Liebe – stärker als der Tod

Palmsonntag früher Tag der Konfirmation, der Tag, an dem ‚man aus der Schul kam’ – eigenartig, dass für ein kirchliches Fest sich dieser Name über Jahrzehnt festgesetzt hat, so dass er von Älteren heute noch mitunter benutzt wird. So ist zumindest in der Volkstradition der Palmsonntag auch ein Tag des Erwachsenwerdens. Zufall vielleicht, aber es gibt ja auch Zufälle, die passen. Und für mich passt Palmsonntag und Erwachsenwerden zusammen. Das Evangelium haben wir gehört – die Bedenken bleiben:
Palmsonntag – Tag des Einzugs Jesu in Jerusalem, dieses seltsamen Triumphzuges. Jesus auf einem Esel zieht ein und teilt die Menge in Begeisterte und Entgeisterte. Die Frage nach meiner Verantwortung stellt sich für mich ganz bedrängend: Was wäre gewesen, wenn ich dabei gewesen wäre? Hätte ich Hosianna gerufen – und wäre konsequent geblieben? Hätte ich in Gethsemane gewacht und Jesus nicht verleugnet? Wäre ich gefolgt bis zum Kreuz? Tatsächlich ist die Frage nach dem erwachsenen Christenmenschen ja auch die Frage nach der Standfestigkeit des Bekenntnisses.

Ich denke, das hat viele ChristInnen schon früh beschäftigt – zu Recht. Aber genauso wussten alle, dass das Rad der Geschichte nicht zurückzudrehen ist. Jetzt hier und heute gilt es, das zu leben, was richtig und wichtig ist, davon erzählt eines der ältesten Lieder der Christenheit. Paulus zitiert es in seinem Brief an die Philipper, das heißt, es muss in den ersten beiden Jahrzehnten nach Tod und Auferstehung Christi entstanden sein.

[TEXT]

Folgende Übersetzung der Christushymnus fand ich bei Ernst Fuchs, Hermeneutik, 1954:

Er war in Wahrheit ganz wie Gott und wies als Raub von sich Gott gleich zu sein als ihm dies Gleiches wie den Menschen bot gab er auch das noch hin gehorsam bis zum Tod, zum, Kreuzestod. Drum hob ihn auch Gott in die Höhe empor und gab ihm den Namen im höhern Chor.

Im Jesuswort beuge sich jedes Knie und keine Zunge, die da nicht schrie im Himmel ,auf Erden, im Meer, Jesus Christus ist Herr zu Gottes, des Vaters vollkommener Ehr.

Eine Rabbinische Geschichte dazu: Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht begegneten. Warum gibt es das heute nicht mehr? – weil sich niemand so tief bücken will.

Es geht um das erwachsene Christ sein, die angemessene Reaktion auf das, was Christus gewesen ist. Es geht nicht einfach um eine innerliche Besinnung, auch nicht darum, Jesus nachzuahmen, sondern um ein zielgerichtetes Tun. Der Ort, an dem die Gemeinde lebt, ist Christus selber. Als Christinnen und Christen leben wir in der Nachfolge sind seine Jünger und Jüngerinnen, verwirklichen ihn unter uns – und er ist ‚mitten unter uns’.

KonfirmandInnen verlangen von mir mitunter einen Beweis dafür, dass es Christus gegeben hat. Es gibt aber keinen objektiven Beweis, außer vielleicht dem Einen, dass Menschen sehr schnell ihn gepredigt haben als Sohn Gottes, trotz Kreuz und gegen das Kreuz. Das Menschen, die noch voll erfüllt waren von Karfreitag und Ostern dieses Lied aufschrieben, das ist für mich ein gewaltiges Zeugnis christlichen Glaubens und zugleich ein Beweis dafür, dass es Christus wirklich gegeben hat.

Im Mittelpunkt steht das Bekenntnis zu Jesus, der im Leiden der Herr der Geschichte geblieben ist: Der gehorsame Herr! Was für ein Begriff. Für uns ist Herr meist der, der nicht gehorsam sein muss. Wir hören tagtäglich von Mächtigen, denen der eigene Vorteil mehr am Herzen liegt als das Wohlergehen der Schutzbefohlenen. Aber christlicher Herr ist Jesus, weil er im Dasein für die Schwestern und Brüder und in der Erfüllung des Willens Gottes sein Ziel sieht. ‚Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein’ – das meint nichts anderes als: Er hat seinen Geburtsvorteil nicht ausgenutzt. Er hat freiwillig auf Privilegien verzichtet und auch darauf die Ellbogen einzusetzen.

Er hat sich klein gemacht, damit Gottes Namen groß würde.

Jesu Erniedrigung war es, die ihn bereit machte, Schimpf und Schande auf sich zu nehmen. Friedrich Nietzsche hat das als Sklavenmoral beschimpft. Ich träume manchmal davon ich wäre zu einer ähnlichen Selbstaufgabe bereit. Als erwachsener Christ.

Ich selber hätte gerne den Mut, gegen alle Moden und alles Weltläufige mich selbst klein zu machen und zu bekennen ‚Herr ist Christus’ Nicht nur mit billigen Worten, die heute so und morgen ganz anders klingen, sondern mit meinem Leben, mit meiner Existenz.

Vielleicht gelänge mir mit meinem Leben dann der Verweis auf die Liebe, die größer ist als das Leiden Christi, dass im Moment sensationsgeil durch die Kinosäle wandert. Vielleicht könnte ich hinweisen auf die Liebe – stark wie der Tod – und das angesichts des sich ins Unendliche steigernden Terrors. WTC, Spanien, Scheich Jassin, Raus Abreise. Trotz allen Leides, die Liebe bleibt stärker als der Tod.

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