Sag nur ein Wort!

"Weißt du nicht, wie man seinen Hauptmann grüßt, Soldat?"
Der Gescholtene nimmt Haltung an und salutiert verlegen.
"Verzeiht, Herr, meine Augen gewöhnen sich immer erst nach und nach an die frühe Dunkelheit in diesem Lande. Es hieß, ihr würdet erst nächste Woche eintreffen."
"Nein, ich wollte früher kommen und mich nach dem Befinden der Kranken im Lazarett erkundigen. Was sagt der Lagerarzt?"
"Die neuen Rekruten haben sich alle vom Fieber erholt, die Betten sind leer. Bis auf eines."
"Du redest von meinem Knecht, nicht wahr?"
"So ist es leider. Er kann sich nicht mehr bewegen. Er stöhnt vor Schmerzen. Es muss ihm wirklich schlecht gehen. Er hat sich sonst nie etwas anmerken lassen. Am Ende des Monats fährt ein Getreideschiff nach Italien. Da wäre noch Platz für einen Kranken. Wenn er mal bis dahin durch hält. Soll ich das Nötige veranlassen?"
"Nein, es gibt noch eine andere Möglichkeit. Ich wüsste noch jemand, der ihm helfen könnte."
"Soll ich den Mann holen lassen?"
"Nein, da gibt es nichts zu befehlen. An den muss man anders heran treten. Darum werde ich mich selbst kümmern…."

"Als aber Jesus nach Kapernaum hinein ging, trat ein Hauptmann zu ihm. Der bat ihn." Du hast richtig gehört: Der BAT ihn. Was immer in unseren Köpfen herum spukt an Vorurteilen über Soldaten, das heutige Evangelium legt sich dazu quer. Der Vorurteile gibt es ja genug. Manche stellen sich beim Gedanken an Militär sofort eine kriegslüsterne Generalität vor, ordenbehängte Herren, die ohne Rücksicht auf zivile Opfer ihre Aufmarschpläne entwerfen. Das Wort Uniform bezeichnet für viele nicht einfach die Kleidung des Soldaten. Sie vermuten sofort ein uniformes Denken, ohne Persönlichkeit, ohne Menschlichkeit. Leute mit steinerner Miene, die in einheitliche Kluft gesteckt im Stechschritt auf Kasernenhöfen exerzieren.

So mancher geht beim Stichwort Soldaten innerlich auf Abwehr. Andere werden beim Gedanken daran einfach nur traurig. Wie die alte Frau, die täglich mit Wehmut auf das verblasstes Schwarzweißfoto in dem kleinen Rahmen schaut. Es steht seit vielen Jahren auf ihrer Kommode. Das war ihr Mann, der ist nicht heimgekehrt aus Russland, damals. Mit einer Mischung dieser Gefühle muss meine inzwischen 80jährige Tante in Paris zurecht kommen. Ihr Verlobter, den ich auch nur vom Foto in Uniform kenne, ist gefallen damals. Bei der Wortverbindung typisch deutsch hört sie, wie sie einmal sagte, ein Geräusch. Das zackige Zusammenknallen von Absätzen, gefolgt von einem kernigen Jawoll!. Und der Vater meines Patenkindes, damals Berufssoldat, kriegte beim Taufgespräch wiederholt einen verpult. Von einem Pastor, der selber auch schon in Uniform marschiert war, im Talar vor dem Atomkraftwerk. Und nun zog er sein Gegenüber wiederholt mit der Bemerkung auf: Nicht wahr, Herr Feldwebel? Es gibt viele Vorurteile gegen Soldaten. Heute wie damals. Wie zur Zeit Jesu. Wenn damals ein Jude einem römischen Soldaten begegnete, wechselte er gleich die Straßenseite. Diese ungläubigen Barbaren! Ungebeten kommen sie in unser friedliches Land, aus Rom, diesem Sündenbabel. Sie verrücken unsere angestammten Grenzen. Dann veranstalten sie eine Volkszählung um heraus zufinden, was ein jeder besitzt. Und dann werden wir zur Kasse gebeten. Von dem geraubten Geld bauen sie ihre Götzentempel. Seht nur, was für eine Frechheit! Da wagt sich schon wieder einer von denen auf unseren Markt. Wie er schon geht. Wie seine Abzeichen glänzen, das muss ein Hauptmann sein, ein Befehlshaber über eine Kompanie von 100 Mann! Er stellt sich vor das Stadttor. Was soll das? Suchen sie wieder jemanden? Wollen sie die Straße sperren? O, jetzt könnte es brenzlig werden, da kommt der Fischer Petrus, mit seinem Bruder Andreas, die Jünger hinterdrein, und Jesus mit ihnen. Auch sie wollen durch das Tor. Der Hauptmann stellt sich ihnen in den Weg. Wird er jetzt in barschem Ton einen Erlass verkünden, eine Repressalie androhen?

