Osterstimmung

Liebe Ostergemeinde,

trotz Frühling scheint sich eine bleierne Depression über Deutschland gelegt zu haben. Die Wirtschaftsaussichten sind trübe.
Viele haben Angst vor der Zukunft. V.a. im Hinblick auf Rente und wirtschaftliche Zukunft, aber auch im Hinblick auf die vielen ungelösten Probleme wie Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung, Überalterung, Terrorgefahr.

Durch die vielen Kürzungen herrscht allgemein ein schlechtes Klima. Viele ziehen sich zurück. Sie fragen sich mit einem gewissen Recht: wieso soll ich mir für andere z.B. im Verein ein Bein ausreißen, und dann bekomme ich keinen Dank, sondern nur Kritik?

Menschen, die aus den USA nach Deutschland zurückkommen, fällt auf, wie muffelig und griesgrämig hier alle sind. Wir brauchen dringend eine Oster-, Frühjahrs- und Aufbruchsstimmung in unserem Land. Nicht umsonst standen die Veranstaltungen von Gewerkschaften und Arbeitgebern zu den Sozialreformen unter dem Motto Aufstehen.

Da kommt Ostern gerade richtig. Wenn es ein Fest der Hoffnung gibt, dann ist das Ostern. Wie schaffen wir aber, dass diese Hoffnung nicht nur in der Kirche zur Sprache kommt, sondern in unserm Alltag wirksam wird?

Das wichtigste ist zu hören. Mit ganzem Herzen zu hören. Denn was uns gegeben ist, Gottes Wort, kommt uns nicht nur aus vergangenen Zeiten entgegen, sondern aus der Ewigkeit Gottes. Hier gibt es also eine Kraft, die unbeeinflusst ist von dem alltäglichen Gefühl des Niedergangs und der Kränkung, dass wir Deutsche unsere wirtschaftlich und sportlich starke Stellung verlieren. Hören auf Gottes Wort – das hilft uns heraus aus einem Teufelskreis, wo sich das Schlechte selbst verstärkt. Denn hier kommt eine andere Zeitebene ins Spiel. Hier wird etwas in uns zum Klingen gebracht, das unsere Seelen mit der göttlichen Welt verbindet.

Ich lese uns den heutigen Predigttext aus 1. Korinther 15,12-20 in der Übersetzung der Zürcher Bibel. Wir haben diesen Text ja gerade als Epistellesung in der Lutherübersetzung von Frau Fuhrmann gehört.

[TEXT]

Gegner des Paulus bezweifeln, dass es eine Auferstehung der Toten gibt. Paulus argumentiert nun: das ist das Kernstück unseres christlichen Glaubens, dass Jesus Christus nicht im Tod gelassen würde. Dann hätten ja seine Gegner gesiegt, die ihn ans Kreuz geschlagen haben. Und wenn Jesus Christus von den Toten auferweckt wurde, dann kommt durch ihn das neue Leben zu allen Menschen. Dann werden alle Menschen von Gott, ihrem Schöpfer, nicht im Tod gelassen.

Für Paulus hängt das also unmittelbar zusammen: Jesus Christus wurde auferweckt. Also werden auch wir auferweckt. Diese beiden Tatsachen des Glaubens lassen sich nicht voneinander trennen.

Versuchen wir, uns das vorzustellen und nachzufühlen, inwiefern wir in unserem täglichen Leben mit Jesus Christus verbunden sind!

Wenn es mir schlecht geht, dann weiß ich: Jesus Christus kennt das, denn er hat das menschliche Leben in all seinen Tiefen kennen gelernt. Er ist der Freund, der mich versteht. Mit meinen Schwierigkeiten kann ich mich im Gebet an ihn wenden. Mit Jesus, der gelitten hat, bin ich verbunden. In der Taufe wurde mein Name mit Jesus Christus verbunden. Und jetzt geht Jesus als mein Freund, der mich versteht, mit mir durchs Leben.

Wenn es mir gut geht, kann ich mich mit Jesus Christus verbunden fühlen. Voller Vertrauen hat Jesus gelebt. Er hat die Schönheit der Natur wahrgenommen. In vielen Gleichnissen hat er von der Schönheit der Schöpfung gesprochen. Vieles, was er gesagt, ist ein Jubel voller Gottvertrauen. Die Zukunft hat Jesus beschrieben als eine Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit herrschen.

Was mich mit Jesus Christus verbindet ist das Kreuz. An diesem Tiefpunkt ist zugleich der Wendepunkt. Gott lässt ihn nicht in der Ohnmacht des Foltertodes. Jesus war wirklich draußen, unten durch, out. Es war eine große Schande, dieser Tod am Kreuz. Wer am Kreuz hing, war wirklich verstoßen. Nicht umsonst hatten alle Freunde ihn verlassen. Und das Volk, das ihm eben noch als Befreier zugejubelt hatte, verspottete ihn.

Am Tiefpunkt ist der Wendepunkt – weil Gott eingreift. Liebe Gemeinde, diese Erfahrung machen wir immer wieder. Auch Menschen ohne Glauben machen diese Erfahrung. Uns aber, die wir glauben können, hilft die Verbindung mit Jesus Christus. Das Kreuz auf uns nehmen, mutig durch den Tiefpunkt hindurch gehen – das können wir mit dem Blick auf unser Vorbild und unseren Freund Jesus Christus. Wir sind auch in der tiefsten Tiefe nicht allein. Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt, heißt es im Lied.

