer Frage: Wo haben wir als Kirche es heutzutage eigentlich noch mit Berufung zu tun – abgesehen von der Ordination, also der Berufung eines Theologen/einer Theologin in den Pfarrdienst? Wo sollten wir uns als Kirche berufen fühlen und wo darf die Kirche andere berufen?

Ich fange einmal mit dem zweiten Teil der Frage an und steige direkt mit einem Thema ein, dass vielleicht im ersten Augenblick ungewöhnlich erscheinen mag, dem Text aber durchaus zu entnehmen ist. Ein Thema, über das in unserer Kirche immer wieder gesprochen wird: die Jugend.

Jeremia wendet ja gegen seine Berufung ein, dass er zu jung und zu unerfahren sei, um den Auftrag, der ihm zugemutet wird, ausfüllen zu können. Doch sein Einwand wird von Gott mit einem Satz weggewischt. Für Gott zählt nicht die Erfahrung, die Stellung und das Auftreten Jeremias, sondern einzig und allein die Tatsache, dass er in diesen jungen Menschen sein Vertrauen setzt. Alles andere wird da zur Nebensache! Dem Jeremia ist diese Vertrauen, das da in ihn gesetzt wird, gar nicht so recht. Aber er entzieht sich diesem Anspruch nicht und er wächst in und an seiner Aufgabe zu einem der größten Propheten, die Israel gekannt hat. Wer das Gefühl geschenkt bekommt, vertrauenswürdig zu sein, dem kann man vieles zumuten.

Nicht selten wünsche ich mir, unsere Kirche würde solch ein Vertrauen in unsere Jugend setzen. Hört man sich in den Gemeinden um, dann vernimmt man ja meistens nur Klagen: die Jugendlichen von heute haben kein Interesse mehr an Kirche, sie besuchen nicht mehr regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst, von einer Mitarbeit in kirchlichen Einrichtungen redet man erst gar nicht. Solchen oder ähnlichen Feststellungen begegne ich in Gesprächen immer wieder. Ich will sie nicht als Nörgelei abtun, ganz im Gegenteil: sie sind für mich Ausdruck einer ehrlichen und tief sitzenden Sorge, wie es wohl in Zukunft um unsere Kirche bestellt sein wird.

Nun gibt es ja viele Menschen, die über dieses Problem nachgedacht und auch schon eine Menge getan haben und tun, um diesem Phänomen entgegenzuwirken. Immerhin werden z.B. die Kirchentage ja zu 2/3 von Menschen unter 25 Jahren besucht. Auf der letzten Landessynode unserer Kirche hat die Jugend sogar ein eigenes Forum erhalten: "Klartext" sollte sie mit den Kirchenvertretern reden. Und die waren angehalten, genau hinzuhören und das Gehörte auch in ihre Gemeinden zu tragen.

Allerdings habe ich bei solchen Aktionen immer das Gefühl, dass sie als Eintagsfliegen enden. Auf dem Kirchentag ist noch alles ganz toll, doch die Ernüchterung für Kirchentagsbesucher und Gemeinde lässt nicht lange auf sich warten. Hat man dort noch singende, tanzende, betende Jugendliche gesehen, denen das sogar Spaß zu machen scheint, so vermisst man sie vor Ort spätestens am nächsten Sonntag im Gottesdienst. Und auch bei der eben angesprochenen Landessynode war die Jugend zwar für einen Moment ganz interessant, aber von einer nachhaltigen Wirkung, die gar in die Gemeinden hineinreichen sollte, ist doch wenig zu spüren gewesen. Die Woche der Jugend in Rom, zu der Papst Johannes Paul gerade eingeladen hat, macht da m.E. auch keine Ausnahme.

Nun ja, was auf oberen Ebenen nicht klappt, dass sollte vielleicht ja in den einzelnen Gemeinden möglich sein. Auch hier wird ja darüber nachgedacht, was denn zu tun sei, um jungen Menschen den Weg zur Kirche zu erleichtern. Dort, wo ich zurzeit tätig bin, in Windesheim-Guldental, da haben sich sogar Presbyterinnen und Presbyter an einem Tag mit Jugendlichen zusammengesetzt, um miteinander ins Gespräch zu kommen und übereinander zu lernen. Viel geändert hat das – bisher – allerdings noch nicht. Kann es auch nicht. Denn bei der ganzen lobenswerten Diskussion wurden zwei Dinge sehr deutlich:

1. Diejenigen, die sich in den Gemeinden schon engagieren – Hauptamtliche wie Ehrenamtliche -, sind im Grunde nicht bereit, wirklich etwas zu ändern. Denn – ich spitze das jetzt einmal zu – sie engagieren sich ja, weil es ihnen so gefällt, wie es gerade ist. Warum sollten sie also etwas ändern wollen?

