Machen wir den Weg frei!

Höre oder lese ich diesen Text, liebe Gemeinde, dann muss ich unweigerlich an die kleinen Werbeblättchen der Zeugen Jehovas denken, die hin und wieder in den Briefkasten flattern. Auf der ersten Seite ist ja meistens eine etwas naiv gemalte, bunte und idyllische Landschaft zu sehen, mit weichen Hügeln, fruchtbaren Ebenen, Menschen unterschiedlichster Couleur, die freudestrahlend gemeinsam einen Obstkorb mit Äpfeln tragen, die so perfekt aussehen, als seien sie allesamt EU-genormt, Kinder spielen mit Löwen und Wölfen, als seien es ihre Kuscheltiere, die Sonne scheint und man hört förmlich die Vögel im Hintergrund zwitschern. Eine schöne neue Welt ist das, die uns da ab und an ins Haus gebracht wird – das Paradies, so, wie man es sich schöner nicht vorstellen kann. Und ein Predigttext wie der aus dem Buch des Propheten Jesaja scheint solchen Vorstellungen ja Recht zu geben: Alles wird gut und schön werden …

Zwei Tage nach Heiligabend beschäftigen wir uns mit einem Text, der immer wieder als Vorankündigung der Geburt Jesu herhalten musste. Jesus, so will es eine Reihe von Traditionen, sei dieses Reis, das aus dem Stamm Isais hervorgehen sollte, er sei derjenige, auf dem der Geist des Herrn ruhe, der Geist der Weisheit und des Verstandes usw… Viele sehen in solchen prophetischen Sätzen die Bestätigung für das Ereignis, das wir mit Weihnachten feiern: der Messias ist gekommen. Jetzt wird alles anders.

Und tatsächlich: Vieles von dem, was Jesaja ankündigt, entdeckt man im Leben des Nazareners wieder: "Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten." Jesus war in der Tat ein Mensch, der blind war gegenüber vordergründigen und fadenscheinigen Vorurteilen, der taub war gegenüber dem Tratsch der Leute und den Analysen hochgestellter Persönlichkeiten. Er hat sich die Menschen, mit denen er es zu tun hatte, selbst angeschaut, ihnen selbst zugehört – und sie nicht nach dem beurteilt, was sie waren und darstellten, sondern die Begabungen gesehen, die in ihnen steckten und die Träume gehört, die in ihnen schlummerten. Er hat in ihnen ihre mögliche Zukunft gelesen und sie genau danach behandelt. Und genau das hat die Menschen berührt und ihnen das Gefühl gegeben, angenommen zu sein.

Eine Fähigkeit, die uns viel zu oft fehlt. Ein Asylant bleibt ein Mensch, der mir den Arbeitsplatz wegnimmt und nicht ein möglicher Arbeitgeber, dem ich vielleicht einmal mein Einkommen verdanken werde. Ein Neonazi bleibt ein Rechtsradikaler und nicht der mögliche Zivi, der einmal für eine jüdische Seniorin die Einkäufe erledigen wird. Eine verwittwete Frau bleibt auf Ewig die immerzu sich grämende Wittwe und nicht der möglicherweise lebensfreudige Mensch, der endlich wieder einen Partner fürs Leben gefunden hat. Ein Kommunist bleibt immer ein Roter, ehemalige DDR-Bürger immer die Empfänger unseres Solidaritätsbeitrages, die neuen Medien immer die Gefahr für unsere Jugend, Afrika immer ein Dritte-Welt-Kontinent, der Islam immer die Bedrohung für das christliche Abendland, der verlorene Sohn der ewige Looser, die Sünder die ewig Verdammten und die Toten bleiben tot.

Es gibt viele Schubladen in unserem Leben, in die es leicht ist hineinzugeraten aber schier unmöglich wird, wieder herauszukommen. So funktioniert unsere Gesellschaft und danach lebt – leider – auch unsere Kirche. Wo wir andere festnageln können, da sperren wir Augen und Ohren ganz weit auf, dagegen scheinen wir manches Mal von Blindheit und Taubheit geschlagen zu sein, wenn es darum geht, Freiheit zu schenken und Veränderung zu ermöglichen, denn – AUTSCH! – das könnte ja wehtun!

Soweit wir Jesus kennen hat er gesagt, was er dachte und gedacht, was er sagte – ohne sich Gedanken über sein Image zu machen. Ob ihm nun 12 oder 12.000 folgten, danach hat er nicht gefragt. Viel wichtiger war es ihm, das anzuprangern, was dem Geist seiner Botschaft widersprach und dort seinen Mund aufzumachen, wo gegen die Liebe seines Vaters zu den Menschen verstoßen wurde: bei den Verlierern und Benachteiligten der Gesellschaft, bei den Ausgegrenzten und Unwillkommenen, bei denen, die einfach nicht ins Bild passten. Ganz schlimm war es, wenn das dann auch noch im Namen seines Vaters geschah, wo sich der Mensch die Gebote Gottes zu eigen machte, um daraus Gesetze und Gesetzmäßigkeiten zu machen, die dazu benutzt wurden, Knebel zu verteilen. O, da konnte Jesus richtig sauer, ja sogar handgreiflich werden!

Texte wie der des Propheten Jesaja entsprechen nicht der Realität, ja sie scheinen ihr geradezu zu widersprechen! Sie widersprechen ihr so, wie Jesu Art und Weise mit Menschen umzugehen den Gepflogenheiten der damaligen gesellschaftlichen Ordnung widersprochen hat: bei dem Zöllner essen, die Ehebrecherin ungestraft laufen lassen, mit Judas das Abendmahl teilen, einem Verbrecher das Paradies versprechen … Damals alles Unmöglichkeiten!

Ob der Prophet Jesaja mit seinen Worten Jesus gemeint hat, das wissen wir nicht, denn wir können ihn ja nicht mehr fragen. Was wir aber mit Sicherheit sagen dürfen ist, dass Jesus dem Geist seiner Worte entsprochen hat. Es soll nicht alles so bleiben, wie es ist. Es darf Veränderung geben, übrigens auch bei den Bildern, die wir Menschen uns von Gott gemacht haben – die Geburt Jesu und seine Botschaft sind dafür das revolutionärste Beispiel!

Wir sind zwar nicht fähig, Gottes Reich auf Erden zu errichten – dieser trügerischen Idee sind schon einige auf den Leim gegangen und kläglich gescheitert. Aber wenn wir die Geschichte, die Weihnachten begonnen hat, nicht am Kreuz enden lassen wollen, dann müssen wir bereit sein über die Tatsachen hinaus einen Blick in eine neue Zukunft zu wagen. Eine Zukunft, die wohl nicht den schönen bunten Bildchen mancher Zeitgenossen entspricht, wahrscheinlich noch nicht einmal unseren eigenen Vorstellungen nahe kommt. Aber eine Zukunft, für die es sich zu leben und die es zu erleben lohnt!

Jesaja hat die Welt nicht so gesehen, wie sie tatsächlich war, sondern wie sie möglich wäre. Jesus hat die Menschen nicht nach dem behandelt, was sie darstellten, sondern danach, welche Zukunft er sich für sie wünschte. Wenn wir das bei der ein oder anderen Gelegenheit und bei dem ein oder anderen Menschen das ein oder andere Mal zulassen würden – wir machten den Weg frei zu einer Welt, die dem Reich Gottes ein wenig ähnlicher sähe.

drucken