Lieber Gott der Reichen?

Liebe Gemeinde,

in Südamerika gibt es viele Arme und nur wenige Reiche. So ist es auch in der Stadt San Vincente. Die Reichen wohnen im Viertel El Sol, das heißt "Die Sonne". Sie wohnen in großen Villen mit schönen Gärten. Sie halten sich Dienstmädchen, Gärtner und Fahrer. Und sonntags gehen sie in ihre schöne Kirche, die die ganze Stadt überragt. Sie hat einen Marmorboden und Marmorsäulen und riesige bunte Glasfenster auf denen biblische Geschichten dargestellt sind.

Die Dienstmädchen, Gärtner und Fahrer der Reichen wohnen in den neun anderen Vierteln der Stadt. Es sind die Viertel der Armen. Sie hausen in winzigen Hütten ohne fließendes Wasser. Die Kinder spielen vor der Tür in den Pfützen der Abwässer und im Schlamm des letzten Regens. Es gibt auch Kirchen in den Armenvierteln; kleine ärmliche Kirchen, in denen die Menschen kaum Platz finden. Und der Pfarrer kann ihnen in ihrem Elend auch nicht helfen. Wenn wenigstens jede Familien ein Stückchen Land besäße. Aber fast alles Land gehört den Reichen, die sonntags in ihre schöne Kirchen gehen.

Dorthin gehen die Armen nicht. Ihr Stolz verbietet es ihnen. Nur die Bettler, die nicht einmal eine Hütte haben, versammeln sich nach dem Gottesdienst auf den Marmorstufen der Kirche um den Reichen die Hände entgegenzustrecken, wenn der Gottesdienst zu Ende ist und ein paar Münzen in Empfang zu nehmen. Dann gehen sie zufrieden weg. Die Allerärmsten haben längst jeden Stolz und jede Hoffnung verloren.

Aber die Kinder haben noch nicht verlernt zu hoffen. Und so kommen eines Sonntags zwei kleine Jungen in die Kirche der Reichen. Das Portal steht ja offen und so schleichen sie sich auf Zehenspitzen herein. Sie sind entsetzlich schmutzig und struppig. Der ältere hat einen Plastiksack über der Schulter hängen. Darin befindet sich, was sie heute morgen aus den Mülltonnen gesammelt haben. Wir ersparen uns einen Blick hinein. Es ist ihr Sonntagsessen!

Der Kirchendiener kommt gelaufen und will die Jungen hinausscheuchen. Ein paar Damen werfen ihnen schon entrüstete Blicke zu. Die Jungs stinken. "Bitte", sagt der Ältere mit flehenden Augen, " wir wollen Eueren Gott um etwas bitten. Wir waren die Woche unter schon mal da, aber da war wohl euer Gott nicht hier. Jedenfalls hat er uns nicht gehört, denn es ist nichts geschehen bis heute. Deshalb kommen wir noch mal, denn jetzt wo ihr alle da seid, ist ER sicher auch da und muss uns hören."

"Schluss mit dem Gefasel" zischt der Kirchendiener und will die Jungen packen. Aber sie sind wendig. Im Weglaufen sind sie Weltmeister. Links und rechts huschen sie am Kirchendiener vorbei und tauchen vor dem Altar wieder auf. "Lieber Gott der Reichen", ruft der Ältere zum Altar hinauf, "schenk uns reiche Eltern, solche, die in El Sol wohnen. Denn wir hatten nur eine Mutter und die ist tot. Bitte! Wir schenken dir dafür alles, was wir hier im Sack haben. Wir haben heute morgen viel gefunden. Wir haben noch nichts davon gegessen, damit du siehst, dass es uns ernst ist." Und er schwingt den verdreckten Plastiksack vom Rücken auf den Altar.

Ein paar Damen in der ersten Reihe schreien erschrocken auf. Der Pfarrer starrt verstört auf den Drecksack, der auf dem Altar liegt, auf der schneeweiß gestickten Decke zwischen Liliensträußen und Kerzen. In diesem Augenblick hat der Kirchendiener den Jungen erreicht. Er hält ihm den Mund zu und zerrt ihn von den Altarstufen herunter durch das Kirchenschiff dem Ausgang entgegen. Der kleine Bruder läuft weinend hinterher und ruft: "Lieber Gott der Reichen, hilf uns doch". Aber es hilft alles nichts. Schon sind sie fast am Ausgang. Da reißt der Ältere die Hand des Kirchendieners von seinem Mund. "Pablito", schreit er, "ER ist ja heute wieder nicht da! Hör auf zu weinen, ER ist nicht da!"

