Mitten im Leben

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

manchmal kann man ja schon Zweifel bekommen, ob denn Jesus so wahrhaftig und wirklich Mensch aus Fleisch und Blut ist wie wir. So erhöht, so verklärt, so herausgehoben wie ihn christliche Kunst sieht, so erleben wir ihn ja oft genug auch in den Geschichten, wo er der Erinnerung und dem Glauben lebendig ist. Heute aber im Evangelium , so scheint es, da kommt er als einer von uns auf uns zu. Es sind unsere Lebensorte, die Wüsten der Verzweiflung und Trauer und Angst, die Städte mit ihren protzigen Häusern und Türmen, dem hektischen Treiben, den offenen Augen und Ohren, die alles sehen und hören und dann auch weitererzählen, die Berge des Erfolgs, wo wir glauben, die ganze Welt umarmen oder aber sogar erobern zu können. Das sind die Schauplätze unsers Lebens, der Alltag unserer Welt, wo wir leben und uns bewähren müssen, wo wir Niederlagen einstecken und unvergessliche Augenblicke erleben, wo wir in unserer Gefühlswelt Berg- und Talfahrten durchmachen, wo wir, lieben, arbeiten und oft genug auch leiden. Das sind die Orte der Versuchung, was nichts anderes bedeutet, das es auch die Orte der Bewährung im Leben sind, an die uns das Leben führt. Matthäus nennt dies den Geist, der Jesus in die Wüste führt. Der Geist, der ihn entdecken ließ, wer er ist, nämlich Gottes Sohn, an dem er, Gott, wohlgefallen hat; ich kann aber auch sagen, es ist das Leben, das Schicksal, mein Weg, den ich entdecken und dann eben gehen muss, um zu erkennen , wer ich bin. So begegnet Gott. Und dann ist der Weg bis zur Versuchung und Anfechtung und die Gefahr sich zu verirren, nicht mehr weit.

Manchmal sind es die Wüsten, in die Leben hineinführt. Für Jesus ein symbolischer Ort, denn auch der Weg seines Volkes war zunächst ein Weg durch die Wüste, ehe es ins gelobte Land kam. Ein Weg der Entbehrung, der Auszehrung. 40 Tage fastet Jesus, das geht an die Substanz, da zeigt sich, ob einer noch eiserne Reserven hat. Jesus spürt Hunger und wer einmal wirklich gehungert hat, weiß, wie dann alles andere um einen herum, alle Grundssätze zweitrangig werden und alle Gedanken sich nur auf das eine konzentrieren: Brot, satt werden, genießen. Das ist wirklich eine Versuchung, der man erliegen kann. Aus Steinen Brot machen ist dann ein verlockender Gedanke. Und dennoch unsere Wüstenerfahrung sieht heute anders aus. Es ist nicht mehr der nagende Hunger, der uns umtreibt, es ist der Teufelskreis des immer mehr fordernden Wohlstandsdenkens, das Menschen in Abhängigkeiten zwingt. Mehr, höher, schneller, besser – so einfach beschreiben viele ihre Lebensziele. Und je mehr, je höher, je schneller, je besser, desto größer der Lebenshunger, den das Materielle eben nicht stillen kann. Sicherheit scheint es wohl zu vermitteln, aber nicht Zufriedenheit, die aus Freundschaft und Liebe, kommt, oder Erfüllung, die ich erlebe, wenn mein Tun und Handeln Sinn macht und etwas Bleibendes, und sei es nur die Erinnerung an einen Augenblick des Lächelns bei einem anderen, schenkt. Jesus widersteht im wahrsten Sinne des Wortes , in dem er diesen Standpunkt des Lebens, der gegen diese irrige Annahme steht, das Brot allein glücklich macht, in dem er an die alte Weisheit der Väter erinnert: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.

