Moralpredigten?!

Liebe Gemeinde,wenn mir etwas besonders fern liegt, dann sind es Predigten mit erhobenem Zeigefinger. Ich habe selbst in meiner Jugend und auch schon als Kind ziemlich viele Moralpredigten gehört. Ich bin aufgewachsen unter älteren, zum Teil unverheirateten Tanten, Diakonissenschwestern der alten Schule waren auch dabei, und unser Gemeindepfarrer sah ein bisschen aus wie Lehrer Lämpel aus "Max und Moritz". Manchmal wusste ich gar nicht, was damit gemeint war, wovor dieser Pfarrer so eindringlich gewarnt hat, und Nachfragen zu Hause brachte nur weitere Verwirrnis, denn über "sowas" sprach man nicht, schon gar nicht sonntags beim Mittagessen. Heute ist uns so ein Predigttext aufgegeben, bei dem mir Erinnerungen hochgekommen sind an die Enge, die kleinbürgerlicher Protestantismus mit sich bringen kann, an bedrückende Gottesdienste, aus denen ich herauskam und überzeugt war, irgendeine mir zwar unbekannte, aber umso abscheulichere Sünde auf mich geladen zu haben.

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Aha, nun wissen wir es also: Die, die von Gott nichts wissen, behandeln ihre Frauen schlecht, gehen fremd und ziehen ihre Geschwister beim Erbe über den Tisch. Bei Christen aber ist es ganz anders. Oberflächlich betrachtet könnte das die Summe der Verse aus dem Brief an die Thessalonicher sein. Ich möchte nun weder über den ausschweifenden Lebenswandel in griechischen Hafenstädten des 1. nachristlichen Jahrhunderts sprechen noch über Sextourismus nach Bangkok oder 190er Nummern, die die Telefonrechnungen nicht nur Jugendlicher sprengen. Es ist nicht meine Art, in die Schlafzimmer der Menschen zu schauen. Ich denke, in diesem Text geht es eigentlich um etwas anderes: Es geht um Respekt, um Achtung voreinander, die auch im ganz privaten Miteinander nicht aufhören kann, wenn wir das Gesetz Christi, das nichts anderes als Liebe bedeutet, erfüllen wollen. Und Liebe bedeutet, zu spüren und sich immer wieder bewusst zu machen, dass dem ICH ein gleichberechtigtes DU gegenübersteht. Da ist ein schöner Satz in dem Text: "Niemand gehe zu weit". Es gehört zum Schwierigsten im Miteinander, Grenzen zu erkennen.

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
"Ich liebe dich:
Du gehörst mir!"

So beginnt ein Gedicht von Erich Fried, das mich immer wieder nachdenklich macht. "Ich liebe meine Frau doch so sehr, ich kann mich selbst nicht verstehen, dass das immer wieder passiert", sagt ein Mann, der nicht nur die Wohnzimmereinrichtung ruiniert hat, sondern auch sein Familienleben durch seine Zornesausbrüche. Die Frau erzählt von Haushaltunfällen, die sie als reichlich ungeschickt im Umgang mit Besenstielen, Leitern und offengelassenen Schranktüren erscheinen lassen. Und irgendwie neigt sie doch rasch zu Blutergüssen, finden Bekannte. ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung. Gewalt in der Ehe aber ist ein Thema, das oft Wand an Wand mit uns wohnt. Da wird es dann schwierig mit dem Respekt und der Ehrerbietung: Der Mann, dem immer wieder die Hand ausrutscht, hat im Grunde schon die Achtung vor sich selbst verloren, er schafft sie sich wieder, indem er lauthals deutlich zu machen versucht, wer der Herr im Haus ist. Später will er alles wieder gut machen, das sagt er mit einem dicken Rosenstrauß durch die Blume. Die Frau weiß nun gar nicht mehr, wer sie eigentlich ist: Wodurch macht sie ihn immer wieder so wütend? Ist sie vielleicht tatsächlich so unliebenswert?

