Ohne Liebe kein Glaube zum Leben

Glaube kann Berge versetzen, liebe Gemeinde – und, wie wir am 11. September auf grauenvolle Weise erfahren mussten, auch Wolkenkratzer zum Einstürzen bringen, Tausende Menschen in den Tod reißen. Glaube, das mag uns in den vergangenen Tagen vielleicht wieder bewusster geworden sein, ist etwas sehr machtvolles. Und er kann auf schreckliche Art missbraucht werden, das haben die Ereignisse in New York, Washington und Pittsburgh deutlich gezeigt. "Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen." – dieser Vers hat auf einmal nicht nur etwas ermutigendes, sondern er kann im Angesicht der Fernsehbilder der letzten Woche auch bedrohlich wirken und Angst machen …

Die Welt ist seit dem Terroranschlag in den USA nicht mehr dieselbe, wird immer wieder gesagt. Vieles, was vorher klar und eindeutig war, ist auf einmal unsicher und fragwürdig geworden. Das betrifft nicht nur die Aktienkurse und den DAX an der Börse, sondern – was viel beunruhigender ist – auch den Frieden, den zumindest die westlichen Länder bisher für sich in Anspruch nehmen konnten. Ob es nun um die Frage der inneren Sicherheit geht, die Möglichkeit einer Teilnahme deutscher Soldaten an einem Vergeltungsschlag der USA oder auch um Übergriffe gegen muslimische Bürgerinnen und Bürger in unserem Land – das Sicherheitsgefühl der Menschen und das Selbstbewusstsein unserer Gesellschaft haben einen erheblichen Knacks bekommen.

Es liegt wohl auch daran, dass die Kirchen während der Trauer-, Gedenk- und Friedensgottesdienste voller waren als sonst und auch von vielen jungen Menschen aufgesucht wurden. Der Schock über die maßlose Gewaltbereitschaft der Terroristen, Hilflosigkeit gegenüber dem unermesslichen Leid der Opfer, Angst vor der eigenen, auf einmal unsicherer gewordenen Zukunft – das mögen Gründe gewesen sein, die Gemeinschaft mit anderen zu suchen, sich ein Mut machendes Wort zusprechen zu lassen und, für viele sicher wieder einmal nach langer Zeit oder sogar zum ersten Mal, zu beten. Und vielleicht lag in all den vielen Worten, die da laut ausgesprochen oder in der Stille gebetet wurden, ja auch die Bitte um einen stärkeren Glauben …

Die Situation, in der sich die Apostel befinden, als sie Jesus um einen stärkeren Glauben bitten, ist ähnlich: auch sie sind verunsichert. Denn gerade hat ihr Rabbi ihnen deutlich gemacht, wie anfällig der Mensch ist und sie vor Verführung und Abfall gewarnt. Dass sie ihm folgen schütze sie nicht vor den Gefahren, die einem im Leben immer wieder begegnen. Und dass sie seiner Botschaft Vertrauen schenken bewahre sie noch lange nicht vor einem Missbrauch ihres Glaubens.

Die ganze Welt schaut ja in diesen Tagen auf den Islam und viele entdecken, dass auch diese Religion verschiedene Gesichter hat. Noch am Tag der Katastrophe äußerte der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Dr. Nadeem Elyas, sein tiefes Mitgefühl für die Opfer des Terroranschlags und verurteilte dieses Verbrechen: "Wer immer die Hintermänner dieser blutigen Tat sind, bei dem Islam können sie keine Rechtfertigung für ihre Tat finden." Und weiter: "Wer sich Terrorismus, Gewalt und Ermordung unschuldiger Zivilisten als politisches Mittel bedient, kann sich nicht auf den Islam berufen. Wir beten für eine friedliche Welt, die frei ist von Gewalt und Terrorismus." Wie Dr. Nadeem Elyas denkt wohl die Mehrheit der Muslimen in der Welt. Gleichzeitig – und sehr viel medienwirksamer – flimmerten Bilder von palästinensichen Muslimen über die Fernsehbildschirme, die vor Freude über den gelungenen Terroranschlag tanzten. Deutlicher können Gegensätze wohl kaum ausfallen …

Wir sollten uns darum davor hüten, den Islam an sich schon als Gewalt fördernde oder sogar verherrlichende Religion zu verurteilen und nicht in jedem Muslimen einen Mittäter vermuten. Wem die Karikatur im Öffentlichen Anzeiger vom Mittwoch aufgefallen ist, der weiß, warum wir in dieser Beziehung Zurückhaltung üben sollten: Zwei Männer sitzen am Thresen und philosophiern über den Terroranschlag. Der eine behauptet: So fanatisch können nur Moslems sein. Der andere entgegnet: Genau! Siehste ja auch an den katholischen und protestantischen Moslems in Nordirland!

