Mutiger Gehorsam

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung.]</i>

Liebe Gemeinde,

wir nähern uns der Zeit, in der wir an die Gefangenennahme und Kreuzigung Jesu Christi denken. Wie kann so etwas sein? Ist das nicht absurd. Der Sohn Gottes, der verheißene Messias, lässt sich gefangennehmen und kreuzigen –
widerspruchslos. Weil es sein Vater so will. Wir haben vorhin bei der Lesung aus
dem Alten Testament die Geschichte von Abraham und Isaak gehört, eine Geschichte, die mich als Kind immer in Angst und Schrecken versetzt hat. Was für eine Prüfung mutet da Gott dem Abraham zu? Und Abraham gehorcht auch noch – sind da nicht die Grenzen des Gehorsams erreicht? „Mein Vater?“ fragt ängstlich Isaak. In alten jüdischen Kommentaren wird die Geschichte ausgemalt, wir hören Isaak auf dem
Opferaltar schreien vor Angst. Was Gott dem Abraham und Isaak zugemutet hat, das mutet er nun sich selbst und seinem Sohn zu: Ein Vater gibt sein Liebstes zum Opfer. Auch Jesus war nicht frei von Angst. Hören wir, wie es im Brief an die
Hebräer heißt:

[TEXT]

Beim ersten Satz: Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und
Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod
erretten konnte; – fallen jedem, der Passionsgeschichte kennt, zwei Stellen ein: Die Szene im Garten Gethsemane, in der Jesus bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen – und die Schreie des Sterbenden am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Und Gott schweigt. Ja, werden Sie vielleicht denken und sich an Situationen erinnern aus dem eigenen Leben, in denen Sie den Eindruck hatten: „Gott schweigt. Er hört nicht, wie ich schreie.“ Solche Erfahrungen gibt es immer wieder. Menschen geraten in schwere Glaubenszweifel, wenn sie Leid erleben, wenn ihnen Opfer und Verluste abverlangt werden, die scheinbar jeglichen Sinn entbehren. Ein Kind stirbt, das noch gar nicht richtig zum Leben gekommen ist, eine Mutter hinterlässt drei Kinder, als sie Mitte 30 an Krebs sterben muss. Und es passiert kein erlösender Eingriff Gottes wie bei Abraham und Isaak, es wendet sich nicht plötzlich alles zum Guten. Auch an Jesus ist der Kelch nicht vorbeigegangen.

Aber steht hier, im Text nicht etwas ganz anderes? Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. Darunter hätten wir uns nun vorgestellt, dass Jesus nicht hätte sterben müssen, jedenfalls nicht so jung und nicht auf diese grausame Art.

Im Fall Isaak, so werden vielleicht auch die ersten Leser und Hörer des Hebräerbriefes, eine Gemeinde aus griechischen Juden, die noch nicht lange zu Christen geworden waren, gedacht haben, im Fall Isaak hat sich doch Gott dann mit einem Widder zufrieden gegeben. Wir denken vielleicht grundsätzlich falsch. Gott will nicht, dass wir ihm Menschen opfern. Es ist umgekehrt: Er hat uns ein Opfer gebracht, seinen Sohn: Er hat uns gezeigt: Wo auch immer ihr leidet, ihr seid nicht allein, ich bin euch vorausgegangen. Und ich hatte auch Angst: ich habe geschrien und geweint, so wie Ihr auch schreien und weinen dürft.

Sie kennen diesen Satz vielleicht alle noch aus Ihrer Kindheit: „Ein Junge weint nicht“. „Ein Mädchen auch nicht“, habe ich mir zum Beispiel immer gedacht und die Zähne so sehr zusammengebissen, dass sie geknirscht haben. Ich habe mir nicht erlaubt, zu trauern oder Angst zu haben. Ich habe mir nicht erlaubt, zu weinen, als meine Oma starb, als mein bester Freund sich umbrachte, ich dachte,
ich muss immer tapfer sein. Und ich kann mir vorstellen, dass einige von Ihnen
auch so erzogen worden sind. Wir schämen uns, wenn wir klagen. „Hör auf zu jammern“, sagen uns andere und wir selbst.

