Perlenband des Glaubens

<i>[Das in der Predigt verwendete "Perlenband des Glaubens"
wird über den Verlag "Eltern und Kinder" vertrieben. <a href="http://www.verlag-eltern-und-kinder.de/start.html" target="_blank">http://www.verlag-eltern-und-kinder.de/start.html</a>.]</i>

Liebe Gemeinde,

unser Bibeltext öffnet uns fünf Türen. Fünf Tore, die uns einen Weg hin zum Thema „Gott“ aufmachen könnten. Ich formuliere das mit Absicht etwas verhalten. Denn hinter zweien dieser Türen geht es ziemlich rasch in den Keller, wo wir Gottes Gegenspieler vermuten könnten, nicht aber ihn selbst. Ich nenne diese Türen: „Wüste“ und „Dunkles Tor“. Hinter den drei anderen Toren treffen wir auf einen nahezu neuzeitlichen Prediger knapp nach der Steinzeit, einen Mystiker und schließlich auf einen Chor wagnerianischen Ausmaßes. Diese drei wollen uns himmelwärts führen. Ob das auch deinem Lebensplan, liebe Schwester und lieber Bruder in Christus, entspricht und somit für dich eine erstrebenswerte Wegstrecke ist – das vermag ich nicht zu sagen. Drum formuliere ich es lieber etwas verhalten.
Welche Tür, welches Tor nehmen wir als erstes? Ich weiß, die mit der Rutsche
in den Keller befassen schon jetzt ihre Neugier. Es ist ja seltsam – nicht wahr? – die vermutete Hölle verspricht mehr Lebensnähe als der Himmel.

„Und die [..] Tore waren Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle“, heißt es im Buch der Offenbarung (Off 21.21) Dieser Vers mag uns dazu dienen, das eingangs verwendete Bild nochmals zu verändern, d.h. biblisch zu präzisieren. Wenn wir durch eine Kirchentür gehen, sind wir noch nicht bei Gott. Gehen wir aber durch eines der Perlentore, dann mag uns sein Antlitz leuchten. Der fußgängige Weg ist äußerlich, der wahre Weg innerlich.

Hier in meiner Hand halte ich ein Perlenband, das „Perlenband des Glaubens“. Es ist klein und aus der Ferne kaum zu erkennen. Das Perlenband soll uns dennoch deutlich vor Augen führen, dass alle Tore und Türen in die Mitte führen und es soll uns zugleich sagen, dass es an uns liegt, welche Tür wir wählen – oder – wählen müssen. Im Gehorsam gegenüber unserem Bibeltext schenken wir den in ihm erwähnten Toren die meiste Aufmerksamkeit.

