Lufthoheit

Vor einigen Jahren, damals lag die Bundeshauptstadt noch am Rhein, kam genau am Himmelfahrtstag Staatsbesuch zum Kanzleramt. Der hohe Gast kam aus dem Kreml und trug damals noch den Titel "Generalsekretär der KPdSU". Im Gegensatz zum jetzigen Präsidenten Putin war der damalige Besucher, Leonid Breschnew, bis dato noch nicht in der Bundesrepublik gewesen. So war er auf das Zusammenfallen des Besuchstermins mit einem ihm unbekannten Feitag völlig unvorbereitet. Der Präsident will sich nichts anmerken lassen und erkundigt sich erst mal bei seiner Delegation: Was feiern die Deutschen heute eigentlich? Niemand weiß Rat. So schickt er den Dolmetscher los: Bringen Sie bitte unauffällig bei den Bonner Bürgern in Erfahrung, was heute gefeiert wird. Der Dolmetscher braucht eine Weile. Er fragt hier und dort, so richtig kann ihm das auch keiner erklären. Schließlich meint er die Lösung gefunden zu haben. Er kommt zurück und sagt zu seinem Chef: Herr Generalsekretär, melde gehorsamst, ich hab´s herausgefunden: Heute ist der Tag der Luftwaffe!

Ja, so waren die alten Kommunisten, die dachten nur materialistisch. Keine Ahnung von Sachen wie dem Himmel. Kein Gespür für so was wie die unsichtbare Welt. Aber haben wir das? Wir sagen es brav auf Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis: "aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes." Im Glaubensbekenntnis und speziell in dieser Passage geht es um die Welt hinter der sichtbaren Welt. Um die Welt Gottes, um die letzten Geheimnisse. Wie vielen in unserem Land geht es ganz ähnlich wie dem Generalsekretär der verflossenen Sowjetunion. Sie sind gänzlich in Unkennt-nis dieser wesentlichen Wahrheiten. Sie haben davon nichts zu hören bekommen im Elternhaus und in der Schule. Im Freundeskreis wird auch nicht darüber gesprochen. Und wenn dann einer auf einmal eine Gottesbegegnung hat oder eine ganz tiefe Erfahrung, die ihn auf die unsichtbare Welt stoßen läßt. Dann weiß er das nicht einzuordnen, und er erzählt lieber niemandem davon. Damit die Leute nicht von ihm denken, er wäre nicht richtig im Kopf. Noch mal zurück zum Tag der Luftwaffe. Ganz so dumm hat sich Breschnews Dolmetscher ja gar nicht angestellt. Der Vergleich hat was. Was ist denn die Stärke einer gut ausgerüsteten Luftwaffe? Sie kommt überall hin. Wenn einer erst einmal die Lufthoheit hat, dann gewinnt er meistens auch am Boden. Aus gutem Grund tut sich mancher schwer mit diesen militärischen Vergleichen. Aber sie tauchen gerade im Neuen Testament häufiger auf. Weil es da um die Machtfrage geht. Beim Militär geht es um die Machtfrage, und auch beim Glauben. Beide Male ist die Frage: Wer gewinnt am Ende? Himmelfahrt gibt da eine klare Antwort. Sie besagt: Jesus wird am Ende der Sieger sein, denn ihm gehört schon jetzt die Lufthoheit. Man kann es auch weniger kriegerisch ausdrücken: Aus der unsichtbaren Welt dringt die Liebe Gottes beharrlich in unsere Welt ein. Solange, bis einmal diese ganze Schöpfung wie der verlorene Sohn ins Vaterhaus zurück kehrt.

Himmelfahrt ist ein kirchlicher Feiertag. Es ist wichtig, dass wir diesen Tag begehen. Wir feiern den Sieg Jesu. Wir feiern den Tag, an dem er seine irdische Aufgabe erfolgreich abgeschlossen hat. Er hat ein sündloses Leben geführt, er hat durch seinen Kreuzestod ermöglicht, dass wir Vergebung und einen neuen Zugang zu Gott haben können. Seine Auferstehung hat der Macht des Todes ein für alle Mal ein Ende gesetzt. Und in den Tagen danach hat er seinen Jüngern noch manches wichtige erklärt und sie vorbereitet auf den Pfingsttag, auf die Ausrüstung mit dem Feuer des Heiligen Geistes. Darüber sind wir froh, dass Jesus alles glücklich erledigt hat und das ist ein Grund zu feiern. Aber das ist noch zu wenig für Kirche, dass wir Jesus feiern und uns freuen, dass wir all das glauben dürfen und von der Kraft Jesu profitieren. Wir müssen der Welt auch helfen, wie sie mit Jesus, der ja nun im Himmel ist und nicht mehr sichtbar ist, in Verbindung kommen kann.

