Marlenes Hände

Das erste Mal, dass ich von Marlene hörte, kam durch den erstaunten Ausruf meiner Mutter. Sie hatte in der Zeitung gelesen, die Dietrich habe sich ihre Beine für mehrere Millionen versichern lassen. Damals war der Dollar noch 4 Mark wert, die Beine von Marlene mussten offenbar etwas sehr Kostbares sein.

Die Marlene, die ich uns vorstellen möchte, kam nie in eine Illustrierte. Sie wurde nie für den Oskar nominiert. Keine Ahnung, ob sich die Männer nach ihren Beinen umdrehen. Ich weiß nur von ihren Händen. Hände mit Schwielen, abgebrochenen Fingernägeln, rissiger Haut. Sie ist Putzfrau. Und wenn die betenden Hände auf dem Bild, was Judith Rojnai, die Leiterin des Altenheims in Gadany Ungarn, unserer Gemeinde geschenkt hat, nicht von Dürer stammen würde, man könnte meinen, es wären ihre Hände. Denn sie ist eine Beterin. Sie betet beim Putzen. Wenn sie die Häuser ihrer Kunden putzt, lässt sie sich von verschiedenen Gegenständen an Gebetsanliegen erinnern. Ein Teller mit Süßigkeiten erinnert sie daran, für ein Mädchen zu beten, das ein bisschen netter werden sollte. Wenn sie ihren Staubsauger in die Steckdose steckt, betet sie für einen Freund, der eine harte Zeit durchmachen musste und jetzt Gottes "Energie" braucht. Wenn sie den Stecker wieder herauszieht, betet sie für einen weiteren Freund, der dringend etwas Ruhe und Erholung braucht.

Marlene ist mehr als eine einfache Putzfrau. In Wirklichkeit ist sie eine "Kriegerin" und jeden Tag mit ihrem Gebet "an der Front". Sie sorgt dafür, dass die Familie, für die sie arbeitet, ihre Freundin, ihr Mann und viele andere vor Gott erwähnt werden. Sie ist sozusagen das Verbindungsgliede dieser Menschen vor Gott. Menschen, die vielleicht von sich aus nicht an Gott denken würden, kommen mit ihren Anliegen auf diese Weise vor Gott.

Es gibt viele Marlenes. Unscheinbare Menschen, die Gewaltiges leisten, was verborgen bleibt, aber höchst sichtbare Früchte trägt. In unserer Kultur geschieht das Gebet oft im Verborgenen. Das hat seinen guten Grund, vieles davon rührt von dem her, was Jesus Christus seinen Jüngern mitgegeben hat, als sie ihn baten: Herr, lehre uns beten! Er riet ihnen: "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten."

Im Wirkungskreis dieser wichtigen Worte verbinden viele das Gebet mit dem Adjektiv "still". Das Gebet im Stillen, am abgeschiedenen Ort, im Kämmerlein. Was ist das Kämmerlein? Im Anhang der Lutherbibel wird es erklärt: "Kämmerlein, Matth. 6,6: Das Vorratshäuslein neben dem Bauernhaus, das bei geschlossener Tür völlig dunkel und sehr unfeierlich war. Aber dort in der Verborgenheit, ist echtes Beten möglich."

