Machen Kleider Leute?

Liebe Gemeinde,

machen Kleider Leute? Aus der Erfahrung wissen wir, und auch die Literatur kennt Beispiele dafür, dass Kleidung einen bestimmten äußeren Habitus erzeugen, und so Türen und Herzen öffnen kann. Die vornehme Kleidung gepaart mit bewusstem Auftreten öffnete so auch in Gottfried Kellers Roman „die Leute von Seldwyla“ einem armen, hungrigen Schneider die Türen und Herzen der Menschen einer sehr kleinbürgerlichen Welt.
Oder als „Hauptmann“ verkleidet gelingt es dem armen Berliner Schuster Wilhelm Voigt, mittels preußischer Uniform und selbstbewusst vorgetragenem militärischen Auftreten das Rathaus von Köpenick zu besetzen, den Bürgermeister zu verhaften und die Stadtkasse zu beschlagnahmen. In beiden Fällen wissen wir, dass die Kleider, die Leute machten, am Ende zum jähen Absturz ihrer tragischen Helden führte.

Beiden Beispielen ist eines gemein: Kleidung kann einen ganz neuen Habitus, eine völlig veränderte soziale Wertschätzung in der Gesellschaft hervorrufen, ohne dass die Menschen, die sie tragen, sich in ihrem Wesen ändern müssen. Kleidung als äußere Hülle mit „Symbolwert“, gepaart mit entsprechend selbstbewusstem Auftreten, kann ein Schlüssel zum „Erfolg“ in der Welt sein. Dies ist auch heute nicht anders, denken wir nur an die vielen Klischees im zwischenmenschlichen Bereich, die auf Kleidung und Äußerlichkeiten der Menschen reflektieren und dabei das innere, individuelle, ja damit das eigentliche Wesen des Menschen, nur oberflächlich sehen oder sogar völlig ignorieren.

Wie aber, liebe Gemeinde, sollen sich Christen kleiden, oder genauer gefragt, wie sollen Christen in ihrem äußeren Erscheinungsbild auftreten und wirken? Ist es für die Menschen, die zur Gemeinde Christi gehören ausreichend, oberflächlichen Klischees für das „Rollenspiel“ des Lebens zu dienen? Oder ist vielmehr der innere Mensch gefragt, der durch sein Verhalten, durch sein Auftreten in der Welt nicht nur irgend eine „Rolle“ spielt, sondern seine innerste Glaubensüberzeugung auch äußerlich wiederspiegelt?

In seinem Brief an die frühchristliche Gemeinde in Kolossä, einem Ort in der Nähe der Stadt Hierapolis, (uns besser bekannt unter dem heutigen Namen Pammukkale), gibt Paulus im Kapitel 3 eine ganz klare Richtschnur für das Auftreten und das Erscheinungsbild der Menschen in der Gemeinde vor.

[TEXT]

Wenn Paulus am Anfang seines Briefes vom Anziehen spricht, beschreibt er ganz im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Kleider-machen-Leute-„Helden“ nicht textile Kleidungsstücke, die, wie wir hörten, den sozialen Status eines Menschen bestimmen können.

Nein, sondern Paulus beschreibt hier mit dem Anziehen die Wesenseigenschaften der Menschen der frühen christlichen Gemeinden als ihren „Schmuck“, als ihre „Festkleidung“, die sie dauerhaft „anziehen“ sollen.

Wen spricht Paulus an? – Nicht irgend jemand, sondern die Auserwählten, die Heiligen und Geliebten Gottes.
Das sind hier Menschen einer jungen christlichen Gemeinde, die der Apostel Paulus im 1. Jahrhundert gegründet hat und der er nun aus der Gefangenschaft in Rom einen (vielleicht letzten) Brief sendet. Da er selber nicht kommen kann, will er mit seinem Brief Anweisungen geben, um „seine“ zarte und junge Saat des Glaubens, von Ferne zu hegen und zu pflegen und ihr so zu weiterem guten Gedeihen verhelfen.

