Pfingsten ist so wie …

<i>[Die am Ende angeführte Karte habe ich über die Gottesdienstberatung in Nürnberg bestellt.]</i>

Liebe Gemeinde,

Pfingsten ist ein ganz gewöhnliches Fest, nicht so außergewöhnlich wie Ostern und Weihnachten. Es ist zwar auch mit einem Wunder verbunden, doch ist dieses Wunder eher eine Randerscheinung oder wirkt wie eine Ausgestaltung der Erzählung. Hier geht es weder um eine Jungfrauengeburt oder die Auferstehung eines Toten, sondern um ein wunderbehaftetes Massenereignis.

Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind beisammen. Wie schon vorher nach der Auferstehung Jesu treffen sie sich regelmäßig, vielleicht sogar schon am ersten Tag er Woche, um Jesu zu gedenken und sein Werk weiterzuführen. Zu diesem regelmäßig wöchentlichen Treffen kommt nun als zweites Ereignis ein jüdisches Fest, das Wochenfest, das erste Erntedankfest, Fest der ersten Feldfrüchte. Das bedeutet nun für das erste Ereignis, soviel Jüngerinnen und Jünger, wie an diesem Tag, waren vorher nie zusammen. Sicherlich sind einige aus der galiläischen Landbevölkerung unter ihnen, die zunächst zurückgekehrt waren, wie es ja auch der Auferstehungstradition entspricht. Jerusalem ist dazu voller Menschen, Juden und Judenfreunde aus aller Herren Länder. Die Aufzählung einiger Länder haben wir gehört.

Es geschieht also nun ein Wunder in der menschlichen Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger. Das Wunder hat zwei Formen, eine bildlich symbolische Form: wie das Rauschen eines Sturmes vom Himmel her, auf den andere aufmerksam werden können und das Erscheinen von kleinen Feuerflammen über jedem einzelnen von ihnen, die aber nicht heiß sind wie Feuer, also eher kleine Lichter darstellen. Die andere Form betrifft die Sprache: Andere, die hinzukommen hören die Jüngerinnen und Jünger immer in ihrer eigenen Muttersprache reden, sie verstehen also, was diese sagen. Das Pfingstwunder ist trotzdem unspektakulär.

Es ist der Geburtstag der Kirche. Der heilige Geist wird erfahrbar.

Die symbolischen Erscheinungen von Feuer und Wind ließen sich, wenn man das ganze verfilmen würde, gut darstellen. Viele Filme leben ja geradezu davon, solche Phantasie – Elemente einzubauen. Diese haben natürlich immer eine Bedeutung und jeder weiß: der Sinn des Ganzen wird bildlich dargestellt. Die Erscheinung des Feuers und des Windes weisen, das ist im Vergleich mit anderen Bibeltexten völlig klar, auf die Erscheinung der Gegenwart Gottes hin. Vor dem Volk Israel auf der Flucht aus Ägypten erscheint Gott nachts wie eine Feuersäule und zeigt ihr den Weg. Den Flammen, die nicht verbrennen, begegneten zuvor schon Mose am heiligen Berg im brennenden Dornbusch. In der gleichen Geschichte, beim Empfang der Gebote, begegnet Gott Mose persönlich in Form eines Windes, der vorbeizieht. Wo solch Wunderbares geschieht, zeigt sich die Gegenwart Gottes selbst. Das ist nach der Auferstehung Christi erstaunlich, ist doch Gott eigentlich in ihm erschienen, und hat in Kreuz und Auferstehung den Auftrag vollendet. Was aussteht ist die Wiederkunft des Erlösers, um alles endgültig ins Reine zu bringen. Hier wird also deutlich, dass unsere christliche Religion eine gottbezogene und auf die Gegenwart Gottes ausgerichtete Religion ist und bleibt. Sie beerbt damit ganz klar viele Elemente des Judentums, ja ist quasi das Judentum in messianische erneuerter Form.