So ein Wort, wie „fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem gerufen , du bist mein“ oder aber „der Herr ist mein Hirte, mit wird nichts mangeln“ ist genauso und noch viel mehr Leben als nur ein voller Bauch, der dann drückt uns schmerzt. Jesus wusste um die Wichtigkeit des Brotes, Hungernde hat er gespeist und am Ende, wird er auch uns fragen, ob wir Hungernde gesättigt haben, – aber Brot allein ist noch nicht das Leben, auch nicht in den Hungergebieten und immer vom geschenkten Brot anderer leben zu müssen und es nicht selber erarbeiten zu dürfen , ist demütigend. Vielleicht sind die Städte, zweiter Ort der Versuchungsgeschichte, heute die Orte, wo uns diese Illusion des Wohlstands als Lebensinhalt am deutlichsten vorgespielt wird. Der Versucher jedenfalls wählt so einen Ort, um zu sehen, wie Jesus denn mit dem Wort Gottes umgeht. Aber wer zu allem ein passendes Bibelwort parat hat und damit die Aufmerksamkeit und die Zustimmung der Öffentlichkeit erheischen will, hat damit noch lange nicht die Wahrheit auf seiner Seite. Das ist missbrauchender Fundamentalismus, da wird Gott und sein Wort instrumentalisiert und funktionalisiert, hat keinen korrigierenden und klärenden Wert mehr an sich, sondern wird benutzt, wo es ins Konzept passt – bis heute, bis in unsere Tage zwischen Krieg und Frieden.

So wie der Gedanke mit „Steinen zu Brot“ alle Probleme der Welt lösen zu können, faszinierend ist , so ist genauso der Gedanke, Gott mit einer gezielten PR-Aktion beim Sturz von den Tempelzinnen in aller Munde und aller Herzen zu bringen verlockend. Genauso verlockend, wie die Versuchung, Gott zum Werkzeug meiner Interessen zu machen, mich seiner in den unterschiedlichsten Situationen zu bedienen. Gott als Notnagel meiner Existenz- und Sinnkrisen. Aber Gott ist Gott, unverfügbar, manchmal auch unnahbar, jedenfalls in den Grenzen meiner Erwartungen und Wünsche . In einem Schaukasten las ich: Gott erfüllt nicht alle Wünsche, aber alle seine Verheißungen. Jesus kann gar nicht anders als zu antworten: Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen. Es bleibt noch ein letzter Ort. Der Berg, von dem sich all die Herrlichkeiten des Lebens sehen und beinahe ergreifen lassen. Die Vorstellung alles besitzen und beherrschen zu können, wohl die gefährlichste und menschlichste Versuchung zugleich. Es gibt ein großes Misstrauen der Macht und der Herrschaft gegenüber. Vielleicht hat es mit der Erfahrung zu tun, dass Macht korrumpieren und missbraucht werden kann. Macht als auf Zeit anvertraute Verantwortung scheint vielen illusorisch. Jesus ist jedenfalls nicht den Weg der Macht und Herrschaft gegangen, die kann allein bei Gott ihre Wurzeln haben. Sein Weg war ein Weg des Dienens, der Fürsorge. Und da zeigt sich, dass an einer Stelle Jesus als Mensch aus Fleisch und Blut doch ganz und gar Gottes Weg zu uns und Gottes Wort an uns ist. Die Weltherrschaft, die ihm, dem Sohn Gottes, der Versucher anbietet, das Reich Gottes, das von so vielen ersehnt und erwartet wird als Welt voller Gerechtigkeit und Frieden, kommt noch nicht dadurch , dass Steine in Brot verwandelt werden, dass Gott medienwirksam einer säkularisierten Welt inszeniert wird. Es kommt auch nicht dadurch, dass Christen an den Schalthebeln der Macht sitzen oder Gottesstaaten ins Leben gerufen werden.

Das Reich Gottes beginnt, wo Gottes Liebe an die Kleinen und Schwachen, an die Ausgegrenzten weitergegeben wird, wo Gott nicht in das Gefängnis unserer Bedürfnisse gesperrt wird, sondern mit seinem Wort und seinem Willen uns gegenüber zu hören ist. Deshalb musste Jesus, weil er als Mensch aus Fleisch und Blut auch Gottes Sohn ist, den Weg über das Kreuz zu einem Leben im Lichte des Reiches Gottes gehen, wo er dann am Ende sagen konnte: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Er hat der Versuchung widerstanden, weil er wusste , wo er zu Gott steht. Wir können den Versuchungen des Lebens ebenso widerstehen, wenn unser Standort des Glaubens geklärt ist.

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