Nicht singen, sondern schweigen!

Dieser Sonntag, liebe Gemeinde, heißt Kantate: Singt vor Freude, lobt Gott, denn er hat Wunderbares vollbracht – dazu sind wir heute aufgefordert. Dabei ist mir an diesem Tag nicht nach Lobliedern und Fröhlichkeit zumute, sondern eher das Gegenteil ist der Fall. In Erfurt sind bei einem schrecklichen Amoklauf eines 19-jährigen ehemaligen Schülers des Gutenberg-Gymnasiums 17 Menschen getötet worden. Von einer Sekunde auf die andere ist in Deutschland der Schulalltag nicht mehr das, was er einmal war.

In Amerika, wo ähnliche Katastrophen stattgefunden haben, hat man einen Namen für so ein unfassbares Geschehen gefunden: school-shooting: Schulschießerei. Gewalttaten an den Orten, wo doch junge Menschen zu einem sozialen Miteinander befähigt werden sollen, nehmen immer mehr zu. Auch bei uns in Deutschland.

Und auch, wenn wir hier mehrere hundert Kilometer vom Tatort Erfurt entfernt sind, so wird auch in den Schulen unserer Region der Montag nicht wie all die anderen Montage vorher sein. Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen – sie werden viele Fragen haben, es wird Unsicherheit geben, bei dem einen oder der anderen vielleicht auch Angst. Und ich hoffe, alle – nicht nur in Erfurt – nehmen sich in den kommenden Tagen die Zeit, die notwendig ist, um das Geschehene zu verarbeiten und den eigenen Gefühlen Raum zu geben – im Reden und im Schweigen, im Nachdenken und im Beten …

Natürlich wird nach Gründen für eine solche Tat gesucht und über mögliche Konsequenzen spekuliert. Schon werden Stimmen laut, die Medien in die Pflicht zu nehmen und sie davon zu überzeugen, auf Gewaltdarstellungen zu verzichten, wenn sie Kindern und Jugendlichen zugänglich sind. Just in dem Moment, als in Erfurt die Polizei das Gebäude stürmte, verabschiedete der Bundestag ein neues, strengeres Waffengesetz. Der Bundesinnenminister ruft dazu auf, über die Atmosphäre in unserer Gesellschaft nachzudenken, in der das Potential zu solch einer Tat entstehen kann. Gewalt und Brutalität – darüber wird in den kommenden Tagen und Wochen nach dem schrecklichen Ereignis in Erfurt wieder viel diskutiert werden müssen. Auch mit und in den Kirchen …

Der Predigttext, den wir eben gehört haben, spielt auf ein Ereignis an, das auch von Brutalität und Gewalt gekennzeichnet ist, von dem wir aber meistens nur die eine Seite der Medaille wahrnehmen: die wunderbare Rettung der Israeliten vor dem herannahenden Heer der ägyptischen Soldaten. Die Geschichte erzählt, wie das Volk Israel, das gerade erst seine Freiheit gewonnen hat, von seinen ehemaligen Unterdrückern verfolgt wird. Einen Fluchtweg scheint es nicht zu geben, ein Gewässer versperrt die letzte Rückzugsmöglichkeit. In dieser Situation geschieht ein Wunder: das Wasser teilt sich, die Israeliten ziehen hindurch. Als sie das andere Ufer erreicht haben, kommen die Fluten zurück und vernichten das Heer des Pharao. Israel ist gerettet und kann nun endgültig seinen Weg in die Freiheit fortsetzen.

In dieser Situation greift Miriam, die Schwester des Mose, zur Pauke und beginnt zu tanzen und zu singen: "Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan, Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt." Später hat man diesen kurzen Vers zu einem längeren Lied ausgeschmückt und es dem Mose zugeschrieben. Darauf spielt der Text der Offenbarung an, wenn von dem "Lied des Mose" und dem "gläsernen Meer" die Rede ist.

