Nur ein leeres Kreuz ist ein gutes Kreuz

Sieben Häftlinge flüchten 1937 aus einem Konzentrationslager. Ihre Flucht wird jedoch rasch entdeckt, unter Sirenengeheul machen sich die Wachmannschaften der SA mit Bluthunden an die Verfolgung. Um die anderen Häftlinge abzuschrecken, lässt der KZ-Kommandant an Kreuze an sieben gekappten Bäume auf dem Lagergelände nageln: An diesen Kreuzen sollen die wieder eingefangenen Männer enden. Sechs der Männer müssen ihre Flucht mit dem Leben bezahlen. Das siebte Kreuz aber bleibt leer: Georg Heisler kann entkommen, er findet den Weg in die Freiheit. Das siebte Kreuz wird schließlich im Lager verbrannt.

Diese Geschichte findet sich in dem Buch „Das siebte Kreuz“, der 1900 in Mainz geborenen Schriftstellerin Anna Seghers.

Trotz aller Grausamkeit und Brutalität, die uns in diesem Buch begegnen, ist es ein Buch der Hoffnung. Es erzählt, dass Widerstand und Zivilcourage dazu führen, dass das siebte Kreuz am Ende leer bleibt und für die Häftlinge im KZ das Kreuz zu einem Symbol der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit wird.

Um die Bedeutung des Kreuzes geht es auch in unserem Bibelwort für den heutigen Sonntag. Vielleicht spricht ihnen Paulus aus dem Herzen, wenn er von der selig machenden Botschaft des Kreuzes spricht. Vielleicht glauben sie auch, dass der Tod Jesu am Kreuz unserer Welt Erlösung gebracht hat und vielleicht hat dieses Wissen auch ihren Glauben erheblich geprägt.

Dass ein Gekreuzigter unserer Welt Heil bringen kann, das war für viele Menschen der damaligen Zeit absoluter Unsinn, Gotteslästerei: Torheit. Doch für Paulus verbirgt sich in dem Tod Jesu am Kreuz die Weisheit Gottes, die nur für den Gläubigen erkennbar ist.

Liebe Gemeinde, die Auslegung des Paulus in eine mögliche Interpretation des Kreuzes. Ich respektiere sie, denn Paulus hat mit seiner Theologie die Kirche so stark geprägt, dass sie schließlich und endlich offizielle kirchliche Lehre geworden ist.

Ich meine aber, dass es neben dieser paulinischen Interpretation noch andere legitime Deutungen des Kreuzes gibt und ich lade sie ein, ein Stück meinen Gedanken zu folgen. Mögen sie dann selbst entscheiden, ob es ein einladender oder ein abschreckender Weg ist.

„An Karfreitag wurde ein Auferstandener gekreuzigt“, so titelt die Schweizer katholische Theologin Regula Strobel einen Aufsatz der mich aufhorchen ließ. „An Karfreitag wurde ein Auferstandener gekreuzigt“. Das Heil, das durch Jesus in die Welt gekommen ist, hat er nicht durch seinen Tod, sondern durch sein Leben bewirkt.

Er lebte wie ein Sohn Gottes, teilte das Brot und heilte Menschen, gab ihnen Hoffnung durch seine Predigte vom Reich Gottes und sprach vom Himmel auf Erden der möglich ist. Dadurch forderte er die politisch, wirtschaftlich und religiös Mächtigen heraus und das brachte ihn schließlich ans Kreuz. Das Kreuz ist und bleibt ein Zeichen der Folter, der Unmenschlichkeit und der Todesstrafe und würde Jesus in unserer Zeit leben, dann würde er wahrscheinlich nachdem er mit Elektroschocks gefoltert worden wäre, um seine Freunde und Freundinnen zu verraten, am elektrischen Stuhl hingerichtet.

„An Karfreitag wurde ein Auferstandener gekreuzigt“. Auch ohne diesen schrecklichen Tod hätte Jesus sagen können: „Es ist vollbracht“. Er hat uns mit seinem Leben, den „Weg, die Wahrheit und das Leben“ gezeigt.

Das Kreuz gehört nicht zu meinen Lieblingssymbolen und wenn ich wie auch hier in Mögeldorf an den Altar schaue, dann wäre mir ein Krippenbild lieber als diese düstere Darstellung.

Dennoch ist das leere Kreuz für mich ein wichtiges Symbol des Glaubens.

Das leere Kreuz sagt mir: „Gott hat die Pläne des Bösen durchkreuzt“, der Plan der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Elite ist nicht aufgegangen. Jesus, seine Botschaft war nicht tot zu kriegen. Die Sache Jesu ist unaufhaltsam weitergegangen so wie der Sauerteig unaufhaltsam den Teig durchsäuert und das Senfkorn zum großen Baum wächst.

Liebe Gemeinde, das leere Kreuz ist für mich ein Zeichen der Hoffnung und Auftrag zugleich.

