Oh, Besuch! – Das gute Teil

So, der Kuchen ist im Ofen, da kann ich ja… oh, da liegt ja noch der Pizzakarton von gestern Abend… so, weg damit… oh, und die dreckige Wäsche… einfach ins Bett und Decke drüber. Ja. Was jetzt? Ach so, die Spülmaschine muss ich noch leer machen… der Müll quillt ja auch schon wieder über… muss ich gleich noch runterbringen… so, puh, ist da viel Staub auf dem Bücherregal… ach, wo ich gleich hier bin, kann ich doch direkt… den Faust und die Buddenbrooks nach vorne stellen, die Krimis und die Lustigen Taschenbücher kommen weg… Wie spät ist es denn überhaupt? Huch, schon kurz vor drei! Wann wollten die noch mal kommen? Au, ich hab ja gar kein Bier mehr da… muss ich dann gleich holen, wenn ich den Müll runterbringe… Was riecht denn hier so verbrannt….?

Liebe Gemeinde!

So geht es mir durch den Kopf, wenn ich allein zu Hause bin und Besuch kriege. Gut, ich gebe zu, sooo chaotisch bin ich dann doch nicht, aber im Grunde ist das der normale Ablauf. Noch schnell einen Kuchen backen, die Wohnung ein bisschen aufräumen, noch das hinstellen und das kaufen und so weiter. Man hat ja so eine Art Gastgeberpflicht, und es freut einen selber doch auch, wenn sich die Gäste wohl fühlen. Man will deutlich machen: Ich freue mich, dass du da bist und ich möchte, dass es dir bei mir gefällt. Und vielleicht will man ja auch ein bisschen zeigen, wie schön man es bei sich hat.
Ich denke, den meisten hier wird es ähnlich gehen. Nun ist die Gastgeberkultur in unseren westlichen Ländern bei weitem nicht so ausgeprägt wie die berühmte Gastfreundschaft im Nahen und Fernen Osten. Ein bisschen kann man das nachfühlen, wenn man in Mülheim in eins der größeren türkischen Restaurants auf der Keupstraße geht. Da ist es selbstverständlich, dass man dem Gast Zeit zum Essen lässt, und man immer wieder kleine Aufmerksamkeiten auf Kosten des Hauses bekommt: Das Brot zur Vorspeise, der Tee nach dem Essen und so weiter. Der heutige Predigttext spielt nicht in der Keupstraße von heute, sondern im Jerusalem von vor fast zweitausend Jahren. Ich lese Ihnen die Verse 38-42 aus dem zehnten Kapitel des Lukasevangeliums einmal vor:

[TEXT]

Martha tut das, was wir alle wahrscheinlich an ihrer Stelle tun würden: Sie wuselt herum und macht und tut, damit ihr Besuch es so bequem wie möglich hat. Sie fegt noch einmal schnell durch, wischt den Tisch ab, stellt eine Kanne Ziegenmilch und ein paar Feigen und Nüsse zum Knabbern hin und macht sich wahrscheinlich schon Gedanken, was es zum Abendessen gibt. Denn nicht nur, dass Besuch da ist, nein: Ihr Besuch ist auch noch jemand Besonderes, Jesus von Nazareth nämlich, DER Jesus von Nazareth, von dem gesagt wird, dass er Kranke heilt und sogar Tote aufwachen lässt und von dem einige glauben, er sei der Messiahs, der Sohn Gottes, König und Retter der Welt. Verständliche Reaktion. Bei dem Ruf würde wahrscheinlich jeder und jede von uns sich besonders um den Besuch kümmern. Nur wir würden wahrscheinlich statt der Ziegenmilch und der Nüsse und Feigen Kaffee und Kuchen auf den Tisch stellen.