Es ist gut, wenn das Gebet, auch das Gebet zu mehreren, im Schutz des Privaten stattfinden kann. Es ist gut, dass die Erbauer unserer Kirche ein solches Kämmerlein vorgesehen haben, die Sakristei. Die Bilder, die dort hängen, unterstreichen den Charakter dieses Ortes. (Pastor zeigt Bild von Frau Heitmann). Wie viele Gebete wurden da schon gesprochen. Wir haben das noch intensiviert durch die monatlichen Gebetsandachten und durch das Gebet für einzelne unter Handauflegung und Segen. Manchmal ist es dem, der das Gebet wünscht, nicht einmal möglich, diesen Ort aufzusuchen. So wurde schon manches Krankenzimmer zum Kämmerlein. Mal komme ich alleine und habe den Koffer mit dem Abendmahlsgerät dabei. Mal mit anderen Gemeindegliedern zum gemeinsamen Gebet, wie es in Jakobus 5 angeregt wird. Natürlich kann man überall beten wie wir an Marlene sehen. Mancher hat aber in seiner Wohnung einen Winkel hergerichtet, der für ihn das Kämmerlein darstellt. Das beeindruckt mich immer, auch die Bescheidenheit, mit der die betreffenden das tun, nie hat mir einer diese Ecke gezeigt und stolz gesagt: Und da bete ich immer. Aber einem, der selbst täglich diese Gebetszeit braucht und sich bemüht sie zu pflegen, fällt das sofort auf. So erinnere ich mich an zwei Besuche in diesem Jahr, wo Menschen in der noch gar nicht so lange bezogenen Wohnung doch ihr Kämmerlein eingerichtet hatten: Hier ein kleiner Tisch, Losung, Bibel und Gesangbuch darauf. Dort ein kleiner Winkel im Schlafzimmer, eine Ecke auf dem Fußboden, ein Bild da mit einer Ikone. Bei einem Pastor sah ich im Arbeitszimmer sogar eine kleine Kniebank. Ein anderer zog mal die Schreibtischschublade auf, da war so in Hängeregistern die Gemeindekartei. Weniger Haushalte als bei uns, ein Dorf eben. Geordnet nach Straßen. Die kann ich am einfachsten durchbeten, sagte er. Als wir im Urlaub waren, kamen wir zu seiner Verabschiedung. Im Gottesdienst wurde viel von seinem Tun gelobt, von seinem Beten nichts und er brachte es auch nicht zur Sprache. So wird auch von unserer Marlene, wenn sie gegangen ist, nur der weg geräumte Schutz den Hausbesitzern auffallen. Ihr größter Dienst geschieht im Verborgenen.

Der für den heutigen Sonntag vorgegebene Bibelabschnitt macht diese verborgene Sphäre sichtbar. Er zieht den Kreis sogar noch weiter. Wir sehen, dass es beim Gebet um viel mehr geht als um die privaten Sorgen einiger Kirchenleute. Es geht um Stadt und Land, es geht um die ganze Welt: "So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit …"

Hier wird die Grenze des Privaten, des Kämmerleins, durchbrochen. Es geht nicht um das leise, persönliche Gebet einzelner, sondern um das laute Gebet in einem öffentlichen Gottesdienst. Unsere Liturgie stellt sicher, dass diese Teile nicht in Vergessenheit geraten: Die Bitte um Vergebung der Sünden. Das Danken. Die Fürbitte für Außenstehende. Das besondere und ungewöhnliche ist aber, dass für Nichtchristen gebetet wird, denn in der damaligen Regierung war der religiöse Rahmen der Staatsakte mit Anrufung der Götter verbunden. Die Kaiser und Statthalter verfolgten sogar die Christen. Trotzdem wurde im Gottesdienst für sie gebetet.

Warum? Damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können, heißt es. Es ist der Wert eines geordneten Staatswesens, dass diese elementaren Lebensbedingungen gesichert sind. Auch wenn in den Staatskassen Ebbe ist, auch wenn durchsickert, dass Verantwortliche in hohen Positionen sich zusätzliche Annehmlichkeiten gönnen, auch wenn vieles im Argen liegt: Wir dürfen dankbar sein, dass auf den Straßen nicht das Faustrecht herrscht, dass der Strom 24 Stunden aus der Steckdose kommt, die Heizung im Winter anspringt, die Post zugestellt wird, es an den Tankstellen Benzin gibt, wenn auch teurer. Dass ein Hubschrauber, wenn wir ihn hören, vom ADAC vom Großen Krankenhaus kommt und nicht Raketen abfeuert. Und viele Selbstverständlichkeiten mehr, von denen Menschen in den Armenvierteln Bagdads oder in Grosny oder im Sudan nur träumen können.

