Mein Gott – es ist Krieg

Liebe Gemeinde,

die Ereignisse überschlagen sich, die Nachrichten brechen tagtäglich über uns herein und eine übertrifft die andere an Grausamkeit. Die Welt ist im Krieg – wie anders könnte man das nennen. Die Menschen sind im Krieg: Junge gegen Alte – Alte gegen Junge, Reiche gegen Arme – Arme gegen Reiche, Männer gegen Frauen – Frauen gegen Männer, Christen gegen Muslime – Muslime gegen Christen. Es ist als wäre der Teufel in die Menschen gefahren, als
könnte er nicht ansehen, dass in einigen Teilen der Welt zu lange Frieden war.
In Unordnung geraten ist die Welt und wir – wir sind mitten drin – leiden still
vor uns hin – wissen oft nicht hin mit uns: mit dem Streit, mit dem Hass, mit der Gewalt. Am liebsten möchten wir Wegsehen – wie Kinder, die die Hände vor die Augen halten und sagen: ich bin nicht da.

Liebe Gemeinde, in diese Situation hinein trifft uns die Aufforderung aus dem Timotheusbrief: Betet! Betet! Betet für alle Menschen – nicht nur für die Jungen – auch für die Alten, nicht nur für die Frauen auch für die Männer, nicht nur für die Christen auch für die Muslime, nicht nur für die Armen auch für die Reichen. Betet für alle Menschen: auch für die da oben – auch oder gerade für die Könige, für die Präsidenten, für die Bundeskanzler. Betet für die, die die Geschicke der Welt bestimmten: für die
Politiker, Wirtschaftsbosse, für Journalisten. Betet für sie – auch – oder
gerade sie haben es nötig. Betet für die, die an den Schalthebeln der Macht sitzen – sie brauchen das Gebet – euer Gebet, eure Fürsprache. Sie brauchen sie, weil die Verführung der Macht groß ist, weil der Größenwahn hinter jeder Hecke lauert, weil der Zweck scheinbar die Mittel heiligt. Beten für die, die an den Kassen der Völker sitzen und in Gefahr stehen, sich schnell einmal persönlich zu bedienen. Betet für die, die in der Welt hin und herjetten und so allzu schnell zu vergessen drohen, wie normale Menschen leben. Betet für die, die über Krieg und Frieden entscheiden, die oft das Gute wollen und doch das Böse schaffen, weil auch sie nur Menschen sind – begrenzt und am eigenen Wohl und dem Wohl des eigenen Volkes orientiert. Betet für sie, sie brauche euer Gebet.

Warum wir beten sollen – auch das wird gesagt: wir sollen beten, schon um unseres eigenen Wohlergehens wegen, um eines ruhigen Lebens willen, um eines friedvollen Leben willen, um eines Lebens willen, das sinnvoll und erfüllt und von Gott wohl angesehen ist. Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und wie sollte das gelingen, wenn nicht alle an einem Strang dabei ziehen, wenn nicht alle ein großes Ziel verfolgen. Wir wissen, nur einer kann die Stimmung vergiften, nur ein Menschen, kann die Bemühung Tausender zunichte machen, nur ein Mensche kann unsägliches Unheil und Leid über seine Mitmenschen bringen – wir haben es gesehen- wir sehen es täglich – bei den Anschlägen und Attentaten – in den Gefängnissen – auf den Straßen.

Aber hilft beten denn, hilft beten wirklich – im Kleinen – und gar in der großen Weltpolitik? Ich bin versucht zu sagen, wer betet, schießt nicht. Aber so einfach ist das wohl nicht – es wird so viel gebetet und gleichzeitig geschossen. Oder stimmt der Satz doch – nur das Beten der Menschen stimmt nicht – ist es gar ein scheinheiliges, falsches, unaufrichtiges, gar teuflisches Gebet, das die Gewalt nicht zugleich ausschließt. Wie kann ich beten – in der Kirche, zu Hause, in der Moschee, im Tempel und anschließend die Waffe gegen andere Menschen erheben? Wenn es stimmt, dass Gott will, dass allen Menschen geholfen wird, und wenn er es ist, der uns dazu den Weg über das Gebet zeigt, dann kann es nur sein, dass Gebet und Gewalt sich ausschließen – dass alles Gebet, das sich gegen den Frieden, gegen die Gerechtigkeit, gegen die Menschen richtet, ein lügnerisches Gebet ist. Ein Gebet, das in der stillen Zwiesprache geführt wird oder auch lautstark über die Plätze hinweg schallet, es ist nur dann ein Gebet im eigentlichen Sinn, wenn es eine Fürsprache für die Menschen beinhaltet, wenn es die Bereitschaft zum Frieden impliziert. So müssen wir es als einen Missbrauch ansehen, wenn ein Mensch betet und anschließend in gröbster Weise Gottes Gebot missachtet.

Ich fragte, ob Gebet nütz. Ich glaube schon. Ich glaube, ein aufrichtiges Gebet, das die Bereitschaft in sich trägt, sich von Gott führen und auch selbst ändern zu lassen, es hilft.
Und wenn viele Menschen in diesem Sinne beten, sollte diese geballte Energie nicht auch die da oben erreichen, aufrütteln, erschüttern?! Wir haben das Bild vor Augen – Jesus von Nazareth – Jesus hat nicht nur gebetet
– sein Leben war ein Gebet. Er hat sein Leben am Willen Gottes ausgerichtet. Im
ersten Augenblick dachte man damals – am Ende ist er doch gescheitert. Dass dies ein Irrtum war, hat sich seit über 2000 Jahren gezeigt. Heute wissen wir es: Sein Leben hat die Welt erschüttert, erschüttert sie immer neu. Sein Gebet hat die Menschen wachgerüttelt. Jesus hat den Gegenbeweis erbracht für den Irrglauben, es hätte keinen Sinn, was der Einzelne tut. Was unser Gebet oft so harmlos und unwirksam macht, ist nicht die Schwäche des Gebetes. Es ist unsere eigene Schwäche, die die Wirksamkeit des Gebetes oft vernichtet. Es ist unsere Trägheit, das Gebet zu praktizieren, es ist unsere Inkonsequenz, den Worten Taten folgen zu lassen, es ist unsere Mutlosigkeit, die uns einredet, dass die Sehnsucht unseres Herzens gegen die Großen – ja besser – für die Großen der Welt nichts ausrichten könne.

Aber wie soll Gott unter uns wirken, wenn wir seiner Kraft nicht trauen? Wie soll er sich Gehör verschaffen, wenn nicht durch Menschen, die seinen Willen suchen? Wie soll er denn wirken, wenn wir nicht rufen und klagen und schreien für die, die es selbst nicht vermögen oder die für Gottes Wort taub geworden sind?
Gewiss – ein bequemer Weg ist der Weg des Gebetes nicht, den Gott uns da
zumutet. Es ist ein Weg, gepflastert mit Frustrationen, gepflastert mit Schmerz
und Leid und Aushalten, ein Weg, der langen Atem braucht. Billiger allerdings war und ist wirksames Gebet nicht zu haben, Gebet, das verändert. Wir müssen uns schon entscheiden – entweder wir lassen die Welt wie sie nun einmal ist und geben dem Teufel leichtes Spiel. Oder wir widerstehen dem Bösen
mit Worten und der Tat und mit Gottes Versprechen im Rücken: Bittet so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Dazu helfe uns Gott.

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