Das ist die Aufgabe der Christenheit und das ist eine gewaltige Aufgabe. Es geht ja darum, dass Menschen auf Empfang kommen, da wo Gott sendet und sie anspricht. Sie müssen wissen, was sie tun müssen, damit die Stimme Gottes sie erreicht.

Da gibt es manche Parallelen mit der Umstellung des Fernsehens in diesen Tagen. Mag sein, dass einige von uns davon gar nicht betroffen sind. Die einen, weil sie gar kein Fernsehen haben. Ja das gibt es, und das verdient wirklich Respekt, vielleicht auch Neid, wenn man bedenkt, wie viel Zeit man gewinnt für Wesentlicheres durch den Verzicht auf die Glotze. Andere sind verkabelt oder versatellitet, auch sie fühlen sich durch die am Montag erfolgende Umstellung nicht betroffen. Wir im Pfarrhaus gehören zu dem Teil der Bremer Bevölkerung, bei denen der Bildschirm schwarz wird, jetzt zu 75 Prozent und im November zu 100 Prozent. Da ist, wenn man weiter fernsehen will, eine Umrüstung erforderlich auf das digitale Fernsehen.

Das Fernsehgeschäft gegenüber nimmt eine solche Umrüstung vor. Der erwartete Andrang am Montag ist vermutlich so groß, dass sie für die Beratung der Kunden den großen Saal des Gemeindehauses erbeten haben. Dort werden dann die Decoder umgestellt und die vielen Fragen der mit Dachantenne ausgerüsteten Fernsehzuschau-er beantwortet. Was muss ich tun, damit ich alles klar empfangen kann, bitte helfen sie mir dabei, jetzt, das wird die Hauptfrage sein. Übertragen wir einmal diese Situation auf geistliche Zusammenhänge. Stellen wir uns einmal vor, die Menschen kämen mit der Frage: Ich habe gehört, es gibt eine Mög-lichkeit, mit Gott in Verbindung zu treten. Diese neue Verbindung soll viel klarer und direkter sein als die bisherigen Möglichkeiten. Was muss ich tun, damit ich in diesen Genuss komme? Seit dem Ereignis der Himmelfahrt Christi ist in der Tat die Verbindung zu Gott mit einer ganz neuen Qualität möglich. Bis dato war es nur den Menschen in Israel, insbesondere in den Städten, die Jesus besucht hat, insbesondere denen, die sich ihm angeschlossen haben, möglich, ihm nahe zu sein.

Das hat sich mit Himmelfahrt total verändert. Nun ist er jedem nahe. Seit Himmelfahrt kann jeder von uns eine Verbindung zu Gott haben in einer ganz neuen Qualität. Wir können im Namen Jesu zu Gott beten und dann sind wir ganz nah mit ihm verbunden. Was für ein Vorrecht! Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt und finden das ganz normal. Es ist aber etwas besonderes. Himmelfahrt zeigt an: Gott ist jedem nahe und wir können mit ihm in Verbindung treten in einer einzigartigen Klarheit. Wir sollten das nie als normal hinnehmen, sondern als besondere Gnade schätzen. Manchmal haben wir vielleicht den Eindruck, andere Menschen wären nicht interes-siert daran, wie auch sie selbst mit Gott in Verbindung kommen. Es gibt aber eine Menge Menschen, die froh wären, wenn sie dazu angeleitet würden. Im Alten Testament ist vorausgesagt, es werde einmal eine Zeit kommen, wo Men-schen einen so großen Hunger nach Gott haben, dass sie jeden bedrängen, den sie zu fassen kriegen, der darüber vielleicht Bescheid weiß. So steht es geschrieben beim Propheten Sacharja: "Es werden noch viele Völker kommen und Bürger vieler Städte. Und die Bürger einer Stadt werden zur anderen gehen und sagen: Laßt uns gehen, den Herrn anzuflehen und zu suchen den Herrn Zebaoth. Wir selber wollen hingehen. So werden viele Völker, Heiden in Scharen, kommen, den Herrn Zebaoth zu suchen und den Herrn anzuflehen. Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist." Wenn wir einen Christus nicht nur im Dogma proklamieren, sondern persönlich kennen, ein Christus, der im Himmel ist und mit dem wir in Verbindung sind, weil wir seine Lehre befolgen, weil wir mit ihm Kontakt haben im Gebet, dann wird das Menschen interessieren und faszinieren, für die Jesus bisher nur eine Figur der Vergangenheit ist war. Könntest du Menschen, die so fragen, klar und einfach Auskunft geben, wie auch sie mit Christus in Verbindung kommen können? Darüber werden wir uns zunehmend Gedanken machen müssen. Und wir können bei solch fragenden Menschen nichts voraussetzen an Bibelkunde, Katechismuskenntnisse, Elementarwissen aus dem Religionsunterricht.