Wenn wir für Regierenden beten, dann ist es aber nicht nur den Dank für solche Annehmlichkeiten. Wir bitten auch Gott um Hilfe und Stärkung für die Aufgaben, die allen in Regierungsverantwortung gestellt sind und die täglich schwerer werden. Mit diesem Anliegen hat sich die Evangelische Allianz am Jahresanfang an den Bürgermeister gewandt. Dieses Interview im Rathaus, das ich führen durfte, hat mich stark motiviert diesen Aspekt des Gebetes zu pflegen. Henning Scherf war dankbar für dieses Angebot. Seine Meinung über die Lage der Kirche zeigte, dass er der großen Institution als solcher wenig zutraut, um so mehr aber den einzelnen Gemeinden, in denen engagierte Christen zusammen kommen. Die Christen im 1. Jhdt. haben für die Könige und den Kaiser gebetet, obwohl sie von ihnen oft genug verfolgt wurden. Das war aber kein angeordnetes Gebet für die Obrigkeit, wie wir das später von der Staatskirche her kennen. Diese Beter wussten: Wir beten für den König, weil er das besonders nötig hat. Weil die Macht ganz spezielle Versuchungen mit sich bringt. Wenn wir uns im Gebet einsetzen für eine gute Regierung, für eine Wirtschaft, die Menschen Arbeit gibt, für sinnvolle Gesetze usw. dann entspannt das unser Verhältnis zu den Verantwortlichen. So geht es auch bei unserem Bemühen hier im Stadtteil um eine fußgängerfreundliche Ampelphase nicht darum, Recht zu kriegen oder das meistmögliche für die Hastedter Kirchgänger heraus zu holen. Ich wünsche mir konstruktive Gespräche mit den Verantwortlichen im Verkehrsressort. Und wenn das vom Gebet der Gemeinde getragen ist, werden wir bestimmt zu Lösungen kommen, die beide Seiten zufrieden stellen. Und doch ist es nicht das letzte Ziel, dass alles gut läuft im Stadtteil oder im Lande. Gottes Ziel ist viel größer. Er will, "dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung."

Von einer Wahrheit ist hier die Rede. Gott hat dafür gesorgt, dass es einen Weg zu ihm gibt, nämlich Jesus. Es gibt nicht viele verschiedene Wahrheiten, eine für den und eine für den anderen. Und dann muss jeder selbst sehen, was für ihn am besten ist. Sondern es gibt diese eine Wahrheit, dass Jesus den Weg zu Gott geöffnet hat. Und deshalb will Gott, dass alle Menschen zu Jesus finden.

Wenn wir aber dafür beten, müssen wir auch konkret werden. Es reicht nicht, zu beten: Herr, errette alle Menschen. Da kommen wir dann wieder zu Marlene, die bei ihrer Putzaktion die Zeit nutzt, verschiedene Namen und ihre Schicksale vor Gott auszubreiten.

Dieses Gebet geschieht im Namen Jesus Christi. Sei dir dessen bewusst und nenne auch diesen Namen. Es betrübt mich oft bei große kirchlichen Veranstaltungen oder beim Lesen kirchlicher Verlautbarungen, wie da allgemein zu Gott gebetet wird. Das ist einfach zu wenig. Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, aber doch religiös offen oder fragend sind, mögen so beten zum lieben Gott. Aber in der christlichen Gemeinde sollten wir das was wir glauben und bekennen und erfahren haben, auch aussprechen. Dieser Jesusname ist wie ein Siegel, der unseren Bitten Autorität verleiht. Wir berufen uns auf ihn und auf seine Vergebung. Ich möchte auch noch etwas zur Gebetshaltung sagen. Nun macht die Bibel da keine Vorschriften. Bei näherem Hinsehen, etwa im Gebetbuch der Bibel, den Psalmen, merken wir: Die haben gestanden beim Beten. Sie haben die Hände ausgebreitet vor Gott. Beim Abschied des Apostels Paulus von der Gemeinde in Ephesus erfahren wir: "Und als er das gesagt hatt, kniete er nieder und betete mit ihnen allen."