Die Leute in den Bänken starren die Kinder an. Was für ein Spektakel in der Kirche. Was für eine lästig Störung des Gottesdienstes. Der Kirchendiener schließt das Portal. Gott sei Dank. Jetzt sind sie wieder unter sich, die Reichen. Nach dem Gottesdienst beschließen sie, während des Gottesdienstes Wächter an der Kirchentür aufzustellen, die Bettelkinder gar nicht erst hereinlassen. Überhaupt keine Armen! (nach Gudrun Pausewang, "Lieber Gott der Reichen", Erzählbuch zum Glauben, Band 1, Benzinger/Kaufmann, 19811, S.308f.)

Liebe Gemeinde, dieser Geschichte gilt unsere uneingeschränkte Entrüstung. Eine solche Kirche gehört dorthin wo diese armen Jungs herkommen: Auf den Müllhaufen. Eine solche Kirche ist von allen guten Geistern und von Gott verlassen.

Vielleicht hatte Jakobus eine solche Kirche und Gemeinde vor Augen, als er seinen Brief schrieb. Eine stroherne Epistel hat Luther bekanntlich diesen Brief genannt, weil er so gesetzlich daherkommt und vom Glauben die Werke der Barmherzigkeit einfordert, statt vom unverdienbaren Geschenk der Güte Gottes zu reden. Ich weiß nicht ob Luther recht hatte. Denn zumindest zu dieser feinen Kirchengemeinde in El Sol kann man nicht mehr in Engelszungen reden. Dieser feinen christlichen Gemeinde gehören einmal die Leviten gelesen. Um Gottes Willen! Da kann Jakobus mit unserem Einverständnis rechnen.

Gott sei Dank liegt El Sol in Südamerika, könnte uns da in den Sinn kommen. Liebe Gemeinde, ich hätte Euch diese Geschichte auch anders erzählen können. Z.B. von einer Kirchen, die für Reiche Extratarife bei der Kirchensteuer macht, damit sie nicht austreten. Z.B. von einer Kirche, in der die gut Verdienenden austreten um ein paar Mark zu sparen und für kirchliche Dienste am Rest der Familie andere bezahlen lassen. Oder von einer christlichen Partei, die es auch in Zeiten, in denen Fremde am helllichten Tag auf der Straße um ihr Leben fürchten müssen, nicht lassen kann, mit einer Ausländerdebatte Neid und Angst davor zu schüren, dass mittellose Zuwanderer uns Arbeit und Wohlstand wegnehmen, nur um ihre Macht zu mehren. Oder von einer Gesellschaft in der Energiekonzerne sichere und umweltfreundliche Arbeitsplätze plattmachen und Existenzen vernichten, nur damit der Kurs ihrer Aktien für reiche Anleger attraktiv bleibt. Oder von einem christlichen Dorf, dass um sein gewohntes schönes Dorfleben fürchtet und deshalb kein Heim für geistig Behinderte haben will. Oder von einer Fundamentalistentruppe, die sich für die wahren Christen hält und strengste moralische Maßstäbe vertritt, und gleichzeitig kaltherzig die Verdammnis der anderen in ihr Glaubensbekenntnis aufnimmt.

El Sol, liebe Gemeinde, liegt nicht nur in Südamerika. Der Verteilungskampf um die Sonnenseiten des Lebens findet auch in unserem Land statt und er geht auch uns Christen oft genug bis ins Denken und Glauben und bis ins Herz. Und deshalb gehören auch uns immer wieder einmal die Leviten gelesen, wie Jakobus das tut. Denn gerade hier tritt er ein, der Ernstfall des Evangeliums.

Der Ernstfall des Evangeliums von Jesus Christus, der gekommen ist um zu suchen und zu erlösen, was auf der Schattenseite des Lebens ist. Dorthin schwärmt seine Barmherzigkeit aus und dort hat sie auch uns gefunden, uns, die wir uns christliche Gemeinde nennen. Barmherzigkeit ist die Grundbewegung des Evangeliums und sie führt den allmächtigen Gott zu denen, die auf seine Barmherzigkeit warten. Das ist SEINE Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit des Gottes, der mit seiner Gnade im Recht ist. Von dieser Gnade leben wir. Sie ist das El Sol unseres Glaubens.

Gut, wenn wir immer wieder daran erinnert werden, dass wir davon leben in Zeit und Ewigkeit und nicht von all dem, was wir oft so verzweifelt und hartherzig festhalten und verteidigen: Unser Geld, unser Recht, unser Ansehen, unsere Macht.

Der Gott der Barmherzigkeit fordert unsere Barmherzigkeit. Der, der uns so reich beschenkt hat, fordert unsere Zuwendung zu denen, denen auch er sich zuwendet. Er tut das als Gott der Liebe. Er tut es um derer willen, die auf dieser Welt auf seine Barmherzigkeit warten. Kann ER zulassen, dass wir IHM dabei im Weg stehen?

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