Niederlagen!

Liebe Gemeinde,

bereits am ersten und zweiten Sonntag nach Epiphanias haben im 1. Korintherbrief von den Unstimmigkeiten, die zwischen dem Apostel Paulus und der Gemeinde in Korinth bestanden, etwas gehört. Die dortige Gemeinde drohte auseinander zu brechen, da während der Abwesenheit von Paulus andere Wanderprediger versuchten die Person Paulus und seine Verkündigung verächtlich zu machen. Zunächst hat Paulus in einem weiteren Brief versucht die Argumente seiner Gegner zu entkräften. So nachzulesen im 2. Korinther 2,14 – 7,4.

Allerdings verfehlt dieser Brief die notwendige Wirkung. Und so macht sich Paulus auf und fährt ein weiteres Mal nach Korinth. Sein Besuch dort zeigt ebenfalls nicht den erhofften Erfolg und Paulus fährt unverrichteter Dinge wieder ab. Für Paulus steht nun alles auf dem Spiel. Nicht nur seine Ehre als Apostel, sondern auch die Botschaft von Jesus Christus selbst, die er verkündet hat, ist im höchsten Maße gefährdet. Paulus steht vor einer Niederlage. Und wenn jemand heute etwas Ähnliches erleben würde, wie Paulus, was für ein Aufheben in den Medien würde dann gemacht werden.

Bestimmt erinnern Sie sich an den Konkurs einer deutschen Privatbank Mitte der 90er Jahre, bedingt durch nur eine Fehlentscheidung eines einzigen Menschen. Anfang der 70er Jahren machte er Abitur und studierte anschließend Jura. Das erste und zweite Staatsexamen absolvierte er mit Prädikat. Und über eine renomierte Anwaltskanzlei kam er zu dieser Privatbank. Unter anderem arbeitete er auch im Ausland. Verhandelte und schloss Geschäfte mit anderen internationalen Banken. Stets war er um das Wohl seiner Bank bedacht. Wie konnte er auch nur ahnen, dass sich seine Bank durch seine Entscheidung zu einer Großinvestiton im nahen Osten, so vergaloppieren würde. Hinzu kam, dass in dieser Zeit familiere Probleme seine Ehe auseinander brechen ließ. Ein zu Hause und eine Arbeitsstelle hatte er nicht mehr. So begab er sich im Jahre 1996 Hilfe suchend in die Obhut der Wohnungslosenhilfe der kreuznacher diakonie.

Wie gehen wir eigentlich mit unseren Niederlagen um? Verschweigen wir diese ganz einfach? Oder versuchen wir unsere Misserfolge zu zerreden, sie zu bakatellisieren, so wie der Handballtrainer des HSV Bad Sobernheim? Normalerweise ist er nach Niederlagen alles andere als gut gelaunt. Doch nach der Niederlage im Nachholspiel beim Oberliga-Vierten DJK/MIC Trier zeigte er sich allerdings gelassen: "Im Rückspiel werden wir das Ding drehen. Die sind nicht unschlagbar", so der Trainer.

Wie gehen wir eigentlich mit unseren Niederlagen um? Suchen wir nach Schuldigen, die für unsere Niederlagen verantwortlich sind? Oder vergraben wir uns etwa in Depressionen? Wie gehen wir eigentlich mit unseren Niederlagen um? Resegnieren wir gänzlich und geben auf, so wie ein junger Mann Ende Januar? Seine Pechsträhne hörte nicht auf. Voller Verzweiflung holte er eine Pistole aus der Tasche, setzte sie sich an die Schläfe und schoss. Was macht Paulus, als er sich dieser Niederlage ausgesetzt sieht? Paulus gibt nicht auf. In großer Erregung und mit höchstem persönlichem Einsatz schreibt er einen weiteren Brief. Hören wir nun aus 2.Kor 12,1-10:

[TEXT]

