Nicht WER, sondern WAS!

In dieser kurzen und auf den ersten Blick so braven Textpassage, steckt etwas besonderes: ein Wort, das in der Apostelgeschichte nicht sehr oft vorkommt. Ist es ihnen aufgefallen, liebe Gemeinde? Es ist kurz – gerade mal drei Buchstaben lang – und sehr alltäglich, so dass man es schnell überhört. Aber: es ist trotzdem wichtig. Ich lese ihnen die Verse deshalb noch einmal vor, vielleicht erraten sie ja, um welches Wort es sich handelt:

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Und? Haben sie herausgehört, auf welches Wort ich angespielt habe? Es ist das kleine unscheinbare Wörtchen "wir"! Normalerweise sind die erzählenden Bücher des Neuen Testaments, die vier Evangelien und die Apostelgeschichte, in der dritten Person Singular abgefasst. Hier aber haben wir ein seltenes Beispiel für einen Augenzeugenbericht in der ersten Person Plural. Ein Begleiter des Paulus hatte sich wohl während der Missionsreisen Notizen gemacht und eine Art Reisetagebuch geführt. Und diese Aufzeichnungen haben dem Verfasser der Apostelgeschichte vorgelegen, als er sein Material für dieses Buch ordnete und zusammenstellte. Schließlich hat er sie dann unverändert übernommen und in sein Werk eingearbeitet.

Wer hinter diesem "wir" steckt, das weiß man nicht genau. Paulus ist auf seinen Unternehmungen von verschiedenen Mitarbeitern begleitet worden; ein paar kennt man namentlich, andere bleiben – so wie auch in unserem Predigttext – anonym und treten ganz hinter dem Hauptakteur zurück. Ich finde das bedauerlich. Denn ich bin mir sicher, dass auch sie erheblichen Anteil daran hatten, dass Paulus mit seiner Mission so erfolgreich gewesen ist.

Oft waren sie es, die den Kontakt zwischen den Gemeinden und ihrem Gründer aufrecht erhielten. Immer wieder wurden sie von dem großen Missionar auf Stippvisite geschickt. Sie sollten vor Ort nach dem Rechten sehen oder, wenn es Probleme gab und Paulus selbst verhindert war, in seinem Namen für Ordnung sorgen. Und das sind ja nur die Aufträge, welche in den neutestamentlichen Aufzeichnungen Erwähnung finden. Man kann sich nur eine ungefähre Vorstellung davon machen, mit welchen Aufgaben sie darüber hinaus noch betraut wurden.

Zwei Dinge aber werden hier ganz deutlich: Paulus konnte sich 100%ig auf seine Mitarbeiter verlassen. Und die wiederum haben dem Apostel voll und ganz vertraut. Und das, obwohl sie immer wieder Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen mussten und auf ihren Reisen auch in Lebensgefahr geraten konnten.

Wie weit dieses Vertrauen ging, das erfährt man unter anderem in unserem Predigttext. Paulus träumt davon, sein Missionsgebiet auf Europa auszudehnen. "Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!" Der Apostel ist fest davon überzeugt, dass er auf dem anderen Kontinent gebraucht wird. Er erzählt seinen Weggefährten davon und kann sie für sein Vorhaben gewinnen. Sie machen sich sofort auf den langen und nicht ungefährlichen Weg. Lapidar heißt es: "Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen …"

Was veranlasst Menschen, sich dem Traum eines anderen anzuschließen, ihm nachzugehen und dafür auch Risiken in Kauf zu nehmen und sich bis zur Selbstaufgabe zu engagieren? Wie konnte beispielsweise Martin Luther eine derartige Bewegung in Gang setzen, die schließlich zur Gründung einer neuen Kirche geführt hat? Warum konnte Mahatma Gandhi ganze Völker, die noch dazu unterschiedlichen Religionen angehörten, dazu bewegen, gemeinsam und ohne Gewaltanwendung seinem Traum von einem freien Indien zu folgen? Wie ist es Martin Luther King gelungen, eine ganze Generation dazu zu bewegen, auf die Straße zu gehen und gewaltfrei gegen Rassismus zu protestieren und für die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß zu demonstrieren?

