Mehr-Wert

Liebe Gemeinde,

wer bin ich? Was bin ich wert? Bin ich so viel wert, wie ich den Augen der anderen scheine? Bin ich so viel wert, wie ich verdiene? Bin ich so viel wert, wie mein Auto, meine Uhr, meine Wohnung, mein Beruf ausdrücken? Bin ich so viel wert, wie ich mich selbst einschätze? Und wie ich mich selbst einschätze, das schwankt ja sehr, je nach Stimmung, je nach Erfahrung, je nach dem Benehmen der anderen.

Ich habe mich vor kurzem mit einem Mann unterhalten, der noch immer Tränen in den Augen hatte, als er davon erzählte, wie er vor Jahren vorzeitig ?freigesetzt?, d.h. also entlassen worden sei. Wer ich bin, diese Frage stellt sich in sehr harter Weise, wenn ich aus meinem Beruf herausgedrängt werde, wenn die Gesellschaft meine Fähigkeiten offensichtlich nicht mehr braucht, wenn ich ausrangiert werde und zum alten Eisen gehöre. Dann ist es sehr schwer, mich selbst anzunehmen, wenn ich von der Gesellschaft abgelehnt werde, weil meine Arbeitskraft, mein Können nicht mehr gebraucht wird.

Wir hören heute eine Geschichte, die Jesus erzählt, und in dieser Geschichte geht es darum, dass wir in den Augen Gottes wertvoll sind ? unabhängig von dem, was wir geleistet haben oder leisten können. In den Augen Gottes können wir größer und wertvoller und stärker werden als wir sind, weil wir dort Güte und Liebe entdecken. Güte und Liebe, die uns helfen, uns selbst anzunehmen, uns selbst zu lieben. Dieser unser Predigttext will bei uns geschehen, bei uns heute zur Sprache kommen, bei uns heute sich ereignen. Öffnen wir unsere Herzen und Sinne!

Wir hören aus Matthäus 20,1-16a in einer heutigen Übersetzung in gerechter Sprache:

[TEXT]

Haben die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, den ganzen Tageslohn verdient?

Fragen wir einen von diesen Tagelöhnern, die vorher den ganzen Tag vergeblich auf Anstellung gehofft hatten. Er wird antworten: ?Verdient habe ich den ganzen Denar sicher nicht. Ich habe nicht den ganzen Tag die Hitze ausgehalten. Ich konnte nur noch ein wenig arbeiten in der letzten Stunde. Aber ? meine Familie würde sonst hungern. Und ich habe doch nicht aus Faulheit oder Böswilligkeit nicht gearbeitet, sondern weil mich niemand angestellt hat. Ich kann verstehen, dass die anderen, die mehr arbeiten mussten, das ungerecht finden, dass sie neidisch sind auf mich, der weniger arbeiten musste. Aber ich bin doch nicht weniger wert als sie, ich hatte nur weniger Glück, dass ich erst an der falschen Stelle gewartet habe, wo die Herrschaft nicht vorbeikam.?

Haben die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, den ganzen Tageslohn verdient?

Fragen wir einen von den Tagelöhnern, die ganz lange gearbeitet haben, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, im Schweiße ihres Angesichts. Er wird antworten:

?Ja, ich habe das bekommen, was mir versprochen wurde und was meine Familie zum Leben braucht. Aber ich ärgere mich trotzdem. Wieso musste ich schuften und die da haben sich ins gemachte Nest legen können, bekommen alles mit goldenen Löffeln serviert. Man muss ja auch mal Eigeninitiative an den Tag legen und kann nicht nur darauf warten, dass jemand einen anstellt. Gut, ich habe Glück gehabt, dass ich so früh angestellt wurde, aber das ist eben das Glück des Tüchtigen. Vermutlich sind einige von den Letzten da nicht früh genug aufgestanden.?

Liebe Gemeinde, die Herrschaft in diesem Gleichnis Jesu ist gütig und voller Erbarmen, großzügig und warmherzig, und sie hilft damit denen, die Hilfe brauchen, sie heilt die Seelen derer, die gekränkt sind, krank von all der Missachtung. Sie handelt genau so, wie wir uns eine verantwortungsvolle und weise Führung vorstellen: sie gibt, was wir brauchen, damit wir selbst voller Selbstachtung aktiv werden können.

