Mit Jesu Augen sehen!

Gestern haben sie geheiratet: der sympathische norwegische Kronprinz Haakon Magnus und die bürgerliche Tausendsasse Mette-Marit. Diese Verbindung ist nicht unumstritten. Er stammt schließlich aus königlichen Verhältnissen, durch seine Adern fließt blaues Blut und unangenehm aufgefallen ist er bisher auch nicht. Sie dagegen kommt aus dem normalen Volk, hat sich dazu bekannt, Drogen genommen zu haben und bringt ein uneheliches Kind mit in die Ehe, noch dazu von einem Mann, der ein ansehnliches Vorstrafenregister hat und den Knast auch von innen kennt. Traumhochzeit? Oder ist da ein edler aber naiver junger Bursche der Umgarnung einer ausgekochten Lebefrau erlegen?

Anfang des Monats haben sie ihre Lebenspartnerschaft auf dem Standesamt besiegeln lassen: der evangelische Pfarrer Holger Lorenz und der Kommunikationsforscher Gunnar Evang. Auch diese Verbindung ist nicht unumstritten. Er ist ein Mann und … er ist auch ein Mann! Zudem wohnen sie – nach einigem Hin und Her – im Pfarrhaus einer Kirchengemeinde des Stadtkirchenverbandes Köln, woran sich sicher auch noch viele Gemeindeglieder gewöhnen müssen. Alptraumhochzeit? Oder haben da tatsächlich zwei Männer den Mann fürs Leben gefunden?

Mit der Liebe, liebe Gemeinde, ist das ja so eine Sache. Wir Menschen sind auf sie angewiesen, haben es aber immer wohl noch nicht gelernt, mit ihr umzugehen. Die Liebe ist etwas so einfaches und zugleich doch unheimlich kompliziert; sie kann so schön sein und zugleich unendlich grausam; sie schafft so viel Neues und birgt doch eine ungeheuer zerstörerische Kraft; sie fügt zusammen und scheidet die Geister; sie befreit und fesselt im selben Moment.

Ob es mit der Liebe Gottes zu uns Menschen anders ist? Diese Welt ist auf sie angewiesen – aber haben wir es gelernt, mit ihr umzugehen?

Die Geschichte, die uns heute zum nach-denken aufgegeben ist, erzählt von dieser Schwierigkeit, Gottes Liebe in unserem Leben auf uns und in anderen wirken zu lassen. Ich lese ihnen die Verse 36 bis 50 aus dem siebten Kapitel des Lukas-Evangeliums:

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Machen wir uns nichts vor: was diese Frau – wahrscheinlich eine Prostituierte – da tut, die sich zu Jesu Füßen wirft und ihm die Füße küsst und salbt, ist skandalös! Abgesehen davon, dass sie ungeladen in eine Männergesellschaft hineinplatzt, ärgert sie den Gastgeber schon allein mit ihrer Anwesenheit und noch viel mehr mit ihrem schamlosen Verhalten. Pharisäer waren nämlich sehr darauf bedacht, mit wem sie Umgang pflegten. Und eine Hure im Haus eines strenggläubigen Juden, dazu noch vor geladenen Gästen, das widersprach nicht nur allen religiösen Vorschriften und überlieferten Gesetzen der heiligen Schriften, es musste gerade zu einer außerordentlichen und damit sehr lauten und gestenreichen Empörung des Hausherren und seiner Gäste provozieren!

Umso erstaunlicher ist es ,dass Simon sie gewähren lässt, missbilligend zwar, aber in seiner Situation reagiert er doch recht cool. Auch keiner der Gäste schreitet ein. Warum wohl?

Immerhin findet sich unter den Eingeladenen jemand, um den sich in dieser Geschichte alles dreht, der überhaupt den Anlass zu dieser Zusammenkunft gegeben hat: Jesus von Nazareth, der Mensch, der von sich behauptete, er kenne Gott so gut wie niemand sonst. Simon weiß wohl um die Geschichten, die man sich von ihm und seinen neumodischen Ansichten erzählte. Wahrscheinlich war es Neugier, die ihn dazu veranlasst hatte, ihn zum Essen einzuladen. Er war skeptisch, aber doch nicht so misstrauisch wie seine Kollegen, die diesen Kerl am liebsten los wären. Immerhin hielt er es für möglich, in ihm einen Propheten zu sehen. Diese unangenehme Situation, in die er nun durch diese Frau geraten war, verschaffte ihm jetzt die Möglichkeit, Jesus auf seine Prophetentauglichkeit zu testen, um sich endlich ein klares Bild von ihm machen zu können.

In Simons Augen besteht Jesus diese Prüfung überhaupt nicht! Jeder anständige Gottesmann wäre aufgesprungen und hätte diese Frau von sich gestoßen, sie womöglich verflucht und als Zeichen der Entrüstung seinen Mantel zerrissen – so jedenfalls denkt Simon über Propheten. Jesus dagegen lässt sich den Dienst der Frau gefallen.