Hoffnung gibt mir das Kreuz, weil es mir sagt, dass persönliches Scheitern nicht das Ende bedeuten muss. Selbst Jesus ist am Kreuz gescheitert und seht was aus seiner Botschaft geworden ist!

Selbst wenn ich es nicht schaffe so glaubwürdig zu leben, wie ich möchte, wenn ich selbst immer wieder meine Pläne durchkreuze und wenn andere das mit Füßen treten wofür ich mein Leben geben würde, so wird das Reich Gottes sich in dieser Welt trotzdem durchsetzen.

Hoffnung gibt mir das Kreuz, weil es mir sagt: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden das Erdreich besitzen“ und nicht die Gewalttätigen. Alle ihre Versuche werden letztlich scheitern. Das siebte Kreuz ist leer geblieben, das Tausendjährige Reich der Nationalsozialisten war nur von kurzer Dauer.

Das leere Kreuz ist für mich ein Zeichen der Hoffnung und Auftrag zugleich.

Aber im Kreuz als Symbol für Leiden und Tod sehe ich kein Zeichen der Erlösung und ich möchte es als solches auch nicht akzeptieren. Wie schnell wird immer dieses Symbol missbraucht und gesagt: „jeder hat sein Kreuz zu tragen“, und wie viel unnötiges Leid wird mit so einem Satz gerechtfertigt.

Klar gibt es in unserer Welt viel Leid, was niemand selbst verschuldet hat, Krankheiten und Behinderungen. Sie gilt es zu tragen und hoffentlich nicht alleine.

Es gibt aber vielfaches Leid, was von Menschen verursacht ist und anderen Menschen aufgestülpt wird. Hier kann es nur unser Auftrag sein, die Kreuze wegzunehmen oder die Gekreuzigten vom Kreuz zu holen. So wie eine Frau erzählt hat. Erst als ich meinen trunksüchtigen Mann verlassen hatte, habe ich neu erkannt, was Leben ist.

Auch die furchtbaren Zustände in den Behindertenheimen in Rumänien, wie sie früher dort herrschten, war ein von Menschen auf Menschen auferlegtes Kreuz, in dem Fall auf die Schwächsten der Schwachen. Hier konnte zumindest in einem ganz konkreten Fall auch mit Hilfe aus unserer Gemeinde, Leid gemildert werden, wurden auferlegte Kreuze abgenommen. Erst dieses Jahr kam wieder eine Besuchergruppe aus Rumänien zurück und berichtete von den deutlich sichtbaren Fortschritten in dem von ihnen begleiteten Kinderheim in Palcisa.

Nur leere oder abgenommene Kreuze sind gute Kreuze.

Kreuze werden nicht von Gott auferlegt und sind weder Prüfung noch Züchtigung. Wo immer es geht ist es unser Auftrag Kreuze abzunehmen und zu zerbrechen.

Ein ganz aktuelles Kreuz, dass viele Menschen in unserem Land zur Zeit zu tragen haben ist das Kreuz der Arbeitslosigkeit. Ich erwähne es deshalb, weil die Kollekte des heutigen Sonntags am Ausgang, für die Aktion 1+1 bestimmt ist. Es ist erschreckend wie oft man immer noch hört, dass jeder der will auch einen Arbeitsplatz findet und wie durch neue Beschlüsse arbeitslose Menschen zu Sozialhilfeempfänger gemacht werden.

So setzt die Aktion 1+1 mit Arbeitslosen teilen gerade bei den Schwächsten, nämlich den Langzeitarbeitslosen an. Ihr aktuelles Motto lautet: „ Zum Teufel mit dem Geiz – leisten Sie sich Großzügigkeit. Ihr Spende hilft Arbeitslosen“.

Seit beginn des Programms konnten rund 4500 Menschen mit diesem Programm unterstützt werden. An vielen Stellen auch in Kirchengemeinden konnten dank 1+1 immer wieder Langzeitarbeitslose eingestellt werden und auch in unserer Mögeldorfer Oase war über Jahre eine Person, auch mit Unterstützung von 1+1 angestellt.

Wo ein Langzeitarbeitsloser einen echten Job bekommt, nicht einen dieser Zeitarbeitsverträge, wo er dann kurz vor der Übernahme wieder entlassen wir, eine echte Chance, dann ist das wie wenn einer vom Kreuz abgenommen wird, dann bedeutet das Leben.

Dann steht das leere Kreuz nicht mehr für den Tod sondern für neues Leben. So wie in der Geschichte vom „7. Kreuz“, die ich zu Anfang erzählt habe, dass Kreuz ja nur Hoffnung gegeben hat, weil die Menschen wussten, dass der Entflohene lebet, so sehe ich es als Auftrag des Evangeliums, das Leid in der Welt zu lindern und die Menschen vom Kreuz zu holen.

Liebe Gemeinde, in diesem Sinne, ist für mich das leere Kreuz, ein Zeichen der Hoffnung. Es erzählt vom geretteten Leben, davon dass die Pläne des Bösen durchkreuzt wurden und das Gute gesiegt hat.

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