Naeman und Elisa

In dieser Predigt habe ich eine Geschichte auszulegen, genauer gesagt eine Wundergeschichte aus dem Alten Testament. Der syrische Feldherr Naeman hat Aussatz, Lepra. Er macht sich auf in das verfeindete Nachbarland Israel, wo er hofft, durch den Propheten Elisa wieder gesund zu werden. Die Geschichte steht im 2. Kapitel des Königebuches. Ich werde die Geschichte Schritt für Schritt erzählen und auslegen.

"Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Syrien, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wertgehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig."

Ein Mächtiger hat Aussatz. Ein hoch Angesehener hat eine Krankheit, die ihn von allen anderen trennt. Der „gewaltige Mann“ hat einen Makel, dass ihn keiner berühren kann, ohne selbst aussätzig zu werden. Wie oft mag er sich gewünscht haben, frei von der Krankheit zu sein, dass er mit seiner Frau zusammensein könnte wie jeder Mann mit seiner Frau, ohne Gefahr zu laufen, sie mit dieser Hautkrankheit anzustecken. Vielleicht mag er sich auch gewünscht haben, mit dieser Krankheit kein Mächtiger und Großer zu sein, sondern wenn schon krank, dann lieber ein einsam-unbekannter kranker Bettler. Wie mag es ihm gegangen sein, wenn man bei Festbanketten einen Bogen um ihn machte, wenn sein König sich im Tempel des Syrergottes Rimmon beim Gottesdienst sich nicht auf den Arm seines besten Feldherrn stützen konnte, wie es damals üblich war. Wie wird er sich gefühlt haben, wenn er mit seinen Offizieren und Soldaten keinen normalen Umgang pflegen konnte, ohne diese Distanz wahren zu müssen, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Es gibt ja oft keine größere Einsamkeit als die, die mitten unter den Menschen entsteht – wodurch auch immer. Beim Beispiel des aussätzigen Feldherrn Naeman, denke ich an Menschen, die in Verantwortung für andere stehen, und dabei einsam sind: Eine Mutter, die ihre Kinder oft alleine erzieht, die Rat und Unterstützung sucht und nicht findet. Ein Abteilungsleiter in einer Firma, der schwierige Entscheidungen vor ihrer Belegschaft vertreten muss. An einen Menschen, der sich ehrenamtlich in Gemeinde und Vereinen engagiert, und keiner macht mit. Solche Menschen brauchen andere, die mitdenken, die den Mund aufmachen, nicht um die Verantwortlichen zu bestätigen, nicht um ihnen um den Mund zu schmeicheln, sondern weil sie eine leise Ahnung davon haben, wie es weiter gehen könnte. Wir hören weiter aus der Geschichte:

"Aber die Kriegsleute der Syrer hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien. So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?"