Aber was geschieht: Der Mann verneigt sich, fast sieht es aus, als ob er kurz gekniet hätte. Vorsichtig trägt er seine Bitte vor: "Herr, mein Knecht liegt z Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen." Ein Offizier, der sich um seinen Burschen Sorgen macht. Das Wohlergehen seiner Untergebenen liegt ihm am Herzen. Keiner von denen, die nur blinden Gehorsam verlangen. Keiner von denen, die einen kranken Soldaten als Schwächling argwöhnen, als wehleidige Simulanten, wo es doch in der Truppe auf ganze Kerle ankommt, die ohne Bedenken das ihnen Angeordnete ausführen. Dieser Hauptmann ist eigenartig. Wie kommt er dazu, sich wie ein Bittsteller vor Jesus zu verneigen? Er ist doch ein Mann mit Macht und Einfluss, seine Befehle werden befolgt, sein Wort gilt etwas.

Hier deutet sich an, was Glauben ist: Sich beugen vor dem Herrn aller Herren. Was aber wird Jesus tun? Den Juden ist doch der Kontakt mit den Heiden verwehrt. Bestimmt wird Jesus den fremden Soldaten danach fragen, weshalb er ihm so Großes zutraut. Ist dieser Hauptmann vielleicht ein Gottesfürchtiger, wie die bibelinteressierten Nichtjuden genannt werden?. Hat er vielleicht schon die Synagoge gesponsert mit mancherlei Spenden? Was weiß er über den Schöpfer Himmels und der Erde, den einzig wahren Gott. Gewiss wird Jesus dem auf dem Grund gehen wollen. Gewiss wird er fragen: Wie heißt dein Knecht? Ist er auch ein Römer? Wie ist er in Glaubensdingen eingestellt? Wie hat er bisher gelebt? Hat er sich seine Erkrankung vielleicht selbst zuzuschreiben durch leichtfertigen Lebenswandel? Und überhaupt hat Jesus doch sicher gerade etwas wichtiges vor und wird im günstigsten Falleinen späteren Termin vereinbaren. Aber nichts dergleichen! Kein Nachforschen, keine Bedingungen, kein Verschieben auf später! Jesus sagt: Ich will kommen und ihn gesund machen! Da winkt der Hauptmann ab: Nur keine Umstände! Er ist offenbar gar kein grobschlächtiger Quadratschädel. Er zeigt Feingefühl. Er will Jesus keine Schwierigkeiten machen. Ein Jude im Haus eines Römers, das gibt Gerede und Anstoß. Für ihn, den Hauptmann, bei der Behörde. Für Jesus bei allen Juden, die das mitbekommen. Bemüh dich nicht, sagt er…( V8-9 lesen). Natürlich könnte jetzt jemand sagen wenigstens das ist typisch Soldat. Der denkt nur in den Kategorien von Anordnen und ausführen, Befehlen und gehorchen. Herr, gebiete den unsichtbaren Mächten, und dann wird das schon irgendwie klappen, ich habe Macht und Autorität auf meinem Gebiet, du auf deinem. Aber das ist nicht typisch Soldat, sondern typisch Weltleute.

Ende März ist hier in Bremen in der Stadthalle ein Kongress, wo es darum geht, wie kann man heute Kinder für Gott, für Jesus, für die Wahrheiten der Bibel interessieren. Das wird veranstaltet von der Willow Creek Bewegung. Die daran teilnehmen, werden ein paar Tausend sein, die landauf landab in Jungschargruppen, Kindergottesdienst, Hauskinderstunden usw. Kinder zu begeistern suchen und neue Kinder, die noch nichts von Gott wissen, zu erreichen suchen. Es kommen schon jede Woche Anrufe von Leuten, die nur ein Quartier brauchen, wo sie sich mit ihrer Luma und Schlafsack hinlegen können. Das Gemeindehaus ist schon belegt wegen der Bibelwoche mit Eckard Krause, aber vielleicht hat noch jemand hier ein Zimmer frei fürs letzte Märzwochenende, die mögen mich bitte ansprechen.