Notgedrungen wird dabei unsere Vorstellung von Gerechtigkeit in Frage gestellt. Leistung muss sich wieder lohnen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit ? das sind Sätze, die den Wert von Menschen nach dem Geld bemessen, das sie verdienen. Und diese Wahrnehmung von Menschen nach ihrem Geld und ihrem Erfolg und ihrer gesellschaftlichen Stellung sitzt auch bei uns sehr tief. Die Zeitschriften sind voller Berichte über die Reichen und Schönen, aber ich habe noch nie einen Fotoroman über Obdachlose oder Asylbewerber gesehen.

Es ist nicht einfach, diese alten Vorurteile zu lassen. Aber es wäre gut für alle, wenn uns das mehr gelingen würde. Denn eigentlich leiden alle unter dieser brutalen Einstellung, dass unser Wert sich danach bemisst, wie wertvoll wir in den Augen der anderen sind und die anderen v.a. den Erfolg sehen. Dieses Wahrnehmungssystem bedeutet letztlich für alle Kränkungen und Verletzungen. Auch die, die lange gewinnen, kriegen ihren Teil ab. Den Wert von Menschen an Geld, Erfolg und Stellung festzumachen, gefährdet die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft.

Wir Christinnen und Christen wissen, dass hinter dieser oberflächlichen Wahrnehmung die eigentliche Wahrheit liegt. Was wir wirklich sind, das entscheidet sich nicht daran, ob wir gute Noten oder einen guten Job haben, ein dickes Bankkonto oder ein schickes Auto, ob wir Markenklamotten und eine schlanke Linie haben, ob wir gut ankommen bei der wichtigen Clique und unsere Ehe und Familie harmonisch ist. Was wir wirklich sind, das sind wir in den Augen Gottes und Gott sieht uns so an, dass wir uns selbst annehmen können, unsere Stärken fördern, unsere Schwächen verkleinern und v.a. die unsere Welt in einem freundlicheren, entspannteren, gnädigeren Licht sehen. Es gilt: Gott hat uns in der Taufe bei unserem Namen gerufen. Das glauben zu können, hilft uns durch die Schwierigkeiten und Niederlagen unseres Lebens.

Ich wünsche uns allen, dass dieser Glaube so stark ist, dass er wie ein Schutzmantel mit uns geht in die Schwierigkeiten des Alltags. Gott sieht uns liebevoll an. Und Gott sieht uns so, wie wir wirklich sind. In Gottes Augen sind wir unendlich wertvoll.

Sollen die anderen doch denken, was sie wollen. Sollen sie versuchen, mich zu verunsichern und zu verletzen. An meinen eigentlichen Kern kommen sie nicht heran. Denn wer ich bin, das ist eine Sache zwischen mir und Gott. Und Gott sieht nicht nur, dass ich wenig leiste, er sieht meine Zukunft, er sieht in meinem Antlitz die göttliche Würde, er sieht in mir nicht nur den schwachen und fehlerhaften Menschen, sondern auch den wahren Menschen Jesus, der ja als Möglichkeit in uns allen liegt und in den wir hinein getauft sind.

Liebe Gemeinde, diese Geschichte Jesu zeigt uns etwas ganz Entscheidendes an der Frohen Botschaft. Ich bin nicht, was ich leiste. Ich bin nicht, was die anderen in mir sehen. Ich bin auch nicht, was ich selbst in mir sehe, weder in meiner Selbstüberschätzung noch in meiner Verzweiflung. Ich bin der, den Gott in mir sieht, der mich großzügig, gnädig, erbarmend und liebend ansieht. Und gemeinsam mit anderen kann ich im Glauben leben, was mit Jesus angefangen hat: der neue Mensch ist schon da und wir können anfangen, so zu leben, dass Gott unter uns sich ereignet und schon viel vom Himmel mitten unter uns geschieht. Das Reich der Himmel hat ja schon angefangen und es geschieht, wo Gottes Blick sich ereignet und Menschen erneuert. Das Reich der Himmel ? das ist der Schutzraum, in dem wir leben und in dem wir das Leben nach Gottes Maßstäben ausprobieren können. Es gibt eine Einladung ? wir müssen ihr nur folgen.

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