Er soll sich im Jordan waschen, richtet der Diener des Propheten aus. Auf den Hinweis seiner Sklavin hatte sich der kranke Feldherr in Feindesland begeben. Dass Naeman nun als hoher ausländischer Gast unhöflich behandelt wird, dass der Prophet sich nicht persönlich um ihn kümmert macht ihn zornig. Die Propheten Israels waren fast alle schroffe und kantige Typen, wie hier der Elisa, an denen sich viele, vor allem die Mächtigen gestoßen haben. Und die Situation droht zu kippen. Wenn der mächtige Mann aus dem feindlichen Nachbarstaat zornig wieder abreist, dann heißt das Rache und Krieg. Oft sind aus kleinen Missverständnissen große Kriege geworden, zwischen Völkern und Rassen, zwischen Menschen in einer Nachbarschaft, in einer Familie. Einer öffnet sich, sucht Hilfe oder zumindest Zuspruch beim andern. Deshalb ist er auch besonders empfindlich, als der andere irgendwie unpersönlich reagiert, so wie der Prophet Elisa. Da fühlt sich der Hilfesuchende nicht ernstgenommen, und abgewiesen. Grenzen zwischen Menschen, die durch gegenseitige Hilfe aufgehoben werden sollten, vertiefen sich. Viele Streitgeschichten fangen mit einer Bitte um Hilfe an, und sie entwickeln sich tragisch durch ein dummes Missverständnis. Es steckt eine Mahnung in dieser Geschichte an die Hörer, wach und einfühlsam mit denen umzugehen, die sich öffnen und ein Stück weit entblößen, weil sie Hilfe brauchen. Man muss die Worte genau zu wählen und wenn schon nicht freundlich, dann zumindest höflich sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass das Missverständnis zu einem großen Teil auch bei dem Hilfesuchenden liegt, dass der Feldherr Naeman von dem Propheten, von dem Mann Gottes ein bestimmtes, typisches Verhalten erwartet, und enttäuscht ist. Er erwartet Handauflegung und Gebet von dem Propheten, statt dessen wird er geschickt, sich im Jordan zu waschen. Der Gott Israels wird nach der Weisung des Elia anders handeln, als es der Hilfesuchende erwartet: nicht in einer kultischen Handlung, nicht in einem Medizinmann-Ritual, um es mal respektlos auszudrücken, sondern Naeman soll sich selber aufmachen, sich rein zu waschen. Das gefährliche Missverständnis zwischen Hilfesuchenden und Helfern kann also auch so aussehen: Manchmal erwarten Kranke alles vom Arzt und der Medizin, ohne bereit zu sein, selber etwas zur Genesung dazuzutun, dabei muss man manchmal seinen Lebenstil, seine Ernährung ändern, um gesund zu werden. Auch ich als Seelsorger erlebe viele Gespräche, in denen ich versuche, für einen Konflikt Lösungswege aufzuzeigen. Aber dann habe ich das Gefühl, dass meine Lösungsversuche gar nicht ankommen, und ich deute das dann unter anderem so, dass die Menschen sich gar nicht auf einen eigenen Weg aus der Krise machen können oder wollen. Und das kann möglicherweise schon ein Missverständnis sein, das einen heilsamen Fortgang der Dinge verhindert. Was hindert uns eigentlich, die Chancen zu ergreifen, die Gott uns für unser Leben geschenkt hat? Mancher ist vergraben in seinem Leid, mancher ist empfindlich, mancher sucht einfach nur ein offenes Ohr und nicht mehr, mancher will in seinem Recht und seiner Sicht der Dinge bestätigt werden. Naeman, der syrische Hauptmann jedenfalls fühlt sich als Hilfesuchender unverstanden und verletzt, als er die Weisung bekommt, sich aufzumachen und im Jordan zu waschen, und es droht aus diesem Missverständnis eine außenpolitische Verwicklung, die zum Krieg zwischen Israel und Syrien führen könnte. Die Geschichte steht auf der Kippe, als wir sie weiter hören:

"Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein."

