Ostern zu verkaufen

Normalerweise stehe ich hier ja, um zu predigen. Heute mache ich da mal eine Ausnahme. Ich habe da nämlich ein unglaublich attraktives Angebot für Sie, ein Schnäppchen, das Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen sollten. Ich verkaufe Ihnen Ostern! Ja., wirklich! Ostern! Also mit allem drum und dran, samt Grablegung und garantierter Auferstehung. Und das alles für schlappe 140.000 Dollar! Finanzierung selbstverständlich möglich zu einem effektiven Jahreszins von, sagen wir, drei Prozent. Und wem das doch noch zu teuer erscheint, dem kann ich unser Special-Paket „Ostern-Light“ empfehlen, für weniger als die Hälfte. Da wird dann zwar nur Ihr Kopf auferweckt, aber was spielt das schon für eine Rolle, immerhin sparen Sie über 50 Prozent! Einziger Wermutstropfen bei der ganzen Sache: Wir schaffen das nicht in drei Tagen, so weit sind wir noch nicht. Aber, wir arbeiten dran und glauben Sie mir, im Tod vergeht die Zeit wie im Fluge und ob Sie da einen Tag oder Tausend Jahre warten, ist Ihnen völlig egal. Also, kommen wir ins Geschäft?

Nein? Kein Interesse? Ach, Sie meinen das ist ein Witz? Aber ich bitte Sie, würde ich hier vorne stehen und Witze machen? Mitnichten! Denn seit der Mensch mathematischen Formeln und seinen eigenen Augen mehr traut als seinen besten Freunden unterlässt er nichts unversucht, all das, was er durch seine Wissenschaftsgläubigkeit verloren hat, sich auf eigene Faust wieder zurückzuholen. Und das betrifft natürlich auch den größten, phantastischsten Traum, den er seit Menschengedenken träumt: seine Unsterblichkeit, ja das ewige Leben! Und er lässt nichts unversucht, diesen Traum zu verwirklichen. So hat er zum Beispiel gerade damit begonnen, sich selbst zu klonen, sozusagen eine Kopie von sich anzufertigen, die er immer dann hervorholen kann, wenn das Original verbraucht ist. Und in den USA – und da komme ich auf mein Angebot zurück – sucht seit nunmehr drei Jahren ein Architekt ein geeignetes Grundstück für ein ganz besonderes Bauwerk. Es soll 50.000 Verstorbenen Platz bieten, die sich mit ihrer Sterblichkeit nicht abfinden wollen und sich einer Spezialbehandlung unterziehen, der so genannten "Kryonik", was nichts anderes bedeutet, als sich in einem besonders schonenden Verfahren einfrieren zu lassen und darauf zu hoffen, dass man in ein paar hundert Jahren wieder lebendig aufgetaut wird. Und das beste daran ist: es sind noch ein paar Plätze frei! Also: Ostern für 140.000 Dollar – kein Witz!

Ehrlich, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre! Denn hinter all den für meine Ohren oft total verrückt klingenden Versuchen, den Gevatter Tod endgültig aufs Arbeitsamt oder in Rente zu schicken, steckt ja eine unglaublich große Angst, die in uns allen ganz tief drin sitzt: die Angst vor dem endgültigen Ende. Immer wieder haben wir in unserem Leben damit zu kämpfen. Sei es in der Ehe oder in der Familie; unter Freunden und in den alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen; in der Ausbildung oder später im Beruf; ob im Krankenhaus oder dann schließlich auf dem Sterbebett – überall droht immer wieder ein endgültiges Aus. Für den Menschen, der weiter denken kann als bis zum nächsten Augenblick, ist das eine unerträgliche Vorstellung. Kein Wunder, dass er dem nicht wehrlos ausgeliefert sein möchte. Doch ist der Rückzug auf das, was sich berechnen lässt und technisch machbar ist, der richtige Weg, dieser Angst zu begegnen und ihr Herr zu werden?

"Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich." (V.14) schreibt Paulus. Viele Menschen glauben nicht an die Auferstehung Jesu, andere haben ihre Zweifel. Sie passt nicht in unser modernes Weltbild. Heutzutage muss alles wissenschaftlich bewiesen und erklärbar sein – selbst ein Wunder! Wir glauben, damit das Leben besser in den Griff zu bekommen, im wahrsten Sinne des Wortes berechenbarer zu machen. Mag sein, dass uns das große Fortschritte in allen Bereichen unseres Lebens beschert hat. Aber sind wir auf der anderen Seite nicht in der Gefahr, unglaublich viel zu verlieren? Zum Beispiel den Glauben an ein Leben, das ich mir nicht erkaufen oder erarbeiten muss, das sich jeder und jede leisten kann, weil es uns geschenkt wird? Das von menschlicher Geisteskraft und intellektuellen Fähigkeiten unabhängig ist und deshalb allen offen steht, auch denen, die schon lange vor uns gestorben sind? Das nicht auf besondere Art und Weise konserviert werden muss, weil es kein Verfallsdatum besitzt? Ist das nicht das lohnendere Ziel unserer Sehnsucht nach dem Leben?

Aber nein, wir konzentrieren uns lieber auf das, was jetzt schon machbar ist, was sich diesseits verwirklichen lässt, das ich anfassen, beeinflussen, gestalten, begreifen kann. Paulus meint dazu: "Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen." (V.19) Will heißen: Wer nur das gelten lässt, was mit dem Verstand nachvollziehbar ist, macht sich selbst zu einem geistlichen Krüppel. Wer allein auf das Irdische, das Diesseitige baut, den Fortschritt der Wissenschaft, der Medizin, der Technik und darin seine ganze Hoffnung auf ein Leben nach dem oder ohne den Tod setzt, der betrügt sich am Ende selbst. Denn so wenig wir den Tod im Griff haben, so wenig haben wir Macht über das zeitlose, von jedem Zerfall befreite – ich könnte auch sagen: ewige – Leben. Selbst wenn es dem Menschen einmal gelingen sollte, eine perfekte Kopie von sich zu machen, so bliebe dies doch immer nur eine Kopie und nicht das Original. Und selbst wenn es einmal möglich sein würde, tiefgefrorene Leichen wieder zum Leben zu erwecken, so würden diese Menschen doch nur ihr altes, schon gelebtes Leben wiedergewinnen, von dem sie sich schon einmal haben verabschieden müssen. Ist das unser Traum vom ewigen Leben?

Ostern mit seiner – Gott sei Dank – unbeweisbaren Auferstehungsbotschaft ist dagegen ein Angebot, sich ein Leben zu eröffnen, das unabhängig ist: unabhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen, unabhängig von medizinischer Forschung, unabhängig von kulturellen Errungenschaften, unabhängig von politischen Entscheidungen, unabhängig von philosophischen Betrachtungen, ja auch unabhängig von religiösen Überzeugungen! Denn das wahre Leben, nach dem wir uns alle sehnen, verspricht uns nur Gott allein. Daran zu glauben ist keine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung! Wir müssen uns nur fragen, ob wir es für möglich halten, dass unser Gott, so wie er uns durch die beiden Testamente überliefert ist und wie ihn uns Jesus aus Nazareth nahe gebracht hat, die Geschichte tatsächlich mit dem Karfreitag enden lassen würde. Nein und nochmals nein! Jesus, so schreibt Paulus, war der erste der Auferstandenen. (V.20) Wir anderen – die Lebenden und die Toten – werden ihm eines schönen Tages folgen. Daran sollen wir uns im Leben und im Sterben halten. Denn überall dort, wo der Mensch an seine Grenzen stoßen wird, da bleibt diese Hoffnung von Ostern bestehen. Und wer sich ihr anvertraut, hat die Chance, diese Erfahrung vom leeren Grab, das – wie wir es in der Lesung gehört haben – die Frauen damals vorgefunden haben und von der Paulus seiner Gemeinde in Korinth schreibt, auch im eigenen Leben zu entdecken. Ostern kann man nicht erfinden und auch nicht beweisen und schon gar nicht verkaufen. Ostern kann man – im wahrsten Sinne des Wortes – nur erleben. Und darum hoffe ich, dass jede und jeder unter uns einmal in den Genuss kommt, schon jetzt etwas von dieser Lebenskraft zu spüren. Denn nur mit dieser Hoffnung und solchem Glauben in unseren Herzen ist die Heidenangst vor einem endgültigen Ende zu überwinden. Am Ostermorgen ist für uns Christinnen und Christen der Tod gestorben und das Ende allen Endens hat begonnen.

Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Das soll unsere Predigt sein, die wir uns selbst und den lebenshungrigen Menschen Tag für Tag auf den Kanzeln und in den Straßen halten sollen! Dafür braucht niemand 140.000 Dollar und noch nicht einmal Kirchensteuern zu zahlen. In diesem Sinne – fröhliche Ostern!

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