Aber das verlangt Gott von keinem. Im alten Testament wird oft und viel geklagt, in den Psalmen, bei Jeremia, im Buch Hiob. Diese Klagen gehören zu den schönsten Texten in der Bibel. Schreien und weinen kann ungemein erleichtern, dem Schmerz eine Sprache geben, statt daran zu ersticken.

Und wenn Gott unsere Klagen erhört, so vielleicht oft auf eine ganz andere Weise als wir es uns vorgestellt haben. Jesus Christus ist gestorben, aber er ist auch auferstanden. Der Vater hat sein Klagen wohl gehört, aber er hat auch dieses ganz andere, diesen Zusatz gehört: „nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Wie oft sagen wir das im Vaterunser so dahin, ohne uns bewusst zu sein, dass wir damit unser Wollen in Gottes Hand legen.

So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt: 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden. Gehorsam ist so ein Wort, das mir schwer wird. Damit hatte ich oft meine Probleme, schon in der Schule. Vor allem dann, wenn ich den Sinn von etwas, was mir aufgetragen wurde, nicht einsehen konnte. Fast jedes Mal denke daran, wenn ich das Vaterunser spreche, wie lange der Weg war, der mich begreifen ließ, dass
es etwas anderes ist, Gott zu gehorchen als irgendwelchen Menschen, manchmal auch Menschen, die die Kirche vertreten. Diese Art von Gehorsam kostet Mut. Diese Art von Gehorsam bringt kurzfristig gesehen manchmal mehr Schmerz oder Leid mit sich als man ertragen zu können glaubt. Mancher, der Gott mehr gehorcht hat als weltlicher oder kirchlicher Obrigkeit, hat dafür einen Kreuzweg auf sich genommen, er ist Jesus nachgefolgt bis in die
ganze Tiefe des Leides. Ich denke da an Menschen, die auf Gott gesetzt haben,
wenn sich ihre Kirche auf Abwegen bewegte, Menschen, die sich entscheiden mussten und diese Entscheidung mit dem Leben bezahlten. Bekannte Beispiele aus jüngerer
Vergangenheit ist Dietrich Bonhoeffer, sind Sohie und Hans Scholl und Willi Graf, die die Widerstandsbewegung "Die weiße Rose" begründeten. Aus dem ausgehenden Mittelalter fällt mir Jan Hus ein, der Missstände in der katholischen Kirche anprangerte und dafür verbrannt wurde. Gestorben sind sie nicht, weil es Gott verlangte, sondern weil Menschen Gott immer wieder missverstehen.

Es gibt aber viele auch weniger prominente Beispiele für einen Gehorsam, der alles andere ist als Unterwürfigkeit, einen Gehorsam, der viel Kraft und Mut
erfordert: Wer hierzulande noch vor zwei Jahrzehnten in der Kirche aktiv war, hat
genug gewagt, das wissen Sie alle. Und mancher hat viel auf sich nehmen,
hinnehmen müssen: den Verzicht auf den Wunschberuf manchmal, manchmal auch den Verzicht auf die Freiheit. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?", diesen zornig-traurigen Gedanken wird da mancher auch gehabt haben. Der Gedanke ist alt, älter als 2000 Jahre. Wir finden ihn beim Dichter der Psalmen, bei Jeremia. Aber erst seit Jesus seinen Kreuzweg gegangen ist, wissen wir, dass Gott uns nie verlässt. Und wir wissen auch, dass Jesus Christus seinen Leidensweg ein für
allemal gegangen ist, im Voraus für uns. Als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Kürzlich habe ich die Lebensgeschichte des römischen Kaisers Julian gelesen, der als Julian Apostata, zu deutsch "der Abtrünnige", in die Historie
eingegagngen ist. Im 4. Jahrhundert, nachdem Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion gemacht hatte, hat dieser Julian, christlich erzogen, sich wieder zu den griechischen und römischen Göttern bekannt. "Dieser Jesus glaubte, er sei der Messias. Die Sache ging jedoch schief. Sein Gott ließ ihn im Stich. Er
wurde gewalttätig. Mit einer großen Bande von Aufrührern bemächtigte er sich des Tempels und verkündete, er bringe das Schwert. Was sein Gott nicht für ihn tun wollte, musste er jetzt selbst tun. Er war am Ende kein Gott, nicht einmal der Messias. Zu Recht ließ ihn unser Statthalter hinrichten." So kann es natürlich jemand missverstehen, der angesichts des wenig heilen Zustands dieser Welt nicht an die Heilsbotschaft zu glauben vermag. Jenen Julian hatten die wenig christliche Lebensweise der Bischöfe seiner Zeit und auch seiner zum Christentum übergetretenen Vorgänger zu seiner Haltung gebracht. Im Namen Christi war schon dreihundert Jahre nach seinem Tod gemordet worden.