2. Diejenigen, die sich in der Kirche noch nicht engagieren, dies aber unter Umständen möchten – und von denen gibt es auch heute noch eine Menge und nicht nur unter den Jugendlichen -, lassen sich ihrerseits sehr schnell demotivieren. Wenn etwas nicht sofort umgesetzt wird, nicht direkt funktioniert oder nicht den versprochenen Erfolg bringt, dann ist es schwer, sie bei der Stange zu halten und wieder für eine neue Aufgabe zu begeistern.

Da ändert sich ja doch nichts – sagen die einen! Die sind doch viel zu jung und unerfahren – meinen die anderen! So, liebe Gemeinde, wird das nie etwas.

Und da wünsche ich mir schon – gerade von unserer Kirche – etwas mehr Zutrauen zu unseren Jugendlichen. "Sage nicht, ich bin zu jung!" Gott setzt in den jungen Jeremia sein vollstes Vertrauen und schickt ihn los, den Menschen zu sagen, wo es lang zu gehen hat.

Ich fände es spannend, würde sich eine Kirchengemeinde zu solch einem Vertrauen in ihre Jugend aufraffen können. Stellen Sie sich einmal vor: Da überträgt eine Gemeinde für ein Jahr das Gemeindeleben ihren Jugendlichen: sie wären es, die bestimmten, wann der Gottesdienst beginnen soll und wie lange er zu dauern hat; sie wären es, die entscheiden dürften, welche Lieder gesungen werden und von welchen Instrumenten sie in den Gottesdiensten begleitet würden; sie wären es, die vorschlagen könnten, welche Themen in den Gemeindekreisen besprochen würden usw.

Von gelegentlichem Beistand einmal abgesehen, wären sie es natürlich auch, die dafür zu sorgen hätten, dass alles so läuft, wie sie es sich vorstellen. Was meinen Sie, liebe Gemeinde, könnte so etwas funktionieren?

Ich schneide dieses Thema heute Morgen an, weil auch ich mir Sorgen mache – um unsere Kirche und um unsere Jugendlichen – und mit beiden um unsere Gesellschaft! Denn was wir in den letzten Wochen an Berichten über Gewalttaten rechtsradikaler Schlägertrupps hören und lesen mussten, ist nur zum Teil auf neonazistisches Gedankengut zurückzuführen. Der größte Teil dieser – meist – jungen Menschen fühlt sich von uns nicht ernst genommen. Wer sich nicht ernst genommen fühlt, der kann kein Selbstvertrauen gewinnen. Wer kein Selbstvertrauen gewinnt, der muss sich einen anderen Weg suchen, Stärke zu beweisen – was nicht selten mit körperlicher Gewalt versucht wird. Auf wen man einschlägt und warum ist dabei völlig egal, wichtig ist, man zeigt, dass man jemand ist.

Mich würde es interessieren, wie es Ihnen dabei geht. Ich jedenfalls werde das Gefühl nicht los, liebe Gemeinde, dass auch wir, die Kirche, die Gemeinden, zu wenig auf die Bedürfnisse unserer Jugendlichen gehört haben, ihnen zu selten die Möglichkeit gaben, sich in unserem Raum entfalten zu dürfen, ihnen nicht deutlich genug gesagt zu haben, dass auch sie ein Teil des Gemeindelebens sind. Es darf in unserer Kirche kein "zu jung" oder "zu alt" geben! Für Gott war weder Jeremia zu jung, um nicht Verantwortung zu tragen noch Abraham und Sara zu alt, um nicht eine neue Zukunft zu eröffnen.

Ich glaube tatsächlich, dass wir als Kirche dazu berufen sind, Menschen die Möglichkeit zu geben, Selbstvertrauen zu gewinnen indem wir jedem Einzelnen deutlich machen: bei uns ist möglich, was dir da draußen verwehrt wird; bei uns zählt nicht, was da draußen zum Überleben notwendig ist; bei uns bist du wer ohne es beweisen zu müssen.

Wenn es unserer Gesellschaft nicht gelingt, jungen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie gebraucht werden, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie sich andere Wege suchen, Anerkennung zu finden. Gleiches gilt für unsere Kirchengemeinden:

Wenn wir unseren Jugendlichen nicht das Gefühl geben, dass wir sie trotz ihres jungen Alters für unser Gemeindeleben wirklich brauchen und sie das auch nicht handgreiflich spüren lassen, indem wir ihnen Verantwortung übertragen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass kaum jemand von ihnen sonntags hier sitzt.

Als Christinnen und Christen sollten wir das Interesse haben, beidem entgegenzuwirken.

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