Offen und wach

Liebe Gemeinde,

dieser Tage bekam ich durch ein christliches Internet-Forum, in dem ich mitarbeite, ein e-Mail von einer mir bislang völlig fremden Frau: "Bin gerade letzten Freitag in die evangelische Kirche "wieder"-eingetreten. Habe dort Halt und Mut gefunden in den letzten beiden turbulenten Jahren. Vorher war ich 20 Jahre konfessionslos, nachdem ich mich von der katholischen Kirche abgewendet hatte. Aber meinen Glauben habe ich nie aufgegeben und so war mein Eintritt in die evangelische Kirche nur konsequent." Sie sei 54 Jahre alt, und sie meine, dass sich mit Sicherheit die ein oder andere Frage ergeben werde , die sich hier im Austausch mit anderen Frauen beantworten lässt …

Solche Schritte sind eher die Ausnahme. Womit wir im Pfarramt viel öfter zu tun haben, sind die Meldungen über Kirchenaustritte, die meist nicht mit so persönlichen Worten erfolgen, sondern auf dem Amtsweg. Heute nachmittag habe ich einen Gottesdienst zur Goldkonfirmation vor mir. Im Vorfeld habe ich viel über den Vers nachgedacht: 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes
Wenn heute jemand die Kirche verlässt, dann wohl kaum aus Furcht oder weil er sich des Evangeliums schämt, sondern meist aus finanziellen Gründen. Bis vor 15 Jahren war das anders, da gehörte durchaus etwas dazu, in der Kirche zu bleiben und sich auch noch dazu zu bekennen. Sie haben diese Zeit miterlebt, und Sie haben sich damals und auch nach der Wende entschieden. Als ich in die Kirchenbücher geschaut habe. Um Ihre Konfirmationssprüche herauszusuchen, fiel mir etwas auf: Bald wird es eng werden mit den Goldkonfirmationen. Es kommen jetzt die letzten Jahrgäng, in denen viele zur Konfirmation gingen. Drei Jahre später beginnt die Zeit, in der der Pfarrer in Sylda eintragen musste: "Keine Konfirmationen". Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, dieser Satz, vom Apostel sehr wahrscheinlich aus dem Gefängnis geschrieben, fordert eine Menge Gottvertrauen und Mut, den nicht jeder aufbringen kann und konnte. "Wenn mir immer wieder eine Mehrheit sagt, es gibt keinen Gott, dann sage ich mir am Ende doch, diese Mehrheit wird wohl recht haben", hat mir jemand erzählt, der vor drei Jahren wieder in die Kirche eingetreten ist, nachdem er kurz vor der Konfirmation ausgetreten war, weil die Eltern es für besser hielten. Sie wollten die Chancen ihres Kindes nicht schmälern. "Damals habe ich noch fest geglaubt, aber nachher ist mir das für Jahrzehnte abhanden gekommen." Und nur ganz wenige Menschen kommen später noch einmal über die Hürde hinweg. Die einen, weil sie denken, inzwischen zu klug und zu aufgeklärt zu sein, um an etwas zu glauben, was außerhalb menschlichen Ermessens liegt, die anderen aber vielleicht, weil sie nicht mehr wagen, auf Gott zuzugehen, nachdem sie sich einmal von ihm abgeendet hatten. Manche können es gar nicht glauben, wenn man ihnen Mut macht, es doch wieder mit Gott zu versuchen, weil er es ja immer wieder mit uns versucht.

Nicht nach unseren Werken, sondern aus reiner Gnade hat Gott uns selig gemacht. Diese Gnadenzusage gilt immer wieder neu. Ich habe bei der Predigtvorbereitung an meine eigene Konfirmation denken müssen. Wir hatten einen strengen alten Pfarrer, der niemanden seinen Konfirmationsspruch selbst aussuchen ließ. Und mir wurde ein Spruch aus dem Römerbrief zugeteilt, der dem heutigen Predigttext sehr ähnlich ist: "Ich schäme mich des Evangeliums Jesu Christi nicht, denn es ist eine Kraft Gottes …"

Glücklich war ich mit der Auswahl des Pfarrers nicht. Ich hätte gerne irgendwas mit Liebe gehabt, weil für mich und meinen Glauben ganz wichtig war und ist, dass ich immer wieder gespürt habe, wie unendlich Gott uns Menschen lieben muss. Oder etwas mit Geborgenheit, weil ich schon als Kind nur einen einzigen wirklichen Vertrauten hatte: Alle meine Probleme habe ich abends in langen Gebeten mit Gott verhandelt, dem ich mehr getraut habe als meinen Eltern oder Lehrern oder gar dem Pfarrer.

Naja, und als 14Jährige habe ich mich des Evangeliums schon manchmal geschämt. Ich fand es peinlich vor meinen Schulfreundinnen, dass es in unserer Familie dazugehörte, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, vor dem Essen zu beten und dass ich nachmittags immer wieder irgendwelche kirchlichen Verpflichtungen hatte. Der Spruch aus dem Römerbrief traf mich im Kern. Er ist diesem Vers sehr ähnlich: 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.