Was sie tut besitzt durchaus erotische Züge, auch wenn es zu dieser Zeit nicht unüblich war, anderen die Füße zu waschen. Aber wie sie es tut, welche Leidenschaft sie in ihre Gesten legt, das ist schon etwas besonderes. Sie erinnert mich damit an die Fußwaschung, die Jesus nach der Erzählung des Johannes kurz vor seinem Tod seinen Jüngern zukommen ließ. In ihrem Sinne ist es wohl ein Zeichen der Hingabe. Sie, die stadtbekannte Sünderin, setzt sich über alle moralischen Vorstellungen und gesellschaftlichen Zwängen hinweg und folgt ihren Gefühlen. Sie sagt nichts: sie bittet Jesus nicht um Hilfe, sie klagt nicht über ihre Situation, sie fleht ihn nicht an. Aber in dem, was sie tut und wie sie es tut, ehrt sie diesen Menschen, der vor ihr sitzt – und hofft wohl, dass er sie versteht.

Und Jesus versteht sie. Scheinbar interessiert er sich nicht für ihren skandalösen Lebenswandel, er fragt nicht danach, aus welchem Grund sie so handelt, welchen Sinn das ganze haben soll und er hält ihr nicht vor, dass ihr Verhalten nicht der Etiquette entspricht. Er scheint noch nicht einmal überrascht über ihre Tun zu sein!

Allerdings hat er ein Gespür für die moralinsauren Gedanken der Anwesenden und er nimmt sich ihrer an. Er erzählt eine Geschichte und stellt Simon dazu eine Frage, die nur eine Antwort zulässt, eine Antwort, die ihn auf die Seite der Prostituierten zu ziehen droht. Der Pharisäer beginnt wohl zu grübeln, überzeugt ist er noch nicht. Da wird Jesus konkreter: Du, Simon, hast mich zwar zum Essen eingeladen, aber mir all diese Ehrerweisungen vorenthalten, die sie mir auf ihre Art hat zukommen lassen. Im Grunde ist sie, die sich als Fremde ungebeten in deinem Haus befindet, eine bessere Gastgeberin als du! Jesus dreht den Spieß um! Auf einmal ist es nicht mehr die Prostituierte, die einen Makel besitzt, sondern Simon selbst. Wer im Glashaus sitzt, der sollte eben nicht mit Steinen werfen.

Bemerkenswert! Jesus achtet nicht darauf, was ein Mensch ist – wichtiger scheint ihm zu sein, wie jemand mit dem, was er ist, umgeht. Nach menschlichem Ermessen mag das ungerecht erscheinen. Ich erinnere mich, dass wir in der Mittelstufe in unserer Klasse einmal eine heftige Diskussion mit unserem Sportlehrer hatten. Der Grund: Er hatte angekündigt, uns nicht nach unseren sportlichen Leistungen zu beurteilen, sondern nach unserem Bemühen. Wer kann denn etwas dafür, dass der eine eine Sportskanone ist und der andere schon Schwierigkeiten hat, den Ball zu treffen, so sagte er. Also vergebe ich Noten danach, ob sich jemand anstrengt oder nicht. Die sportlicheren unter uns waren natürlich nicht so begeistert: einen Einser oder Zweier einzuheimsen war nun nicht mehr so leicht. Aber die weniger begabten hatten jetzt zum ersten Mal die Möglichkeit, auf eine bessere Note als nur ausreichend zu kommen. War das nun ungerecht? Oder hat er damit nicht vielmehr den vermeintlich Schwächeren mehr Möglichkeiten eingeräumt – und ihnen nicht zuletzt Spaß am Sportunterricht vermittelt?

Wer die Menschen mit Jesu Augen sehen will, der kann es sich nicht so leicht machen, pauschal und auf den ersten Blick über jemanden zu urteilen – auch wenn Traditionen, gesellschaftliche Normen, Religionen, ja sogar der eigene Glaube das nahe legen. Simon, der Pharisäer, urteilt über die Frau nach all diesen Maßstäben und mit bestem Gewissen – und liegt damit bei Jesus total falsch! Der Mann aus Nazareth lädt ihn ein, genau hinzuschauen, sich nicht mit Vorurteilen zufrieden zu geben, sich mit dem Gegenüber zu beschäftigen, sich mit ihm auseinander zusetzen, das, was einem Fremd erscheint, kennen zu lernen und ihn damit zu verstehen zu suchen. Anerkennung – in diesem Wort steckt das Kennenlernen und das Erkennen schon mit drin. Nichts anderes tut Jesus, als diese Frau vor versammelter Männergesellschaft anzuerkennen, er stößt sie nicht von sich, sondern macht sie wieder gesellschaftsfähig. Die Vergebung ihrer Sünden, die er ihr zuspricht, ist Ausdruck dieser Befreiung. Und aus den Reaktionen der anderen Gäste erkennt man, dass auch dies auf Widerspruch stößt.

Übrigens: auffällig ist, dass Jesus diese Frau bedingungslos wieder in ihr Leben entlässt. "Geh hin in Frieden!", mehr hat er nicht zu sagen. Kein: "Sündige hinfort nicht mehr!", wie wir es aus anderen Geschichten kennen. Noch einmal: Jesus belastet nicht, er befreit!

Mit Jesu Augen zu sehen – ich glaube, das fällt auch uns sehr schwer. Gewachsene Traditionen, gesellschaftliche Normen, auch kirchliche Gesetze und sogar unser eigener Glaube stehen dem nicht selten entgegen. Ich befürchte, dass wir damit der Liebe, der, die wir verstehen und der, die uns fremd ist und vielleicht auch fremd bleibt, mehr im Wege stehen, als ihr in dieser Welt zu ihrem Recht zu verhelfen. Ob das im Sinne Jesu ist?

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