Mehr als nur Verhaltenstherapie

Wovor haben sie am meisten Angst? Vor der Arbeitslosigkeit? Vor einem erneuten Krieg? Vor der Einsamkeit? Vor einer schlimmen Krankheit? Vor dem Sterben?

Die Israeliten haben Angst davor, der Wüste nicht mehr entkommen zu können, irgendwo im Niemandsland sterben zu müssen. Seit Jahren sind sie unterwegs, kennen nur Sand und Staub, den erbarmungslosen Wechsel von beißendkalten Nächten und erdrückendheißen Tagen. Sie bleiben nur so lange wie nötig an einem Ort, Heimat bedeutet für sie nicht mehr als ein Zeltlager, das am nächsten Morgen schon wieder abgebaut werden muss, ein Ende der Odyssee ist noch nicht abzusehen.

Und jetzt auch noch dieser Umweg! Das Land der Edomiter legt sich wie ein Riegel vor das Jordantal, das Eingangstor zum langersehnten Ziel der beschwerlichen Reise. Es wird nicht berichtet, warum Moses dieses Gebiet umgehen will, er wird aber seine Gründe gehabt haben. Vielleicht befürchtete er kriegerische Auseinandersetzungen. Enttäuschung macht sich breit. Vor kurzem sind Mirijam und Aaron gestorben, neben Moses zwei herausragende Führungsgestalten, die von Anfang an dabei gewesen sind. Selbst diese beiden kommen nicht in das versprochene Land. Wer aber dann? mögen sich viele gefragt haben …

Kein Wunder, dass sich die Menschen nach etwas Handfestem sehnen: Brot und Fleisch. Sie wollen nicht mehr diesen Manna-Brei hinunterwürgen müssen, der gerade nur verhindert, dass niemand verhungern muss. Man ist unzufrieden. Und mit der Unzufriedenheit verklärt sich die Erinnerung an vergangene Zeiten. Damals in Ägypten, da hatte man immerhin ein festes Dach über dem Kopf gehabt und etwas Vernünftiges in den Magen gekriegt. Heimat würde man es zwar nicht nennen wollen, aber ein zu Hause hatte man doch wenigstens. Und es wird nicht lange dauern, dann wollen sie dorthin wieder zurück: weg aus der Freiheit der Wüste in die Sklaverei des Niltals.

Kennen sie, liebe Gemeinde, solche Situationen auch, in denen man unzufrieden ist und sich von vorne bis hinten ungerecht behandelt fühlt? In denen alles, aber wirklich auch alles schief geht? Wo man sich von allen guten Geistern verlassen fühlt? Wo man einfach alles satt hat? Situationen, in denen die eigene Zukunft verbaut zu sein scheint, in denen man nicht nach vorne schauen kann und einem die Vergangen-heit vorkommt wie die gute alte Zeit, wo noch alles in Ordnung gewesen ist? In denen man seinen ganzen Frust nur noch raus lässt, egal, wen es trifft?

Das sind die Momente, in denen man im wahrsten Sinne des Wortes am Ende ist: am Ende seiner Kräfte, am Ende seiner Möglichkeiten, am Ende seiner Träume, am Ende seiner Hoffnungen. Das eigene Lebensziel scheint verfehlt oder doch so weit in die Ferne gerückt zu sein, dass an ein Weitermachen nicht mehr zu denken ist. Bis hierher und nicht weiter! Man ist dann so verletzlich, so verwundbar, dass alltägliche Herausforderungen, die ansonsten gemeistert wurden, nun zu einem tödlichen Dolchstoß werden können, der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

In der Geschichte, die wir eben gehört haben, sind die Feuerschlangen dafür ein Symbol. Dass es giftige Schlangen in der Wüste gibt, das wusste man auch schon damals und man hatte sicher seine Mittel, einen Biss zu behandeln – wenn auch nicht immer erfolgreich. Aber eine tödliche Gefahr, die die Existenz eines ganzen Volkes in Frage stellte, waren sie sicher nicht. Woher kommt es dann, dass diese Tiere auf einmal zu einer lebensgefährlichen Bedrohung werden?

Was bei den Israeliten tödlich wirkt, ist wohl nicht das Gift der Schlangen, sondern vielmehr die seelische Immunschwäche der Menschen. Alles, womit sie über die Jahre hindurch noch fertig geworden sind, wird nun zu einer tödlichen Gefahr. Sie sind am Ende und sie haben Angst zu sterben. In den Schlangen sehen sie sich nun mit dem konfrontiert, wovor sie sich am meisten fürchten: dem Tod. Und viele sind nicht mehr in der Lage, dem noch standhalten zu können.

Wovor haben sie am meisten Angst? Vor der Arbeitslosigkeit? Vor einem erneuten Krieg? Vor der Einsamkeit? Vor einer schlimmen Krankheit? Vor dem Sterben?

Es gibt Situationen, in denen wir dem, was wir am meisten fürchten, nicht mehr ausweichen können. Und sie tauchen meistens gerade dann auf, wenn wir Krisen und Umbrüche in unserem Leben zu bewältigen haben: Arbeitsplatz verloren und keine Aussicht auf einen neuen Job; vom Partner verlassen und niemand da, der einen stützt; von einer schweren Krankheit erfahren müssen; den Verlust eines geliebten Menschen erleben … In solchen Momenten können Herausforderungen des Alltags plötzlich zu lebensbedrohlichen Problemen heranwachsen und die eigene Existenz in Frage stellen.