So weit war ich als junges Mädchen nicht, auch noch nicht, als ich mit meinem Theologiestudium fertig war und in einen Beruf ging, in dem es nicht unbedingt christlich zuging. Journalisten bilden sich meistens was darauf ein, besonders kritisch zu sein, vor allem Glaubensdingen gegenüber. Bei der Tageszeitung, wo ich arbeitete, hatte ich bald meinen Spitznamen weg: "Schwester Martha". Und jeder Kirchenwitz ging auf meine Kosten. Langsam, ganz langsam verfestigte sich mein Trotz. Je mehr gelästert wurde, umso konsequenter ging ich meinen Weg – und irgendwie wuchs eine innere Kraft in mir, die nicht aus mir selbst kam. Vorteile in meinem alten Beruf hat es mir nicht gebracht. Aber als ich die Kollegen zu meiner Ordination eingeladen habe, war auf einmal Ruhe. Heute nennt mich keiner mehr "Schwester Martha", obwohl es mir jetzt nichts mehr ausmachen würde. Nun habe ich viel von mir erzählt, obwohl es im 2. Korinther 4,5 heißt:

"Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus,
dass er sei der Herr, wir aber eure Knechte um Jesu willen."

Aber eigentlich geht es ja um Jesus Christus. Blitzartig ist mir irgendwann klar geworden: Wenn ich mich unwidersprochen auslachen lasse wegen meiner Kirchenzugehörigkeit, lasse ich zu, dass der Herr der Kirche ausgelacht wird. Es geht nicht um mich, es geht um den dreieinigen, lebendigen Gott.

Ich weiß ja nicht, wie Sie damit umgehen, wenn in Ihrer Umgebung über den Glauben gelästert wird und wenn jemand sagt: "Also, ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, dass du da immer noch hinrennst. Für mich ist das Thema Kirche gegessen".

Es gibt die Möglichkeit, sich zu erklären. Das kostet Mut und Kraft. Da ist es bequemer, sich taub zu stellen, zu schweigen, innerlich zusammenzuzucken, aber nicht zu wagen, zu widersprechen. Es gibt auch die Versuchung, trotzdem streckenweise mitzulästern. Und irgendwann steckt man in einer Grauzone, in der das Ja kein wirkliches Ja und das Nein kein wirkliches Nein mehr ist.

Manche Pfarrer halten nicht viel von Goldkonfirmationen. Ich denke da anders. Diejenigen, die kommen, haben sich entschieden, für manche gewiss der erste Schritt in einen Gottesdienst nach längerer Zeit. Was an diesem Tag der Erinnerung an Ihr "Ja" zur Kirche passiert, wird bei jedem Menschen verschieden sein. In jedem Fall ist es ist eine Chance: Türen gehen wieder auf im Innern, Saiten werden angerührt, die vielleicht noch gar nicht gerissen sind, obwohl man es längst gedacht hat. Ich mache mir keine Illusionen, aber ich traue Gott doch eine ganze Menge zu. Warum sollte nicht gerade dieser Tag vielleicht für einen Menschen eine Entscheidung bringen?

Worauf es ankommt, ist, offen zu sein und wach. Das Evangelium an diesem Sonntag handelt von Lazarus, der schon gestorben war und wieder zum Leben erwacht, als Jesus ihn ruft. Wie viele von uns sind innerlich vielleicht auch schon gestorben? Vor allem, wenn sie in ihrem Leben schon einmal selbst ganz am Boden waren, an der Grenze des eigenen Lebens gestanden hat, vielleicht in Verzweiflung über den Tod eines Menschen, vielleicht aber auch in eigener Krankheit oder weil er glaubte, sein Leben verpfuscht zu haben, kann es wohl bestätigen: Eine sichere Rente, ein geregelter Tagesablauf, bescheidener Wohlstand, das kann doch nicht alles gewesen sein, was dieses Leben ausmacht. In unserem Predigttext ist davon die Rede, dass durch Jesus Christus dem Tod die Macht genommen ist, es ist die Rede vom ewigen Leben und vom "unvergänglichen Wesen".
Gottes Zeitrechnung ist nicht die unsere. Und auferstehen, das kann etwas sein, das mitten im Leben, jetzt und hier geschieht. Man kann aus allem, aus dem tiefsten Leid, aus Skepsis, Verhärtung und Gleichgültigkeit, aufsteigen zu Gott. Sein Angebot zum Leben gilt jeden Tag, ohne Ansehen der Vergangenheit. Und wer von ganzen Herzen "ja" sagt, wird den Geist der Liebe und Besonnenheit in sich spüren. Das ist kein Ereignis, das Menschenmassen bewegen wie die Auferweckung des Lazarus, ein Wunder, das Jesus aber eigentlich auch nur getan hat "damit sie glauben, dass du mich gesandt hast". Es ist schon eine komische Sache mit uns Menschen. Wir wollen immer spektakuläre Dinge sehen. Auch damals reichte das, was Jesus sagte, nicht aus, manche Leute brauchten eben solche Wunder wie einen Toten, der nach mehreren Tagen zum Leben erweckt wird. Was "neu geboren werden" und "auferstehen" bedeutet, nahmen sie ganz wörtlich und konnten sich nicht vorstellen, was mit der Gnade gemeint ist, die jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Auferstehen ist eine nach außen unspektakuläre Geschichte, die aber im Innern bewegende Wirkung hat. Einen ersten Schritt zu unserer eigenen Auferstehung tun wir immer, wenn wir uns Gott zuwenden, mit unseren Bitten, unseren Sorgen und auch mit unserem Dank. Sie sind heute hierher gekommen und haben sich nicht geschämt. Was daraus weiter wird, das ist eine Sache zwischen Gott, der seine Hand immer wieder ausstreckt, und jedem von Ihnen ganz persönlich.

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