Nicht die Gerechten …

Liebe Gemeinde,

ich möchte ihnen zwei Menschen vorstellen, die etwa gleichviel Geld verdienen, aber auf unterschiedliche Weise – einer locker, der andere hart erschuftet. Der eine Schilehrer – der andere ist Handwerksmeister. Wenn Sie wählen könnten – warum fiele wohl bei den meisten die Entscheidung so eindeutig aus zugunsten des Schilehrers? Weil das Gefühl eine Rolle spielt – das sagt: der hats gut. Der verdient sein Geld leicht – der hat das, wovon andere träumen, zu seinem Beruf gemacht. Er darf unter blauem Winterhimmel die Piste herunterfahren und kriegt auch noch Geld dafür.

Die meisten habens nicht so gut. 1. verdienen sie nicht so viel. 2. bleibt diese Kluft. Wenn morgens um 6 oder halb sieben der Wecker rappelt, dann ruft er eben die meisten zu einem mehr oder weniger grauen Tag im Betrieb oder in der Schule und die wenigsten auf eine sonnige Gletscherpiste. Also leben viele mit einer deutlichen Zweiteilung ihres Lebens – die Schule, die monotone Arbeit, der Haushalt – das wird halt hinter sich gebracht. Und man lebt hin, man lebt auf … am Feierabend, am Wochenende, bei den Highlights.

Die Evangelien erzählen von einem Mann, dem es sicher weitgehend genau so ergangen ist. Sein Job ist Zollbeamter. Aber im Gegensatz zu heute war das damals kein angesehener Beruf, sondern ein anrüchiger. Die Zöllner standen unter Korruptionsverdacht, der wohl auch nicht ganz unbegründet war. Und sie waren es, die mit der Besatzungsmacht – mit Rom – zusammenarbeiteten. Meistens waren zwar die Zöllner finanziell ganz gut gestellt, hatten aber einen miesen Job – Ärger mit den Leuten den ganzen Tag. Und auch nach Dienstschluss blieben sie Außenseiter, halb geächtet. Ruf vergleichbar einem hauptamtlichen Stasi-Spitzel zu DDR Zeiten. Von diesem Mann wird gesagt, dass Jesus eines Tages zu ihm an die Zollstation kommt und ihn anspricht: Matthäus, folge mir! Und Matthäus tuts: er stand auf und folgte ihm! Ist das nun die Wende? Vieles spricht dafür!

Man darf annehmen, dass der Matthäus vorher von Jesus gehört hat. Dass er sich vielleicht schon länger mit dem Gedanken getragen hat, auszusteigen. Was ganz anderes zu machen. Weg vom ungeliebten Job. Raus aus dem Sumpf von Korruption und Halbwahrheiten und Spießrutenlaufen … Raus aus dem Beruf, hin zur Berufung. Schön und gut, aber: war das nicht doch nur ein Einzelfall? Ja und Nein. Ja, weil Matthäus natürlich ein Einzelfall ist. Nein, weil Jesus immer wieder Menschen so gerufen hat. Nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch als Kernpunkt der christlichen Botschaft in seinem Namen. Darum steht diese Geschichte sicher auch in der Bibel. Damit alle, die das lesen und hören, wissen: ich darf es auch so machen wie Matthäus. Dafür ist Jesus da, dass er Menschen anspricht, an die Hand nimmt, die sich verrannt haben – die schuldig geworden sind – die an diesem oder jenem Punkt nicht mehr klar kommen und sich sehnen nach jemand, der ruft: komm doch, geh mit mir, lass uns ein Stück gemeinsam gehen.

Hier in der Geschichte ist das sehr konkret vorzustellen. Matthäus lässt sein bisheriges Leben buchstäblich hinter sich. Er steigt aus. Einfach so! Faszinierend, nicht wahr? – und heute noch Traum von Vielen. Aber und das sage ich unserer Ermutigung – der Ruf in die Nähe Jesu geht auch weniger spektakulär. Er kann gehört werden aus einem Lied – nach einem Gespräch über die Bibel – nach einer gelungenen Seelsorge – nach einem Händedruck … Ja, es gibt sogar Menschen, die eine solche Neuorientierung auf Jesus hin täglich machen. Gleich morgens am Beginn des Tages mit einem Gebet (Bonhoeffer – Luthers Morgensegen) oder mitten drin, wenn es besonders turbulent oder schwer wird: Jesus, komm und leite mich – Gib mir den rechten Gedanken – Zeige mir, wie und wohin es weiter gehen soll. Tja, offensichtlich hat der Matthäus die richtige Entscheidung getroffen. Man hört nichts davon, dass er wieder von Jesus fort gegangen wäre. Und es wäre ihm wie jedem anderen Menschen zu gönnen, dass er wieder ehrlich und aufrichtig leben kann. Vielleicht in bescheideneren Verhältnissen, dafür aber innerlich in Ordnung und seelisch gestärkt.