Die Kirche ist nach Pfingsten das neue Volk Gottes. Der neue Tempel ist nun da, wo der Geist Gottes gegenwärtig ist. Daher hat diese neue Form des Judentums die Tempelreligion nicht mehr nötig, wenn sie sich auch zunächst daran anlehnt. Gott hat keinen festen Wohnort mehr sondern ist universal, im Geist jederzeit gegenwärtig. Eine neue Religion entsteht immer dann, wenn sich ein wesentlicher Bestandteil der Gottesvorstellung wandelt. Das ist mit der Erscheinung des Messias in Jesus von Nazareth geschehen. Gott ist gegenwärtig – Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da. Gott wird im Geist erfahren – und dadurch, das muss man zugeben, auch ein wenig entzaubert. Doch die Kirche ist nun gerade kein neuer Tempel. Kirche ist nur ein Symbol dafür, dass Gott jederzeit und überall gegenwärtig ist und auch in seiner Gegenwart den Menschen im Geist erscheinen kann. Wie es an anderer Stelle heißt: „Gott wohnt nicht (mehr) in Tempeln, die von Menschenhand erbaut sind.“ Unsere Kirchen sind also kein besonderer Ort der Gegenwart Gottes, sondern nur ein besonderer Ort der Anbetung. Gott selbst ist überall und Gottes Geist kann überall erscheinen. Der Geist ergreift von Menschen Besitz.

Damit ist nun das zweite besondere Pfingst – Ereignis angedeutet, denn die Gegenwart Gottes wird im Glauben personalisiert. Sie ist eigentlich nur in einer menschlichen Person gegenwärtig, alles andere sind symbolische Übertragungen dieser Erfahrung. Sie wird dadurch natürlich auch gemeinsam erfahren, das macht ja Kirche geradezu aus, dass sie eine Gemeinschaftserfahrung ist. Die ist ja die zweite Form des Pfingstwunders. Die Erfahrung der Gegenwart des heiligen Geistes macht etwas mit den Menschen, um die es geht. Zunächst die Jüngerinnen und Jünger: Sie machen den Mund aufn und reden. Endlich ist die Schweigezeit vorbei. Das Evangelium des Messias wird nur dann lebendig bleiben, wenn es ausgesprochen wird. Petrus wird durch den Verfasser Apostelgeschichte zum Vorredner. Er erklärt lediglich den Fremden den ganzen Vorfall. Nein, diese sind nicht betrunken, sie sind allenfalls berauscht von der Gegenwart Gottes selbst. Der Geist hat sie überwältigt. Sie haben an sich selbst erfahren, was schon im Prophetenbuch Joel verheißen ist: „’Wenn die letzte Zeit anbricht, sagt Gott, dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist* aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten*. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus, und sie werden als Propheten reden.’“

Die Jüngerinnen und Jünger sind nun ja nur das, was sie schon mal waren: Boten Christi und ausgesandt zu predigen und zu heilen. Sie hatten den Auftrag nur vergessen, oder dachten erst, er sei seit dem Tod Christi entfallen. Doch am Ende der Osterzeit stand ihn der Auftrag vor Augen und er selbst war schon durch den Auferstandenen entgrenzt worden: „Gehet hin in alle Welt und macht zu Jüngerinnen und Jüngern die Menschen aller Völker.“ Jetzt geht’s los, könnten man in der Fußballsprache sagen. Hier kommt eine Mannschaft, der man keinen Pokal vorenthalten wird. Ihre Kraft stammt aus der Gegenwart Gottes im Geist selbst. Der Philosoph Friedrich Hegel hat im 19. Jahrhundert sogar gemeint, darin den Ursprung der menschlichen Geschichte zu sehen, in der sich der Geist Gottes verkörpert. Jede Geschichte sei ein immer währende Prozess der Vervollkommnung des Geistes. Der menschliche Geist gliche sich dem göttlichen Geist an oder werde praktisch dazu. Das ganze 20 Jahrhundert von der Atombombe bis zum Holocaust war dann die praktische Wiederlegung dieser Theorie. Um so heller erscheint uns doch nun das Pfingstwunder. Der Geist Gottes kann von Menschen Besitz ergreifen, kann Menschen tatsächlich ändern und verändern. Aber er bleibt darin immer noch der unverfügbar göttliche Geist, der immer nur dort ist, wo er sein will.

Doch nun zum Wunder selbst, das der göttliche Geist äußerlich gesehen bewirkt: Die fremden Juden und Judenfreunde aus aller Welt, als Festpilger in Jerusalem weilend, kommen hinzu und erfahren wundersames. Sie hören die Menschen aus Galiläa in ihrer eigenen Sprache von den Wundern Gottes reden. Das ganz ist wahrscheinlich weniger aufregend als wir vermuten, weil die Sprache in den meisten Fällen Griechisch war. Aber wie sollten diese Galiläer, die nur Aramäisch sprachen und ein wenig Hebräisch verstanden, nun auch noch Griechisch und Latein sprechen. Was auf das Sprachenwunder folgt, ist das Wunder des Verstehens, und darum geht es vor allem. Außerdem ist der Missionsauftrag in der Geschichte der Kirche auch immer ein Auftrag zum Erlernen fremder Sprachen und Schriften gewesen. Immerhin gibt es kein Buch, das in so viele Sprachen übersetzt ist, wie die Bibel.

