Offen für Gott!

Liebe Gemeinde!

In Australien betet ein kleiner Junge: Lieber Gott, hilf mir morgen bei der Mathearbeit, damit sie nicht schon wieder so schlecht wird wie
letztes Mal. Irgendwo in Afrika betet eine Frau zur gleichen Zeit: Gott, mach meinen Mann wieder gesund, damit er unsere Familie weiter ernähren kann. In diesem Moment liegt ein alter Mann in Deutschland in einem Krankenhaus im Sterben und bittet darum, dass Gott bei ihm bleibt. Und in Amerika betet eine Mutter für ihre Tochter, die als Soldatin im Krieg in Irak ist. In China ist es vielleicht ein junger Mann, der Gott darum bittet, dass seine Liebe zur Erfüllung kommt. All das und noch viel mehr kommt gleichzeitig bei Gott an. Wie soll er das nur alles auf einmal
erfüllen, wie kann er es alles auf einmal hören?

Ehrlich gesagt: ich habe keine Ahnung. Ich weiß es nicht, wie Gott das macht. Ich will es auch nicht wissen. Schließlich bin ich ein kleiner
Mensch. Ich weiß nur und glaube, dass Gott sich uns Menschen öffnet. Er ist da und bietet uns sein Gespräch an. Wir können zu ihm beten und er hört uns.

Gott braucht unser Gebet und wir brauchen das Gebet mit Gott. Jetzt sagt ihr, sagen sie vielleicht: wieso braucht Gott denn mein Gebet?
Schließlich ist er doch allmächtig. Er braucht doch nicht uns Menschen,
um Gott zu sein. Aber doch braucht Gott das Gespräch mit seinen Menschen. Er braucht die Bitte des australischen Kindes genau so wie die des Mannes aus Deutschland. Gott braucht dein Gebet. Wie sonst sollte er im Gespräch bleiben mit den Menschen? Stellen sie sich vor, sie wollten einem Menschen helfen, der in einer anderen Stadt wohnt. Aber er geht nie ans Telefon. Er beantwortet keine Briefe, reagiert nicht auf E-Mails und nicht mal auf die SMS, die sie ihm geschrieben haben. Dabei sagen die Nachbarn: er ist da, geht jeden Morgen zur Arbeit und kommt
nachmittags nach Hause. Aber er antwortet nie. Wie soll man da in
Kontakt kommen? Da kann niemand helfen.

So ist das auch mit Gott. Er braucht unsere Antwort, braucht deine
Antwort. Dass du mit ihm sprichst, das braucht er, um dir helfen zu können.
Und du brauchst das auch. Deshalb erinnert uns der Schreiber des 1.
Timotheusbriefes an das Gebet. Ja, er ermahnt sogar dazu. Das hört sich
furchtbar altmodisch an: ermahnen. Manchmal ist das aber wichtig,
ermahnt zu werden. Wir müssen ab und zu erinnert werden an das, was gut
für uns ist. Denn Gott vergessen, das geht ganz schnell. Viele Menschen
sagen von sich: mir geht es gut, ich brauche keinen Gott. Erst recht
brauche ich kein Gebet. Ich komme ganz gut allein klar.

Erst in Notsituationen entdecken dann viele das Gebet. „Not lehrt beten” sagen manche. Ich finde das falsch und sogar schädlich. Denn in der Not brauche ich das Gebet wohl. Aber ich kann es dann nur gebrauchen, wenn ich Erfahrungen damit gesammelt habe. Wenn ich es erst in der Not lernen will, dann kann es zu spät sein. Beten muss ich üben. Nicht so wie ich für die Schule übe, um Vokabeln zu lernen. Aber so, dass ich es einübe.
Ich muss meine Form finden, so wie ich am besten beten kann.

Jeder Mensch hat seine eigene Form zu beten. Manche tun es ganz kurz mit
einem Stoßseufzer. Manche brauchen feste Zeiten am Tag: Am Mittag oder
am Abend. Wieder andere können sich Gott besonders gut öffnen, wenn sie
mit anderen zusammen sind. Vielleicht auch während des Gottesdienstes.
Und andere suchen die freie Natur, um mit Gott zu sprechen.

Gott braucht keine bestimmte Form, damit er uns hört. Was er braucht ist unsere Bereitschaft, mit ihm zu reden. Gebet ist nichts anderes als ein Gespräch. Ein sehr persönliches Gespräch, in dem ich mich ganz öffnen kann. Ein Gespräch, das keinen Bereich meines Lebens ausspart. Das Gebet bleibt aber nicht stehen bei mir und Gott. Das Gebet geht weiter. Im Gebet kommen immer auch andere Menschen und das Wohlergehen der ganzen Welt in den Blick.

Nützt das denn was, wenn ich bete? Vielleicht beten hunderte von Menschen um Sonnenschein, während andere um Regen beten. Das kann doch gar nicht klappen!

Nun gibt für das Gebet keinen messbaren Erfolg. Gott ist auch keine Erfüllungsmaschine. Es geht nicht nach dem Motto: du musst nur kräftig
bitten, dann bekommst du schon, was du brauchst. Zwar hat Jesus gesagt:
bittet, so wird euch gegeben. Aber er hat nicht gesagt, was uns gegeben wird. Ein Mensch, der um Heilung von seiner Krankheit bittet, wird damit nicht automatisch gesund. Vielleicht ist das, was ihm gegeben wird etwas ganz anderes: dass er oder sie lernt, mit eigenen Schwächen umzugehen, mit einer Krankheit zu leben, die sich nicht mehr ändern lässt. Das Gebet verändert immer etwas. Manchmal ist es eben meine eigene Einstellung, manchmal gibt es sogar eine echte Besserung.

