Ora et labora

‚Wir klagen uns an, dass wir nicht treuer gebetet haben’, so eines der Schuldeingeständnisse innerhalb des Stuttgarter Schuldbekenntnisses der evangelischen Kirchen von 1945. Nicht gebetet zu haben gehört zur großen Schuld der Kirche nicht nur damals, sondern in vielen Situationen bis heute. Nicht genug gebetet zu haben angesichts von Terror und Gewalt, angesichts von leid und Elend. à ChristInnen haben Verantwortung für die Welt. Die müssen sie wahrnehmen im Gebet und in der Tat.
Umso erstaunlicher, wenn die Erinnerung aus einer Kirche kommt, die in der Minderheit ist, und von ihrer nichtchristlichen Umwelt bedroht wird. Lassen wir uns als von unseren Schwestern und Brüdern erinnern mit dem, was sie vor gut 1900 Jahren geschrieben haben:

[TEXT]

In unserem Text geht es erst in zweiter Linie um das Gebet des Einzelnen. In erster Linie geht es um das gemeinsame Gebet der Gemeinde, das Gebet im Gottesdienst.

Geradezu Bedingung für das Gelingen eines christlichen Gottesdienstes ist das Gebet für alle Menschen und für die Regierenden. In diesem Gebet spricht nicht einfach die Gemeinde mit Gott, sondern sie macht sich zum Sprachrohr aller Menschen auch der Menschen, denen Gott nichts bedeutet. Durch den Mund der Gemeinde kommen die Bitten zu Gott und er will seine Welt retten.

Erstaunlich – was der Gemeinde hier an Stellvertretung zugetraut und zugemutet wird. Erstaunlich auch, was dem Gebet zugetraut wird.

Erstaunlich – was der Gemeinde hier an Stellvertretung zugetraut und zugemutet wird. Das Gebet für die Regierenden, auch wenn die Gemeinde unter ihnen leidet. Von der Kirche der DDR wird berichtet, dass zu ihren Gottesdiensten das Gebet für die Regierung dazu gehört, auch wenn gerade diese Regierung viel Leid in den christlichen Familien verursacht hat.

Erstaunlich auch, was dem Gebet zugetraut wird. Die Gemeinde kann nicht ruhig bleiben, sie kann nicht so tun als wäre ihr das Leid der Welt egal. Es gilt Fürbitte zu tun für Amerikaner und Iraker, für die Regierung in Amerika, in Israel und in Palästina. Gebet auch für Gestalten wie Saddam, Bush, Bin Laden, Arafat, Sharon, Pinochet und Hitler.

Nur weil Menschen ChristInnen sind, sind sie keine besseren Menschen, keine Elite, sondern Teil einer gefallenen Welt, Teil einer Welt, die nicht so ist, wie Gott sie gewollt hat. Sie gehören zu dieser Welt, für die sie beten müssen und an deren Verbesserung sie nicht unbeteiligt sind.
Gebet kann nie nur individualistisch sein. Es kann schon gar keine egoistische Veranstaltung bleiben. Ein christliches Gebet hat immer auch die Anderen im Blick, speziell das gottesdienstliche Gebet. Eine Gemeinde, die nur für sich selber betet, betet verkehrt. Sie will und muss für Andere beten, vor allem aber für die, die Verantwortung tragen und die, die in Nöten sind. Gemeinde, die sich nur um sich selber dreht, hört auf Gemeinde zu sein, hört auf, Salz der Erde zu sein.

Es gibt einen großen Unterschied zischen gottesdienstlichem Gebet und privatem Gebet. Das private kann engagiert persönlich sein. Das gottesdienstliche hat da seine Grenzen, dass sicher gestellt sein muss, dass auch die Schwestern und Brüder JA sagen können.

Gebete sind nicht einfach Ausdruck von Hilflosigkeit – das vielleicht auch, sie sind genauso Ausdruck der Hoffnung mit Gottes Hilfe etwas bewegen zu können. Gebete während des Dritten Reiches, während der DDR-Zeit, Gebete für die Gefangenen, die amnesty international benennt. Solche Gebet, besonders wenn sie öffentlich sind, machen auch angreifbar.

‚Beten heißt: Sich aus der Angst der Welt aufmachen und zum Vater gehen.’ Hat Friedrich von Bodelschwingh gesagt. Beten heißt, die Welt wahrzunehmen, so wie sie ist, sich keine Illusionen zu machen über das Unrecht von Menschen, die einem nahe stehen und darüber, dass die Recht haben können, die mir so ferne sind. Und dann mit allem zu Gott gehen, mit meiner Erlösungsbedürftigkeit genauso wie mit der der Anderen. Dann kann ich in Frieden Gott bitten, dass er uns aller erlöst, uns Wege zum Frieden, zur Liebe und zur Gerechtigkeit schenkt.

Und dann darf ich das Meine tun, diese Welt zu ändern und auf Gott und seine Gemeinde vertrauen, dass das Notwendige geschieht. Etwa im sinne von ora et labora – der alten Mönchsregel: Bete und Arbeite. Beides gehört im Leben der Gemeinde zusammen oder wie Martin Luther es ausdrückt: ‚Man muss beten, als ob alles Arbeiten nichts nützt, und arbeiten, als ob alles Beten nichts nützt.’

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