Es scheint, als käme es beim Glauben zunächst wohl weniger als wir denken auf die Inhalte einer Religion an, der sich ein Mensch zugehörig fühlt. Vielmehr prägen ihn die eigene Geschichte, die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen, auch Begegnungen, die jemand mit einer Religion in Verbindung bringt. Das hieße: Nicht was wir glauben bestimmt, wie wir uns in der Welt und gegenüber den Menschen verhalten, sondern das Wie!

In vielen Geschichten des Neuen Testaments, in denen es um Heilungswunder geht, sagt Jesus am Ende: Dein Glaube hat dir geholfen! Dabei hinterfragt er den Glauben der Hilfesuchenden nicht: Was glaubst du? Oder konkreter: Glaubst du an mich, an meinen Gott? Er prüft auch nicht, wie stark ihr Glaube ist. Seine Frage, wenn er sie überhaupt stellt, lautet viel einfacher: Glaubst du überhaupt?

Jesus fragt nicht nach Göttern, nicht nach Vorschriften, auch nicht nach Wahrheiten und er misst uns auch nicht an einer nach oben offenen Glaubensskala. Was ihn interessiert, was er wissen möchte ist, wie jemand glaubt und ob dieser Glaube dem Leben dient. So ist es bei dem Kranken am Teich Bethesda, den er fragt, ob er gesund werden will. So ist es bei der kanaanäischen Frau, die sich durch seine abweisenden Worte nicht beeindrucken lässt und hartnäckig für ihre Tocher bittet. So ist es auch bei dem Hauptmann aus Kapernaum, der sich um einen seiner Knechte Sorgen macht.

Kurz gesagt: Jesus sucht im Glauben die Liebe zum Nächsten und zu sich selbst. Glaubt jemand nicht mit oder für seine Mitmenschen, sondern gegen sie, so mag das zwar Glaube sein, aber es ist kein Glaube im Sinne Jesu. Auch Paulus wusste, dass es diesen leeren Glauben gibt – auch unter seinen christlichen Brüdern und Schwestern. In seinem berühmtesten Gedicht schreibt er: … wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. (1.Kor 13,2) Für ihn ist die Liebe tatsächlich das wichtigste Kriterium, um den wahren vom falschen Glauben zu unterscheiden.

Also: Ein Muslim, der fähig ist, ein Flugzeig mit Hunderten von Passagieren in ein Gebäude stürzen zu lassen, in dem sich Tausend andere befinden, die er mit in den Tod reißt, der hat, was immer er auch glauben mag, einen falschen Glauben! Ein Protestant, der eine Bombe auf Schulkinder wirft und damit Menschen an Leib und Seele verletzt, der hat, was immer er auch glauben mag, einen falschen Glauben! Ein Glaube, der Leben zerstört, der Menschen ausgrenzt, der auch keine Liebe zu sich selbst zulässt, ist ein falscher Glaube – egal, ob er nun dem Judentum, dem Christentum oder dem Islam entspringt.

Die Bitte der Apostel geht deshalb womöglich am eigentlichen Problem, das sie haben, vorbei. Vielleicht hätten sie besser darum gebeten, ihren Glauben mit Liebe zu füllen, als ihn zu stärken. Denn eines macht Jesu Antwort klar: auf die Größe des Glaubens kommt es nicht an! Niemand sollte sich damit brüsten, mehr zu glauben als der andere und keiner muss sich einreden, er sei ein schlechter Christ, weil er nicht genug glaube. Unser Kleinglaube, wenn er denn von Liebe getragen wird, ist Jesus näher als wir ahnen – und wir dürfen ihm mehr zutrauen, als wir es zu wagen gewohnt sind.

Ich hoffe, es finden sich genug Menschen, die sich in dieser Liebe, mit der sie ihren Glauben leben, untereinander verbunden fühlen – auch über religiöse Grenzen hinweg und gerade in einer Zeit, in der wieder oft von Krieg die Rese ist. Mag sein wir bewegen damit keine Berge und entwurzeln auch keinen Baum. Aber vielleicht gelingt es uns ja, gemeinsam an einer friedlicheren und sicheren Welt zu arbeiten – und damit dem Leben zu dienen.

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