Was dabei immer wieder vergessen oder verdrängt wird: die wundersame Rettung geschieht nicht ohne Blutvergießen! Folgt man der biblischen Tradition, dann haben Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Soldaten, die ja nur dem Befehl des Pharao gefolgt sind, ihr Leben bei dieser "wunderbaren Tat" verloren. Ich kann verstehen, dass die Israeliten erleichtert gewesen sind, sich über ihre Rettung gefreut haben. Aber ein Lied anzustimmen und Gott dafür zu loben, dass Menschen getötet wurden?

Ich habe einmal eine Geschichte gehört, ich glaube, sie ist von Martin Buber, einem herausragenden jüdischen Theologen, die versucht, die übliche Lesart dieser Erzählung zu hinterfragen. Als Israel das rettende Ufer erreicht hatte und die Wellen über die Ägypter zusammenschlugen, da nahm nicht nur Miriam die Pauke, sondern auch alle Engel im Himmel holten ihre Instrumente und wollten in dieses Loblied mit einstimmen. Aber Gott hat ihnen das Singen verboten! "Ein Teil meiner Schöpfung wurde gerettet," soll er gesagt haben, "aber ein anderer Teil ist untergegangen." Und er gebot den Engeln zu schweigen …

So, wie wir mit manch biblischem Text umgehen, indem wir in ihm immer nur die "frohe" Botschaft hören wollen, wo doch auch so viel von Tod und Zerstörung die Rede ist, so geht es uns wohl auch oft im alltäglichen Leben. Die Probleme werden nicht ernsthaft in den Blick genommen, Warnungen, wie sie schon seit längerer Zeit von Gesellschaftswissenschaftlern ausgesprochen werden, überhört man. Es ist eben nicht einfach, sich mit solch unangenehmen Themen zu beschäftigen.

Aber die freie Marktwirtschaft und das daraus resultierende Konkurrenzdenken hat nicht nur eine positive Seite. Viele Menschen finden sich in diesem System nicht zurecht. Und die Frustration, die entsteht, entlädt sich immer öfter auch in gewalttätigen Auseinandersetzungen, die keine Verhältnismäßigkeit mehr zu kennen scheinen.

In unserer Gesellschaft wird öfter verletzt und getötet, als es die Statistiken der Bundeskriminalämter hergeben. Denn nicht alle Wunden bluten und sind auf Anhieb zu erkennen. Wir Menschen besitzen nämlich nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele, und die ist um ein vielfaches verwundbarer als wir zuzugeben bereit sind. Und wenn jetzt von unterschiedlichster Seite gefordert wird, den Rahmenbedingungen unseres gesellschaftlichen Lebens mehr Beachtung zu schenken, dann heißt das für mich: Achtet wieder mehr auf die Befindlichkeit der Seele der Menschen und nicht nur auf ihren marktwirtschaftlichen Wert.

Die christlichen Kirchen haben hier eine hohe Mitverantwortung – gerade gegenüber der Jugend – zu tragen. Das Buch, das wir unsere "Heilige Schrift" nennen, schweigt sich zum Thema Gewalt nicht aus. Es kann unverblümt von der Brutalität erzählen, die das menschliche Leben oft prägt. Aber die Bibel berichtet auch von Gottes Alternative und dem ethischen Anspruch, an dem wir ChristInnen auch immer wieder unser gesellschaftliches Miteinander zu messen haben. Ob in den Zehn Geboten, in den Seligpreisungen, aus denen wir eben ein paar Verse gesungen haben oder im Leben Jesu – es geht immer wieder um die Solidarität mit den an den Rand gedrängten Mitmenschen. Sie ist von uns gefordert! Sie sollte wieder mehr unser Handeln bestimmen und darin auch diejenigen ergreifen, die sich nicht zur Kirche zählen. Meine Hoffnung ist es, dass sich dadurch Katastrophen, wie sie in Erfurt passiert sind, schon im Vorfeld verhindern ließen.

Auch wenn der Sonntag heute zum Singen von Lobliedern einlädt, so möchte ich sie, liebe Gemeinde, heute aus gegebenem Anlass einladen, nach der Predigt einfach der Orgel zuzuhören. Denken wir dabei an diejenigen, die gestern liebe Menschen auf tragische Weise verloren haben. Und beten wir, dass so etwas nie wieder geschehen möge.

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