Diese Willow Creek Bewegung hat einen großen Schwerpunkt: Sie wollen Entkirchlichte erreichen. Sie nennen diese in Glaubensachen weitgehende Ahnungslosen gerne Herrn und. Frau Meier. Die Meiers sind mit der Bibel nicht vertraut. Die Meiers sind unsicher, ob das von der Schlange im Paradies verführte Paar Adam und Eva oder Hänsel und Gretel hieß. Die Meiers sind unsicher, ob die beim Auszug aus Ägypten beteiligten Geschwister Mose und Miriam oder Mickey und Minney hießen. Die Meiers sind unsicher, ob der Prophet Daniel in die Löwengrube, in die Bärenhöhle oder ins Haifischbecken geworfen wurde. Die Meiers sind unsicher, ob der von David mit der Schleuder besiegte Riese Gulliver oder Goliath hieß. Die Meiers wissen nicht, wie man sich in einer Kirche benimmt. All das heißt keineswegs, dass sie geistlich behindert sind. Im Gegenteil, sie sind ganz normal. Sie sind, wie jeder Mensch ist, der eine tiefe Begegnung mit dem lebendigen Gott noch vor sich hat. Sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dieser Hauptmann war genau wie sie. Er hat keinen richtigen Glauben, weil er gar nicht weiß, was richtiger, korrekter kirchlicher Glaube ist. In der üblichen religiösen Sprache kann sich dieser Mann nicht ausdrücken. Er redet in Begriffen, die er kennt. Ich bin Soldat, sagt er. Ich habe Vorgesetzte. Wenn ich einen Befehl bekomme, muss ich gehorchen. Ich habe auch Untergebene. Wenn ich ihnen befehle, haben sie zu gehorchen. Er redet von sich. Aber er meint Jesus. Natürlich musst du deinem Chef gehorchen, dem Vater im Himmel. Aber deswegen hast du auch einen Befehlsbereich, wo du das Kommando führst.

Im Evangelium wird vorher erzählt, wie Jesus einen Aussätzigen heilt. Solche und andere aufsehenerregende Berichte von Jesus sind dem Hauptmann gewiss zu Ohren gekommen. Er sagt sich: Jesus hat Befehlsgewalt über Dämonen, über böse Krankheiten. Der kann da kommandieren, und die bösen Mächte müssen gehorchen.

Sprich nur ein Wort, das heißt: Gebiete der Macht des Bösen, das muss genügen. Jesus sieht den Mann an. Jesus fragt nicht danach, ob der Hauptmann den richtigen Glauben hat. Wir stellen solche Fragen. Jesus nicht. Im ganzen Evangelium wird nie einer gefragt, ob er den richtigen Glauben hat. Aber es ist mehrfach die Rede von großem oder kleinen Glauben. Der Glaube an Jesus ist nicht eine Sache der richtigen Worte, ist nicht eine Sache der richtigen Vorstellungen, sondern eine Sache des Vertrauens.

Sprich nur ein Wort, bittet der Hauptmann. Am Schluss der Geschichte wird erzählt, wie Jesus das dann tut: "Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast!" Und sein Knecht wurde gesund in derselben Stunde.

Wie wunderbar! Ein einziges Wort Jesu, und alles wird anders! Und wie kostbar und vielfältig die Geschichten in den Evangelien, wo ein einziges Wort Jesu die ganze Situation verändert. Da kommen zehn Aussätzige und schreien um Erbarmen. Jesus sagt einen einzigen Satz: Geht hin und zeigt euch den Priestern. Sie folgen diesem Wort und alle werden geheilt. Da wird eine Frau des Ehebruchs verklagt von den Hütern der Moral. Sie ziehen Jesus als Zeugen hinzu, er soll ihr Tun bestätigen. Jesus rät: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Da schleichen sie alle beschämt weg, von ihrem Gewissen überführt. Ein einziges kostbares Wort. Da ist der Mörder am Kreuz, der sein Ende nahen fühlt, aber er kann nicht in Frieden sterben, zu viel belastet ihn aus seinem verkorksten Leben. Herr gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus sagt: Wahrlich, heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Dieses Wort genügt, damit dieser Mann selig sterben kann. Kennst du auch so ein Wort Jesu, dass dich getragen hat? Das eine Situation verwandelt hat. Wie armselig empfinde ich viele der in den letzten Wochen die Buchhandlungen dominierenden Kalender und Bildbände mit den Spruchweisheiten kluger Geister aus aller Welt. Die Bilder sind ja klasse, aber die Sprüche geradezu armselig gegenüber den mächtigen Worten Jesu! Und selbst wenn da mal eine große Lebensweisheit auftaucht, weißt du denn genug über den, der sie formuliert hat, wie er oder sie gelebt hat und vor allem wie er gestorben ist?