Schnitt. Schauen wir noch einmal auf die beiden Menschen, die wir am Anfang verglichen haben. Schilehrer und den Handwerksmeister. Der Schilehrer ist ein Glücksfall. Sagen wir, er ist der Kategorie: Lebenskünstler zuzurechnen. Die meisten Leute führen ihr Leben aber eher wie der Handwerker. Sie lernen und arbeiten hart, um nach oben zu kommen. Sie pauken Formeln oder Preislisten. Sie nehmen den Trott des Alltags geduldig auf sich. Und bleiben dabei ordentliche, ehrliche zuverlässige Menschen. Ihrem Selbstbewusstsein nach sind sie durchaus keine armen Schlucker oder Hinterbänkler auf der Lebensbühne, sondern selbstbewusste, lebenstüchtige Leute. Sie wollen nichts geschenkt. Aber wollen Anerkennung dafür, dass sie geradlinig und solide ihr Leben meistern. Krumme Geschäfte oder die Eskapaden anderer wollen und können sie nicht gut heißen, weder für sich selbst noch bei den anderen. Mal ehrlich – welchem Typ stehen Sie eigentlich näher? Ich glaube, die meisten bevorzugen die zweite Lebensweise. Und genau darum, weil das so ist, wird es jetzt richtig spannend, denn im Evangelium wird gleich darauf von einer Begegnung Jesu mit diesem Menschenschlag berichtet.

[TEXT V. 10-13]

Richtig – dieser andere ordentliche, solide Menschenschlag: Pharisäer. Aber bitte nehmen sie gleich den schlechten Beigeschmack weg, den dieses Wort heute hat. Denn den hat Jesus auch nicht. Die Pharisäer, das waren Menschen, die mit allem Ernst und viel persönlicher Konsequenz versuchten, ein ordentliches und gottwohlgefälliges Leben zu führen. Jesus bezeichnet sie als die Starken und Gesunden. Und er sagt das sicher ohne Zynismus. Er sagt aber auch, wenn ihr gesund und stark seid, dann braucht ihr mich nicht. Und ich meine schon, dass darin eine leise Warnung steckt. Warnung vor der Haltung – alle müssen so sein wie wir! Und jetzt wird es richtig anspruchsvoll. Jetzt müssen wir sehr genau hinsehen. Denn das Denken, das Jesus hier anspricht und letztendlich als Sünde beschreibt, kommt nicht als offensichtlicher Hochmut daher. Nicht mit Prahlen und Protzen: "seht her, was bin ich für ein guter Mensch". Sondern es ist jene Haltung, die sich ehrlich empört über die Verderbtheit der anderen. Es ist jene Haltung, die die eigenen Maßstäbe für Gut und Böse für richtig hält nicht nur im Blick auf die eigene Person, sondern auch für alle andern. Es ist eine konsequente Haltung, die von den anderen freilich nur das fordert, was man selbst auch zu erfüllen bereit ist. Also nicht heuchlerisch, sondern aufrichtig und ehrlich gemeint. – Aber doch mit einem Defizit behaftet. Es fehlt dieser Haltung an Wärme, Toleranz und Großmut.

Sie kennen diesen Typ Menschen, liebe Gemeinde? Sie kennen vielleicht eigene Anteile in ihrer Person, die auch so sind – Jene geradlinigen, schnörkellosen Leute, die darum sicher Bewunderung verdienen, in deren Nähe es aber oft ziemlich kalt ist. Ihre Maßstäbe sind scharf. Ihre Gerechtigkeit ist hart. Es sind Richtertypen, von der unbestechlichen, aber auch strengen Sorte. Jesus zeigt ihnen, dass sie auch nicht vollkommen sind. Ihr habt noch zu lernen, sagt er, was das heißt: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ihr seid darum noch weit weg von der Vollkommenheit, weil Barmherzigkeit, Toleranz, Vertrauensvorschuss, Herzenswärme nicht kennt. Ihr kennt sie nicht. Und darum kann ich nicht zu euch kommen.

Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, welches Maß an Abstand in diesen Worten liegt. Ich weiß nicht, ob Jesus von den Pharisäern denkt: Ihr seid mit eurer strengen Methode, das Gute zu fördern, total auf dem Holzweg. Oder ob Jesus denkt: Ihr habt etwas ganz wichtiges noch nicht verstanden, aber ihr seid auf einem guten Weg, ihr seid nahe dran. Aber das ist auch nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass Jesus sich von diesen Menschen abwendet, weil sie ihm mit ihrer Vorstellung von Recht und Gesetz die Tür versperren. Aber richtig tragisch ist, dass die Pharisäer und alle, die so denken wie sie, tatsächlich vor Gott nicht recht sind. Denn sie haben nicht gelernt, barmherzig zu sein.

So, was heißt das alles in der Zusammenschau? Ich wills mit Fragen einleiten: Muss ich erst richtig im Dreck liegen, um Jesus zu hören? Nein, der Matthäus hat sicher gerade wegen seiner zweifelhaften Vergangenheit einen weiten – inneren – Weg zu Jesus gehabt. Aber als er ihn geht, findet er Jesus – und findet offene Arme. Andererseits: habe ich keine Chance auf den Himmel, wenn ich versuche, geradlinig und ordentlich durchs Leben zu gehen? Nein, auch das ist nicht so. Der Himmel steht allen offen. Aber die Geschichte zeigt sozusagen die Klippen meiner Gerechtigkeit, dass sie zur Selbstgerechtigkeit wird. Und dass sie jene Werte vergisst, die Gott so wichtig sind: Barmherzigkeit und Herzenswärme. Letztendlich spricht Jesus beide Menschentypen an. Fordert sie auf, ehrlich zu sich zu sein. Und sagt ihnen: das, was ihr in euch spürt wie einen Krankheitserreger, das, was ihr als Schuld erkennt – das wird euch nicht von mir trennen. Denn ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.

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