Das Tor des Mystikers

Beginnen wollen wir unseren Weg mit dem, was am Anfang unseres Bibeltextes steht und mit dem, was uns am meisten beschäftigt: Unsere Träume und Wünsche an das Leben. Öffnen wir also das „Tor des Mystikers“, die Tür mit der Überschrift „Tiefe des Reichtums“. Was könnte ich nicht alles werden – oder – geworden sein? Ein Staranwalt, dessen Scharfsinn und Redekunst Menschen vor schlimmstem Unrecht bewahrt. Eine Ärztin, deren Heilkunst Kinderleben in kriegsverwirrten Ländern rettet. Ein Erfinder, der Automobile geschaffen hat, deren Abgase Bäume und Blumen erblühen lassen. Oh je, welche Träume! Drei Perlen an unseren Band tragen den Namen „Perlen des Geheimnisses“, womit unsere Wünsche an das Leben gemeint sind und nicht unsere im Dunklen begangenen Taten, derer wir uns schämen. Wer von uns wäre nicht gerne jemand, der dem Leben dient? Wollten wir Reichtum weltlich verstehen, müssten wir zur Sparkasse gehen. Verstünden wir das Wort aber geistlich als Perlentor zu Gott, dann führt das Tor ins Leben. Denn darüber müssen wir uns doch innerlich Klarheit verschaffen: Bin ich selbst, sind mein Ruhm, mein Erfolg, mein Gewinn, mein Ansehen, meine
Beliebtheit die Geheimnisse meines Lebens? Sind das alle meine Wünsche? Mehr nicht? Paulus, der uns den heutigen Bibeltext geschrieben hat, verwarf seine Lebenspläne als ihm Christus aufleuchtete. Da erst erkannte er das wirkliche Geheimnis seines Lebens, seine Bestimmung, nämlich Prediger des Herrn zu werden.
Unsere Lebenskrisen sagen uns doch genau das gleiche, was sie schon Paulus
zugeraunt haben: Dein Leben ist nicht stimmig. Stimmig erst wird es erst dann, wenn du bereit bist, Gottes Stimme zu dir reden zu lassen. Lasse es
doch zu, dass Gottes Stimme mehr Gewicht bekommt, als deine Träume! Hinter der Tür des Mystikers vermuten wir Himmelsschauen und tiefe Einsichten, die uns berauschen. Doch der Gang hinter dieser Tür ist kurz und
unversehens müssen wir die nächste Tür öffnen.

Die Wüste

Um seiner Bestimmung gewahr zu werden, musste Christus durch die Wüste gehen. In unserem Perlenband steht dafür die braune Perle. Erdfarben und real stürmen die Gedanken auf mich ein: Was soll nur aus mir werden? Was sind
meine nächsten Schritte – – in der Wüste? Ganz auf mich allein gestellt am
brennend heißen Ort der Prüfung, der Selbstbesinnung und der Versuchung. Tagsüber ist die Wüste brennend heiß, nachts hingegen fürchterlich kalt. Von Berufs wegen muss man kalt, berechnend, unbarmherzig und gewinnorientiert sein. Vom Herzen her aber wäre man so gerne mitfühlsam, verständnisvoll und menschlich. Doch die in der Wüste Einheimischen warnen: „Verlass nicht unsere Trampelpfade“. Man hört ihren Rat und weiß doch tief im Innern, dass aus ihnen nicht Gottes Wahrheit spricht. Unsere Lebenstage in der Wüste sind unsere schlimmsten, weil wir alle Orientierung verloren haben. Nur das Überleben zählt. Jahrzehnte lang tun wir so, als stünden wir immer noch vor dem Tor des Mystikers. Träumen nachts vom Leben, während wir tagsüber Sand und Staub schlucken. Wie lang der Wüstenweg ist bestimmt Gott. Er kämpft so lange mit uns, bis wir seiner gewahr werden. Dann öffnet sich die nächste Tür. Das Tor des Predigers In seinem hymnischen Text zitiert Paulus den alten Propheten namens Jesaja, den Propheten, der kurz nach der Steinzeit mit erstaunlicher Klarheit falsche Gottesbilder zerstörte. „Da habt ihre euch Bilder gemacht“, spottet er, “und kniet nieder vor euren Zahlen, die doch nur Tinte auf hinfälligem Papier sind. Da kniet ihr nieder vor den Sternen, deren Deuter euch sagen, was sein könnte, aber ER sagt euch, was sein wird. Für was ihr euer Leben nicht alles wegzuwerfen bereit seid! Das Leben, das Gott euch gegeben vergeudet ihr zu eurer eigenen Lust. Tausend Stunden gafft ihr die Vorführung des Lebens im Fernsehen an. Eine Stunde aber für des wahren Gottes Wort ist euch unerträglich und der Weg zu weit und die Stunde zu früh. Warum könnt ihr nur anbetend vor dem verharren, was von euch selber kommt? Warum könnt ihr nicht anbetend knien vor dem wahren Gott?“ In unserem „Perlenband des Glaubens“ finden wir sechs „Perlen der Stille“, sechsfach eine Tür, ein Tor zu Gott, der uns in Frage stellt. Das lässt nichts Gutes verheißen. Und man ahnt, die nächste Tür ist das „Dunkle Tor“.