Bei genauerer Betrachtung des heutigen Predigttextes fällt auf, dass die Situation, in der Paulus sich befindet, wohl nicht die erste Niederlage in seinem Leben gewesen ist. Bereits dreimal hat er zu Jesus Christus gebetet, dass er ihn von seinen Leiden, vom Satansengel, befreie. Um welche Leiden, Krankheiten oder körperliche bzw. seelische Niederlagen es sich hier gehandelt hat ist für uns heute nicht mehr nachvollziehbar. Und wir wissen auch nicht wie oft, der für uns verständliche Wunsch so vieler kranker und behinderter Menschen: »Wenn ich doch gesund wäre!«, Paulus selbst zu schaffen gemacht hat. Wie wird er um ihre Heilung gebetet haben?

Paulus hat von Christus eine Antwort bekommen, die ein jeder und jede von uns in sein Herz einschließen sollte: "Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stärker erweist sich an dir meine Kraft." Dass der frühere Verfolger der jungen Christengemeinde ein Apostel geworden war, der durch seine Verkündigung Menschen für Christus gewonnen hat und er in der damaligen heidnischen Welt eine Brücke zu Jesus schlagen konnte und dass er das direkte Eingreifen seines Herrn erlebte, das war Gnade, liebe Gemeinde. Paulus hat es erkannt und seine Schwachheit als absolut notwendige Voraussetzung für seine Wirksamkeit getragen. In der Schwachheit des Paulus offenbarte der Herr seine Kraft. Nur wo Menschen sich als schwach erfahren, erleben sie Gottes Gnade als von außen kommend, als eine Macht, zu der sie selbst nichts, rein gar nichts beitragen können.

Ich kannte einen Mann. Sein Leben war nicht leicht. Die Schrecken des ersten großen Krieges bestimmten noch im Alter seine Träume. All zu früh verlor er seine Frau. Danach lebte er nur für seine Tochter und deren Familie. In der Not- und Hungerzeit nach der Vertreibung gab er von dem Wenigen, was er hatte, für das heranwachsende Enkelkind stets immer ab. Er diente ein Leben lang mit überzeugender Selbstverständlichkeit. In der letzten Zeit seines Lebens verwirrte sich sein Geist. Das brachte ihm und den Angehörigen viel Leid. Nur eines blieb ihm: sein unerschütterlicher Glaube. Und als er seine Tochter nicht mehr erkannte, erreichte ihn immer noch ein Gebet, welches er sie einst lehrte. Nun sprachen sie es zusammen jeden Abend eines jeden Tages. Welch eine Gnade der Gemeinsamkeit, liebe Gemeinde, als alles andere getrennt war.

"Darum freue ich mich über meine Schwächen, über Misshandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Schwierigkeiten. Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark." Wenn ich Paulus so zuhöre, dann merke ich, dass Niederlagen nicht nur zum Leben dazugehören. Und im Laufe meines kurzen Lebens habe ich festgestellt, dass ich an ihnen auch gewachsen bin. Können wir das auch so sagen, wie Paulus: "Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark"? Ich muss gestehen, dass es mir schwer fällt, diesen Satz so ganz locker nachzusprechen. Zu oft bin ich enttäuscht worden und meine Gutmütigkeit wurde ausgenutzt. Ein Nachgeben dem anderen gegenüber führte dazu, dass noch mehr verlangt wurde. Und doch verstehe ich Paulus, wenn er schreibt: "Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark." Und ich denke sogar, dass er im Grunde Recht hat. Denn die Menschen ändern sich nur durch die Liebe und Gnade Gottes und nicht dadurch, dass sie Böses mit Bösem vergelten. Und sie werden sich auch nicht dadurch verändern, dass der eine oder die eine versuchen werden den anderen oder die andere zu übertrumpfen. Inwieweit wir allerdings ganz allein aus der Gnade leben, werden wir erst dann merken, wenn wir von allem Materiellen getrennt sind und nur noch unseren Glauben haben.

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