Wie kostbar darum die Worte Jesu, denn dahinter steht seine Person, seine göttliche Autorität, seine Macht, und er hat diese Worte verbürgt mit seinem Leben und Sterben. Sag nur ein Wort. Hast du schon mal mit nur einem Satz eine Lage verändert. Ich hoffe, zum Guten! Wie leicht ist es manchmal, mit einem einzigen Satz eine Situation zu wenden: Das muss nicht die Ankündigung eines Wunders sein wie hier, das können scheinbar banale Sätze sein: Schön, dass du da bist. Du bist herzlich eingeladen. Oder wenn jemand jammert und sich beschwert über eine Veranstaltung, über einen Dritten, nur dieser Satz: Also mir hat es gefallen. Also ich teile diese Kritik nicht.

Neben diesem herrlichen Wort Jesu, wodurch alles gut wird, kommt aber noch ein ernstes Wort von ihm. Ein Vorwurf: "Solchen Glauben habe ich in Israel keinen gefunden." Jesus sucht etwas. Jesus sucht Glauben. Die Frommen pflegten zu sagen, wie ich auch heute immer wieder höre: Glaube ist selten. Zu finden ist er natürlich in der Kirche. Der wahrhaft rechte Glaube ist natürlich die Weise der Mitteilung, wie sie am ehesten hier bei uns entfaltet und verkündigt wird. Der da und die und die andern dort sind davon noch weit entfernt. Vorsicht! Damals sagten die Frommen auch: Der Hauptmann und Leute wie er sind weit weg von Gott. Die müssen sich erst mal bekehren und dann müssen sie lernen, wie ein Gläubiger lebt und dann müssen sie ihren Alltag entsprechend umstellen und dann sehen wir weiter. Jesus aber lobt den Glauben des Hauptmanns. Wahrscheinlich haben die Frommen nach dieser Begegnung gesagt: Sieh an, dieser stolze Hauptmann hat sich doch tatsächlich gebeugt und um Gottes Hilfe gebeten. Da haben wir uns wohl getäuscht. Na ja, in einem Einzelfall kann man sich schon mal irren!

Aber Jesus sagt nicht nur, ihr habt euch geirrt. Ihr müsst wohl oder übel anerkennen, der kriegt auch neben euch ein Heimatrecht in Gottes Himmel, ihr müsst dann das tun, wovor euch hier graust, euch mit ihm an einen Tisch setzen. Jesus sagt: Der kommt rein. Und ihr bleibt draußen. Jesus sagt nicht bloß: Da ist einer, bei dem ihr euch getäuscht habt. Er sagt: Es sind viele, wo ihr euch getäuscht habt. Viele, die ihr für ungläubig haltet, wird Gott in seinen Himmel aufnehmen. Und euch, die ihr euch für gerecht haltet, lässt er gar nicht hinein. Ihr werdet noch Augen machen!

Diese Geschichte streicht alle unsere Versuche, Glauben messen zu wollen, kräftig durch. Jesus bescheinigt diesem Mann mehr Glauben als den anderen, die täglich davon reden. Wenn schon so einem Hauptmann, bloß weil er Jesus ein Wunder zutraut, mehr Glauben zuerkannt wird als den Bibelkennern, die die Gebote achten und halten, die fasten, den Zehnten zahlen und täglich treu ihre Gebete verrichten, wie stehen wird dann da? Müssen wir nicht die Hand vor den Mund legen und sagen: Herr, du kennt die Herzen. Vergib, wo ich gerichtet habe, über andere Christen, über meine Kollegen, über unsere Nachbarn, über Täuflinge und ihre Angehörigen, die hier vorne gestanden haben, wo ich eingeteilt habe in Verstockte, Interessierte, Rechtgläubige, Laue, Abgefallene?

So zeigt dir das heutige Evangelium, wer Jesus ist: Einer, der Kranke gesund machen kann. Das wusstest du vielleicht schon lange. Das ist auch nur die halbe Wahrheit. Die andere ist: Jesus sucht Glauben. Und damit meint er nicht die rechte katholische oder protestantische oder evangelikale Dogmatik. Er meint den Glauben, der sich allein auf Gottes Wort verlässt. Den Glauben, der Jesus alles zutraut. Den Glauben, der auf alles unterscheiden und einteilen in Gerettete und Verlorene verzichten kann, weil man sich selbst erkannt hat im Lichte des heiligen Gottes.

Sag nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Das ist das Wort, das kranke Herzen und eine kranke Welt verändern kann. Das dich tragen will. Lass es auch dir gesagt sein.

drucken