Diese christliche Botschaft ist schon oft verkündet worden. Sie hat ihren Widerhall gefunden in dem Spruch: Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Natürlich ist das hier sehr blass und ohne Tiefgang ausgedrückt. Trotzdem können wir als Christinnen und Christen an solche Sprüche und Überzeugungen anknüpfen. Sie müssen auf ihren Grund verwiesen werden, Jesus Christus, der unser Leben teilt. An seinem Geschick, Kreuz und Auferstehung, haben wir Anteil. Und so geschieht uns das Heil.

Wir sind also hier wirklich beim Kern der christlichen Botschaft. Gott ist der, der für Gerechtigkeit sorgt. Er lässt nicht den, der ungerecht ans Kreuz geschlagen wurde, im Tod. Er lässt nicht die brutale Macht des Staates, der Waffen, der Intrigen der einflussreichen Familien am Ende gewinnen. Das Leben voller Liebe, das Jesus Christus geführt hat, ist nicht abgeschnitten und beendet und unwirksam gemacht worden. Durch die Auferstehung fängt es an, durch den Tod hindurch erst richtig wirksam zu werden.

Wir sagen gerne als Sprichwort: die Hoffnung stirbt zuletzt. Jesus Christus ist die Hoffnung in Person. Und wir können sagen: die Hoffnung ist früh gestorben, aber als erstes auferweckt worden. Und mit ihm beginnt die Geschichte der Hoffnung, die sogar den Tod überwindet. Mit ihm beginnt die Geschichte der Hoffnung wider alle Hoffnung. Er ist der Erstling der Entschlafenen.

Liebe Ostergemeinde, jedes Jahr feiern wir Ostern. Heute am Ostermontag ist das diesjährige Ostern fast schon wieder vorbei. Wir wissen schon längst, dass dieses lebensschaffende Leben, dieses Leben voller Überschwang, voller Überwindungskraft, auch uns erreichen und verändern will. Wie kann das geschehen?

Wenn wir morgen die Zeitung aufschlagen, werden uns wieder depressive Nachrichten erreichen, ja, eigentlich schon heute abend in den Fernsehnachrichten oder schon vorher durch das Autoradio.

Ich wünsche uns, dass wir diese Botschaft von Ostern hier aus der besonderen Atmosphäre der Kapelle mitnehmen können. Ich wünsche uns, dass wir in unserem Alltag mit all dem, was uns belastet und ärgert, etwas spüren von diesem neuen Leben und von dieser Kraft Gottes, die sich von nichts und niemandem niederhalten lässt. Gott, der den Tod überwindet, kann auch uns in unseren Schwierigkeiten helfen. Wenn wir Gott in unseren Herzen haben, dann gehen wir den Weg, der zum Heil führt. Das ist der Weg mit den wenigsten Schwierigkeiten und Widerständen. Aber es ist der Weg, auf dem uns Christus erscheint, erkannt oder unerkannt. Und es ist ein Weg, auf dem wir unsere Schwierigkeiten bewältigen, überwinden und in den Griff bekommen, unsere Trauer, unsere Ängste, unsere Kränkungen, die Lasten, die wir aus unserer Vergangenheit mit uns rumschleppen.

Als Christinnen und Christen sind wir mit Christus verbunden. Das heißt: wir können durch Schwierigkeiten und Dunkelheiten hindurchgehen. In uns ist das Leben selbst wirksam. In uns und unter uns ist die Hoffnung als erstes auferweckt worden.

Liebe Ostergemeinde, ich will das durch eine Geschichte veranschaulichen. Ein Mann geht in einen Laden, in dem man alles kaufen kann. Er hat neu geöffnet und er hatte geworben: Es gibt nichts, was es bei uns nicht gibt. Er verlangt: Weltfrieden, Gerechtigkeit für alle und Fähigkeit für alle Menschen, in liebevollen und befriedigenden und glücklichmachenden Beziehungen zu leben.

Die Verkäuferin lässt sich durch diese Forderung nicht aus der Ruhe bringen. Sie geht ins Lager und kommt mit drei kleinen grünen Tüten zurück. Tatsächlich: da steht auf den Tüten: Weltfrieden, Gerechtigkeit für alle Menschen und Glück für alle Menschen.
Der Mann fragt erstaunt: Ein so großes Gut soll in so kleine Tüten passen?

Die Verkäuferin antwortet: Tja, da ist der Samen drin. Aussäen und pflegen der kleinen Hoffnungspflanzen, das müssen Sie schon selbst besorgen.

Liebe Gemeinde, zum Fest der Hoffnung wünsche ich uns die Kraft der Hoffnung. Lassen Sie uns mit unseren Möglichkeiten der allgemeinen Niedergeschlagenheit entgegenwirken. Lassen Sie uns begründet und mit Gründen die Hoffnung leben. Begründet durch den Grund unseres Glaubens. Mit Gründen, weil von uns Christinnen und Christen ausgehend das Wahrnehmen, das Fühlen und das Handeln anders wird.

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