Nicht tief genug gebückt!

Liebe Gemeinde,

Ihnen kann es genauso gehen: Mein persönlicher Glaube an Gott macht mich zu einem besseren Ehemann, zu einem besseren Vater, zu einem besseren Menschen. Gezeichnet; Bernhard Langer, Golf-Profi, einziger Deutscher, der in die "World Golf Hall of Fame" gewählt wurde.

Sie kennen das sicherlich aus eigener Erfahrung: Nach außen hin hat man alles: Ruhm, Geld, Glamour, eine wunderbare Familie, Aufregung, aber innerlich ist man ganz unglücklich. Und ehe man das Büchlein "Kraft zum Leben" las, da ahnte man ja gar nicht, wie arm man dran war. Die meisten von Ihnen haben im Fernsehen, im Radio, im Internet, in der Presse von den christlichen Erfolgstories gehört: Prominente Sportler, Verleger, Sänger, sogar ein Prinz, anscheinende Lichtgestalten gelebten Glaubens, werben für ein Buch, das uns alle angeblich zu besseren Menschen macht. Zitat: "Wir wollen Sie ermutigen, in das richtige Flugzeug einzusteigen, dessen Reiseziel wahrer Erfolg ist."

Viel wurde über dieses blaue Buch geschrieben, nicht alle mussten es lesen, um gleich darüber zu schreiben. Der Inhalt unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen evangelikalen Missionsschriften: Glaube an Gott und dir wird dein Leben gelingen. Die Nachfolge Jesu als amerikanischer Weg vom Tellerwäscher zum Millionär. Das ist weder sonderlich neu noch sonderlich bedrohlich. Die Landesmedienanstalten ließen die Fernsehwerbung für das Büchlein gerichtlich verbieten. Ideelle Werbung sei in Deutschland verboten. Das beziehe sich auch auf Produkte, die für weltanschauliche, politische oder religiöse Inhalte würben. Werbung für pornografische Hotlines, für Kriegsspielzeug oder heilsame Kupferarmbänder scheinen nicht unter die Rubrik ideeller Werbung zu fallen. Die wollen ja nur Geld, sind nur kommerziell. Ich gebe zu, ich verstehe diese Unterscheidung nicht so ganz, genau so wenig das Bohei, dass um die Kampagne "Kraft zum Leben" gemacht wird.

Würde unsere Gemeinde im Fernsehen für den heutigen Predigttext, den 2. Petrusbrief, werben wollen, wir würden wohl auch an den Landesmedienanstalten scheitern: Ganz eindeutig will die Schrift für den rechten Glauben werben, sie ist nicht sonderlich tolerant gegenüber Andersdenkenden, die Herkunft ist eher unklar, sie schmückt sich mit dem Namen eines Prominenten:

"Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen." Gezeichnet: Petrus, erfolgreicher Judenmissionar, einziger Apostel, auf den Jesus eine Kirche bauen wollte. Dass der Apostel schon Jahrzehnte vor Abfassung dieses Briefes starb, soll nicht unerwähnt bleiben. Und wahrscheinlich hätte der echte Petrus auch anderes geschrieben, um Menschen näher zu Gott zu bringen. Wahrscheinlich hätte er eher von seiner Rettung aus den Wasserfluten erzählt, von der Nacht, als er seinen Gott verriet und er ihn dennoch nicht fallen ließ, von der Auferstehung eines Totgeglaubten. Stattdessen redet der Brief von einem Erlebnis, dass im Nachhinein etwas Märchenhaftes hat. Und auch wenn der Verfasser betont, es sei keineswegs eine ausgeklügelte Fabel: Die Verklärung Jesu auf dem Berg ist für sich wenig glaubhaft: Jesus steigt auf einen Berg, zwei große Lichtgestalten des jüdischen Glaubens treten hinzu, Mose und Elia, eine Stimme spricht vom Himmel, und alles ist lauter Licht, alles ist einfach herrlich.