Lag es an ihrem Charisma? Sicher. Paulus, Martin Luther, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, sie alle waren charismatische Persönlichkeiten, die zu überzeugen wussten. Aber das war nicht das Entscheidende. Viel wichtiger war doch die Sache, für die sie geworben haben: Gnade, Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Frieden … das waren ihre Botschaften, ihre Evangelien, wenn man so will, von denen sie überzeugt waren, dass die Menschen ihrer Zeit sie bitter nötig hatten und die sie deshalb unters Volk brachten.

Und genau das ist es auch, was die Mitarbeiter des Paulus veranlasst hat, sich seiner Mission anzuschließen: " … wir suchten sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen." Sie wollen den Menschen auf dem anderen Kontinent etwas Gutes tun, ihnen das eine Evangelium zukommen lassen, das ihr eigenes Leben so sehr verändert hat. Nicht Paulus ist es also, dem sie folgen, sondern seiner Aufgabe, die frohe Botschaft Jesu mit anderen zu teilen.

Übrigens, bei Lydia, der Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, treffen wir auf das gleiche Phänomen: Auch sie lässt sich nicht von der Person des Paulus überzeugen, sondern von dem, ich zitiere: "was von Paulus geredet wurde." Auf das Was kommt es ihr also an und nicht auf das Wer. Nur deshalb geht ihr bei den Worten des Apostels das Herz auf und lässt sie sich und ihre Angehörigen taufen.

Mir ist es wichtig, liebe Gemeinde, deutlich zu machen, dass der christliche Glaube keinen Personenkult kennt und ihn auch nicht braucht. Im Vordergrund steht das gute Wort, das uns zugesprochen wird und das wir an andere weitergeben dürfen. So war es bei Martin Luther, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Paulus, und so sollte es auch heutzutage bleiben.

Allerdings leben wir in einer Zeit, in der die Person immer mehr in den Vordergrund gerückt wird und das, wofür sie eintritt, immer unwichtiger zu werden scheint. In der Politik kennen wir dieses Phänomen ja schon länger und werden es in diesem Wahljahr wieder zu sehen bekommen: Nicht das Parteiprogramm wird für das Wahlergebnis entscheidend sein, sondern das Geschick der beiden Kontrahenten um die Kanzlerschaft, sich möglichst medienfreundlich und souverän in Szene setzen zu können.

Auch im religiösen Bereich finden wir ähnliche Entwicklungen. Gurus und selbsternannten Erlöser und Propheten, die das Heil versprechen und sich dabei zum Maß aller Dinge machen, haben – leider – immer wieder Hochkonjunktur. Aber auch die millionenschwere und scheinbar sehr erfolgreiche Werbekampagne "Kraft zum Leben" der amerikanischen DeMoss-Stiftung bedient sich diesem personenzentrierten Trend. Ich frage mich, warum es ausgerechnet berühmte und erfolgreiche Menschen sein müssen, die für dieses Buch werben? Hat das Evangelium Jesu Siegertypen nötig, um überzeugend zu sein? Müssen es unbedingt so bekannte Namen wie Bernhard Langer oder Paolo Sergio sein, mit denen wir das Programm der Bibel in Verbindung bringen sollen? Entspricht das der Intention des Mannes aus Nazareth, der zuerst den Verlierern und Außenseitern seine Botschaft anvertraute und sie damit zu seinen Botschaftern machte?

Auch wenn ich für ein modernes und zeitgemäßes Auftreten unserer Kirche bin, liebe Gemeinde, aber diesem Trend darf unsere Kirche nicht folgen. Unser origineller und einziger Werbeträger ist und bleibt das befreiende Wort der Liebe Gottes zu uns Menschen, wie es Jesus aus Nazareth in die Welt gesprochen hat. Und damit es zu überzeugen vermag braucht es keine Bernhard Langers und auch keine Paolo Sergios, sondern es braucht einen jeden und eine jede von uns, die wir hier heute Morgen sitzen. Mit dem was wir tun und was wir sagen können wir tatsächlich jederzeit zu Botschaftern Jesu Christi werden, ganz gleich wie wir heißen und wer wir sind, ganz egal, welchen Platz wir in der Gesellschaft einnehmen. Denn bei uns zählt einzig und allein das Programm und nicht das Ansehen der Person!

Deshalb wünsche ich uns allen, dass wir – wie die Mitarbeiter des Paulus – immer wieder dieses tiefe Vertrauen zu der Botschaft Jesu finden. Und damit zu seinen Weggefährten werden, auf die er sich 100%ig verlassen kann.

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