Martha wohnt mit ihrer Schwester Maria zusammen. Maria lässt sie beim Besuch Jesu ganz allein kochen und putzen und sich abrackern. Sie setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Und Martha platzt nach einiger Zeit der Kragen und sie sagt zu Jesus (und, ich stelle mir vor, dass sie das sehr deutlich sagt, Messiahs hin oder her): „Herr, findest du das in Ordnung, dass meine Schwester mich hier ganz allein ackern lässt? Sag ihr mal Bescheid, dass sie mir gefälligst helfen soll!“. Und wieder: Verständliche Reaktion, finde ich. Klar ist Martha sauer, denn statt sich anständig um diesen hohen Besuch zu kümmern, tut Maria so, als ginge die ganze Arbeit sie nichts an. Sie setzt sich zu Jesus, hört sich an, was er erzählt… und isst vielleicht auch noch von den Nüssen, die eigentlich für den Gast bestimmt waren.

Und doch sagt Jesus: Nein, Maria tut das Richtige, und das soll ihr keiner absprechen. Denn sie setzt sich zu Jesus hin, sie nimmt sich Zeit für ihn und hört ihm zu, interessiert sich für das, was er zu sagen hat. Denn das ist es, was Jesus will: Er und seine Botschaft wollen gehört werden, von jedem von uns in seiner oder ihrer jeweiligen Lebenssituation. Und dazu kommt Jesus ganz ohne Vorbedingungen in unser Leben. Jesus hätte sich auf seiner Reise auch wieder, wie einige Tage zuvor, bei einem reichen Pharisäer einladen können, wo ihn das beste Essen, leichte Unterhaltung und ein komfortables Gästezimmer erwartet hätten. Aber eben das tut Jesus nicht. Er kommt immer zu denen, die ihn in ihr Haus und in ihr Leben reinlassen. Und in diesem Fall sind das eben die beiden unverheirateten Schwestern Maria und Martha. Dass ihn da kein mehrgängiges Menü und kein bequemes Nachtlager erwartet, kann man sich denken. Und die beiden werden es in der damaligen Zeit nicht leicht gehabt haben, davon können wir ausgehen, weder finanziell, noch gesellschaftlich. Der ehemalige Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland hat bei der Wiedereröffnung des Berliner Doms in seiner Predigt gesagt: „Das liebe Evangelium braucht keine Dome. Es kriecht in jede noch so kleine Hütte und wärmt sie.“ Jesus kommt ohne Vorbedingungen in unser Leben. Er erwartet kein Stück Kuchen und keine Tasse Kaffee von uns. Er erwartet noch nicht einmal ein richtiges Dach über dem Kopf. Er will jedem von uns wahrgenommen, ernstgenommen werden. Und er will, dass wir ihm und seiner frohen Botschaft von Gottes Liebe zu uns Menschen zuhören. Und das ist Marias „gutes Teil“, das Richtige, was nicht von ihr genommen werden soll.

Liebe Gemeinde, wir, bzw. ich habe der armen Martha jetzt vielleicht ein bisschen den schwarzen Peter untergeschoben. Das soll aber gar nicht so sein, und das will ich auch so nicht stehen lassen: Denn Handeln und Agieren, das gehört auch zum Leben eines Christen dazu, ist sogar unheimlich wichtig. Im ersten Kapitel des Jakobusbriefes steht das ganz deutlich: „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein, sonst betrügt ihr euch selbst“! Die Botschaft Jesu Christi fordert mich geradezu zum Handeln auf, und wenn sie sich nicht auf meine aktive Lebensführung, auf die Art, wie ich meinen Mitmenschen begegne, auswirkt und mich ganz unberührt und kalt lässt, dann habe ich wahrscheinlich irgendwas falsch verstanden. Genau vor der Begebenheit von Maria und Martha steht im Lukasevangelium die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die Sie wahrscheinlich alle kennen werden, und wo auch noch mal sehr deutlich gezeigt wird: Das Handeln gehört zu unserem christlichen Glauben einfach dazu. Was aber hat Martha falsch gemacht? Warum hat ihre Schwester, und nicht sie das gute Teil erwählt? Die Antwort ist ganz banal: Schlechtes Timing. Martha hat einfach in dem Moment nicht erkannt, was gerade angebracht war. Sie hätte sich genauso wie ihre Schwester erst einmal hinsetzen und zuhören sollen. Denn unser ganzes gut gemeintes Handeln kann ganz schön am Ziel vorbeischießen, wenn wir uns vorher nicht dafür interessieren, was derjenige uns zu sagen hat, für den und in dessen Namen wir das Ganze machen. Das ist übrigens nicht nur in unserer Beziehung zu Gott so. Wie oft wollen wir jemandem etwas Gutes tun, und sind selber von unseren tollen Ideen so begeistert, dass wir anfangen zu rotieren und Himmel und Erde in Bewegung zu setzen… aber dann darüber vergessen, uns zu fragen, was denn der arme Mensch wirklich braucht. Und dann nach einigen halsbrecherischen Spontanaktionen feststellen, dass wir vielleicht genau das Falsche gemacht haben. In unserer täglichen Emsigkeit im Gemeindeleben, und auch bei den großen Entscheidungen der Kirchenleitung beispielsweise fragt man sich manchmal: Hat eigentlich irgendjemand mal den gefragt, um den es eigentlich geht? Und wäre das Ganze nicht vielleicht ein bisschen oder ganz entschieden anders abgelaufen, wenn man in dem ganzen Organisieren, Diskutieren und Debattieren einfach mal angehalten und ernsthaft nachgehört hätte, was Gott denn eigentlich für seine Kirche und für jeden Einzelnen von uns will?