Alle ca. 15 Apostelbriefe, die wir im Neuen Testament vorfinden sind von den Aposteln für die ersten Christen verfasst worden, und zwar in der Naherwartung der Wiederkunft Christi. Der Apostel Paulus wird nicht geahnt haben, dass nun schon fast 2000 Jahre lang seine Anweisungen und Ratschläge von den alten und jungen Christengemeinden in aller Welt immer noch gelesen und befolgt werden.
So wurden aber alle Briefe mit den Erkenntnissen und Weisungen der Apostel zum festen Bestandteil der „Heiligen Schrift des Neuen Testaments“ und gehören seitdem zum Glaubensschatzes aller nachfolgenden christlichen Gemeinde-Generationen.

Wir müssen uns über diese gewaltige Leistung im klaren sein, liebe Gemeinde, dass Paulus und die anderen Apostel seit fast 2000 Jahren mit ihren Briefen und Unterweisungen Gemeindeaufbau leisteten (und noch leisten) und auch uns Christen hier und heute mit dem Ziel ansprechen, christliche Gemeinden nicht nur zu erbauen und zu unterweisen, sondern auch vor Schaden und Rückfall zu bewahren.

Paulus gibt genaue Koordinaten für den Kurs der christlichen Gemeinden vor: Er überlässt nichts und niemand dem Zufall. Wer von uns wünscht sich nicht manchmal sehnlichst, dass unsere Politiker solch klare Vorstellungen hätten und ebenso verständliche Vorgaben machten, wie hier der Apostel Paulus. Wie friedlich und harmonisch wäre unser menschliches Zusammenleben in diesem Land, ja auf der ganzen Welt, wenn alle nach dieser Richtschnur, alle nach solchen Vorgaben handelten und lebten? Könnte nicht unsere Verfassung und unser Zivilrecht auf solch idealen Vorgaben basieren?

Wenn wir bei unserem Text genauer hinhören merken wir, dass Paulus hier ein Idealbild beschreibt, um uns zu sagen, wie es zwischen uns, und wie wir sein sollen, wenn wir in Christus sind. Es ist nicht die Beschreibung eines gemeindlichen oder unseres persönlichen Ist-Zustandes, sondern des Ziels, welches wir in unserer Christusnachfolge erreichen sollen. Und es ist eine exakte Beschreibung des Weges, wie wir, (den erforderlichen Ernst und Glaubenszuversicht vorausgesetzt), an dieses Ziel gelangen können und gelangen werden.

Worin besteht der Weg und das Ziel der Christusnachfolge, die Paulus hier beschreibt, für Christen und Christengemeinden, also auch für uns?

Paulus sagt, dass unser Wesen darin bestehen soll, mit herzlichem Erbarmen, mit Freundlichkeit, mit Demut, mit Sanftmut und Geduld, sowie Vergebung untereinander zu begegnen. Und unsere Liebe soll dabei das alles verbindende Element sein, soll das Band der Vollkommenheit sein, welches alles trägt und hält. Christus ist dieses Band, ist diese Liebe. Und der Friede Christi regiere unsere Herzen und leite uns zur Versöhnung untereinander und zur Dankbarkeit. Und wenn wir das Wort Christi nur reichlich unter uns wohnen lassen, wird es uns zur rechten Nachfolge führen. In seinem Wort liegen Wahrheit und Weisheit, die uns helfen unseren Weg zu finden und das Ziel nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Wenn wir uns sein Wort zu eigen machen, wird es uns auch helfen, in aller Liebe und Achtung kritisch, aber gerecht und freundlich miteinander umzugehen.
Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern sollen wir Gott in unseren Herzen dankbar singen, ja unser ganzes Leben soll von Dankbarkeit gegenüber Gottes Liebe und Gnade erfüllt sein. Und alle unsere Werke, ja alles was wir denken, reden und tun, das sollen wir alles in unserem Herrn Jesus Christus beginnen und vollenden. Denn darin danken und verehren wir Gott, den Vater, wenn wir Jesus, seinen Sohn, als unseren Herrn verehren und ihn als Siegel und Unterschrift unter alle unsere Gebete und Taten setzen.

Liebe Gemeinde! Jeder der einzelnen Verse unseres Predigttextes für sich könnte mit seiner Auslegung gut eine ganze Predigt füllen.
Deshalb ist die eben gehörte Auslegung nur der Extrakt, wie er uns Christen, bzw. christliche Gemeinden auch heute anspricht.