Was hilft?

Als die Israeliten ihren Anführer Moses um Hilfe bitten, da erhält er den Auftrag, eine eherne Schlange an einen Stab zu befestigen und sie für alle gut sichtbar aufzustellen. Was Gott hier befiehlt könnte man ja glatt als Sarkasmus bezeichnen. Ausgerechnet eine Schlange soll die vor Angst gepeinigten Menschen vor dem Tod bewahren. Sie werden dazu angehalten, gerade darauf zu schauen, was sie am meisten fürchten. Die Gefahr bleibt bestehen: die Israeliten werden immer noch gebissen. Aber sie bedroht nun nicht mehr das Leben.

Was zunächst wie ein schlechter Scherz aussieht, erinnert an eine unter Psychologen längst anerkannte und bewährte Methode der Behandlung: man konfrontiert Patienten gerade mit dem, wovor sie sich am meisten ängstigen. Menschen, die Platzangst haben, sperrt man in enge Container; andere, die an Agoraphobie leiden, also Angst vor großen freien Flächen haben, führt man auf weite Marktplätze oder in riesige Parkanlagen; wer Angst vor Spinnen hat, der muss sich diese Tierchen aus aller nächster Nähe anschauen. Man mag es für brutal halten, aber diese Behandlungsmethode verspricht eine relativ hohe Heilungschance, im Gegensatz zu vielem anderen, das auf dem Markt der Psychotherapie angeboten wird.

Gott scheint hier eine ähnliche Methode anzuwenden, um seinem Volk das Überleben in der Wüste zu ermöglichen. Aber er geht doch auch anders vor. Er sperrt die Menschen nicht in einen Schlangenkäfig. Dafür setzt er ein Zeichen, ein Symbol, dass zwar an die eigene Gefahr erinnert, sie aber eben nicht ist. Die eherne Schlange beißt nicht. Und sie kriecht auch nicht durch den Wüstensand, sondern hängt gut sichtbar an einem Stab. Die Israeliten müssen die Angst vor der Gefahr am Boden überwinden, den Blick nach unten aufgeben und nach oben schauen. Merken sie, welcher Bewegungsablauf sich da ereignet? Ein gebeugter Mensch erhält so wieder einen aufrechten Gang.

Es ist paradox, aber für die Israeliten wird die Schlange, die ihnen ja den Tod gebracht hat, zu einem Symbol des Lebens.

Wovor haben sie am meisten Angst? Vor der Arbeitslosigkeit? Vor einem erneuten Krieg? Vor der Einsamkeit? Vor einer schlimmen Krankheit? Vor dem Sterben?

Angst, egal wovor, gründet auf dem Wissen um die eigene Begrenztheit und Vergänglichkeit. Wer an die eigenen Grenzen stößt, wem die Kraft fehlt, wer sich am Ende fühlt, der wird letztlich an seine eigene Sterblichkeit erinnert. Und an die ungewisse Frage: Kommt da noch etwas? Und wenn ja, was?

In unserer Gesellschaft wird dieses Thema immer mehr ausgeklammert und – so muss man leider feststellen – die Kirchen scheinen diese Lücke nicht mehr füllen zu können oder nicht mehr zu wollen. Anders kann ich mir jedenfalls das Ergebnis der letzten Shell-Studie zur Jugendkultur nicht erklären. Bei der letzten Erhebung waren es noch über 60% der Befragten, die an ein Leben nach dem Tod glaubten. Heute sind es nur noch etwas über 30%. Als sich die Katechumenen für ihre Freizeit aus vier vorgegebenen Themen eines aussuchen durften, entschieden sie sich fast einstimmig für das Thema Tod. Interessant fand ich ihre Begründung: es gäbe sonst keine Gelegenheit, darüber einmal zu sprechen.

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass immer weniger Menschen etwas mit der Passionszeit und dem Karfreitag anfangen können. Man ist sich unsicher, wie man mit der Kreuzigung und dem Tod Jesu umgehen soll, weil man auch mit seiner eigenen Sterblichkeit nicht zurecht kommt.

Mag sein, dass uns die Geschichte von der ehernen Schlange eine Möglichkeit eröffnet, den Sinn von Karfreitag neu zu entdecken. Vielleicht sollten wir – gerade in den schwierigen Stunden unseres Lebens – öfter den Mut haben, zu diesem Kreuz aufzuschauen. Es könnte uns helfen, in unserer eigenen Begrenztheit und Vergänglichkeit nicht mehr eine angstmachende Lebensbedrohung zu sehen. Denn das Kreuz will ja nicht Angst machen, auch wenn wir gerade darin das erblicken, was wir am meisten fürchten, nämlich den Tod. Vielmehr soll es für uns zu einem Lebenszeichen werden. So zumindest wollte es Jesus selbst verstanden wissen. Denn zu Nikodemus soll er gesagt haben: "Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben."

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