Die Vermutung liegt nahe, dass diese Geschichte geschrieben wurde, um zu erweisen, in welcher Tradition Jesus steht, welche Position er auf der Welt innehat: Jesus – der strahlende König, hoch auf dem Berg, von Gott selbst eingesetzt als Führer der Welt. Wir tun euch kund die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus! Wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit. Glory, glory, haleluja! Ist das glaubhaft? Es geht nicht darum, ob es wirklich Stimmen aus dem Himmel gibt oder ob es möglich ist, dass Tote erscheinen: Ist ein Gott glaubhaft, der nur strahlt vor lauter Herrlichkeit, der hoch auf dem heiligen Berg Ehre und Preis empfängt? Was der echte Petrus um das Jahr 30 auf diesem Berg erlebte, war etwas anderes: Es war eine Bestätigung, dass es Sinn macht, auf Unscheinbares zu setzen. Es war eine Bestätigung, dass hinter der Trostlosigkeit ein Friede steht, der unser Fassungsvermögen übersteigt. Hätte dieser Petrus wirklich einen Brief geschrieben, er wäre nicht bei einer Theologie der Herrlichkeit stehengeblieben. Er hätte erzählt, was vor dem Gipfeltreffen der Großen war und was ihm folgte: die Zweideutigkeit, die Angst, die Unsicherheit, der andere Hügel der wesentlich kleiner als der hohe, heilige Berg der Verklärung war: Golgatha, die Schädelstätte. Er hätte von Scheitern und Neuanfangen erzählt, von finsteren Tälern, die er aushalten konnte, weil Gott eben nicht auf seinem hohen Berg thronen blieb. Er hätte von einem Gott erzählt, mit dem es zum Ende kein bisschen herrlich gewesen war; von einem erbärmlichen, schreienden Gott, der wieder aufstand, um seine Jünger mit einem Auftrag wieder allein zulassen.

Denn vielleicht hätte er gewusst, dass dieses überirdisch herrliche Bergerlebnis nicht alltagstauglich ist. Auch wenn er selbst sicher davon zehrte, sich das Licht vor Augen hielt: Magische Momente wie dieser sind nicht transportabel. Sie bleiben im Herzen desjenigen, der sie erlebt. Vielleicht kennen Sie selbst auch solche magischen Momente aus Ihrem Leben: Sie sind unbeschreiblich, sie lassen alles in einem neuen Licht erscheinen, sie öffnen Wege aus der Ausweglosigkeit. Es überkommt einen manchmal aus einem heiteren Himmel: das Gefühl von Dankbarkeit oder Klarheit, der Mut, auszubrechen aus unheilvollen Strukturen, um neu anzufangen. Magische Momente, weil da irgendjemand etwas bestimmtes sagt, irgendwie besonders guckt oder auch weil außergewöhnliches passiert: die Geburt eines Kindes, die plötzliche Nähe eines Menschen, der Tod eines Freundes. Nicht immer ist der Himmel heiter, wenn etwas wie Sinn und Trost aufleuchtet.

Wenn wir solche Momente anderen beschreiben wollen, bleiben wir meist nur bei den äußeren Umstände hängen: Wir berichten, wie lange denn die Wehen gedauert haben, und können die unendliche Dankbarkeit für das neue Leben nicht in Worte fassen. Wir erzählen, wie wir uns denn kennengelernt haben, und können nicht beschreiben, wie das ist, plötzlich wieder geliebt zu werden. Wir schildern Krankheitsgeschichten und vergebliche Operationsverläufe und finden keinen Ausdruck für die hilflose, nackte Traurigkeit, für die zaghafte Hoffnung, dass trotzdem so tief unten neues Leben beginnen könnte. Solche Momente, die uns wirklich angehen, sind nicht transportabel, nicht kommunizierbar, sie bleiben in unseren Herzen. Gott allein kennt sie.