Wir alle wissen, dass wir nicht so ideale Menschen sind, wie wir vor Gott sein sollten. Selbst wenn wir uns noch so abmühten, bliebe unsere Mühe immer Stückwerk. Und doch nennt Paulus uns Christen „Auserwählte, Heilige und Geliebte Gottes“. Wie geht das zusammen? Wir sind die Sünder, die Jesus sucht und mit denen er seine Gemeinde, seine Kirche bauen will. Gottes Wille ist unerforschlich und sein Geist webt und wirkt, wo er will. „Das Wort, dass aus meinem Munde geht, wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, spricht der Herr, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jes. 55, 11). Paulus sagt im Römerbrief 7, 19 von sich selbst „das Gute, dass ich will, dass tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“. Und so können wir wiederum mit Paulus auf Gott vertrauen und nicht resignieren, „denn Gott ist’s, der in uns wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (Phil. 2, 13). Es liegt in Gottes Hand, wann und wie wir zur Erkenntnis unseres Heils gelangen.

Liebe Gemeinde! Gottes Wort will jeden von uns erreichen, jeden als Einzelperson direkt ansprechen und uns so vor Gott stellen. Dabei kann es sein, dass jeder von uns ganz eigene Erfahrungen mit Gottes Wort und seiner Auslegung macht. Wir müssen nur wissen, dass es Gottes Geist ist, um den wir bitten müssen, der das Wort für uns persönlich erst aufschließt und lebendig werden lässt, hier in der Gemeinde, oder daheim im „stillen Kämmerlein“. So wie wir einen jeden Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes beginnen und feiern, so bitten wir Gott auch um den Heiligen Geist in unserem ganz persönlichen Gebet.
Paulus sagt in Rö. 8, 14: „die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ – Freuen Sie sich über diese Zusage, denn diese Verheißung meint uns alle! Wenn Sie das herzliche Verlangen haben, dem Wort Gottes nachzuspüren, es für sich persönlich ganz weit und tief zu erschließen, dann sind auch Sie von Gottes Geist getrieben, dann sind auch Sie ein Kind Gottes! Und das wir heute freiwillig hier im Gottesdienst versammelt sind, ist auch ein ermutigendes Zeichen in dieser Hinsicht, für jeden von uns, denn Gottes Geist hat uns gerufen – und wir sind gefolgt!

Die Predigt steht am Anfang, kann und soll den Anstoß geben, sich mit dem Wort Gottes aufs neue und tiefer zu beschäftigen. Paulus sagt in Rö. 10, 17 „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“ Nehmen Sie sich den gehörten Text noch einmal ganz in Ruhe vor und entdecken Sie die Vielfalt des hier gesagten. Lassen Sie sich ganz persönlich davon ansprechen.

Da wir heute den Sonntag Kantate feiern, will ich am Ende noch einmal speziell auf das Singen in unseren Gottesdiensten eingehen.
Paulus sagt: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“

Was meinen Sie: kann uns das Singen im Gottesdienst bereichern und uns Gott und den Menschen näher bringen?

Das Singen verbindet mich mit Gott und verbindet mich gleichzeitig aber auch mit meinem singenden Nachbarn im Gottesdienst. So kann eine vertikale Achse (mit Gott) und eine horizontale Achse (mit meinem Mitmenschen) gleichzeitig entstehen (à Kreuz). Wann habe ich Gelegenheit, in der Gemeinschaft zu beten und zu singen? – Es ist der Gottesdienst, der beide Möglichkeiten in sich vereint und es sind Lieder in denen das Wort Christi reichlich wohnt und verkündigt wird. So kann ich Gott singen, loben und danken, verbunden in der Gemeinschaft mit allen Christen.

Für Martin Luther war das Singen geistlicher Lieder ein Grundbedürfnis seiner Glaubensausübung. Seine Texte und Lieder werden noch heute gesungen und gehören zum festen Bestandteil unseres Kirchenliedgutes. Folgendes Vorwort von ihm findet sich in einem Kirchen-Gesangbuch seiner Zeit:

„Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn alle Welt!“ Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubet, der kann’s nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und weitersagen, dass es andere auch hören und herzukommen.

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