Was ist nun das Pfingstwunder und womit kann man es heute vergleichen?

Ist es eine Diskussion, wie ich sie in der vorletzten Woche erlebte, in der Fachleute verschiedener Fachrichtungen der Fachhochschule bemüht waren, einen gemeinsamen Verstehenshorizont zu finden. Dies unter dem Dach der Hochschulgemeinde damit und damit nicht ganz unwesentlich auch vom Geist Gottes mitbewirkt.

Oder ist es ein wenig so wie das Internet, in dem Menschen rund um den Globus miteinander vernetzt sind und ihre Gedanken austauschen können. Dabei ist allerdings das Internet durchaus nicht immer mit dem Geist Gottes beseelt, sondern auch mit ganz anderen Geistern, sogar mit dem Geist des Bösen, wenn man an die Vorbereitung des 11. September 2001 denkt. Aber eine gemeinsame Sprache, international, das ist schon eine sehr pfingstliche Sache. Das es so etwas je geben würde, hat doch bis vor wenigen Jahren niemand vorher gewusst.

Oder ist Pfingsten so etwas wie der Songcontest, der Grand Prix de da Eurovision de la Chanson? Bei dem wurde diesmal die Wahl dadurch möglich, das erstmalig, so wie ich glaube, alle Menschen in Europa zu einer telefonische Wahlentscheidung aufgerufen haben. Die Auswahl geschah also in einer Art europäischen Basisdemokratie per Telefon. Innerhalb von 20 Minuten konnten Millionen über Telefon entscheiden, welcher Song am besten erschien, und das klappte auch, indem die Abstimmungen in den verschiedenen Ländern wiederum telefonisch zusammengetragen worden sind. Man mag zu dem Wettbewerb stehen wie man will, klar ist: So etwas ist in Europa das Gegenteil von Krieg und nach dem, was im 20. Jahrhundert hier so los war ein Pfingstwunder. Andererseits war es wiederum nur eine Veranstaltung eines gemeinsamen Marktes, aber vielleicht folgen auf die Gegenwart des Geistes Gottes auch immer mal wieder menschliche Märkte.
Jedenfalls ist Pfingsten das Wunder der übernationalen Verständigung in der Gegenwart des göttlichen Geistes. Diese Wunder wiederholt sind nicht beliebig. Aber innerhalb und auch manchmal außerhalb der Kirche kann es sich einstellen, Männer und Frauen, Alte und Jungen habe Träume und Visionen und sprechen darüber.

Zur Predigt des Pfingstfestes möchte in nun noch einen kleinen Nachtrag geben. Die Postkarte von Siger Köder, die sie mitnehmen dürfen, soll ihnen das Pfingstfest noch einmal bildlich vor Augen führen. Das Bild ist mit seinen zwei Hauptbildern eine Ausschnittsweise Darstellung der großen französischen Kathedrale zu Chartres. In dieser Kathedrale wirken vor allem das Licht der Glasfenster und hüllen den Raum in sakrale Stimmung. Dies ist von den Erbauern so gewollt. Gotische Kirchen sind ein Abbild des himmlischen Jerusalems und wollen damit auch an die Verheißung erinnern. Das blaue Glasfenster passt thematisch dazu, denn es zeigt das jüngste Gericht. Die zwölf ovalen Fenster um das runde Zentrum können an die zwölf Stämme Israels, an die zwölf Apostel, aber auch an die zwölf Stunden einer Uhr erinnern. Das Fenster ist nicht im Chorraum, sondern im Turm und zeigt damit nach Westen, dort, wo die Sonne untergeht und die Zeit endet. Dazu gehört nun auch das berühmte Labyrinth, das jeden, der es betritt, auf umständlichem aber sicherem Weg in die Mitte führt. Der universale Geist Gottes ist in jedem Menschen dieses Glaubens, der sich vom Weg des Glaubens leiten lässt. Soweit die Kirche. Doch was wäre der Glaube ohne die Liebe. Der Geist Gottes kann nicht in Dogmen und Bekenntnissen erstarren. Er kann nicht in Kirchenmauern eingesperrt werden. Wo die Liebe geschieht, die aus dem Geist Jesu kommt, ist immer auch Kirche. Der Rosenstrauß ist damit auch ein Symbol Jesu Christi. Nur durch die Liebe wird Gott als Vater im Himmel mit dem Sohn und dem heiligen Geist zu einer Einheit. Gottes Liebe will menschlich werden, will und wird sich ereignen. Das ist dann Pfingsten, täglich.

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