Was Petrus während der Verklärung Jesu erlebte, können wir bestenfalls versuchen zu verstehen, unseren Glauben können wir nicht darauf bauen. Wir waren nicht mit ihm auf dem Heiligen Berg. So scheint für uns sein Erlebnis als schönes frommes Märchen. Die Verklärung Jesu ist uns fremd, sie gehört nicht zu unserer Welt. Zu unserer Welt gehört die Zweideutigkeit, die Skepsis, das Fragen, nicht die Antwort, die felsenfeste Überzeugung, die klare Herrlichkeit.

Dieser Welt wegen ist Gott vom heiligen Berg wieder heruntergestiegen auf den Kreuzeshügel. Wir müssen unsere Zweifel nicht ausblenden, Gott selbst hat sie mit uns geteilt. Die Herrlichkeit für sich ist nicht glaubhaft, ist ein Märchen aus uralten Zeiten. Die Wahrheit, den Sinn unseres Lebens finden wir nicht im Abgehobenen, sondern im Heruntergekommenen.

Wer seinen Glauben auf der Herrlichkeit Gottes aufbauen will, begibt sich in schwindelnde Höhen. Wir müssen schon sehr hoch schauen, um an einen herrlich, strahlenden Weltenlenker glauben zu können, so hoch, dass unser Blick nicht von den Niederungen der Realität getrübt wird. Und wer so hoch schaut, blickt auf die anderen herab, auf die, die nichts von der Herrlichkeit sehen, weil ihnen die Realität von 500000 Flüchtlingen in Zentralafrika den Blick verstellt, auf die, für die die einfache Antwort "glory, glory, haleluja" nicht genügt, auf die, die bleiben wie sie sind, wenn sie die Kraft zum Lesen eines angeblich alles verändernden Buches aufgebracht haben. Wer nur die Herrlichkeit Gottes vor Augen hat, verkennt, dass dieser Gott auf dieser Welt umherstolperte und zusammenbrach.

In Christus ist das Wort Herrlichkeit neu geschrieben worden: Es ist konkret geworden, bleibt nicht im luftleeren Himmel hängen. Der Glaube an diesen Gott ist kein Flugzeug mit dem Reiseziel "wahrer Erfolg". Er bedeutet im Gegenteil die Bodenhaftung nicht zu verlieren, um die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Reiseziel ist nicht der wahre Erfolg, sondern das wahre Leben in seiner Widersprüchlichkeit, in seinen Höhen und Tiefen, in der Erkenntnis, dass die ganze Welt unter die Herrlichkeit desjenigen gestellt, der kam, um zu dienen. Dieses konkrete Leben, Ihr konkretes Leben steht unverlierbar unter dem Segen des heruntergekommenen Gottes Erfolg ist belanglos in diesem Leben.

Gott hilft uns nicht beim Toreschießen, beim Einlochen, beim Rekordversuch. Es ist ihm Gott sein Dank egal, ob wir als einzige Deutsche in irgendwelche Weltruhmeshallen aufgenommen werden. Doch Gott hält das Auf und Ab unserer Lebens zusammen. Er sorgt dafür, dass wir in der Widersprüchlichkeit unseres Lebens nicht verloren gehen. Er hilft uns, einander anzunehmen wie wir sind. Diese Botschaft leuchtet manchmal aus einem heiteren Himmel auf. Etwas wie Sinn und Trost, etwas wie Frieden und Vergebung. Wir müssen es selbst für uns erleben, selbst für uns annehmen. Wir können es uns nicht anlesen, durch kein Buch der Welt.

Ein Gelehrter kam einmal zu einem Rabbi und sagte: "Jetzt habe ich so viel in Büchern gelesen und studiert, aber Gott ist mir noch nie begegnet!" Der Rabbi antwortete: "Dann hast du dich wohl noch nicht tief genug gebückt!"

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