Lobopfer und Nächstenliebe

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute feiern wir das jährliche Erntedankfest. Das kann man schon rein äußerlich in unserer Kirche erkennen. Der Altar, Altarraum und die Bänke sind geschmückt mit Obst und Gemüse, mit Getreide und Brot, mit dem, was Gottes Natur im Laufe des Jahres hervorbringt. Hinter diesen Früchten des Feldes steckt viel Hege und Pflege, Arbeit und Zeit. Und in dieser herbstlichen Zeit kann man sehen, was unsere Felder und Gärten so alles hervorgebracht haben. Die Dekoration und Aufstellung auf und um den Altar soll uns Christen daran erinnern, dass Gott diese Früchte hat wachsen lassen, dass er dafür seinen Segen, Sonne und Regen gab. Wir danken Gott für seine unaussprechlichen Gaben und loben seine Schöpfung.

Wie ist es eigentlich zum Erntedankfest gekommen? Erntedankfeste waren schon in der Antike weit verbreitet; so z.B. bei den Israeliten (Wochen- und Laubhüttenfest, Ex 23,16) oder auch bei den heidnischen Römern. Die mittelalterliche Kirche kennt Erntedankmessen mit Segnungen der Früchte. Ihr Termin war örtlich verschieden; häufig lag er am letzten Sonntag im September. Auch heute gibt es in der kath. Kirche dafür keinen bestimmten Tag. In der ev. Kirche erfolgten schon in der Reformationszeit fast überall Danksagungen für die eingebrachte Ernte. Später wurden Erntepredigten besonders in ländlichen Gemeinden feste Sitte (um 1700 sehr verbreitet). Aus der mit einer besonderen Predigt verbundenen Danksagung entstand das heutige Erntedankfest. Sein Ansehen wuchs mit dem der Buß- und Bettage. Schlechte Ernte rief zur Buße, gute zu Lob und Dank. Als Zeitpunkt wurde schon in der Reformationszeit mit Vorliebe der Michaelistag (29.9.) oder einer der benachbarten Sonntage gewählt. In einigen Gegenden Deutschlands wird das Erntedankfest auch früher (nach der Kornernte), in anderen erst im Nov. (nach der Traubenlese) gefeiert. In Preußen wurde es 1773 offiziell eingeführt und auf den Sonntag nach Michaelis gelegt. Heute ist als Erntedanktag der erste Sonntag im Okt. am weitesten verbreitet. (E. Wunderlich, Art. Erntedankfest, in RGG3, 2. Band, (c) 1958 J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen, Sp. 602.)

Der heutige Predigttext spricht davon, dass Gott der Schöpfer, Geber und Spender von Gnade, Gerechtigkeit und Segen ist. Er erzählt uns, dass Gott einen fröhlichen Spender lieb hat, wir Gott für seine unaussprechliche Gabe dankbar sein sollen und von unseren Gaben abgegeben dürfen.

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Liebe Schwestern und Brüder!
Der Apostel Paulus erklärt der Gemeinde in Korinth mit Hilfe eines bekannten Tun-Ergehens-Zusammenhang, dass der, der kärglich sät, auch kärglich erntet. Wer hingegen in Segen erntet, d.h. wer sich auf Gottes Mithilfe im Leben und bei der Arbeit verlässt, wer Gott dankt für seinen Segen, der wird auch mit Segen ernten. Um den Erntesegen im Leben, um den Segen im Leben im allgemeinen und besonderen soll es heute in dieser Predigt gehen. Viele verwechseln heute Segen mit Erfolg und Glück. Das verwechselte schon der sog. reiche Kornbauer, der das vermeintliche Sinnbild für Erfolg und Glück in biblischer Zeit war und ist, wie wir aus der Evangeliumslesung hörten. Dabei muss man sich auch einmal davon verabschieden, dass der sog. reiche Kornbauer das Vorbild für alle Landwirte unserer Zeit zu sein. Viele unserer Landwirte sind das glatte Gegenteil von dem, was in der Geschichte erzählt wird. Und deshalb sollten wir auch ganz weltlich dieser Berufsgruppe dafür danken, dass wir so viele Erntegaben in solch einer Fülle haben. Besonders unseren Landwirten gilt der Dank, die Jahr für Jahr und Tag für Tag ihre Äcker und Felder bestellen, um Getreide und Gemüse anzubauen, das wir alle zum Leben brauchen. Ernsthaft betrachtet sind die Landwirte doch vielerorts die Prügelknaben der Gesellschaft. Die EU bezahlt ihnen Getreidepreise und Schweinepreise wie vor dreißig Jahren. Und nicht selten hört man, dass manche zugezogenen Städter sich über den Gestank und den Lärm beschweren, der durch die Landwirtschaft entsteht. Die kaufen allerdings ihre Milch auch nur im Supermarkt. Und in welche Probleme manche Landwirte durch den Verfall der Preise für Schweine- und Rindfleisch geraten sind, weil es den Rinderwahnsinn gibt, davon ganz zuschweigen. Wenn man sich trotz dieser Probleme nicht entmutigen lässt, dann gebührt dieser Berufsgruppe ein dickes Lob, denn die Landwirtschaft ernährt uns alle. Das sollte man nie vergessen, wenn man morgens in aller Selbstverständlichkeit Milch- und Getreideprodukte oder Wurst frühstückt. Soweit dazu.