Es gibt da einen alten Witz, der das Ganze sehr schön verdeutlicht: Bei den Pfadfindern wird gesagt: „So, bis zur nächsten Woche müsst ihr jeder eine gute Tat vollbringen!“ In der nächsten Woche sind alle bis auf Fritzchen da und erzählen von ihren guten Taten (der eine hat seiner Mutter geholfen, die andere ihre kleine Schwester getröstet, noch ein anderer hat seinem Opa aus der Zeitung vorgelesen und so weiter). Fritzchen kommt einige Zeit später, total zerkratzt und zerzaust und mit zerrissenen Klamotten. Der Leiter fragt: „Sag mal, wie siehst du denn aus?!“. Fritzchen: „Wir sollten doch eine gute Tat vollbringen, und das habe ich gerade gemacht: Ich hab einer alten Frau über die Straße geholfen!“ „Ja, das hast du ja auch schön gemacht, aber warum bist du denn dann so zerkratzt und zerzaust?!“ „Na, was meinen Sie eigentlich, was das für eine Arbeit war – die Alte wollte ja gar nicht!“. Sie lachen jetzt darüber, für die alte Frau wird das nicht sehr lustig gewesen sein. Die wäre sicher lieber gerne vorher gefragt worden …

In dem Witz klingt das alles natürlich sehr locker und einfach. Aber oft erleben wir in der Wirklichkeit Situationen, die leider gar nicht so lustig sind, in denen wir als Mitmenschen gefordert sind und selber nicht wissen, wie wir reagieren sollen. Wo wir selber den enormen Drang verspüren, etwas zu tun, tatkräftig mitzuhelfen. Und uns dann hilflos und unbeholfen vorkommen, weil wir nicht wissen, wie wir uns verhalten sollen. Weil uns Zuhören allein irgendwie zu wenig, zu alltäglich scheint. Aber was will man ihnen denn groß helfen, der Mutter, deren zwanzigjähriger Sohn auf der Krebsstation liegt? Der Schülerin, die gerade durch das Abitur gefallen ist? Dem Freund, dessen Freundin ins Ausland gehen muss? Viel können wir in den Fällen nicht tun, denn wir, zumindest die meisten von uns, sind keine Ärzte, keine Nachhilfelehrer und keine Billigfluganbieter. Aber wir können zuhören, wir können zeigen, dass wir da sind und dann, dann hören wir vielleicht heraus, ob wir über das Zuhören hinaus noch etwas tun können, oder ob nicht das bloße Zuhören allein für den Moment schon genug ist.

Alles hat seine Zeit, wir haben es gerade in der Lesung gehört: Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit. Wegwerfen hat seine Zeit, aufheben hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit, und reden hat seine Zeit. Und ich wünsche uns allen, liebe Gemeinde, dass wir durch Erfahrungen in unserem Leben und durch die Hilfe und Einsichten, die Gott uns gewährt, immer mehr erkennen lernen, welche Zeit gerade ist und immer öfter, mit Gottes Hilfe, das gute Teil erwählen.

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