Ich möchte das nicht verpflichtend einführen, aber die Frage müssen wir uns stellen: Haben wir etwa mit der Aufspaltung in Katholisch / Evangelisch die hilfreichen Gesten und Haltungen des Gebetes ohne Not aufgegeben? Bis in den Kreis der kirchlich Verantwortlichen hinein? Bei der letzten Pfarrkonferenz fiel es mir wieder auf. Wir saßen in Mahndorf in der Kirche, 15 Pastoren. Als das Vaterunser angekündigt wurde, stand einer auf. Der war neu in der Runde. Er sah dann, wie alle anderen sitzen blieben und setzte sich auch wieder. Aber in Fernsehfilmen sieht man mitunter richtig in der Welt stehende Leute, die von einer Not ins Gebet getrieben werden. Die knien. Das hat ihnen keiner befohlen. Sie empfinden es als angemessen. Wir sollten überlegen, welche Haltung unserem Gebet angemessen ist. Das ist kein Zwang, im Gegenteil, es ist oft einfach eine Haltung, die uns zur Konzentration auf das Eigentliche, das Gespräch mit dem Höchsten hilft. Von einem, der sich in seinem Kämmerlein nicht lächerlich vorkam, so zu beten, möchte ich zum Schluss erzählen. Sein Kämmerlein ist der Kleingarten. Im Gemeindebrief von St. Jakobi aus der Neustadt findet sich dieser Bericht: Überschrift: "0 Herr, lass es wohl gelingen"

Wie der Herr doch immer wieder erfüllt, so dass mein Herz überläuft. Wie viele meiner Freunde und Gemeindebrüder wissen, besitze ich eine kleine Pachtparzelle zwischen der Weser und dem Werdersee. Da ich zwei Apfelbäume, einen süßen und einen sauren, auf dieser Parzelle habe und es März war, wollte ich diese Apfelbäume wegen der Wassertriebe beschneiden. Also holte ich Werkzeug aus dem Schuppen. Aber jetzt kommt dlas für mich eigentlich Wichtige! lch kniete vor dem Apfelbaum nieder und nahm meine Mütze ab, um zum Herrn zu beten. Er möge meine Hand durch seinen Heiligen Geist führen, damit es auch gelinge! Ein Nachbar empfahl mir, doch lieber mit meinem Hund spazieren zu gehen und wollte mich so von meinem Vorhaben abbringen. lch aber ließ mich nicht beirren, denn wenn man den Herm um etwas gebeten hat, kann man nicht einfach ,kneifen". So folgte ich getreu meinem Herrn und Gott. Als ich mit dem Beschneiden fertig war, bat ich den Herrnerneut, er möge mir auch bei einem Blumenring um den Baum herum helfen. Gesagt – getan – gebetet – gelungen! Vorbeigehende Spaziergänger betrachteten den Apfelbaum. Der Apfelbaurn sei ihrer Meinung nach so gut gelungen, dass er einen Preis verdiene. lch war durch die se Äußerung sehr gerührt und bedankte mich für das Lob, das ich bekam. In, meinem tiefen Innern dachte ich an- unseren Herm Jesus Christus, dermich hat glänzen lassen und mein Herz mit großer Freude erfüllt hat. Ihr Gemeindebruder Rolf B. Lange.

Es sind die Hände von Marlene oder von diesem Rolf oder deine Hände, auf die Gott wartet, dass sie sich falten zum Gebet. Ein Tun, das dir und uns und anderen gewaltigen Segen bringt.

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