Der reiche Mann bildete sich ein, er könnte sich auf dem Gipfel seines Erfolges ausruhen und alles ginge fröhlich so weiter. Ja, erfolgreich war er wahrscheinlich der Mann und wir haben uns angewöhnt zu denken, dass er sterben muss. Aber es muss nicht immer so schlimm kommen im Leben. Es können andere unerwartete Dinge, die nicht durch Erfolg und Glück steuerbar sind eintreten: die Nachricht über eine schwere Krankheit, die Nachricht, dass ein Kind verunglückt ist, ein plötzliches tiefes Zerwürfnis mit der Ehefrau oder nur die hautnahe Begegnung mit einem Menschen, der keinen Erfolg hatte in diesem Jahr, sondern im Gegenteil mehr oder weniger großes Unglück. Wir haben uns angewöhnt in unserer Gesellschaft vieles nach Bilanzen, Erfolg, Tüchtigkeit und dem sog. Glück des Tüchtigen zu beurteilen. Aber wer tief im Inneren versteht, dass Erfolg und Glück nur bedingt machbar sind, der wird Gott für seinen Segen im Laufe des Jahres oder Lebens dankbar sein. Wobei hier nicht moralinsauer gegen Erfolg und Glück angepredigt werden soll. Natürlich darf man sich über den Erfolg freuen, den man durch seinen Fleiß, Anstrengung und seine Tüchtigkeit errungen hat: über eine reiche Ernte, ein erfolgreiches Geschäftsjahr, eine bestandene Prüfung- ja sogar Dinge, bei denen man einfach nur Glück gehabt hat: Du hast den Menschen gefunden, den du suchtest, oder den behalten, den du brauchst; du bist vor Krankheit bewahrt geblieben oder nach langen Schwierigkeiten endlich genesen, dir ist völlig unverhofft etwas zugefallen, was dich innerlich reich und stark gemacht hat- das sind alles wunderbare Erfahrungen, die einen beglücken und dankbar machen können.
Wer wollte das bezweifeln!

Doch letztendlich wissen wir Christen, dass Glück und Erfolg nur bedingt machbar sind. Vielmehr sind wir auf Gottes Gnade, Liebe und Segen angewiesen. Ein großes Geheimnis und auch eine wunderbare Offenbarung, je nach dem. Davon schreibt der Apostel; er schreibt vom Segen Gottes, der uns als Gabe geschenkt wird: "Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit." (2.Kor. 9,10) Gott schenkt uns seinen Segen und so wie der Segen Gottes an den Früchten des Feldes zu sehen ist, so ist sein Segen und seine Gnade auch im Leben eines Menschen zu spüren. Leise und langsam wächst der Samen seines Segens in vielen Menschen, in vielen unserer Mitmenschen als Früchte der Gerechtigkeit und Liebe für andere Menschen. Und wenn Segen über einem Leben waltet, hat es Sinn. Es gedeiht. Es wächst wie die Früchte unter Sonne, Wind und Regen wachsen. Der Segen wirkt lösend, fördernd, befreiend auf andere. Immer mit den Gaben, die andere durch uns empfangen oder die wir durch andere empfangen. Viele Versuche und Anläufe im Leben glücken. Die Mühe und Anstrengung zehrt das Leben eben gerade nicht aus, sie sind sinnvoll und bringen ihre Frucht.
Am Ende eines gesegneten Jahres und Lebens steht nicht die Resignation, sondern die Ernte. Und immer hat der Segen es zu tun mit der Einwirkung einer geistigen Kraft auf leibliches, sichtbares, konkretes Leben. Der Segen wird sozusagen greifbar und durchwirkt als geistige Kraft unser kreatürliches Leben. Das alles meint der Apostel, wenn er den Korinthern schreibt, dass sie durch diesen Segen, durch diese Saat reich werden. Nicht bloß reich an äußeren Gütern und Besitz, sondern auch reich an der Erkenntnis, dass der Segen Gottes durch Regen, wie über einen trockenen Acker kommt. Die Saat geht auf und wächst und gedeiht und bringt am Ende, wenn die Frucht reif ist, viele Früchte und viel Segen im Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, wir alle müssen Gott dankbar sein für diesen Segen, den er an uns wirkt, für die Gaben, die er uns tagtäglich gibt: über die Liebe unserer Mitmenschen, über das Leben, die Treue und die Hoffnung und noch vieles mehr. Dafür wollen wir heute Gott danksagen und es auch als eine Aufgabe ansehen, von diesem Segen abzugeben an andere, die ihn auch bitter nötig haben, denn einen fröhlichen Geber -und zwar ohne Berechnung und Kalkül- hat Gott lieb. Gott segne diese seine Gemeinde.

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