Ohne Osterhoffnung kein Gottvertrauen

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja – Haben wir eigentlich schon begriffen, was das heißt, welche Sprengkraft darin steckt, wie sehr diese Botschaft die Welt und das Leben verändern kann, obwohl sie schon fast 2000 Jahre alt ist? Sie sprengt alle Vorstellungen und alle Räume, eigentlich darf sie gar nicht hier in dieser Kirche bleiben, sondern muss hinaus an die Gräber auf unseren Friedhöfen und zu den Kreuzen dieser Welt. Zu jedem Opfer, zu jedem Leidenden, zu jedem Verfolgten, zu jedem um sein Leben fürchtenden und kämpfenden, zu jedem, der schon verloren hat, der nicht mehr fragt, ruft, kämpft, sondern schweigt gehört diese Botschaft: euch wird Gerechtigkeit widerfahren, Schluss mit der Todestyrannei, wir als Söhne und Töchter Gottes sind endlich frei (EG 94), der Tod ist vom Leben verschlungen.

Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Paulus sagt: das ist das ganze Evangelium. Das ist die frohe Botschaft schlechthin. Und ich könnte und ich wollte nicht glauben, wenn es sie nicht gäbe! Ich könnte und ich wollte nicht glauben, wenn das Kreuz die einzige und die letzte Wirklichkeit wäre. Für sich genommen ist es nämlich nur ein Symbol der Niederlage, der geplatzten Hoffnungen, der Ohnmacht angesichts der Gewalt, des Todes, der alles zerstört und auslöscht. Ein Ort der unerhörten Schreie nach Gerechtigkeit und Leben, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit ziehen und auf eine Antwort warten, dass allen, denen Unrecht getan wurde, Gerechtigkeit widerfahren wird. Für sich genommen, ist das Kreuz nicht mehr als das, was mit ihm uns immer wieder begegnet: der Tod.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja. Erst diese Erfahrung lässt die Ereignisse in Jerusalem in einem ganz anderen Licht erscheinen: für uns gestorben. Und es ist eine Erfahrung , die sich nicht leugnen lässt. Es ist die Erfahrung, die man beim Namen nennen kann: Kephas oder Petrus, die Zwölf, die Fünfhundert, Jakobus, die Apostel. Damals kannte man sich. Und Paulus, doch noch ganz und gar Kind seiner Zeit, hat uns von den Frauen noch gar nichts berichtet, sondern bloß verschämt sich selber noch nachgeschoben, nicht weil er eitel ist, sondern, sondern weil er authentisch selber in den Zeugenstand treten kann. Ich habe es erfahren mit einer Wucht, die mich zu Boden geworfen und umgekrempelt hat, kann er denen sagen, die meinen es gäbe keine Auferstehung. In unserer mediengerechte Welt würde die Argumentation wahrscheinlich so klingen: „Fakten, Fakten, Fakten und nicht die Zeit des Lesers verschwenden.“

Bei Paulus klingt das in seinem schon übernommenen Glaubensbekenntnis so: Christus gestorben, begraben, auferstanden am dritten Tag und erschienen. Und seine Beweisführung, das sei allen Skeptikern und Lüdemanns und wie sie sonst noch heißen gesagt, ist lückenlos. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden , Halleluja.

Haben wir das also schon begriffen oder sind wir immer noch in der Defensive den Skeptikern gegenüber, die sich als die vermeintlich besseren Realisten verstehen? Christen sind keine Skeptiker, Christen sind Hoffnungsmenschen. Und als solche sind sie keine Spinner, keine Phantasten, sondern die wahren Realisten:

· weil sie an die Wirklichkeit und Schönheit des Lebens glauben,
· weil sie an der Unverwechselbarkeit und Kostbarkeit eines jeden einzelnen Menschen festhalten und diese auch nicht durch den Tod zerstören lassen
· weil sie daran festhalten, dass es für alle Gerechtigkeit geben wird, auch für die, die gar nicht die Chance haben das Leben zu kosten, die von Anfang an nur in einen Überlebenskampf hineingeboren werden, bei dem sie dann schnell den Kürzeren ziehen müssen
· weil sie immer und immer wieder den Neuanfang für möglich halten.

Ich glaube, dass unser österlicher Glauben nichts von seiner Klarheit und Eindeutigkeit verlieren darf. Es geht um das Evangelium selbst, das, was wir von unseren Vätern und Müttern geerbt und empfangen haben und wie einen kostbaren Schatz bewahren dürfen. Es geht darum, an ihm festzuhalten gegen alle Todesmächte.

Ich weiß, dass die Versuchung groß ist, das Evangelium geschmeidiger zu machen, intellektuelle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, Anstößiges zu glätten. Die Auferstehung ist anstößig. Unser Alltag sagt uns, tot ist tot und das Leben muss so oder so weitergehen. Es ist ein guter gemeinter Versuch in solchen „Lebensrealismus“ einen anderen, sanften, selbstverständlichen Umgang mit dem Tod hineinzuholen und vom Kreislauf des Lebens, von Werden und Vergehen zu reden.

Aber es ist zuwenig, wenn die Kraft des Evangeliums sich darauf beschränkt heute aus uns Gutmenschen zu machen, um uns dann im Tod verschwinden zu lassen. Ja, der Tod ist Teil des Lebens, wie sollte ich das leugnen. Ich erlebe ihn, zunächst immer als den Tod anderer mal mit größerem und mal mit geringerem Schmerz, aber er wird irgendwann dann auch mein Tod sein und dennoch höre ich nicht auf gegen ihn zu protestieren, gegen ihn an die Unzerstörbarkeit des Lebens und an Gottes Liebe zum Leben zu glauben, nicht nur um meiner selbst willen, sondern um all derer willen, denen es nicht geschenkt ist im Rhythmus von Werden und vergehen alt und lebenssatt zu sterben.

Das Evangelium ist mehr als Moral und Appell für heute und morgen, es ist die Hoffnung auf Ewigkeit und da darf ich ganz konkret träumen, von denen, die ich verloren und geliebt habe, mit denen ich gerne noch ein Wort gewechselt hätte, mit denen ich nicht ins reine gekommen bin. Ohne Osterhoffnung kann es kein Gottvertrauen geben. Erst Ostern lässt mich verantwortungsvoll leben, hilft mir loszulassen, Abschied zu nehmen, zu trauern, hilft mir den Tod als Teil des Lebens anzunehmen. Mit dem Apostel Paulus kann ich nur sagen: ich erinnere euch, liebe Schwestern und Brüder, an das Evangelium, das ihr angenommen habt und in dem ihr feststeht, durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden. Mit ihm werdet ihr Hoffnungsmenschen. Oder wie Jürgen Moltmann ins seiner kleinen Hoffnungslehre einleitend schreibt: „christliche Hoffnung ist die Kraft der Auferstehung aus den Versagungen und den Niederlagen des Lebens. Sie ist die Kraft der Wiedergeburt des Lebens aus den Schatten des Todes. Sie ist die Kraft zum neuen Anfang, wo durch Schuld Leben unmöglich gemacht wurde. Denn sie ist Geist vom Geist der Auferstehung des verratenen, misshandelten und verlassen Christus. Durch seine göttliche Auferweckung von den Toten wurde jenes ausweglose Ende Christi am Kreuz auf Golgatha zu seinem wahren Anfang.“ (Im Ende – der Anfang, S. 9)

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