Im Sterben Gehorsam lernen – was in den paar Versen der aktuellen Predigtperikope angedeutet wird, lässt auch in diesen Tagen erschrecken. Wir denken an das, was Al Qaida, Hamas, ETA und all die anderen Terrorgruppierungen von ihren Anhängern fordern: Gehorsam und Opferbereitschaft bis in den Tod! Sie klingen mir zu sehr nach politisch-religiösem Fanatismus, der suggeriert, mit dem freiwilligen irdischen Tod eine andere Weltordnung und das ewige Leben gewinnen zu können – und der doch nur Krieg und Tränen provoziert. Mir scheint, dieser
Passionstext ist erschreckend nah an unserer Wirklichkeit. Es wird zur
Herausforderung, ihn unmissverständlich abzuheben von dem Terror und der Politik, die Menschen zu freiwilligen und unfreiwilligen Opfern spirituell überhöhter
Ideale missbrauchen. Wie auch immer Jesu Tod theologisch interpretiert wird, als Aufforderung zu einer selbstvernichtenden Nachfolgebereitschaft taugt er nicht.

Denn Jesu Gang nach Golgatha war so freiwillig nicht. Sein Gebet im Garten Getsemane widerlegt das deutlich. Am liebsten hätte er diesen bitteren Kelch an sich vorübergehen lassen. Das klingt ganz anders als die auf Video gebannten
Propagandareden der Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als Erlösungstat feiern. Wenn es nach Gottes Willen gegangen wäre, wie ihn Jesus schließlich auch für sich akzeptiert hat, dann gäbe es seit diesem einen Karfreitag keine Menschenopfer mehr.

Schon einmal, in der Geschichte mit Abraham und Isaak, war Gottes Versuch gescheitert, den Menschen endgültig klar zu machen, dass in seinem Namen und mit seiner Zustimmung niemandem das Leben genommen werden darf. Warum sonst – diese Frage las ich kürzlich – war es Gott persönlich, der Abraham den Auftrag gab, Isaak zu töten, aber "nur" ein Engel, der einschritt, um dieses Opfer zu verhindern? Vielleicht, weil Gott von Abraham enttäuscht gewesen ist. Er hätte sich seinen Protest gewünscht, Abraham hätte sich weigern sollen – selbst auf Gottes Geheiß hin – einen Menschen zu opfern. Diese Auslegung widerspricht der gewohnten Auslegung dieses Textes, die ja doch Abrahams unbedingten Gehorsam preist und für vorbildlich hält – und manch religiösem (Ver)Führer dazu dient, Menschen in den Tod zu schicken. Doch vielleicht war es ja gerade Abrahams Ungehorsam, den Gott gewollt hätte? Warum hat dieses Mal Abraham nicht mit Gott gehandelt wie im Fall Sodom.

Das Zeichen des Kreuzes ist eine eindeutige Absage an jeden Versuch, dem willentlichen Tod von Menschen irgendeine von Gott tolerierte Begründung geben zu können. Wenn sich Jesus für die Menschheit geopfert hat, dann widerspricht dieses
ein für allemal gültige Opfer jedem anderen wie auch immer motivierten und
begründeten Menschenopfer. Vielleicht war Golgatha Gottes letzter Versuch, seinen Geschöpfen klar zu machen: Wer Leben zerstört – sein eigenes oder das anderer -, kann sich nicht auf den Gott Abrahams und den Vater Jesu berufen. Denn der ist ein Gott der "Lebenden und nicht der Toten". Wer den Helden- oder Märtyrertod predigt, leugnet die Auferstehung und nimmt dem Ostermorgen das Licht.

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