Ich könnte viele solcher Bilder aus dem deutschen Alltag schildern, krassere und weniger krasse, kein einziges Schwarz-weiß, alle voll unendlich feiner Schattierungen.
"Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
"Du darfst Gewalt anwenden", aber auch dort wo es heißt: "Du darfst keine Gewalt anwenden" so dichtet Erich Fried weiter, und die Frage ist: Was können wir als Christen denn dann noch tun? Wir können den Arbeitslosen keine Arbeit verschaffen, die Niedriglohngruppen nicht abschaffen, die Brutalität im Berufsleben kaum mildern. Und wir müssen uns darauf hinweisen lassen, dass Mobbing bei Kirche durchaus ein Thema ist, dass diakonische Einrichtungen ihre Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit schicken. Wenn Menschen unsere Seelsorge suchen, sind wir manchmal kaum zu erreichen oder zu müde zum Zuhören, denn auch Kirche spart, vor allem an Pfarrstellen. Wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin abends von einer Runde durch zehn Dörfer nach Hause kommt, geht es möglicherweise auch im Pfarrhaus nicht mehr unbedingt nur noch liebevoll zu. Sollen wir da das Predigen nicht lieber gleich einstellen? "Das sei ferne", würde der Apostel Paulus entsetzt ausrufen. Schließlich ist uns doch etwas mitgegeben, was uns immer wieder herauszieht aus dem Sumpf von Abgestumpftheit, Müdigkeit und Resignation, ja vielleicht aus einem Zustand, den manche kennen werden: einem gewissen Ekelgefühl angesichts der ganzen Gesellschaft. Wir haben eine verbindliche Zusage: Das ist die gute Gesellschaft Gottes. Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wir gehören zur "Gemeinschaft der Heiligen", auch dann, wenn wir uns manchmal nicht so benehmen. Wir haben die Sicherheit, geliebte Geschöpfe Gottes zu sein, auch dann, wenn wir uns manchmal kein bisschen liebenswert fühlen. Zu Gott dürfen wir Vater sagen, zu Jesus "Bruder" – und eigentlich ist es doch dann die selbstverständliche Konsequenz, auch andere Menschen mit Achtung zu behandeln, denn in jedem von ihnen begegnet uns jemand, den Gott genauso zu seinem Bild geschaffen hat wie Sie und mich. Selbst dann, wenn der andere das für sich gar nicht wahr haben will. Am einfachsten ist es natürlich mit der Liebe, wenn uns von der anderen Seite Liebe entgegenschlägt. Schwierig wird es im zwischenmenschlichen Bereich, wenn der andere ständig Grenzen überschreitet, wenn er Respekt und Achtung total vermissen lässt. Muss ich dann weiterlieben, lieben bis zur Selbstaufgabe? Liebe ist etwas, was sich nicht verordnen lässt. Und lieben kann nur derjenige, der sich eben nicht selbst aufgegeben hat, sondern sich gefunden hat. Liebe funktioniert nur als vollem Herzen. Liebe ist Geben aus dem Überfluss.

Daher ist Rückzug erlaubt. Ich muss mich nicht immer wieder verletzen lassen von einem Partner, der sagt: "Ich liebe dich, du gehörst mir und ich kann mit dir machen, was ich will". Da endet die Liebe, und die Hörigkeit beginnt. Klar ist uns aber gesagt, dass wir Gott mehr gehorchen sollen als Menschen. Es geht noch weiter: Wer jemandem, der fortwährend Grenzen überschreitet, kein Stoppschild hinhält, bringt den anderen, nennen wir ihn mal "Täter", um die Chance, sich zu verändern. Mancher wacht erst auf, wenn auf einmal nicht mehr alles möglich ist, was er bisher getan hat. Wenn die Frau zum Beispiel nach einem längeren Leidesnweg und nach vergeblichem Bitten gegangen ist. Oder wenn die Geschwister, die es satt haben, immer wieder von ihrem Bruder ausgenommen zu werden, sich miteinander verständigen und eine Sendepause in der Beziehung einlegen. "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze elt gewönne und verliert sich dabei selbst oder nehme Schaden an sich selbst?" sagt Jesus, auch das ist das Gesetz Christi. Es ist also durchaus erlaubt, in einer Beziehung Grenzen zu setzen, wenn die eigene Seele Schaden nimmt.

Zur Besinnung kommt mancher, der Liebe mit Grenzenlosigkeit verwechselt, erst, wenn er eine Weile einsam ist. Es ist sehr schwer, als Außenstehender in Beziehungsfragen zu raten. Und als Kirche stehen wir immer wieder vor einem Dilemma: Zum einen mag keiner Moralpredigten hören, wir werden mehr oder weniger dezent darauf aufmerksam gemacht, dass sich in zweitausend Jahren einiges geändert hat, dass die Welt "freizügiger" geworden sei. Kein Mensch fragt sich übrigens dabei, ob unsere Seelen mit dem Tempo Schritt halten konnten.

Zum anderen werden wir immer dann aufgefordert, den Zeigefinger zu heben, wenn etwas bestimmten Gruppierungen nicht in den Kram passt. Wenn ein Politiker im europäischen Parlament Vorbehalte gegen Homosexuelle hat, fühlt er sich plötzlich zum Moralapostel berufen, zieht die Bibel aus der Tasche und appelliert an die Kirchen. Der Gedanke aber käme ihm nie: wenn über die Diäten abgestimmt wird, die Kirchen aufzufordern, das Gleichnis vom reichen Kornbauern in allen Fernsehgottesdiensten europaweit zu verlesen. Aber wenn Kirche ihre Stimme zum Thema Globalisierung erhebt und darauf hinweist6 Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel – dann werden wir Prediger darauf hingewisen, wir möchten uns doch aus der Politik heraushalten, wir verstünden ohnehin nichts davon.

Ich kenne einige Pfarrer, die sich heute entschieden haben, nicht zu dem vorgegebenen Text zu predigen: "ich stelle mich doch nicht auf die Kanzel und wasche schmutzige Wäsche", hat einer gesagt. Ich glaube aber, selten gibt uns ein Text so viel Raum, dem Unterschied nachzuspüren zwischen zeitgeprägten Moralvorstellungen und einer grundlegenden christlichen Ethik. Letztere ist es, die der Apostel meint. Wer Menschen erniedrigt, der erniedrigt auch Gott. Er kreuzigt Christus noch einmal und verachtet damit Gottes Liebe. Das gilt immer – gestern wie heute. Über allen fehlbaren und manchmal selbstgerechten gesellschaftlichen oder auch kirchlichen Sittenlehren steht der Satz Jesu: "Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan".

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