Prüfstein des Glaubens

Liebe Gemeinde,

am heutigen Sonntagmorgen wird der Papst aus Anlaß des Jubiläumsjahres 2000 in einem Gebet Gott um Vergebung dafür bitten, was die Kirche in früheren Zeiten der Welt und den Menschen Furchtbares angetan hat. Gegner der Kirchen und des christlichen Glaubens bringen gerade immerwieder die Verbrechen der Kirche als Grund an, warum sie nicht glauben können und der Institution Kirche den Rücken gekehrt haben.

Als Christen und Kirche glaubwürdig für die Welt zu sein, wird an ihrem Tun gemessen. Jesus selbst hat gesagt, dass unser Tun uns vor Gott und vor der Welt als diejenigen ausweist, die zu ihm gehören.

Ein Gebet ist zuerst einmal gesprochenes Wort. Dann aber ist es von seinem Inhalt her auch eine Tat. Die Päpstliche Vergebungsbitte bzw. das Schreiben "Erinnern und Verzeihen" wird von der Weltöffentlichkeit mit großer Spannung erwartet. Wofür wird um Vergebung gebeten? Wer und was bleibt außen vor und wird dennoch von einer großen Zahl Menschen als Schuld der Kirche angesehen? Kann das Gebet um Vergebung ein Schritt hin zur Glaubwürdigkeit der Kirche und Christen beitragen? Wir wünschen es sehr. Wir hören genau hin.

Unsere Glaubwürdigkeit als Christen ergibt sich aus dem gelebten Wort. Daran werden die Menschen uns messen und beurteilen. Unser Tun nach dem Wort entscheidet über unsere Glaubwürdigkeit. Unser Reden und Tun stehen allezeit auf dem Prüfstand. Das hat auch Paulus so erlebt. Auf dem Prüfstand steht aber noch viel tiefer gehend, wie wir als Christen und Kirche mit Leid, Not, Trauer und Tod umgehen.

Andere schauen darauf, wie wir uns in den notvollen Ereignissen unseres Lebens als Christen verhalten. Wird für sie sichtbar, daß wir trotz aller Verzweiflung und Trauer im Glauben gehalten sind? Niemand erwartet von uns protzige Glaubensstärke. Aber wie gehen wir damit um, wenn uns unser Partner oder gar unser Kind stirbt? Wir fragen auch nach dem Warum. Wir klagen um die große Not, die uns getroffen hat. Wir sind verzweifelt und ratlos. Trotz unseres Glauben sitzt der Schock tief und baut sich ganz langsam ab.

Wir ertragen es in Nöten nicht, wenn uns jemand gleich mit Gottes Willen oder oberflächlichen christlichen Worten kommt. Wir ringen um unseren Weg und auch um unseren Glauben. Ein schwerer Schicksalsschlag wird immer auch ein Prüfstein des Glaubens sein. Nicht Gott prüft uns. Das Ereignis stellt uns und unser Leben infrage. Der Unterschied zu Menschen ohne Glauben und Hoffnung liegt darin, dass wir Gott unsere Not in die Hände legen. Wir bitten ihn, uns seine tröstende und helfende Nähe spüren zu lassen. Vielleicht ist es gerade dieser letzte Rest eines schon fast verzweifelnden Mutes, mit dem wir an Gott festhalten. So betete auch Jesus am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Die Adresse für unsere Klagen und Anklagen, für unsere Zweifel und Verzweiflung, für unsere Angst und Not ist Gott. Auch dann, wenn wir ihn infrage stellen. Gott aber sagt: «Ich will dein Gebet erhören. Es wird eine Zeit der Gnade für dich geben, einen Tag, an dem du meine Hilfe erfährst!»

Gott hört unsere Gebete. Er nimmt uns wahr in unseren Nöten und Ängsten. Was wir ihm zu sagen haben, kommt immer bei ihm an. Er ist offen für uns. Er wird auf unser Gebet antworten. Wir werden getröstet werden. Er wird uns halten. Gegen alle Erfahrung vertrauen wir ihm darin, dass uns nichts von ihm trennen kann. Keine Krankheit und kein Tod reißen uns aus seiner Hand. Wenn wir unser Leben nicht verstehen, so bleiben wir dennoch in ihm geborgen.

Wenn wir nach der Glaubwürdigkeit unseres Glaubens und Gottes gefragt werden, ist es gut, aus unserem Leben zu erzählen. Da ist dann nichts, worauf wir stolz sind. Wohl aber staunen wir und danken Gott. Als wir keine Kraft mehr hatten, betete er in uns. Als wir keinen Glauben mehr hatten, glaubte er an uns. Als wir verzweifelt aufgaben, schenkte er uns neue Hoffnung. Das wollen wir einander und anderen erzählen.

Vielleicht finden Sie sich in den Empfindungen und Fragen von Dietrich Bonhoeffer wieder, der von den Nazis am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde. Er schrieb diese Gedanken 1944 im Gefängnis:

"Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten. Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, angetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Danken, zum Schaffen, matt und bereit von allem Abschied zu nehmen? Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Siege? Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, o Gott!"<p align="right">(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Siebenstern TB Nr. 1, Hamburg, 7. Auflage 1971, S. 179)<p align="left">Erzählen Sie von Ihren Erfahrungen mit unserem Gott!

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