Rosen und Luftballonherzen

Rosen und Luftballonherzen. Beides rot. Jede Menge davon gab es gestern vor einer Woche. Valentinstag. Tag der Liebe und der Verliebten. Heute: Biblische Worte dazu. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, dieses drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Ein bekannter Vers. Bei Brautpaaren äußerst beliebt. Verständlich. Es geht um die Liebe.

Und wenn uns – unabhängig vom 14. Februar – nach roten Rosen und Herzen zumute ist, wenn es uns so richtig gut geht, wenn die Schmetterlinge in unserem Bauch ihre Pirouetten drehen – dann, ja dann, liebe Gemeinde, können wir dem Apostel nur zustimmen: Die Liebe ist am größten.

Als unglücklich Verliebte oder Liebende, als einander gleichgültig gewordene Paare sehen wir das anders. Aber auch dann, liebe Gemeinde, behaupte ich: die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht nach erfüllter und erfüllender Liebe. Und das ist nichts anderes als die Sehnsucht nach einem erfüllten und glücklichen Leben.

Diese Sehnsucht ist so alt wie die Menschheit selbst. Damit bin ich bei der Gemeinde in Korinth. Sie waren – zugegebenermaßen – nicht die ersten Menschen. Aber für ihre Sehnsucht nach einem erfüllten Leben haben wir den Brief des Apostels als Zeugnis.

Eine noch sehr junge und kleine Gemeinde sind sie gewesen. Begeistert und ganz und gar bewegt von der neuen Religion des Christentums. Ganz fest haben sie mit dem nahen Ende der Welt gerechnet. Mit dem Wiederkommen Christi, mit der endgültigen Durchsetzung der göttlichen Ordnung.
Lange würde es nicht mehr dauern bis dahin. Und schon jetzt wollten sie Anteil daran haben. Schon vorher waren sie auf einen Vorgeschmack aus.

Auf dem Weg zu einem erfüllten Leben pflegten viele Menschen in Korinth die Zungenrede. Das war ein wildes, ekstatisches, unverständliches Gestammel. Die Menschen verglichen es mit Engelszungen. Auf diese Weise glaubten sie, Anteil an dem zu haben, wie es im Himmel zuginge – ihrer Meinung nach. Der zweite Weg der Korintherinnen und Korinther zu einem erfüllten Leben bestand im Prophezeien. Und darum prophezeiten sie vor sich hin, um zu verdeutlichen, dass sie himmlisches Wissen hätten.

Kurzum – die Korinther versuchten, ihre Sehnsucht nach einem erfüllten Leben zu stillen, indem sie sich selbst etwas Gutes taten.

Paulus war damit nicht einverstanden. Was hatte er noch mal geschrieben? Zungenrede – recht und gut, aber ohne die Liebe ist sie wertlos; Prophetie – recht und gut, aber ohne die Liebe hat sie keinen Wert; Erkenntnis – recht und gut, aber was nützt sie ohne die Liebe. Überhaupt – ohne die Liebe ist alles nutz- und wertlos.

Denn – so der Apostel – wie wird es denn sein, wenn die Welt vergangen und die Ewigkeit angebrochen ist? Wozu brauchen wir dann noch Zungenrede oder Prophetie oder Erkenntnis?

Weitaus wichtiger ist doch die Liebe. Diese „Himmelsmacht“, die wir auf Erden andeutungsweise als das Erfüllendste kennen lernen, das es gibt. Nicht Zungenrede oder Prophetie oder Erkenntnis vermitteln uns einen Eindruck der Ewigkeit – sondern die Liebe. In der gelebten Liebe erfahren wir ein Stück Ewigkeit.

Wie kommt der Apostel auf dieses „Hohelied der Liebe“? Er orientierte sich an Jesus. Der fleischgewordenen Liebe Gottes zu uns Menschen. Denn für das deutsche Wort „Liebe“ schrieb Paulus das griechische „agaph“. Dieses Wort wird oft mit „Gottesliebe“ widergegeben. Und um die geht es – strenggenommen – auch dem Apostel.

So zu handeln, wie Jesus es getan hat. Das ist und bleibt eine riesengroße Herausforderung. Ihm ging es nicht zuerst um die Liebe zwischen Verliebten. Sondern um die liebevolle Zuwendung zu denen, die als nicht liebenswürdig galten. Ich denke, jede und jeder von uns hat Menschen in seinem Umfeld, auf die das zutrifft. Manchen zeigen wir lieber unseren Rücken als ein liebevolles Gesicht.

Zu Lebzeiten Jesu auf Erden waren es z.B. die Aussätzigen. Und diejenige Randgruppe, die „Zöllner und Sünder“ genannt wurden. Verstoßen, verachtet und lieblos behandelt von den anderen Menschen. Nicht aber von Jesus.

Jesus hatte kein „Helfersyndrom“. Sondern er hat geholfen, weil er die Menschen liebte.
Und damit sind wir ganz dicht dran an der Bedeutung der „agaph“. Jesus hat die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar gemacht. Und er hat damit gezeigt, dass die Liebe den Menschen zu dem macht, wie Gott ihn haben will: zu einem geachteten und für wertvoll gehaltenen Menschen.

Solch eine Liebe ist der Weg zu einem erfüllten und gelingenden Leben. Viele Mensche in Korinth haben das nicht verstanden. Sie wollten sich mit Hilfe der Zungenrede, der Prophetie und der Erkenntnis den Himmel auf Erden holen.

Und wir?
Ich denke an die Grabsteininschrift: ‘Arbeit war sein Leben’. Das versucht mancher – nämlich die Arbeit zu einem Götzen zu machen, dem gedient wird.

Ich denke an die Lebenserfüllung, die uns die Werbung vermittelt und die viele auch gerne aufgreifen: Erfüllung durch Konsum – wenn es mir schlecht geht, dann kaufe ich mir etwas.

Ich denke an die vielen neuen religiösen Richtungen, die Programme der Erlösung: Kurse zur Selbstfindung, zur Selbsterlösung und zur Steigerung des Selbstbewusstsein.

Man kann die vielen Versuche, zu einem erfüllten Leben zu gelangen, sicherlich auch positiver schildern. Aber wenn wir – wie Paulus damals – den Maßstab der Liebe an all diese Möglichkeiten legen, dann müssen wir sie negativ bewerten. Denn bei diesen Beispielen ist nur das eigene Leben und das eigene Heil im Blick. Wahre Liebe aber ist immer auf den anderen gerichtet.

Dazu möchte ich eine rabbinische Geschichte erzählen: Ein Rabbi fragte einmal seine Schüler, woran sie den Augenblick erkennen, da die Nacht in den Tag übergeht. „Ist das der Augenblick“, fragte einer der Schüler, „wenn man einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es dann Tag, wenn man einen Feigenbaum von einer Dattelpalme unterscheiden kann?“ fragte ein anderer. „Falsch“, erwiderte der Lehrer. Da baten seine Schüler: „Sage uns doch, Rabbi, wann ist der Tag da und die Nacht verschwunden?“ „Das ist dann“, antwortete er, „wenn du ins Gesicht irgendeines fremden Menschen blickst und du erkennst deine Schwester, deinen Bruder. Bis dahin ist es noch Nacht.“

Es ist die Liebe, mit der wir die Nacht zum Tage machen. Sie ist die Kraft, die den anderen zu einem geachteten und für Wert gehaltenen Menschen macht. Es ist die Liebe, die mir ein erfülltes Leben schenkt und mich Anteil an der Ewigkeit nehmen lässt. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Nicht nur acht Tage nach dem Valentinstag.

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