Naeman steigt in den Jordan und taucht siebenmal unter und sein Fleisch wird rein wie das Fleisch eines Jungen. Es überreden ihn seine Knechte, es doch zu versuchen. Die Rolle der Sklaven und Knechte ist interessant in dieser Geschichte. Die Sklavin seiner Frau, die Naeman auf die Idee bringt; der Diener des Elisa, der Naeman die Botschaft des Propheten bringt, die Diener, die Naeman überreden. Wenn es einem Menschen nicht so gut geht, schaut er oft wie der Naeman nach oben, zu den Königen, zu Politikern, Ärzten und Propheten. Er wohnt in einem Luftschloss, in Tagträumen und frommen Wünschen. Und dann kann er gewaltig überrascht werden von einem Segen, von einer Hilfe, die nicht von oben, sondern von der Seite oder von unten kommen. Von einem Nachbarn ein freundlicher Besuch. Von einem Kollegen ein wichtiger Hinweis, der einen vor einem Fehler bewahrt. Von einer Musik aus dem Radio, zufällig gehört, die das Herz beruhigt und ihm Zuversicht gibt. Der Gott, zu dem wir unsere Augen erheben, er kann uns auf viele tausend Weisen begegnen, nicht nur aus der Höhe, sondern vor allem auch in der Tiefe. In der Tiefe der Krankheit Trost und Heilung. In der Tiefe der Schuld Vergebung und einen neuen Anfang. In der Tiefe des Todes die Auferstehung und das ewige Leben. Auch wenn es uns Heutigen schwer fällt, an Wundergeschichten zu glauben, das können wir aus dieser Geschichte hören: Gott hält Überraschungen für uns bereit! Im Land der Feinde kann er einem freundlich begegnen und Frieden stiften. Durch eine Sklavin, einen Knecht gibt er die heilsamen Hinweise, und dem Menschen in der Tiefe aufhelfen. Dem Menschen, der sich selber auf den Weg macht, der sich überreden lässt, eigene Schritte zu tun, und umzukehren, dem verwandelt er das Leben. Machen also auch wir uns auf den Weg! Werden auch wir gereinigt, innerlich, von dem Aussatz, der manchmal auf unseren Seelen liegt, dem nach oben schauen, dem Wohnen in Luftschlössern und dem Neid gegenüber denen, denen es besser geht! Werden auch wir wach für die Hinweise, die uns die „Kleinen“ geben, die Kinder, die Armen, die Kranken, die Alten, die Sterbenden! Finden auch wir einen neuen Glauben und ein neues Selbstbewusstsein, wie die Geschichte zuende erzählt.

"Und Naeman kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel. Nur darin wolle Gott, der HERR deinem Knecht gnädig sein: wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel Rimmons, dann möge der HERR deinem Knecht vergeben. Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!"

Naeman kommt zum Glauben an den Gott Israels und wendet sich von dem Gott Syriens ab. Naeman bittet um Vergebung, wenn er selbst als Knecht seines Königs mit diesem den syrischen Gott Rimmon anbeten muss. Er hat über die Konsequenzen seines Gesundwerdens bereits nachgedacht. Denn nun wird sich der König auf seinen Arm stützen, der nun nicht mehr aussätzig ist, wenn er zum Gottesdienst in den Tempel des Rimmon geht. Und es ist dem Naeman auch bewusst, dass er sich mit dieser Anbetung an seinem neuen Glauben schuldig macht. Aber Elisa sagt: Zieh hin mit Frieden! Die große Tat Gottes an dem Feldherrn Naeman soll auch weiterhin Segen in seinem Leben bringen, und keine neuen Konflikte. Der König soll sich auf seinen Feldherrn stützen können, und sei es im Dienst vor einem fremden Gott. Nicht mehr ausgeschlossen ist der Feldherr, von den Festbanketten, nicht mehr einsam unter seinen Offizieren und Soldaten, nicht mehr getrennt unter einem Dach wird er mit seiner Frau leben können.

Liebe Gemeinde. An Gott glauben, seiner Wunderkraft Raum im eigenen Leben geben, das hat Konsequenzen, segensreiche Konsequenzen. Der Gott der aus dieser Geschichte zu uns spricht, macht einen Kranken gesund. Was tun wir, für ein bisschen weniger Schmerz auf dieser Welt? Und welchen eigenen Beitrag leisten wir zu innerer und körperlicher Gesundheit? Gott lässt in dieser Geschichte einen Aussätzigen, einen Ausgeschlossenen in die Lebensgemeinschaft zurückkehren. Was tun wir, um Ausgeschlossene in die Gemeinschaft zu holen? Was tun wir zur Versöhnung in unseren Familien und Nachbarschaften? Gott lässt einen Fremden, jemanden, der nicht mal an ihn glaubt, seine heilsame und friedensstiftende Macht erfahren. Wie denken, wie reden wir über die Ausländer, die unter uns leben? Was wissen wir überhaupt über sie? Was tun wir, damit Menschen, die nicht an Gott glauben, seine Freundlichkeit für sich entdecken, seine Wahrheit erkennen und einen besonderen Sinn in ihrem Leben sehen können? Ich glaube, viel wäre getan, wenn wir den letzten Satz des Elisa mit in unseren Alltag, zu den Menschen um uns herum mitnehmen würden: Zieh hin, mit Frieden.

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