Wir müssen uns nur von dem einen Gedanken frei machen: dass das Gebet immer zu dem Ziel führt, das wir uns wünschen. Wir sind die Bittenden. Wir können nicht erwarten, dass uns alles erfüllt wird. Das wäre auch nicht gut. Ich kenne Jugendliche und Kinder, die immer alles bekommen
haben, was sie haben wollten. Glaubt mir: die waren bestimmt nicht
glücklicher als die anderen, die auch gern alles haben wollten, aber viel öfter zu hören bekommen: das kriegst du jetzt nicht von mir, das können wir nicht bezahlen oder: das wollen wir für dich nicht.

Für jemanden, der sich etwas besonders wünscht, ist es oft schwer
einzusehen, dass er das nicht bekommt. Manchmal dauert das Jahre oder sogar Jahrzehnte, dass jemand feststellen kann: es war ganz gut, dass ich damals nicht bekommen habe, was ich wollte.

Wer betet, wird offen für Gott. In der Stille und für sich oder mit
anderen. Wer offen ist für Gott, bekommt Hoffnung und Mut für sich und diese Welt. Der Briefeschreiber legt uns als Gemeinde das Gebet für andere ans Herz. Für alle Menschen sollen wir beten. Natürlich nicht für alle Milliarden Menschen auf der Erde. Aber ich kann ja anfangen für die Menschen zu beten, die ich kenne. Meine Eltern und meine Kinder, meine Geschwister und meine Freunde, meine Nachbarn und Verwandten. Bestimmt gibt es da jemanden, der oder die mein gebet besonders gebrauchen kann. Jemand von dem ich weiß: der steckt in der Klemme, der hat ein Problem, der ärgert sich über etwas oder ist unheimlich traurig. Wenn ich für so einen Menschen bete, dann ändert sich etwas. Ich sehe diesen Menschen mit anderen Augen. Meine Verbindung zu ihm oder ihr wird anders und neu. Habt ihr schon einmal zu hören bekommen: Ich bete für dich? Das ist ganz eigentümlich, wenn du das zu hören bekommst. Ich erinnere mich daran, dass meine Oma mir das öfter gesagt hat, als ich ein Jugendlicher war.
In dem Alter fand ich das etwas komisch. Aber ich habe auch gespürt, wie ernst ihr das war. Sie war in Gedanken bei mir. Das tut gut. Wer für
andere betet ist in Gedanken bei ihnen. Und das ist sehr viel.

Deshalb nützt auch das Gebet für die Menschen, die besondere Verantwortung tragen. In unserem Text heißt es: betet für die Könige und alle Obrigkeit. Da merkt man, dass der Text 1900 Jahre alt ist. Die Könige haben in unserer Welt nichts mehr zu sagen und mit dem Wort
Obrigkeit können wir kaum etwas anfangen. Wir würden heute sagen: betet für die, die Verantwortung für andere Menschen haben und für die, die
Macht haben.

Das sind längst keine Könige mehr. Bei uns sind das die Minister und Abgeordneten, der Bundeskanzler, Ministerpräsident und die Bürgermeisterin. Aber wir merken auch, wie oft die Politik gar nicht mehr in der Lage ist, für ein ruhiges uns stilles Leben zu sorgen. Viel mehr Macht haben oft die Menschen, die in den Vorstandsetagen der
Wirtschaftsbetriebe sitzen, die im Aufsichtsrat und im Vorstand großer
Firmen darüber entscheiden, ob ein Werk in Deutschland geschlossen wird
und die Produktion ins Ausland verlagert wird. Oder die Menschen, die darüber entscheiden, ob ein junger Mensch einen Ausbildungsplatz bekommt oder nicht. Die haben wirklich viel Macht. Und diese Menschen brauchen uns Gebet, unsere Begleitung in Gedanken. Sie dürfen wir nicht allein lassen. So bringen wir die Not unserer Zeit vor Gott und bitten um Beistand für die, die oft ganz schwere Entscheidungen treffen müssen.
Ob das was nützt? Ich glaube schon. Natürlich wird es weiter Firmen geben, die Standorte in Deutschland schließen. Leider wird es weiter Regierungen geben, die auf die Macht ihres Militärs setzen, wenn es darum geht, den Hass zu bekämpfen und gegen Terror vorzugehen. Was wir dagegen tun können, ist oft nicht viel. Und natürlich reicht es nicht einfach nur zu beten und dann alles Gott machen zu lassen. Schließlich kann er ja nun nicht alles allein machen. Er braucht schon unsere Hände und Füße, unsern Mund und unsern Verstand. Ora et labora! Haben sich die Benediktinermönche auf die Fahnen geschrieben. Bete und Arbeite! Beides gehört zusammen.

Ich habe den Eindruck, das mit dem Arbeiten haben wir schon ganz gut begriffen und tun das auch. Aber mit dem Beten, da könnte es manchmal noch etwas besser klappen. Richten wir unsern Blick auf Gott. Sprechen wir mit ihm. Er braucht das und wir auch. Unsere Nachbarn brauchen das und erst recht diese Welt, in der es so viele Ungerechtigkeiten gibt.
Gott können wir klagen, ihm dürfen wir danken für viel Gutes und schließlich können wir ihn auch bitten. Er wird uns hören und unsere Wünsche so erfüllen, wie es gut ist. Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, dem Jungen in Australien und der Frau in Afrika, dem
Mann in Deutschland und der Mutter in Amerika, dem jungen Mann in China
und auch dir und mir.

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