Das Dunkle Tor

Diese schwarze Perle muss jeder durchschreiten, wer zu Gott kommen will. Die schwarze Perle steht für die Zeiten der Krise. „Warum tut Gott mir das alles an?“ lautet unsere Frage in den Zeiten der Krise. Warum muss ich das alles erleiden? Warum geht es mir immer schlechter? Was habe ich getan, um solch ein Urteil zu ertragen? Ich habe doch soviel Gutes getan? Ich habe mich eingebracht, mich engagiert, mich aufgeopfert, mein Leben dahin gegeben für meinen Mann, seinen Beruf, unsere Kinder, unser Haus, unsere Pläne. Zur
Vergeltung aber erfahre ich nur täglich neues Leid. Krise kommt vom griechischen Wort „Krisis“ her, was soviel wie „Unterscheidung“ bedeutet. In Krisen muss ich Entscheidungen treffen. Weil in Krisenzeiten unsere mystischen Lebensträume zerplatzen – wenn sie hohl waren – neigen wir dazu, Gott zu hassen. Erst der, der seinen Lebensweg im Feuer Gottes geläutert empfängt, mag ruhiger werden. Doch dazu ist der Weg durch das „Dunkle Tor“ nahezu unvermeidlich. Das dunkle Tor ist, so sehr wir es hassen, Teil unserer Weg strecke hin zu Gott. Dafür steht das Kreuz, das Jesus Christus getragen hat. Die Teilhabe am Kreuz bleibt keinem von uns erspart. Jede/r von ihnen, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus; weiß um das ganz persönlich auferlegte Kreuz, das zu tragen unser Teil ist. Ob wir es wollen oder nicht, es ist Bestandteil des „Perlenband des
Glaubens“, ein Tor, das uns Wegstrecken im Leben auftut und zumutet, die wir schweren Herzens und zaghaft gehen müssen, gehen dürfen? Wahr ist doch auch dies, dass diese Tür nicht die einzige ist, die wir im Leben durchschreiten können. Im Perlenband, das ich hier in Händen halte, sind weitere Tore symbolisiert. Die blaue Perle z.B. steht für die lebenszugewandte Gelassenheit das zu ertragen, was Gott uns auferlegt hat. Die große, weiße Perle symbolisiert unsere Taufe und damit Gottes Zusage, unser Leben gelingen zu lassen. Die ebenfalls weiße und gleich große Perle steht für unsere Hoffnung der Wiedererstehung des Lebens nach dem „Dunklen Tor.“

Der Chor

Wir wollten uns auf den vom Predigttext vorgezeichneten Weg einlassen. Er könnte uns nach Prüfung unserer Lebensträume vor dem Angesicht Gottes und dem Wüstenweg der ersten Bewährung durch das Tor des kritischen Predigers und durch das „Dunkle Tor“ hin zu Gott, dem Urgrund und Quell unseres Lebens führen. Ich formuliere das etwas verhalten, denn ich weiß natürlich wie du darum, dass es in einer Predigt leicht erscheinen mag, von diesem Weg zu erzählen. Im wirklichen Leben aber bleibt es offen, ob ich – im Sinne der trinitarischen Lehre von Gott, Himmel und Hölle, mich und dich, ihn und uns als Einheit, als Weg, als Bewegung, als Ziel begreife. In den guten Stunden unseres Lebens mögen wir bekennen: Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen. Ich weiß nicht, ob Wagner diesen Vers vertont hat, aber ich könnte mir gut
vorstellen, wie das bei ihm klingen würde: Voller Leben. Und am kräftigsten singen wir mit, wenn statt unserer Träume Gotes Wege für uns wahr geworden sind.

Das ist Gottes Ziel für dich und mich.

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