Die kürzeste und einfachste Auskunft wäre wohl die: Gott ist im Himmel, in einer Welt der Herrlichkeit und Vollkommenheit. Wir sind hier und wir denken und leben nicht so, wie Gott es haben will. Wir passen nicht in Gottes Welt. Aber es gibt einen Weg dort hin. Der führt über Jesus Christus. Wer zu ihm Vertrauen fasst, ihn um Vergebung seiner Schuld bittet, ihn um Erneurung seines Lebens bittet, kommt mit der Welt Gottes in Kontakt. Die Himmelfahrtsgeschichte verrät noch mehr über diese Zusammenhänge. Es heißt: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird." Der Heilige Geist ist sozusagen die Frequenz, auf der Gott sendet. Ich vergleiche es noch einmal mit der Umstellung des Fernsehens. In einem der Prospekte heißt es dazu: "Für den Empfang des digitalen Fernsehens benötigen sie für jedes Endgerät einen digital terrestrischen Empfänger, zum anderen eine Antenne. Der Heilige Geist ist sozusagen der Empfänger, der Receiver, ohne den es nicht möglich ist, die Sprache Gottes zu verstehen. In der Bibel wird das oft betont. Paulus schreibt einmal: "Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt. Und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes. Es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen."

Ein Mensch, der sich Jesus nicht geöffnet hat, kann vieles von dem was Gott in den Geboten fordert oder was Gott im Leben dieses Menschen schon beeinflusst hat, nicht einordnen. Er wird es missverstehen und wird fragen: Wie kann Gott so was verlan-gen oder wie kann Gott so etwas zu lassen in meinem Leben?

So ist auch das Ereignis der Himmelfahrt für einen Menschen, der Jesus kennt, ein Grund zum Danken und zur Freude. Für andere ist es ganz unsinnig und sie finden Himmelfahrt nur deshalb gut, weil es ihnen einen freien Tag beschert. Ich möchte uns ermutigen, die großen Möglichkeiten, die uns gegeben sind, weil Jesus in der unsichtbaren Welt ist jetzt und jedem gleich nah, zu nutzen. Ich greife dazu noch einmal den Vergleich zur Fernsehumstellung auf. Am Montag wird das Antennenfernsehen auf die drei Hauptprogramme zurückzufahren. Manchem wird das genug sein. Vielleicht ist es auch im geistlichen Bereich manchem genug, wenn der christliche Glaube bei einigen elementaren Anlässen ins Spiel kommt: An großen Festen, bei Weichenstellungen im Leben, in großen Nöten. Da wird Gott angerufen. Aber in der Vielfalt des Lebens spielt er eigentlich keine Rolle.

Aber Gott möchte mehr in unserem Leben bewirken und gestalten. In seiner ganzen Fülle möchte er uns beschenken und erfreuen.

Er möchte, dass wir Leute werden, die nicht wie hier Jesus enttäuscht nachgucken, am Vergangenen verhaftet bleiben, sondern aktuell mit seiner Hilfe rechnen. Diese Hilfe ist real und erfahrbar. Genau wie es hier heißt: "Ihnen zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige." So können wir ihn heute erfahren. In seiner ganzen Fülle. Er ist uns näher als je, nur ein Gebet entfernt. Wir müssen ihm nur gestatten, dass er, dem sozusagen die Lufthoheit gegeben ist, auch hier am Boden, in unserem Leben, bestimmen darf.

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